STALINO
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Der Krieg beginnt im Radio

Die Menschen sehen besorgt aus. Als ein Mädchen hört, dass der Krieg gekommen sei, fragt sie: „Wieso kommt er denn nicht herein, wenn er doch schon da sei?“ Ihre Mutter antwortet nicht, schickt die Tochter stattdessen zum Wasserholen. Die Kleine fragt weiter: „Wird der Krieg dann da sein, wenn ich zurückkomme?“

Die Kinder von Stalino begreifen nicht, was vor sich geht, was die Erwachsenen so sehr bedrückt – auch Wowa nicht. Wowa ist neun Jahre alt und wundert sich: Mit seinen Jungs spielt er doch schon immer Krieg, zusammen rennen sie mit selbstgebastelten Waffen durch die Gegend – so schlimm kann das doch wohl in echt nicht werden. 

Wowas Familie hat weder Telefon noch Radio. Wenn sie etwas erfahren, dann haben es andere erzählt – oder sie hören Radio beim Nachbarn. Dieser gewisse Herr Kolessnikow hat, soweit Wowa weiß, einen wichtigen Posten beim Metallwerk in der Stadt und kann sich das leisten. Der Radioapparat ist groß, schwarz und hängt an der Wand. Das Radio lobt die Deutschen und Hitler und erzählt von einer tiefen Freundschaft beider Staaten. Diese deutsch-sowjetische Freundschaft war zwei Jahre zuvor per Vertrag besiegelt worden und führte dazu, dass – aber darüber spricht das Radio nicht – beide Mächte mit Gewalt mehrere mittelosteuropäische Länder unter sich aufgeteilt hatten.

Wowa, 1930er Jahre / Foto © privat

Das Radio lobt die Deutschen und Hitler und erzählt von einer tiefen Freundschaft beider Staaten. Diese deutsch-sowjetische Freundschaft war zwei Jahre zuvor per Vertrag besiegelt worden

An jenem heißen Sonntag, dem 22. Juni 1941, stehen alle Fenster offen, auch bei den Kolessnikows. Wie gewohnt, läuft das Radio und die langsame Senderkennung dringt aus dem Lautsprecher, dann das auf einem Vibraphon gespielte Lied „Weit ist mein Heimatland“. Um 12 Uhr kündigt der Slogan „Goworit Moskwa! Goworit Moskwa!“ („Hier spricht Moskau! Hier spricht Moskau!“) eine Mitteilung aus dem Kreml an. Überall in der Sowjetunion versammeln sich die Menschen vor den Radios – in Häusern und Wohnungen, auf Straßen oder eben vor offenen Fenstern wie bei Wowas Nachbarn.

Dann ertönt die blecherne Stimme des Radiosprechers: „Deutsche Truppen haben unser Land überfallen, unsere Grenzen attackiert und (…) Städte bombardiert.“ 

Das Leben all der Menschen, die hier stehen und lauschen, wird sich radikal ändern, viele werden fliehen, Hunger leiden. Viele werden sterben. Gerade noch scheint der Krieg weit weg. Fortan gibt es nur noch Davor und Danach. 

„Deutsche Truppen haben unser Land überfallen, unsere Grenzen attackiert und Städte bombardiert.“

Der Junge Wowa wird den Krieg mit viel Glück überleben. Jahrzehnte später kann er als Erwachsener seine Geschichte erzählen: die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung der Stadt Stalino, die wir heute als Donezk im Donbas kennen. Seine Erinnerungen an den Einmarsch der Deutschen in seine Heimatstadt hat er in langen Gesprächen geteilt. Und seine Erzählung beginnt wie die vieler anderer Zeitzeug:innen aus diesen Jahren mit jener offiziellen Radiomeldung.

Wir kennen diese Stadt heute als Donezk. Damals trug die Stadt den Namen des sowjetischen Diktators Josef Stalin – Stalino

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Aus der„wilden Steppe“

Wowa ist damals noch keine zehn Jahre alt. Sein Vater arbeitet als „Walzbieger“ im Metallwerk. Er ist ein einfacher Arbeiter, der eine Walzmaschine bedient. Die meisten Städte im Donbas bestehen damals aus „Neuankömmlingen“ – Ende der 1920er Jahre war es nur noch ein Anteil von 16 Prozent der Stadtbevölkerung, der selbst im Donbas geboren worden war.

Wowas Vater Sergej Dementjew kam gebürtig auch nicht aus Stalino, sondern aus Kursk. Er gehörte zu den Menschen, die 1921 dem sowjetischen Aufruf zum Wiederaufbau des Metallwerks gefolgt waren – des industriellen Herzens von Donezk, das im Zuge des russischen Bürgerkrieges zerstört worden war.

Der gesamte Donbas entwickelt sich damals rasant. Doch Stalino spielt selbst in dieser Region eine außergewöhnliche Rolle: Innerhalb von weniger als 80 Jahren ist die Stadt zum Industriezentrum eines riesigen Imperiums aufgestiegen.

Zu Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges lebt in der Stadt rund eine halbe Million Menschen.

Wowas Familie, Vater Sergej, seine Mutter Jelena sowie die großen Geschwister Kolja und Sweta wohnten nur ein paar Hundert Meter von dem Metallwerk entfernt. Ihre Wohnung lag an der südlichen Stadtgrenze, in der kleinen Siedlung Maslowka, die seinerzeit längst eingemeindet worden war. 

Doch was ist der Donbas überhaupt? Und wo befindet er sich?

Heute hören und lesen wir in den Medien ständig über den Donbas. In der Regel verstehen wir darunter die Oblaste Donezk und Luhansk, beide im Osten der Ukraine und beide heute fast vollständig von Russland besetzt.

Die Bezeichnung Donbas ist aber eigentlich eine Abkürzung von Donezker Kohlebecken – also ein Kohlerevier, benannt nach dem Fluss Siwersky Donez, der durch die Region hin zum Fluss Don strömt.

Wo heute, wie bereits 1941, gewaltige Industriestädte stehen, gab es vor 150 Jahren praktisch nichts.

Der Donbas war zwar nie menschenleer, stellte jedoch noch Mitte des 19. Jahrhunderts eine weitgehend dünn besiedelte Steppenlandschaft dar, in der nur kleine Dörfer verstreut lagen. Diese Dörfer bewohnten hauptsächlich ukrainische Bauern. Diese Region bezeichnete man lange Zeit auch als „dikoje polje” – „die wilde Steppe”.

Der Donbas birgt aber etwas, was erst mit dem Industriezeitalter bedeutsam werden sollte: Eisen, Arsen, Quecksilber, Salz, Graphit, Dolomit, Gips, Kaplin, etwas Erdgas und Erdöl und vor allem Steinkohle. Und zwar in großen Mengen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blüht der Donbas auf. Begünstigt durch die Eisenbahnanbindung an die Eisenerzförderung in Krywyj Rih findet seit den 1870er Jahren der erste Industrialisierungsschub statt: Allerorts entstehen Bergwerke, die Kohle fördern. 1913 zählt man etwa 1200 Minen in der Region.

Das Volumen der Kohleförderung steigt kontinuierlich an: Während 1880 im Donbas knapp 100.000 Tonnen Kohle pro Jahr gefördert wurden, erreicht diese Zahl vor dem Ersten Weltkrieg über 25 Millionen Tonnen. Der Donbas wird sehr schnell zum größten Montanindustriestandort im Russischen Reich.

Die Industrialisierung wird anfangs stark von Ausländern vorangetrieben. Der bekannteste ist der Brite John Hughes. 1870 gründete er im Donezk-Becken die „Neurussische Gesellschaft für Kohle-, Eisen- und Eisenbahnausrüstung“ sowie eine Siedlung, die auch nach ihm benannt wird – Jusiwka (russ: Jusowka).

Anfangs eine kleine „Arbeitersiedlung“ mit knapp 200 Bewohner·innen, entwickelt sich rund um Jusiowka sehr schnell ein Steinkohlebergwerk sowie ein Hochofen- und Eisenverarbeitungswerk.

Beim ersten (und letzten) Zensus des Zarenreichs 1897 zählt Jusiwka 28.067 Einwohner. 20 Jahre später, im Revolutionsjahr 1917, ist die Stadt bereits doppelt so groß. In weiteren 20 Jahren steigt die Einwohnerzahl weiter. Der letzte Zensus vor dem Zweiten Weltkrieg 1939 kommt auf eine Zahl von 462.000 Menschen. Viele der Stadtbewohner·innen arbeiten in den Bergwerken. Der Donbas hat eine starke Anziehungskraft entwickelt: Die Grubenarbeiter, die Kohle abbauen, werden von der sowjetischen Propaganda als Helden inszeniert.

Stalino mit Metallwerk und Stadtzentrum „verschlingt“ langsam all die  nahe gelegenen Siedlungen, die in der Gegend rund um Betriebe, Fabriken und Bergwerke entstanden sind – Kalinowka, Putilowka, Rutschenkowo, Budjonowka und andere.

Die Stadt mit fast einer halben Million Einwohner·innen sieht damals ungewöhnlich aus: Die gewaltigen und modernen Industriebetriebe stehen Bezirken mit flachen, einstöckigen Häusern gegenüber. Mitunter sind das nur Erdhütten, in denen einfache Arbeiter·innen leben – in engen und dunklen Räumen und ohne Kanalisation.

Einer dieser Stadtteile heißt  Masliwka  (rus. Maslowka) – dort wohnt Wowa mit seiner Familie. Vorm Fenster des Nachbarn Kolessnikow erreicht ihn die Nachricht vom Ausbruch des Krieges.

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Die verschwindenden Jungen

Am stärksten ist der Krieg zunächst dadurch zu spüren, dass immer mehr junge Männer die Stadt verlassen – als Soldaten. In Stalino beginnt wie allerorts in der Sowjetunion die Mobilmachung gegen die Deutschen. Das entgeht auch Wowas Kinderaugen nicht. 

Wowa streift mit seinen Freunden durch die Stadt. Auf einem Fußballplatz am Militäramt ganz in der Nähe von Wowas Wohnung beobachten sie, wie mehrere Lkw auf reihenweise Rotarmisten warten. Die tragen zwar Uniform, aber meist keine Schuhe. Stattdessen Stoffwickel um die Füße. Die Jungs sehen, wie die Soldaten auf die Ladeflächen steigen und weggefahren werden.

Auf einem Fußballplatz am Militäramt warten mehrere Lkw auf reihenweise Rotarmisten. Die tragen zwar Uniform, aber meist keine Schuhe

Einer dieser Einberufenen ist auch Wowas älterer Bruder Kolja. Er ist 23 Jahre alt und gehört gerade zum jüngsten Jahrgang, der einberufen wurde: 1918. Wowa und seine Jungs laufen dem Lkw nach, auf dem sein Bruder sitzt. Wowa ahnt nicht, dass er Kolja nie wieder sehen würde. 

Überall in und um die Stadt werden Verteidigungsanlagen errichtet. Da viele Männer mobilisiert wurden oder weiterhin in verteidigungsrelevanten Betrieben arbeiten, sind daran vor allem viele Frauen beteiligt. Mehr als 400.000 Menschen werden im Donbas zu diesen Arbeiten entsandt, meistens um Panzergräben auszuheben.

In und um die Stadt werden Verteidigungsanlagen errichtet. Mehr als 400.000 Menschen werden im Donbas zu diesen Arbeiten entsandt

Auch in Wowas Schule ist der Krieg präsent. Dorthin braucht er etwa 15 Minuten zu Fuß, immer am Metallwerk entlang – dann kommt schon das dreistöckige Gebäude. Nebenan steht nun eine Flugabwehrkanone. Hin und wieder fliegen deutsche Flugzeuge über die Stadt. Im Schulhof ist ein Graben ausgehoben. Dort sollen sich Wowa und seine Mitschüler·innen bei Luftangriffen hinein hocken, hat man ihnen gesagt. Diese Gräben sind mit Holzbrettern abgedeckt und können wenigstens vor Splittern oder kleinen umherfliegenden Trümmerteilen schützen; einem direkten Bombentreffer blieben die Kinder ausgeliefert. 

Aus Wowas Verwandten­kreis werden sieben Männer einberufen. Zurück kam nur einer – schwer verwundet und mit nur noch einem Bein

Die Einberufungen gehen immer weiter. Allein in der Oblast Stalino werden in den ersten Monaten mehr als 200.000 Menschen mobilisiert. Darunter viele Arbeiter und Ingenieure. Genaue Zahlen der Rotarmist·innen aus Stalino, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, gibt es nicht. Die Opferzahlen sind hoch. Viele fallen direkt im Krieg, andere geraten in Kriegsgefangenschaft oder gelten als verschollen – ihre Spuren verlieren sich im Krieg komplett, von vielen bis heute.

Aus Wowas Verwandtenkreis werden insgesamt sieben Männer einberufen. Zurück kam nur einer – schwer verwundet und mit nur noch einem Bein.

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Flucht für Auserwählte

Die Menschen in Stalino konnten sich anfangs kaum vorstellen, dass die Deutschen so tief ins Territorium der Sowjetunion eindringen würden. Laut sowjetischer Propaganda galt die Rote Armee als unbesiegbar. Doch je weiter sich die Front nähert, desto mehr Panik verbreitet sich in der Stadt. 

Wowa spürt das in der eigenen Familie. Sein Bruder Kolja ist längst an der Front. Und nun geraten auch seine Eltern und er selbst in Gefahr. Er mag noch zu klein sein, um Angst vor etwas zu haben, was er sich nicht vorstellen kann. An Angst kann er sich jedenfalls später nicht erinnern. Aber er beobachtet viel, zum Beispiel wie die Stadt evakuiert wird.

Wowa stromert mit seinen Jungs am Bahnhof herum, wo immer neue Waggons einrollen. Die Kinder sehen, wie sich immer neue Waggons mit Menschen füllen. Einer nach dem anderen fahren die Züge ab. Die Waggonreihen ziehen an den Jungs vorüber. Insgesamt werden allein aus Stalino tausende Waggons mit Maschinen und Menschen herausgebracht.  

Ein Zug transportiert die Ausrüstung eines evakuierten Werks nach Osten, September 1941 / Foto: unbekannter Fotograf © RIA Novosti / IMAGO / SNA

Priorität genießt alles und jeder, der als „verteidigungsrelevant“ gilt, allen voran Ausrüstung und Personal der Industrieunternehmen

Priorität genießt dabei alles und jeder, der als „verteidigungsrelevant“ gilt, allen voran Ausrüstung und Personal der Industrieunternehmen, welche mittlerweile fast ausschließlich für die Armee gearbeitet haben. Außerdem Maschinen, Brennstoffe, Metall-, aber auch Getreidevorräte. Unter den Einwohnern werden qualifizierte Arbeitskräfte, Angestellte und Beamte für die Evakuierungslisten ausgewählt, die in das sowjetische Hinterland gebracht werden wollen.

Hunderttausende Menschen bleiben in Stalino zurück. Manche aus Angst, weil man sich erzählt, die Züge würden oft von Deutschen aus der Luft angegriffen. Manche haben kranke, alte oder schlicht für eine Flucht zu schwache Verwandte. Viele wissen nicht, wo sie hinfahren sollten und fürchten, dass im Hinterland Hunger herrsche.

Viel zu wenige Menschen können sich in Sicherheit bringen. In der gesamten Ukraine werden es rund drei Millionen sein, die vor den Deutschen fliehen können. Das ist nur jeder Zehnte. 

Viel zu wenige Menschen können sich in Sicherheit bringen. Einer von zehn. 

Wowas Familie gehört zu denen, die bleiben. Ebenso sein Onkel Wanja mit seiner Frau. Er erinnert sich nur an einen ferneren Verwandten, der im Archiv des Metallwerks gearbeitet hat und mit dem Archiv ins Hinterland gebracht wurde. Das war’s.

Die sowjetischen Behörden gehen zu diesem Zeitpunkt, Anfang Oktober 1941, schon davon aus, dass der Einmarsch der Deutschen nicht mehr aufzuhalten ist. 

Und sie treffen eine für die verbliebene Bevölkerung folgenschwere Entscheidung.

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Die Selbstzerstörung

Onkel Wanja wohnt im Stadtzentrum, auf der anderen Seite des Metallwerks, das in Stalino zwei Stadtteile voneinander trennt. Wowa kennt den Blick auf das Werk sehr gut. Mit seinem Onkel geht er oft über die Fußgängerbrücke, die direkt über das Werk führt. Tagsüber wähnen sie sich dort in Sicherheit. Es gab zwar schon mehrere Bombardierungen der Stadt, insbesondere rund um Industrieobjekte wie das Metallwerk. Doch das passiert in der Regel nachts: Dann erhellen Suchscheinwerfer den Himmel, die Flugabwehrgeschütze donnern, Jagdflugzeuge versuchen, die Bomber abzufangen oder zu verjagen. 

Eines Tages im Oktober entdecken Wowa und Onkel Wanja auf eben jener Brücke einen schönen Ledersessel, wie neu und unbeschädigt steht er da. Sie nehmen ihn mit, wuchten ihn zusammen hoch, laufen von der Brücke Richtung Zentrum. Da lässt eine Explosion auf dem Fabrikgelände am helllichten Tage die Erde beben. Panik erfasst die Beiden. Das Bild vom schicken Sessel kurz vor dem Knall brennt sich in Wowas Gedächtnis ein.

Was die beiden erleben, ist nämlich kein Angriff der Deutschen, sondern eine „spezmeroptijatije“, also eine Sondermaßnahme der Sowjets. Die sowjetischen Behörden sind zu der Einschätzung gelangt, dass die Rote Armee Stalino gegen die Wehrmacht nicht halten kann. Und dass sie es auch nicht schaffen würden, alles Wertvolle und Kriegsrelevante aus der Stadt und Region zu retten. Was nicht evakuiert werden kann, sollte daher zerstört werden: ein Betrieb nach dem anderen, Stück für Stück. Es galt die Devise: Dem Feind nur noch verbrannte Erde hinterlassen. Verbrannte Erde aber auch für die Menschen, die bleiben, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Wer es bis jetzt nicht geschafft hat zu fliehen, hat kaum noch eine Chance.

Was nicht evakuiert werden kann, sollte zerstört werden: ein Betrieb nach dem anderen, Stück für Stück

Im Oktober 1941 – kurz zuvor hatten Hitlers Truppen die ukrainischen Industriestädte Saporishshja und Dnipropetrowsk (heute – Dnipro) eingenommen – beginnen die Sowjets, westlich von Stalino die ersten Bergwerke des Donbas zu sprengen. Auch die Verkehrsinfrastruktur sollte den Deutschen nicht in die Hände fallen, also werden Bahngleise und Brücken zerstört. Währenddessen müssen noch Industrieanlagen abgebaut und weggeschafft werden. Ohne die Schiene wird bald alles zum Transportmittel, was noch vier oder auch nur zwei Räder hat.

Stalino und der Donbas versinken im Chaos.

Aufzeichnungen zum Vorgehen der Sowjets in diesen entscheidenden Tagen und Wochen sind durch einen Mann überliefert: Kondrat Potschenkow – ein Mitarbeiter des Volkskommissariats für die Kohleindustrie, der in dieser Zeit akribisch Tagebuch führte.

Die Entscheidung zur Evakuierung der Bergwerke wird am 8. Oktober 1941 getroffen. Potschenkow bleiben 24 Stunden zur Vorbereitung. Gleichzeitig sollen die Schächte und Großmaschinen gesprengt werden, die nicht abtransportiert werden können.

Die Evakuierung erweist sich als schwierig. Bewegliche Geräte werden demontiert und verpackt, doch es mangelt an Transportmitteln.

Zeitgleich beginnen die Sprengungen. Laut Potschenkows Tagebuch werden die ersten Bergwerke westlich von Stalino am 9. Oktober zerstört.

Die Zerstörung der Bergwerke in den Folgetagen – auch in Stalino selbst – wird von Protesten der Bergleute begleitet. Am 10. Oktober notiert Potschenkow, dass eine Gruppe von etwa 20 Menschen die Fenster eines Verwaltungsgebäudes zerschlägt und dabei einige Menschen verletzt. Die Protestierenden skandieren: „Wir lassen die Schächte nicht sprengen.“

An manchen dieser Proteste nehmen mehrere Hundert Arbeiter:innen teil. In der Stadt Dserschinsk (heute Torezk) versammeln sich 1.500 Menschen. Sie versuchen, die Sprengung zu verhindern, und setzen den Schachtdirektor fest. Manche Proteste werden auch von Plünderungen begleitet.

Am 18. Oktober flieht Potschenkow mit seinen Mitarbeitenden aus Stalino vor der näher rückenden Front.

Sein Weg erweist sich jedoch als problematisch. In seinem Tagebuch notiert er:

„Die ganze Straße ist ein einziges Moor. Auf dem gesamten Weg bewegt sich ein ununterbrochener Strom aus Lastwagen, Fuhrwerken und Fußgängern. … Die zurückweichenden Militärkolonnen bewegen sich in Unordnung; es kommt häufig zu Rowdytum: Fahrzeuge werden weggenommen, zurückgelassen oder umgestürzt, wodurch Staus entstehen.“

Durch die Staus und die nahezu unbefahrbaren Straßen kommen sie nur schleppend voran. Manchmal brauchen sie den ganzen Tag, um eine kurze Strecke von 20 bis 25 Kilometern zurückzulegen.

Nach einigen Zwischenstationen erreichen sie in der Nacht zum 26. Oktober schließlich Woroschilowgrad (heute Luhansk). An diesem Tag notiert Potschenkow: „Wir sitzen und warten auf Anweisungen zum weiteren Vorgehen. Alle Schächte sind für die Sprengung vorbereitet.“

Der Sprengbefehl kommt zwei Tage später, am 28. Oktober, aus Moskau. Damit werden nahezu alle Schächte der Oblast Woroschilowgrad systematisch gesprengt.

Ende November kommt die Front vorerst zwischen Stalino und Woroschilowgrad zum Stillstand. Doch die Kohleindustrie des Donbas existiert zu diesem Zeitpunkt praktisch nicht mehr.

Gesprengtes Bergwerk in Stalino, November 1941 / Foto: unbekannter Fotograf © Archivio Centrale dello Stato / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025

In Stalino werden nicht nur Schächte, sondern auch Wasserwerke und Umspannstationen gesprengt. Den verbliebenen Menschen bleibt weder Strom noch Gas, Heizung oder Wasser – nichts. Und nur wenige Lebensmittel, denn viele Vorräte verbrennen durch die Sprengungen oder Bombardierungen.

Eine Welle von Plünderungen überrollt die Stadt. Kinder wie Wowa können das schwer erfassen. Sie machen einfach, was alle machen: Sie klauen und schleppen weg, so viel sie tragen können. Die Menschen räumen sämtliche Geschäfte leer, klauen in Brotfabriken, Konditoreien, Fleischereien, selbst das blanke Korn aus den Mühlen. Sie plündern alles – Obst und Gemüse, Zwieback und säckeweise Mehl, Zuckersirup in Fässern, auch wertvolle Fotoapparate, Farben und Pinsel, Bonbons, Medikamente, Tabak und Spirituosen. Teppiche aus den Treppenhäusern. Perücken und Requisiten aus dem Theater – Schwerter und Speere aus Pappmaché, aber auch Musikinstrumente und Samt von Theatersesseln. Alles von überall. 

Eines Abends findet Wowa mit anderen Jungs Gasmasken, Bajonette und Gewehre im verlassenen Bezirkskommissariat der Kommunistischen Partei. Sie greifen sich so viel sie können und laufen damit nach Hause. Dann will er noch einmal zurück – Patronen holen. Doch als er wieder zu Hause ist, ist das Gewehr weg – die Großmutter wollte keine Waffe im Haus haben und hat es, kaum hatte sie es entdeckt, direkt weggeworfen – in den Fluss. Sie fürchtet, eine Waffe im Haus könnte gefährlich sein, wenn die Deutschen kommen. 

Gerüchteweise sind sie schon fast da.

Das Metallwerk ist mittlerweile eines der letzten Industrieobjekte in Stalino. Während Wowa und Onkel Wanja dort den schönen Ledersessel auf dem Rücken von der Fußgängerbrücke wegtragen, ist Potschenkow wie die meisten anderen sowjetischen Beamten nicht mehr in der Stadt. Nur die Sprengtruppen der Roten Armee sind noch da und überwachen die geplanten Sprengungen. 

Durch die Explosion im Metallwerk fliegt ein Stück Gusseisen direkt auf Onkel Wanja. Er durchschlägt den Boden des Sessels, bleibt aber im Polster stecken: Der Ledersessel wird ein Lebensretter. Onkel Wanja und Wowa fliehen unverletzt so schnell sie können, während weite Teile der Fabrik hinter ihnen in Trümmer zerfallen. Der Sessel war nicht mehr wichtig. 

Wowa erinnert sich später: Als sie von der Brücke runterkommen, sehen sie die ersten Deutschen.

Es ist der 20. Oktober 1941. An diesem Tag wird Stalino vom 49. Gebirgsarmee-Korps der Wehrmacht eingenommen. Praktisch ohne Widerstand, denn von der Roten Armee war ja kaum noch wer vor Ort.  

Die sowjetischen Medien werden darüber aber erst in einigen Tagen berichten. In der Zeitung Prawda (dt. Wahrheit) steht am 27. Oktober 1941:

„Nach mehrtägigen Kämpfen, in deren Verlauf die deutsch-faschistischen Truppen bis zu 50.000 Tote und Verwundete, über 250 Panzer, mehr als 170 Geschütze sowie etwa 1.200 Lastwagen mit Militärgütern verloren, räumten unsere Einheiten die Stadt Stalino.“

Die Deutschen fangen praktisch seit dem ersten Tag an, ihre „neue Ordnung“ einzuführen. Für Wowa und die anderen Stadtbewohner·innen beginnt die Besatzungszeit.

Titelseite der Zeitung „Prawda“ vom 27. Oktober 1941

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Station 01: Metallwerk

Ausgeliefert

Wie ein Donezker Junge den deutschen Krieg heranrollen und die Sowjets den Donbas zerstören sieht

Station 02: Hotel Donbas

Die neue Ordnung

Wie die Deutschen sich als Besatzungsmacht im Donbas etablieren – und wer ihnen dabei hilft

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Überleben im „Lebensraum“

Wie die Menschen im Donbas der Hungerpolitik der Nazis trotzen

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Station 04: Lenin-Klub

Arithmetik der Verfolgung

Was die Bewohner·innen von Stalino am meisten fürchten – und wie sie sich vor dem Terror der Deutschen verstecken

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Station 05: Schacht 4/4-bis

Todesförderung

Wie die Deutschen die jüdische Bevölkerung von Stalino ermorden

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Contributors

  • Drehbuch und Text: Leonid A. Klimov
  • Wissenschaftliche Redaktion: Dr. Jasmin Söhner und Prof. Dr. Dmytro Tytarenko
  • Redaktion: Mandy Ganske-Zapf und Peggy Lohse
  • Illustrationen: Anna Che
  • Animationen: Victoria Spiryagina
  • Karten und Datenvisualisierung: Artyom Schtschennikow
  • Design: village one
  • Veröffentlicht: 23. Februar 2026
Fotos
  • Luftbildaufnahme Stalino, 1941 / Foto © dekoder.org
  • Auszug aus dem Film „Enthusiasmus – Donbas Sinfonie“ von Dsiga Wertow, 1931 © gemeinfrei / Wikimedia
  • Frauen graben Panzergraben bei Stalino, September 1941 / Foto: unbekannter Fotograf / IMAGO / SNA
  • Fußgängerbrücke über das Metallwerk in Stalino, Herbst 1941 / Foto: unbekannter Fotograf © Archivio Centrale dello Stato / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025
  • Ansicht von Stalino, das Metallwerk, ca. 1942 / Foto: unbekannter Fotograf © dekoder.org unter CC BY-NC 3.0

„Der Krieg und seine Opfer“ und „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“ sind Projekte von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg.

Ein Projekt in Kooperation mit der Universität Heidelberg

Universität Heidelberg

Ein Projekt der Bildungsagenda NS-Unrecht

Gefördert durch

auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages