Der Schlosser
Stalino ist eine besondere Stadt, geprägt von Bergbau und Industrie, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in wenigen Jahrzehnten hunderttausende Menschen angezogen hat. Das Stadtbild: große Industriebetriebe mit Schornsteinen, Schienen und Stahlkonstruktionen gegenüber teils einstöckigen Holzhäuschen und Erdhütten. Für die deutschen Besatzer zeigt sich ein „seltsames Konglomerat aus verfallenem Dorf und werdender Riesenstadt“ und ein „bizzares Durcheinander von windschiefen, brüchigen Lehmhütten und mehr oder weniger soliden Großbauten“. So schrieb ein deutscher Offizier in einem Bericht über seine Zeit in der besetzten Stadt. Neben staubigen, unbefestigten Wegen gab es in der Stadt auch symmetrisch angelegte, breite Straßen, die sogenannten Linien, von denen insbesondere die Erste Linie mit schönen Steinhäusern gesäumt war. Teils stammten diese noch aus vorrevolutionärer Zeit, teils waren es frisch errichtete „Stalin-Gebäude“. Letztere fallen den deutschen Besatzern sofort ins Auge.
Nach der Einnahme der Stadt suchen die Deutschen vor allem nach Gebäuden, in denen große Menschenmassen untergebracht werden können — zur Einquartierung der eigenen Truppen. Infrage kamen vor allem Wohnheime, Kasernen und Hotels. An der Ersten Linie werden sie fündig. Das Hotel „Donbass“ scheint ihnen hervorragend geeignet zu sein. Kurz vor dem Krieg erbaut, ist es ein Musterbeispiel prunkvoller stalinistischer Architektur: massiver Sockel, dunkelbraune, polierte Granitverkleidung, figurenbesetzter Marmorgürtel, ein Eckturm mit Pilastern, vergoldete Turmspitze. Auch die Eingangshalle war mit Marmor verkleidet. Von dort aus gelangte man in ein Restaurant mit Platz für 150 Personen, zu einer Bühne für ein ganzes Orchester, in einen Billardsaal sowie zu den 190 Luxuszimmern in den Obergeschossen.
Nur wenige Wochen nach der Besetzung Ende Oktober 1941 beginnt Alexander Abeljasch für die Deutschen zu arbeiten, ein 30-jähriger Arbeiter. Wie damals viele Bewohner·innen der Stadt war er weit entfernt von Stalino geboren und zugezogen. Er ist dabei, als die Deutschen das Hotel beziehen. Doch finden weder Infanterie noch Luftwaffe dort ihren Standort; dafür ist das Hotel zu luxuriös. Stattdessen zieht der SD ein, der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Auf dem schönen Eckturm wird eine schwarze Fahne mit zwei blitzförmigen Buchstaben gehisst – der berüchtigten Schutzstaffel, kurz SS. Alexander Abeljasch nimmt dort seine Arbeit auf.
Er ist Schlosser. Dadurch wird er überall im Gebäude gebraucht. Seine Arbeit führt ihn allerdings nur selten in die Luxuszimmer, sondern meist auf den Hof oder in den Heizungskeller, wo sich seine Werkstatt befindet. Dort kann er hören, was im Keller vor sich geht: Wie Mitarbeiter des SD Zivilist·innen verhören und foltern, Männer wie Frauen, und er hört ihre Schreie und ihr Stöhnen. Die Menschen, die dort leiden, gelten bei den Deutschen als Saboteure der „neuen Ordnung“. Alexander Abeljasch beobachtet, wie Zivilist·innen im Hof oder vor dem Haupteingang des Hotels in große Wagen klettern müssen und weggebracht werden …
Doch an dieser Stelle müssen wir einen Schritt zurückgehen.
Es ist still. Eine solche Stille kennt eine Industriestadt wie Stalino eigentlich kaum
Der Einmarsch
Es ist still. Eine solche Stille kennt eine Industriestadt wie Stalino eigentlich kaum. Es regnet, der Wind zieht durch die Straßen. Das Metallwerk, zertrümmert beim Rückzug der Roten Armee, liegt schweigend da. Auf den ebenso zerstörten Bergwerken regt sich nichts. Zwar gibt es in Stalino nur wenige Spuren unmittelbarer Kriegshandlungen — die zurückweichende Rote Armee hat die Stadt der Wehrmacht weitgehend kampflos überlassen. Doch die sowjetischen Machthaber haben bei ihrem Rückzug alles, was möglich war, sprengen lassen. Läden und Lager wurden anschließend von Stadtbewohner·innen geplündert und verwüstet. Im Chaos von Evakuierung und Rückzug versuchten sie, so gut es geht, sich selbst zu helfen und zu bevorraten.
Auch Wowas Familie tat das; er selbst – noch ein Kind – hat geklaut, was das Zeug hält. Wenn er jetzt durch die Straßen streift, bemerkt er, wie still es in der Stadt geworden ist. Auch andere Stadtbewohner·innen wundern sich über die ungewohnte Ruhe und die leeren Straßen. Es herrscht allgemeines Abwarten. In der Luft liegt eine Spannung. Allen ist klar: Die Deutschen sind in der Stadt. Sie wissen, dass etwas Neues beginnt, ein neues, anderes Leben. Und sie haben Angst. Die Unsicherheit weicht erst, als die Deutschen beginnen, ihre neue Ordnung aufzubauen.
Nach deutscher Planung sollte der „Russlandfeldzug“, wie die Deutschen den Krieg gegen die Sowjetunion nannten, ein Blitzkrieg sein – ähnlich wie 1939 der Überfall auf Polen.

Nach dem Einmarsch am 22. Juni 1941 dringt die Wehrmacht zusammen mit verbündeten Truppen sehr schnell und tief in das Innere des sowjetischen Territoriums vor.
Die Wehrmacht nimmt eine Stadt nach der anderen ein: Lwiw, Luzk, Riwne, Schytomyr, Winnyzja, Bila Zerkwa – und stößt weiter in Richtung Kyjiw und im Süden in Richtung Donbas vor.
Die Rote Armee zieht sich zurück und muss große Verluste hinnehmen.
Mitte September nehmen die Deutschen die ukrainische Hauptstadt Kyjiw ein …

… und kesseln große Teile der Roten Armee ein. Das ist militärisch wie symbolisch ein schwerer Schlag für die Sowjetunion.
Das militärische Schicksal Stalinos ist schon früh weitgehend besiegelt: Anfang Oktober 1941 kesseln die Truppen der deutschen Heeresgruppe Süd bereits die Hauptkräfte der Roten Armee in der Region ein. Dadurch entstehen günstige Voraussetzungen für die Einnahme des Donbas und der Halbinsel Krim.
Am 8. Oktober 1941 marschieren Einheiten der Wehrmacht schließlich in den Donbas ein und besetzen Mariupol – schon damals eine wichtige Industriestadt. Dann setzt die Wehrmacht ihren Vormarsch nach Osten und Norden fort.
In Richtung Stalino rücken Teile der 17. Armee der Wehrmacht sowie das italienische Expeditionskorps vor.
Die Rote Armee ist unzureichend ausgestattet, schlecht bewaffnet und zieht sich immer weiter zurück. Wichtige Ortschaften – auch größere Städte wie Mariupol oder Kostjantinywka – werden häufig nahezu kampflos aufgegeben.
An die Einnahme Stalinos erinnern sich Zeitzeug·innen unterschiedlich. Stalino war eine sehr große Stadt, sodass je nach Stadtteil entweder große Truppenbewegungen zu sehen waren oder nur vereinzelte Soldaten – zudem an unterschiedlichen Tagen.
Von der Führung des 49. Gebirgsarmee-Korps der 17. Armee der Wehrmacht wird damals Folgendes detailliert protokolliert:
„Am frühen Morgen des 20.10.41 erreichten die ersten Spähtruppen von Süden her den Stadtrand von Stalino. Sofort angesetzte Sturmtruppen drangen gegen schwachen Widerstand der motorisierten Spreng- und Zerstörungstruppen überraschend in das Stadtinnere vor.
10.30 Uhr konnte auf einem Gasometer in der Nähe des Stadtkerns bereits die Reichskriegsflagge gehisst werden. Kurz danach versuchten kleine sowjetische Trupps wieder in die Gegend der gehissten Flagge zu gelangen, wurden aber von den Sicherungen abgewehrt.
11.45 Uhr hisste eine Offiziersspähtruppe der I. Division die Hakenkreuzflagge auf dem höchsten, 105 Meter hohen Schornstein eines Werks im Westteil der Stadt.
Um 17.00 Uhr gelang es, auf dem höchsten Punkt der Stadt, dem Hauptpostamt, nunmehr endgültig im Kern der Stadt die Reichskriegsflagge zu hissen.“

Am folgenden Tag wird die Stadt vollständig eingenommen. Die Führung übernimmt Major Richard Zimmer.

Er richtet in Stalino die Ortskommandantur ein – jene Instanz, in der in den kommenden zwei Jahren die wichtigsten Entscheidungen getroffen werden, die das Leben in Stalino regeln sollen. Es ist die unterste Stufe einer gewaltigen nationalsozialistischen Maschinerie, die die „neue Ordnung“ durchsetzen soll.
Auch mit Gewalt.
Die Menschen, die in Stalino geblieben und nicht geflüchtet sind, wissen so gut wie nichts über das Leben in Deutschland, wissen nicht, was mit den Besatzern auf sie zukommt. Selbst davon, wie ein Deutscher aussieht, gibt es nur vage Vorstellungen. Kinder wie Wowa haben unterschiedliche Bilder im Kopf. Sie sind vor allem von sowjetischer Propaganda geprägt. Den Erwachsenen geht es nicht anders. Was sie kennen, sind antideutsche Karikaturen von Soldaten mit Hörnern, den ein oder anderen Historienfilm darüber, wie zum Beispiel der russische Fürst Alexander Newski im heroischen Kampf über die Kreuzritter siegt. Die ersten Begegnungen mit echten Deutschen sind für viele daher überraschend, gerade auch für die Kinder. Ein Mädchen, das in der Stadt auf einen deutschen Soldaten getroffen ist, erzählt später zuhause: „Ich habe die Deutschen gesehen. Sie haben gar keine Hörner. Nur Eisenmützen auf den Köpfen, aber ohne Hörner.“
„Ich habe die Deutschen gesehen. Sie haben gar keine Hörner. Nur Eisenmützen auf den Köpfen“
Auch Wowa ist neugierig. Mit anderen Jungen geht er auf den nahegelegenen Platz direkt vor der Hauptverwaltung des Metallwerks. Dort sind bereits viele deutsche Autos und Soldaten angekommen. Aus dem Verwaltungsgebäude tragen sie die Symbole der alten Staatsmacht heraus – eine Büste Stalins, Porträts von Parteifunktionären, Plakate – und werfen alles auf einen Haufen.
Allmählich wagen sich viele näher an die Soldaten heran und sehen genauer hin. Soldaten und Offiziere sind gut gekleidet: gepflegt, geschniegelt, in Uniform und Lederstiefeln. Auch ihre Ausrüstung fällt auf. Der Unterschied zwischen ihrer Technik und der der Roten Armee wirkt eklatant. Die Soldaten spielen auch Mundharmonika und verteilen Brot. Eine Deutschlehrerin kommt sogar mit ihnen ins Gespräch und bittet um Tabak für die Männer. Auch diesen Wunsch erfüllen sie. Insgesamt wirken sie gut gelaunt und freundlich im Umgang mit der Bevölkerung.
Sind das wirklich die Feinde aus den Karikaturen, mit Hörnern auf dem Kopf, die laut sowjetischer Presse Tod und Vernichtung bringen sollen?
Sie sind gut angezogen – gepflegt, ordentlich, Uniform, Lederstiefel. Sie wirken gut gelaunt und freundlich
„An der Schwelle zu einem neuen Leben“
Während Wowa und andere Stadtbewohner·innen erste Bekanntschaften mit deutschen Soldaten machen, machen sich auch die Deutschen ein Bild von der Stadt und ihren Bewohner·innen. In dem Maße, wie sich die zurückziehende Rote Armee vor allem für die Evakuierung von Ausrüstung interessierte und schnell noch zerstört hat, was sie nicht mitnehmen konnte, interessiert sich die Wehrmacht in erster Linie für das, was von den Industrieanlagen in der Stadt noch übriggeblieben ist. Darum kümmert sie sich gleich in den ersten Tagen der Besatzung. So meldet die Stadtkommandantur bereits am 1. November, dass die Anlagen ebenso wie mehrere öffentliche Gebäude weitgehend zerstört und geplündert seien.
Die Besatzer interessiert auch, wie die Einheimischen den Deutschen gegenüber eingestellt sind. Zunächst melden sie eine „gedrückte“, aber „keineswegs feindselige“ Stimmung, dann eine allgemein „abwartende Haltung“, zugleich aber auch die Bereitschaft zur „positiven Mitarbeit“ unter dem „anständigen Teil der Bevölkerung“. Gemeldet wird außerdem ein angeblich „tiefe[r] Hass gegen die roten Gewalthaber und Juden“, der bei „gewandter Ausnutzung … im weiteren Aufbau wertvolle Dienste leisten kann“. Genau hier wollen die Deutschen ansetzen: am Hass auf die Sowjetmacht und Jüdinnen und Juden. Aber auch an Angst und Gewalt.
Die Deutschen versuchen, die Besatzung als Befreiung und sich selbst als Befreier zu stilisieren. Schnell geben sie zu diesem Zweck mit dem „Donezker Westnik“ eine russischsprachige Propagandazeitung heraus. Sie erscheint ab November 1941 in hoher Auflage und feiert den Einmarsch der Wehrmacht: Er solle eine „neue, helle Seite in der Geschichte des Donbas“ aufschlagen. Die Wehrmacht habe demnach den Donbas und die Ukraine von blutigen Machthabern befreit, die das ganze Land flächendeckend in ein Konzentrationslager verwandelt hätten. Nun stehe der Donbas „an der Schwelle zu einem neuen Leben“. Die Deutschen versuchten damit, an die Erfahrung der Menschen aus dem Großen Terror und der Hungerpolitik Stalins anzuknüpfen.
Erste Ausgabe der Propagandazeitung „Donezki Westnik“ mit dem Leitartikel „An der Schwelle zu einem neuen Leben“
Hass gegen die Sowjetunion wird jedoch nicht nur durch Propagandazeitungen geschürt. Gleich in den ersten Tagen finden die Deutschen eine Quelle, die sie umfassend auszuschöpfen versuchen: die Verbrechen beim Rückzug der Sowjets vor dem Einmarsch der Deutschen.
Die weißen Leichen
Es war in den ersten Tagen der Besatzung, so erinnert sich Wowa, als eine Nachbarin zu ihnen nach Hause kommt und davon berichtet, dass die Deutschen das Gefängnis geöffnet hätten. Die Frau ist fest entschlossen, direkt dorthin zu gehen, da ihre Schwester noch vor der Besatzung wegen Diebstahls am Arbeitsplatz festgenommen worden war. Auch Wowa geht mit seiner Mutter dorthin.
Das Gefängnis befindet sich im Stadtzentrum, auf der anderen Seite des Metallwerks. Sie betreten den Gefängnishof. Dort stehen deutsche Soldaten, aber auch viele Einheimische. Im Hof erkennen sie große, ausgehobene Gruben. Daneben liegen zahlreiche Leichen. Wowa sieht zum ersten Mal tote Menschen: Sie liegen regungslos auf dem Boden, ihre Gesichter sind ganz weiß.
„Warum sind sie weiß gestrichen?“, fragt er seine Mama.
„Du musst dir das nicht ansehen“, antwortet sie und versucht, ihn schnell aus dem Hof hinauszuführen.
Bei den Toten handelt es sich um die Insass·innen des Gefängnisses. Es sind insgesamt etwa 200 Menschen, die der NKWD vor dem Rückzug erschossen und hastig in den Gruben verscharrt hatte. Das Weiße ist Kalk. Die Geheimdienstler glaubten, der Kalk beschleunige den Verwesungsprozess, sodass sich die Spuren ihrer Verbrechen verbergen ließen. Die Deutschen holten die Leichen aus den Gruben, um sie den Menschen von Stalino zu präsentieren. Die Botschaft lautet: „Das haben euer Stalin und die Juden getan.“
Ehemalige Gefangene des NKWD Gefängnisses und Zivilist·innen in Stalino, November 1941 / Foto © Hermann Hirchenhein / Deutsches Historisches Museum / DHM00724346
Im Hof erkennen sie große, ausgehobene Gruben. Wowa sieht zum ersten Mal tote Menschen
Die Einheimischen bezweifeln zunächst, dass der sowjetische Geheimdienst dafür verantwortlich sein soll. Die sowjetische Regierung hatte zwar eine repressive Politik betrieben, doch dass der NKWD so weit gehen würde, konnten sich die meisten Menschen nicht vorstellen. Die sowjetischen Verbrechen unter Stalin werden in der Sowjetunion erst Jahrzehnte später, nach seinem Tod, offen problematisiert. Ob sie das, womit sie im Gefängnishof konfrontiert wurden, nun glaubten oder nicht: Von diesen Besuchen nahmen sie noch eine weitere Botschaft der Deutschen mit. Sie lautete: „Schaut hin! So etwas haben nicht wir getan, das waren die Euren. Wenn ihr die neue Ordnung nicht unterstützt, wird das auch eure Zukunft sein.“
Der Lokführer
Den Deutschen ist es gelungen, die große Industriestadt Stalino vergleichsweise leicht einzunehmen. Was die Besatzer jedoch nicht vermögen, ist, ihre eigene Ordnung in der Stadt ohne örtliche Hilfe zu etablieren. Dafür mangelt es ihnen sowohl an Personal als auch an Kenntnis der konkreten Bedingungen in der Stadt. Sowohl in Stalino als auch in anderen besetzten Gebieten sind sie dabei auf Einheimische angewiesen. Und überall finden sie Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen in ihren Dienst stellen.
Am 23. Oktober, nur zwei Tage nach der Einnahme der Stadt, begeben sich mehrere Vertreter der örtlichen Eliten – Professoren, Anwälte, Ingenieure – in die Stadtkommandantur. Sie bieten dem Stadtkommandanten Major Zimmer an, beim Aufbau der Stadtverwaltung behilflich zu sein. Der Dolmetscher, der dabei vermittelt, ist eher zufällig in diese Rolle gerutscht, weil er an diesem Tag in die Stadtkommandantur gebracht worden war, um seine Papiere überprüfen zu lassen.
Der Wiederaufbau der Infrastruktur ist für die Besatzer das dringendste Anliegen
In dieser spontanen Sitzung bestimmt Major Zimmer auf die Schnelle einen Bürgermeister – Nikolaj Petuschkow. Von allen Anwesenden scheint er dafür am ehesten geeignet zu sein: Er ist Ingenieur von Beruf, und der Wiederaufbau der Infrastruktur ist für die Besatzer das dringendste Anliegen. Drei Tage später, am 26. Oktober, kommt derselbe Personenkreis erneut beim Stadtkommandanten zusammen. Petuschkow erstattet Bericht und erzählt, dass die Stadtverwaltung im Gebäude des ehemaligen Pionierpalasts im Stadtzentrum untergebracht werde und dass er bereits das Personal zusammengestellt habe, das die Abteilungen der Stadtverwaltung leiten solle. Major Zimmer billigt die Kandidaturen.
Da Major Zimmer jedoch ansonsten auf Dolmetscher – in der Regel auf Dolmetscherinnen – angewiesen ist, fordert er einen stellvertretenden Bürgermeister aus der Gruppe der sogenannten Volksdeutschen. Als Volksdeutsche bezeichneten die Nationalsozialisten Menschen, die außerhalb des Deutschen Reiches lebten, aber als Deutsche galten und auch Deutsch sprachen. Im Raum befindet sich jemand, auf den das zutrifft: der Dolmetscher – der Mann, der bereits in der ersten Sitzung beim Übersetzen ausgeholfen hatte. Sein Name ist Andrej Ejchman.
Zu Beginn des Krieges ist Andrej Eichman 37 Jahre alt. Er wurde in der deutschen Kolonie Waldorf in der ukrainischen Oblast Saporishshja geboren. Sein Leben in der Sowjetunion war beschwerlich: Neben der künstlich erzeugten Hungersnot der 1930er Jahre, die die Ukraine mit Millionen Opfern besonders hart traf, waren es auch die Stalinschen Repressionen, die sich unter anderem gegen nationale Minderheiten richteten – auch und gerade gegen ethnische Deutsche. Dennoch gelang es ihm, sich im sowjetischen System zu etablieren: Er wurde Lokführer und trat der Kommunistischen Partei bei, stieg dort sogar zum Vorsitzenden einer Kolchose im ukrainischen Dorf Reichenfeld auf. Dort war er auch noch tätig, als der Krieg ausbrach.
Von dem, was danach geschah, gibt es zwei dokumentierte Versionen – beide stammen von Ejchman selbst. Allerdings hat er sie unter sehr unterschiedlichen Bedingungen erzählt. In beiden Versionen stimmt der Anfang überein: Als die Front näher rückt, schickt er seine Familie ins Hinterland – nach Stalino. Dort wohnt nämlich ein Schwager. Ejchmann selbst kommt später nach. Bei Stalino findet er jedoch keine weitere Transportmöglichkeit mehr und wird schließlich von der Front eingeholt. Die deutsche Gendarmerie nimmt ihn fest und bringt ihn zur Ortskommandantur in Stalino. Er erzählt das nach Kriegsende, nachdem die Sowjets den Donbas wieder befreit hatten, beim ersten Verhör durch die sowjetische Staatssicherheit.
Den Deutschen ist es gelungen, Stalino einzunehmen. Was die Besatzer jedoch nicht vermögen, ist, ihre eigene Ordnung in der Stadt ohne örtliche Hilfe zu etablieren
Einige Tage später, als er zum zweiten Mal verhört wird, klingt die Geschichte schon anders: Er sei schon immer antisowjetisch eingestellt gewesen und habe die Wehrmacht für unbesiegbar gehalten. So habe er geglaubt, als Volksdeutscher eine Chance zu bekommen, zur Etablierung der „neuen Ordnung“ beizutragen. Damit galt er als Kollaborateur.
Was zwischen den beiden Verhören geschah, ist unklar. Die sowjetische Justiz war jedoch kaum als unabhängig zu betrachten, und nahezu alle Mittel galten als erlaubt, um Geständnisse zu erzwingen – auch Folter.
So oder so hatte ihm wohl vor allem der Zufall den sozialen Aufstieg unter den Besatzern gebracht. Er war gerade im Gebäude der Ortskommandantur, als der Kommandant dringend einen Dolmetscher brauchte. Deutschkenntnisse und die Fähigkeit, eine Lokomotive zu führen, genügten: Ejchman wird in jenen ersten Besatzungstagen zum stellvertretenden Bürgermeister einer Stadt mit Hunderttausenden Einwohner·innen und zu einem der einflussreichsten Männer, denen die Deutschen vertrauen.
Die deutsche Gewaltvertikale
Andrej Ejchman tritt sofort sein Amt als stellvertretender Bürgermeister an. Sechs Monate später verschwindet plötzlich der Erste Bürgermeister Petuschkow; der Fall bleibt ungeklärt. Förmlich über Nacht wird Ejchman zu dessen Nachfolger und bleibt bis zum Abzug der Deutschen im Herbst 1943 im Amt. In diesen knapp zwei Jahren wirkt er am Aufbau einer umfangreichen Stadtverwaltung mit, die über mehrere Abteilungen verfügt und sich mit ganz unterschiedlichen Aufgaben befasst – von der Versorgung der Bevölkerung bis hin zu Kultur und Erziehung.
Die Leitungspositionen in der neuen Verwaltung werden mit Einheimischen besetzt; einige von ihnen tauchen, wie Ejchman, bereits am 25. Oktober 1941 in der Sitzung bei Major Zimmer auf. Es handelt sich um sehr unterschiedliche Menschen: Ärzte, Professoren, Anwälte, ehemalige „weiße Offiziere“, die im Russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft hatten und später untertauchten, deutsche Kolonisten oder schlicht Opportunisten, die die Gunst der Stunde nutzen wollten. Das einfache Personal wurde zum großen Teil per Anordnung aus den Reihen der früheren Mitarbeiter·innen der sowjetischen Verwaltung rekrutiert.
Insgesamt zählt die Stadtverwaltung in der Besatzung bis zu 6.500 Beschäftigte – Arbeiter, Bürokräfte und technische Angestellte. Hinzu kommen 300 Feuerwehrleute, 2.000 Polizisten, 1.000 Mitarbeiter·innen des städtischen Handelsunternehmens und der Arbeitsbehörden sowie 670 Bergleute, die auf Kleinbergwerken Kohle für den privaten Verbrauch der Beschäftigten fördern. Insgesamt sind das rund 10.000 Menschen – also jeder zehnte Erwachsene im bevölkerungsmäßig stark geschrumpften Stalino.
Die Verwaltung verfügt jedoch über keine eigene Entscheidungsbefugnis. Sie setzt fast ausschließlich die Interessen der deutschen Militärverwaltung durch und führt die Befehle aus, die sie von den Besatzern erhält. In der Propagandazeitung „Donezki Westnik“ werden ab Mitte November neben Artikeln über die angeblich glückliche Zukunft des Donbas, über militärische Erfolge der Deutschen und über die Gräueltaten der Bolschewiki in jeder Ausgabe auch Verordnungen, Befehle und Bekanntmachungen der neuen Machthaber veröffentlicht, die das Leben in der Stadt regeln sollen.
Die wichtigsten sind von der Ortskommandantur unterschrieben, alle anderen vom Bürgermeister oder von Abteilungsleitern – viele auch von Ejchman persönlich. Der erste Befehl vom 15. November 1941 betrifft die Ausgangssperre: Von 19 Uhr abends bis 5 Uhr morgens dürfen sich Menschen ohne Sondererlaubnis fortan nicht mehr auf Straßen und Plätzen aufhalten. Wer dagegen verstößt, riskiert, erschossen zu werden.
In den folgenden Wochen geht es in erster Linie darum, alles zu registrieren und zu erfassen, was sich erfassen lässt: Gewerbebetriebe, Kraftfahrzeuge, Rentner·innen, Kommunist·innen, Arbeiter·innen, deren nicht arbeitenden Familienangehörigen und später alle Menschen ab 16 Jahren. Daneben beginnt auch die Planung für den Massenmord an den Jüdinnen und Juden in der Stadt; auch sie werden minutiös erfasst.
Anfangs gilt: Brot beziehungsweise Brotkarten erhalten nur diejenigen, die arbeiten. Später sollen alle arbeiten. Wer nicht arbeitet, wird zur Arbeit gezwungen. Neben der Ausgangssperre werden viele weitere Verbote verhängt: nicht registrierten Personen darf keine Unterkunft gewährt werden, die Nutzung der Eisenbahn wird verboten und nachts darf kein Licht in Häusern angeschaltet sein. Die Stadtverwaltung setzt außerdem Beschlagnahmen durch – von Pferden und Vieh ebenso wie von Kraftfahrzeugen.
Wer sich gegen das Vorgehen wehrt, die Regeln ignoriert oder den Forderungen nicht nachkommt, dem drohen hohe Bußgelder, Zwangsarbeit oder „Strafen nach den Gesetzen der Kriegszeit“, was Inhaftierung oder Erschießung bedeuten kann. Für die Umsetzung dieser Maßnahmen – die Versorgung der Wehrmacht mit Verpflegung, Wohnraum und Möbeln, die Erfassung der Bevölkerung sowie erste Maßnahmen zur Vorbereitung des Holocaust – ist die Stadtverwaltung verantwortlich. Für die Vollstreckung der Strafen sind es die Deutschen.
Hundert für Einen
Wowa empfindet die ersten Tage unter den Deutschen als nicht so schlimm. Zwar sieht man ständig Soldaten im Stadtbild, mehr aber auch nicht.
Für viele andere Stadtbewohner·innen beginnt die Besatzung jedoch mit einem Schlag des Gewehrkolbens gegen die Tür. Die Soldaten dringen in Wohnungen ein und durchsuchen sie nach Rotarmisten. Manchmal bleiben die Männer auch über Nacht. Es kommt vor, dass sie alle Türen in einem Wohnhaus einschlagen, die wärmste Wohnung aussuchen, aus anderen Wohnungen alles Brauchbare dorthin tragen – von Sofarücken bis Decken – und sich dort schlafen legen. Am Morgen stehen sie auf, nehmen sich alles, was ihnen gefällt, und ziehen weiter. Diese Soldaten gehören zur Vorhut der Wehrmacht, die als erstes in der Stadt eintraf. Für die betroffenen Zivilist·innen ist das eine prägende Erfahrung: Mehr Besatzung, als in der eigenen Wohnung, ist kaum vorstellbar.
Ganz unten in der Machtvertikale stehen die Starosty – die Stadtteilältesten. Einen gibt es auch in Maslowka, der Siedlung an der südlichen Stadtgrenze nahe des Metallwerks, in der Wowa lebt. Die Siedlung besteht nur aus zwei Straßen mit einstöckigen Häusern. Jedes Haus hat sechs Wohnungen mit eigenen Eingängen, in Höfen stehen Sommerküchen, die von allen Bewohner·innen gemeinsam genutzt werden.
An einem der ersten Tage der Besatzung werden alle Bewohner·innen der Siedlung zu einer Versammlung zusammengerufen. Dort wird der Starosta vorgestellt, ein Mann aus der Siedlung. Er liest die neuen Regeln vor. Das Wichtigste, was die Bewohner·innen an diesem Tag mitnehmen sollen: Wird in der Siedlung ein Polizist ermordet, werden 25 Zivilist·innen erschossen. Wird ein Soldat ermordet – 50 Zivilist·innen. Für das Leben eines Offiziers bezahlen 100 Menschen mit ihrem Leben.
Gezählt wird die Liste ab Haus Nr. 1. Wowa wohnt in Haus Nr. 13; er und seine Familie gehören also zu den ersten Hundert. Für den Jungen brennt sich an diesem Tag ein: „Jetzt müsst ihr euch entscheiden: Wenn ihr am Leben bleiben wollt, unterstützt die neue Ordnung.“
Wowa fürchtet in der Besatzungszeit nichts mehr, als dass in seiner Straße ein deutscher Offizier ermordet wird.
Die Erwachsenen fürchten nichts mehr, als verhaftet zu werden und im bald schon berüchtigten „Gestapo-Keller“ zu landen. So wird der Keller des Hotels „Donbass“ von den Einheimischen genannt. Es ist der Ort, an dem Schlosser Alexander Abeljasch Schreie und Stöhnen hören kann, wenn er seinen Reparaturen nachgeht.
Die Erwachsenen fürchten nichts mehr, als im berüchtigten „Gestapo-Keller“ zu landen. So wird der Keller des Hotels „Donbass“ genannt
Eines Tages beobachtet Abeljasch, wie ein ungewöhnlicher Wagen im Hotelhof eintrifft. Er ähnelt einem Eisenbahnwaggon. Abeljasch sieht, wie die Deutschen erst eine Gruppe von Menschen in den Wagen pferchen und dann wegfahren. Als sie mit dem leeren Wagen zurückkehren, sieht Abeljasch, wie die Fahrer aussteigen, sich Gummihandschuhe überziehen und den Wagen mit einem Schlauch säubern. Mit dem Abwasser fließen Erbrochenes, menschliche Exkremente und Fetzen zerrissener Kleidung heraus.
Als die Fahrer fertig sind, gehen sie zu ihm in den Heizungskeller, reinigen ihre Handschuhe unter dem Wasserhahn – und legen sie zum Trocknen auf den Heizkessel.
Es ist ein Gaswagen.
Contributors
- Drehbuch und Text: Leonid A. Klimov
- Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Tanja Penter und Prof. Dr. Dmytro Tytarenko
- Redaktion: Mandy Ganske-Zapf und Peggy Lohse
- Illustrationen: Anna Che
- Animationen: Victoria Spiryagina
- Karten und Datenvisualisierung: Artyom Schtschennikow
- Design: village one
- Veröffentlicht: 17. April 2026
- Hotel „Donbass“, Juni 1941 / Foto: unbekannter Fotograf / tramvaj.ru
- Blick auf Metallwerk in Stalino, 1941-43 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
- Drei deutsche Soldaten auf einer Terrasse in Stalino, 1942-1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
- Blick in den Innenhof des NKWD Gefängnisses in Stalino, November 1941 / Foto © Hermann Hirchenhein / Deutsches Historisches Museum / DHM00724387
- Grube im Innenhof des NKWD Gefängnisses in Stalino, November 1941 / Foto © Hermann Hirchenhein / Deutsches Historisches Museum / DHM00724354
- Deutsche bei der Besichtigung einer zerstörten Industrieanlage im Donbass, 1942 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
- Menschenversammlung vor einem Gebäude in Stalino, mit italienischen Soldaten vor der Tür, Herbst 1941 / Foto: unbekannter Fotograf © Archivio Centrale dello Stato / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025
- Straßenkehrer in einer Straße von Stalino, 1941 / Foto © Hermann Hirchenhein / Deutsches Historisches Museum / DHM00724384
- Titelseite der Zeitung „Donezki Westnik“ vom 5. Februar 1942 mit Hitler-Porträt und einer Zusammenfassung seiner Rede anlässlich des Jahrestages der nationalsozialistischen Machtübernahme / Foto: gemeinfrei
- Blick auf die Erste Linie in Stalino mit dem Hotel „Donbass“ im Hintergrund, 1941–1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
- Penter, Tanja (2010): Kohle für Stalin und Hitler: Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953, Essen
- Penter, Tanja (2003): Die lokale Gesellschaft im Donbass unter deutscher Okkupation 1941 – 1943, in: Dieckmann, Christoph (Hrsg.): Kooperation und Verbrechen. Formen der „Kollaboration“ im östlichen Europa 1939–1945. Göttingen, Wallstein, S. 183–223






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