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Oral History: Sind Erinnerungen vertrauenswürdig?

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Wenn man sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftig, stellt man schnell fest, dass viele Informationen aus Tagebüchern, Memorien oder Interviews mit Zeitzeug·innen stammen. Insbesondere, wenn es um Alltag, Beziehungen oder Lebensumstände von Zivilist·innen geht. Viele Interviews jedoch beschreiben Ereignisse, die teils Jahrzehnte zurückliegen. Wie entstehen solche Oral-History-Quellen? Kann man diesen Berichten vertrauen? Und wie geht die Geschichtswissenschaft damit um? Der Historiker Daniel Schuch ordnet es ein.

Was ist Oral History und wie funktioniert die Arbeit mit Kriegserinnerungen?

Bei Oral History handelt es sich um mündlich erfragte Geschichte, das heißt um Erinnerungen und Erfahrungen, die in der Regel von Historiker·innen in Interviews festgehalten und als Quelle für die Geschichtswissenschaft genutzt werden. Die überlieferten Erzählungen geben uns wertvolle Einblicke in individuell erlebte Vergangenheiten. Wichtig ist, dass als Oral History sowohl die Methodik der Aufzeichnung als auch die Quellengattung bezeichnet wird. Die Interviews müssen als dialogische Form der Wissensvermittlung begriffen werden, denn das Erkenntnisinteresse und die Fragen der Interviewer·innen bedürfen ebenso unserer Aufmerksamkeit wie die Antworten; beides bedingt sich gegenseitig.

Insbesondere im Falle von Erzählungen über den Krieg spielt extreme Gewalt eine zentrale Rolle und diese wird anders als Alltägliches in Friedenszeiten erinnert. Die Forschung arbeitet hier mit psychologischen Konzepten aus der Traumaforschung. Da die Erinnerung an extreme Gewalterfahrungen für die Befragten oftmals sehr belastend ist, kann Trauma ein Verstummen über bestimmte Erlebnisse zur Folge haben. Zumeist finden sich allerdings verschiedene Spuren von starken Emotionen in den Aufzeichnungen: Trauer, Scham oder auch Angst drücken sich sowohl in Worten als auch non-verbal aus. Auch das gilt es zu analysieren.

Erzählungen von (sexualisierter) Gewalt, Tod und Verlust können auch bei professionellen Interviewer·innen dazu führen, dass bestimmte Themen tabuisiert, ausgespart oder nicht vertieft werden. Auch mit diesen Auslassungen und Leerstellen müssen wir uns in der Auswertung der Interviews als Quellen auseinandersetzen.

Wie lassen sich Informationen aus Oral-History-Quellen prüfen?

Das menschliche Gedächtnis ist prinzipiell kein Steinbruch. Forscher·innen können aus den überlieferten Erinnerungen nicht einfach einzelne Informationen ohne Kontext entnehmen.

Vertrauen schenken ist dabei die Grundvoraussetzung für jedes Erinnerungsinterview. Die Befragten bezeugen mit ihren Erzählungen die von ihnen erlebten und interpretierten historischen Ereignisse. Allerdings besteht Oral-History-Forschung aus mehr als nur den Befragungen von Zeug·innen. Die in Interviews benannten historischen Daten, Orte, Namen etc. müssen mit anderen Quellen abgeglichen werden. Das schmälert nicht das Vertrauen in die Befragten, sondern nimmt die Bedeutung ihrer Erzählungen als historische Quellen ernst.

Eine Quellenkritik bezieht immer alle zur Verfügung stehenden historischen Überlieferungen ein. Dies betrifft nicht nur Oral History, sondern prinzipiell alle Quellengattungen. Auch Informationen in schriftlich überlieferten, offiziellen Dokumenten aus Archiven sind nicht frei von Lücken, Fehlern oder ideologisierten Darstellungen.

Kann man die Biographie einer Person ausschließlich auf deren eigene Erinnerungen stützen?

Egodokumente sind immer persönliche Berichte und gleichzeitig gibt es in nahezu jedem Fall wenigstens ein paar wenige andere Quellen, die herangezogen werden können, um biographische Angaben zu einer bestimmten Person zu ermitteln. Dazu gehören etwa offizielle Dokumente wie Geburts-, Ehe- oder Sterbeurkunden, Haftverzeichnisse, militärische Unterlagen oder ähnliches. Falls keine anderen Überlieferungen zum Leben einer Person vorliegen, sind wir wieder bei der Frage des Vertrauens und bei der Spezifik der Quellen. Wir müssen die biographischen Angaben dann als individuelle Interpretation des eigenen Lebens ernst nehmen. Als solche Selbstzeugnisse können wir sie verwenden und sollten zugleich stets auf den Kontext der Entstehungsgeschichte und Überlieferung hinweisen.

Auch hier ist es wieder wichtig darüber zu reflektieren, welche Quellengattungen wir für welches Wissen gebrauchen können und welche Besonderheiten spezifische Egodokumente haben. Mündliche Erzählungen und Interviews folgen Konversationslogiken mit einem direkten Gegenüber. Schriftlich verfasste Egodokumente wie private Tagebücher sind zumeist gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie geben insbesondere Einblicke in innere Monologe der Verfasser·innen. Veröffentlichte Memoiren haben hingegen das Ziel, bedeutsame persönliche Erlebnisse (schriftlich) an die Nachwelt zu vermitteln.

Beachten müssen wir zusätzlich, ob diese Aufzeichnungen während des Krieges oder danach entstanden sind, da die veränderten historischen Umstände bereits einen erheblichen Einfluss auf die Deutung der Vergangenheit und demnach auch auf die Berichte haben können. Die Deutung historischer Ereignisse ist kontextgebunden und durch zeitlichen Abstand können sich Interpretationen und Darstellungsweisen verändern. Als Beispiel: Die Wahrnehmung von alliierten Bombenangriffen wurde während des Zweiten Weltkrieges als grausamer Schrecken oder als Zeichen des nahen Kriegsendes interpretiert. In der Nachkriegszeit verschoben sich dann wiederum Sagbarkeitsdiskurse, je nach politischem Regime und Gruppenzugehörigkeiten.

In welchem Ausmaß verändern sich Erinnerungen im Verlauf der Zeit?

Das Gedächtnis ist zwar ständig im Fluss und nicht statisch, doch insbesondere die Erinnerungen an Extremerfahrungen sind äußerst stabil. In meiner eigenen Forschung habe ich Mehrfachbefragungen von Holocaust-Überlebenden über einen Zeitraum von bis zu 60 Jahren untersucht. Es ließen sich deutliche Erzählmuster erkennen, teilweise wurden bestimmte Erinnerungen fast wortwörtlich widerholt. Dies ist insbesondere auf die traumatischen Erfahrungen als NS-Verfolgte zurückzuführen.

Hinzu kommt, dass sich Erinnerung und Erzählung gegenseitig beeinflussen und insbesondere das Wiedererzählen der eigenen Lebensgeschichte eine eingeübte kulturelle Praxis ist. Veränderungen finden weniger bei den Inhalten des Gedächtnisses als bei der Re-Interpretation der eigenen Vergangenheit statt. Diese Veränderungen sind demnach kein Manko von Oral History und auch keine Fehler in der Gedächtnisbildung: Wir müssen sie erkennen und interpretieren, warum sich bestimmte Deutungen der eigenen Vergangenheit verändert haben.

Welchen Einfluss haben spätere Kulturprodukte oder staatliche Propaganda auf die Erinnerungen?

Bereits die Wahrnehmung und Deutung unserer Gegenwart ist beeinflusst durch unser Sozialleben, diverse Kulturprodukte, Ideologien und vieles mehr. Das menschliche Gedächtnis ist kein Speicher, der aus von der Gesellschaft isolierten persönlichen Erinnerungen bestehen würde.

Gleichzeitig bildet die Erfahrung den Kern der Gedächtnisbildung und insbesondere extreme Erfahrungen von Gewalt, Krieg und Massenmord werden als besonders bedeutsame Ereignisse langfristig und intensiv erinnert. Für die Oral-History-Forschung ist es von besonderem Interesse zu analysieren, wie und warum persönliche Erfahrungen von kulturellen Erzählungen beeinflusst werden. Denn das individuelle Gedächtnis ist untrennbar mit dem sozialen oder kollektiven Gedächtnis verbunden.

Es gibt Fälle, in denen Personen fiktive Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, alliierte Bombenangriffe und selbst erfundene Lagererfahrungen überliefert haben. Diese sind der Forschung hinreichend bekannt. Die Forschung hat verschiedene Thesen zu den Gründen dieser Erzählungen, die entweder in Details verfälscht oder in Gänze erfunden wurden. Der Spanier Enric Marc etwa hatte sich über Jahrzehnte als Widerstandskämpfer und KZ-Überlebender inszeniert. Der Autor Javier Cercas hat ein ganzes Buch über diesen „falschen Überlebenden“ geschrieben. Vielfach handelt es sich um das Bedürfnis, als Zeitzeug·in mit moralischer Autorität über die Deutung von historischen Ereignissen gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Allerdings bilden diese spektakulären Fälle von falschen Erinnerungen eher die Ausnahme.

Kann Oral History überhaupt „objektive Realität“ rekonstruieren?

Mithilfe von Egodokumenten wie Oral-History-Interviews erlangen wir wertvolle Einblicke in die Interpretation der selbst erlebten Vergangenheit einer Person in der Gegenwart der jeweiligen Aufzeichnung. Dies hilft uns besser zu begreifen, wie historische Erfahrungen interpretiert worden sind. Ein direkter Zugriff auf historische Ereignisse ist hingegen nicht möglich. Unsere Sicht auf die Vergangenheit ist immer durch diverse Medien vermittelt, seien es schriftliche Quellen oder mündliche Erzählungen.

Mein Verständnis von kritischer Geschichtswissenschaft ist die multiperspektivische Rekonstruktion von Vergangenheiten und deren Deutung in der Gegenwart. Gleichzeitig sollten wir versuchen nachzuvollziehen, wie Weltbilder und Ideologien sowohl die Realitäten der gelebten Vergangenheiten als auch deren Erinnerungen prägen.

Bringt KI einen Durchbruch in Oral-History-Studien? 

Die Aufzeichnung und Auswertung von mündlich überlieferter Geschichte basiert immer noch auf der Arbeit von Menschen. Das soziale Interagieren bei den persönlichen Treffen, spontane Interaktionen und wissenschaftlich fundierte Fragen sowie die präzise Auswertung können nicht von einer KI ersetzt werden.

Allerdings können mittels computergestützter Technologien tatsächlich bestimmte Arbeitsschritte erleichtert werden: das Erstellen von Transkripten der mündlichen Rede etwa oder auch die Verschlagwortung dieser Transkripte. Dies ermöglicht es Forscher·innen, insbesondere bei großen Mengen an Ton- und Videoaufzeichnungen zu spezifischen Themen zu recherchieren und auch ein größeres Korpus an Interviews miteinander zu vergleichen. Bei der Analyse größerer Quellenbestände könnte KI demnach ein nützliches Hilfsmittel sein. Zu Bedenken gibt es allerdings, dass es sich um sensible persönliche Erzählungen handelt und die Analyse dieser hochkomplexen Egodokumente demnach auch weiterhin der menschlichen Vernunft und einem ethisch angemessenen Umgang mit ihnen bedarf.

Neuere Technologien wie beispielsweise die 3D-Hologramme von Holocaustüberlebenden basieren auf Algorithmen und sollen eine Interaktion mit bereits verstorbenen Zeug·innen simulieren. Diese technischen Spielereien bieten der Oral-History-Forschung allerdings kaum einen Mehrwert an historischer Erkenntnis.


Text: Dr. Daniel Schuch
Redaktion: Dmitry Kartsev und Peggy Lohse
Veröffentlicht am 26. März 2026

„Der Krieg und seine Opfer“ und „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“ sind Projekte von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg.

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