Der Donbas vorm Zweiten Weltkrieg
- 1. Was versteht man unter Donbas?
- 2. Was erwartet die deutschen Besatzer im Donbas?
- 3. Wer lebt ursprünglich im Donbas?
- 4. Wie verändert die Industrialisierung den Donbas?
- 5. Wie entwickelt sich die Gesellschaft im Donbas vor der Revolution?
- 6. Was verändert die Machtübernahme durch die Bolschewiki im Donbas?
- 7. Welche Rolle spielen kommunistische Ideologie und Stalinsche Repressionen im Donbas vor dem Zweiten Weltkrieg?
Was ist der Donbas überhaupt? Wie hat sich die Region historisch entwickelt? Wer lebte im Donbas vor dem Zweiten Weltkrieg und was haben die deutschen Besatzer vorgefunden?
1. Was versteht man unter Donbas?
Heute versteht man unter Donbas zumeist die Schwerindustrieregion in den ukrainischen Oblasten Luhansk und Donezk. Der Begriff Donbas ist eine Abkürzung von DONezky wuhilny BASsein (dt. Donezker Kohlebecken), also ein Kohlerevier entlang des Flusses Donez (heute: Siwersky Donéz). Der fließt von seiner Quelle in der russischen Oblast Belgorod durch die ukrainischen Oblaste Charkiw, Donezk und Luhansk bis in den Don (in Südrussland). Geografisch umfasst das Donezker Kohlebecken in der Ukraine den nördlichen und mittleren Teil der Oblast Donezk, den Süden der Oblast Luhansk sowie den Osten der Oblast Dnipropetrowsk. In Russland – den westlichen Teil der Oblast Rostow.
Im Donbas sind Bergwerke, Eisen- und Stahlindustrie sowie Maschinenbau- und Chemiewerke angesiedelt. Neben Steinkohle und Eisenerz werden hier auch Salz, Grafit, Dolomit, Gips und Kaolin abgebaut. In Luhansk war bis 2016 eine der größten Lokomotiv-Fabriken Europas in Betrieb. In Bachmut befand sich in einem ehemaligen Gipsbergwerk seit 1950 eine Sekt-Produktion.
In Westeuropa und Deutschland war der Donbas lange Zeit den wenigsten Menschen ein Begriff – dies änderte sich erst 2014 durch den Krieg im Osten der Ukraine Ukraine. Die gesellschaftliche Zugehörigkeit und politische Identität des „ukrainischen Ruhrgebiets“ wird aber weiter fast nur unter einer Fragestellung verhandelt: Gehört der Donbas als „Grenzland“ zur Ukraine oder zu Russland?
Blick auf die Abraumhalden und die Übertageanlagen des Bergwerks „Schachtarska-Hlyboka“. Im Hintergrund: Schornstein und Kühlturm des Heizkraftwerks. Schachtarsk, Oblast Donezk, Ukraine. 2010 / Foto © Arthur Bondar Blick auf das Gelände und eines der Übertagegebäude des Bergwerks „Schachtarska-Hlyboka“. Schachtarsk, Oblast Donezk, Ukraine. 2010 / Foto © Arthur Bondar Bergleute bei der Kohleförderung im Bergwerk „Schachtarska-Hlyboka“ in mehr als 1.500 Metern Tiefe. Schachtarsk, Oblast Donezk, Ukraine. 2010 / Foto © Arthur Bondar
2. Was erwartet die deutschen Besatzer im Donbas?
Ab den 1920er Jahre wird der Donbas in der sowjetischen Propaganda stark stilisiert. Er wird als „Herz Russlands“, „Rauch der Industrieschornsteine“ und „Atem Sowjetrusslands“ bezeichnet. Wladimir Lenin verkündete schon 1922 auf dem XI. Parteitag: „Das Donezbecken ist keine Region wie jede andere, sondern die Region, ohne die der sozialistische Aufbau nur ein frommer Wunsch bleibt.“
Die Bergarbeiter-Bewegung wird hier begründet. Olexij Stachanow arbeitet in einem Bergwerk in der Oblast Luhansk, stellt im Sommer 1935 seinen Leistungsrekord auf und wird zum sowjetischen Vorzeigearbeiter. Der Dokumentarfilm „Enthusiasmus. Die Donbass-Sinfonie“ (1930) von Dziga Wertow verherrlicht die Arbeit im Donbas.
Tatsächlich trägt die Wirtschaftsleistung des Donbas einen entscheidenden Anteil zur sowjetischen Industrialisierung bei: 1924 wird hier 80 Prozent der sowjetischen Kohle gefördert. Das Deutsche Reich besitzt mit dem Ruhrgebiet und Oberschlesien auch zwei bedeutende Kohlefördergebiete. Beim Erdöl hingegen ist die NS-Führung in den 1930er Jahren auf die Sowjetunion als Hauptlieferanten angewiesen. Hitlers Fokus hinsichtlich der sowjetischen Bodenschätze liegt entsprechend auf dem Kaukasus und den Erdölfeldern bei Baku (Aserbaidschan) am Kaspischen Meer.
Der Donbas ist wiederum eine hochindustrialisierte Region, die jedoch auch mit Standort-Nachteilen wie vergleichsweise geringer Flözstärke und Dichte der Kohle sowie den Folgen von Zerstörung und nicht nachhaltiger Wirtschaftspolitik zu kämpfen hat. Die deutschen Besatzer erwarten hier eine kommunistische Hochburg, doch für die kommunistischen Machthaber hatte sich die Situation deutlich unklarer entwickelt.
Propaganda-Plakat „Donbass – das Herz Russlands“, 1921 / Bild © gemeinfrei / The New York Public Library Digital Collections Olexij Stachanow (rechts) mit einem Bergarbeiter, 1930er Jahre / Foto © gemeinfrei / Library of Congress Denkmal „Genosse Artjom“ (Fjodor Sergejew) in Bachmut – einem der führenden Revolutionären und Bolschewik im Donbas. Das Denkmal wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört / Szene aus dem Film „Enthusiasmus – Donbas Sinfonie“ von Dsiga Wertow (1931) © gemeinfrei / Wikimedia Das Metallwerk in Stalino (Donezk), ca. 1942 / Foto: unbekannter Fotograf / dekoder.org
3. Wer lebt ursprünglich im Donbas?
Der Donbas ist eine heterogene und widersprüchliche Region. Von manchen wird sie als dyke pole (dt. wildes Feld) bezeichnet. Dennoch war diese Steppenlandschaft nie menschenleer. Bei Ausgrabungen fanden sich Siedlungsspuren aus der Altsteinzeit; hier lebten Skythen, Sarmaten, Slawen, Tataren und Kosaken.
Die Entdeckung von Kohlevorkommen bestimmt dann die Entwicklung der Region. Begünstigt durch die Eisenbahnanbindung an die Eisenerzförderung in Krywyj Rih (Oblast Dnipropetrowsk) blüht der Donbas industriell auf. Der erste Industrialisierungsschub findet in den 1870er bis 1890er Jahren statt, der zweite in den 1930er Jahren unter Stalin.
Damit verändert sich die Bevölkerungsstruktur des Donbas ab Ende des 19. Jahrhunderts. Die für den Kohleabbau benötigten Arbeitskräfte werden aus dem Ausland rekrutiert bzw. teils saisonal beispielsweise aus Charkiw, Jekaterinoslaw (heute: Dnipro) und anderen Teilen des Russischen Reichs angeworben.
Der Donbas ist divers
Der Donbas ist eine multiethnische Gesellschaft: Ukrainer stellen die Mehrheit, Russen sind eine große Minderheit. Hinzu kommen Juden, Deutsche, Griechen und Tataren, insbesondere in Mariupol und der umgebenden Schwarzmeerregion.
In Jusiwka (russisch: Jusowka, heute: Donezk) sieht es anders aus: Russen stellen hier schon früh die Mehrheit, die jüdische Gemeinde ist bis Mitte der 1920er Jahre fast genauso groß wie die ukrainische Bevölkerungsgruppe. Laut einer Zählung vom Juli 1917 leben hier auch über 2000 Polen, 1400 Belarussen, 400 Armenier, etwa 300 Litauer und 100 Roma.
Jusiwka zählte beim letzten Zensus des Zarenreichs 1897 noch 28.067 Einwohner. 1917, zwei Jahrzehnte später, ist die Stadt bereits doppelt so groß, aber noch nicht die größte Stadt im Donbas. Erst 1932 wird sie als Stalino zur Hauptstadt der Oblast, zuvor war das Bachmut. 1939 hat Stalino 462.000 Einwohner. Diese rasante Bevölkerungsentwicklung von nur 200 Menschen 1871 auf fast eine halbe Million vor dem Krieg ist im Donbas einmalig.
Industrie formt Bevölkerung
Die wachsenden Städte des Donbas bestehen nun vor allem aus „Neuankömmlingen“. Schon Ende der 1920er Jahre sind nur noch 16 Prozent der Stadtbevölkerung in der Region geboren. Zwischen 1920 und 1939 verdreifacht sich die Bevölkerungszahl des Donbas.
Dabei sinkt in den 1930er Jahren der Anteil der ethnischen Russen an der Stadtbevölkerung im Donbas, der Anteil der ethnischen Ukrainer steigt. Die ukrainischen Neuankömmlinge kommen aus der Region oder anderen Teilen der Ukraine: Manche wurden vom Volkskommissariat für Arbeit (Narkomtrud) angeworben, manche Bauern erhofften sich angesichts der sowjetischen Zwangskollektivierung auf dem Land eine bessere Zukunft in der Industrie oder versuchten, als verfolgte „Kulaken“ eine anonyme Zuflucht zu finden.
Für den Wiederaufbau der Bergwerke nach dem Bürgerkrieg werden auch Häftlinge eingesetzt, darunter viele Kosaken, die im Bürgerkrieg gegen die Rote Armee gekämpft hatten. In größeren Städten und Bergwerken sind auch Ausländer im Donbas, bis Stalin in seinem Großen Terror in den 1930er Jahren deren Verhaftung, Ausweisung oder Tötung anordnet.
Die ersten Gebäude der Siedlung Jusiwka (Donezk), 1872 / Foto: unbekannter Fotograf © gemeinfrei / Museum des metallurgischen Werks in Donezk / Wikimedia Blick auf die Siedlung Jusiwka mit Baracken der Arbeiter, aufgenommen von der Halde des Schachts „Zentralnaja“, 1890er Jahre / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia Bergarbeiter bei der Kohleförderung im Bergwerk N8 in der Siedlung Wetka nördlich von Jusiwka (Donezk), 1900er Jahre / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia Lampenwärter im Bergwerk „Butowka“ nördlich von Jusiwka (Donezk) vor 1917 / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia Die Synagoge und die jüdische Schule in Jusowka (Donezk), ca. 1900 / Foto: Postkarte, unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia
4. Wie verändert die Industrialisierung den Donbas?
Die Industrialisierung des Donbas wurde stark von Ausländern vorangetrieben. Der bekannteste ist der Waliser John Hughes, der 1870 die nach ihm benannte Siedlung Jusiwka, das spätere Stalino und heutige Donezk, gründete. Der Donbas war ab Mitte der 1870er Jahre der größte Bergbau-Standort im Russischen Reich. 1913 sind etwa 1.200 Minen in der Region im Betrieb, die 25,3 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr produzieren.
Standortvorteile wie die gute Bahnanbindung sowie relativ kurze Transportwege zur Verarbeitung für Handel und Export gleichen die teils niedrige Flözstärke sowie die im Vergleich zur Kohle aus dem westsibirischen Kusbass geringere Qualität der im Donbas abgebauten Kohle aus. Die Mechanisierung ist jedoch nur in manchen Arbeitsschritten des Kohleabbaus vorangeschritten und beispielhaft für seine Zeit: Viele Tätigkeiten wie das Beladen der Eisenbahnwaggonswerden noch bis Beginn des Zweiten Weltkriegs per Hand erledigt.
Die Lebensbedingungen für die Bergleute indes sind prekär: Die harte körperliche Arbeit geht mit einem hohen Verletzungsrisiko und Folgeschäden einher. Die Unterbringung in Erdhütten, das Fehlen bzw. in Jusiwka die Überlastung von öffentlichen Bädern sowie die mangelnde Versorgung mit Trinkwasser führen zur Verbreitung von Krankheiten wie Typhus und Cholera. In den Bergwerken ereignen sich oft Unfälle wie unterirdische Methanexplosionen: Die größte Katastrophe dieser Art passiert 1908 im Schacht 4/4-bis in Jusiwka (Donezk); mehr als 270 Bergarbeiter sterben. Hinzu kommen die für eine Bergbau- und Industrieregion typische Luftverschmutzung sowie unzuverlässige Lohnauszahlungen.
1917 werden im Donbas 87 Prozent der Kohle, 70 Prozent des Roheisens, 57 Prozent des Stahls, mehr als 90 Prozent des Koks und mehr als 60 Prozent von Soda und Quecksilber des Russischen Reichs produziert. Der Einbruch der russisch-zaristischen Wirtschaft durch den Ersten Weltkrieg trifft den Donbas und seine Wirtschaft hart.
John James Hughes (zweiter von rechts in der vorderen Reihe) mit englischen Arbeitern und Ingenieuren in Jusiwka (Donezk), 1889 / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia Arbeiter im metallurgischen Werk in Jusiwka, 1900er Jahre / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia Koksofenanlagen des metallurgischen Werks in Jusiwka, 1900er Jahre / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia Beerdigung von verungkückten Bergarbeitern des Bergwerks Rykowski östlich von Jusiwka / Foto: ungenannter Fotograf, aus der Zeitschrift „Niwa“, 31, 1908 / gemeinfrei / Wikimedia
5. Wie entwickelt sich die Gesellschaft im Donbas vor der Revolution?
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Donbas ein Zufluchtsort und eine rechtsfreie Zone. Kapitalismus und Feudalismus mischen sich. Körperstrafen werden gegenüber den Bauern-Arbeitern selbst noch nach dem Verbot 1904 eingesetzt. Donezk-Gründer Hughes unterbindet bei Bedarf den Verkauf von Eisenbahntickets an seine angestellten Arbeiter.
Der Donbas wurde aus Moskau imperial regiert. Ob der Donbas russisch „kolonisiert“ wurde, hängt von der Definition des Begriffs ab und ist derzeit eine immanent politische Diskussion. Unbestreitbar ist, dass die Mehrzahl der Arbeiter im Donbas, egal ob Ukrainer, Russe, Jude oder Deutsche, ausgebeutet wurden.
So kam es im späten Zarenreich auch im Donbas zu sozialen und ethnischen Spannungen. Der Staatschreitet nicht gegenanti-tatarische Gewalt ein. Der russisch-ukrainische Antagonismus bestimmt den Alltag indes eher unterschwellig, wenngleich auch eine Assimilation der ukrainischen Arbeiter in den Städten zu bemerken ist. 1905 finden im Donbas erste antijüdische Pogrome statt: Bei einem der größten in Jusiwka, mit mindestens 12 Toten, wird auch geplündert und die Synagoge zerstört.
Hierarchien und Bildungsmangel
Die hohe Fluktuation und hierarchische Gruppenbildung der Arbeiterschaft in Einheimische und Zugezogene, die teilweise nicht einmal dieselbe Sprache sprechen, und privilegierte Ausländer verhindert Solidarität und das Entstehen einer organisierten Arbeiterbewegung.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs gibt es nur in Luhansk und Sulin (im russischen Teil des Donbas) eine Metallarbeitergewerkschaft. Statt in den Arbeitskampf zu treten, fliehen die Bergarbeiter eher in Massen zurück in die Dörfer oder ziehen weiter. Zwar kommt es immer wieder zu Ausbrüchen von Gewalt, in der Zeit der ersten russischen Revolution 1905 werden auch Streiks und Aufstände organisiert. Die Bereitschaft zur Selbstorganisation ist aber im Vergleich zu anderen Industrieregionen geringer.
Das mag auch an dem niedrigen Bildungsniveau liegen: Nur ein Bruchteil der Bevölkerung konnte lesen und schreiben. Zur Zarenzeit gab es in Jusiwka nur konfessionelle Schulen (beispielsweise mennonitische und jüdische) oder kostenpflichtige, von Ausländern betriebene Privatschulen. Auch weiterführende Schulen waren Mangelware: 1916 gab es nur zwei private Gymnasien mit jüdischen und christlichen Schülern. Auch die Arbeits- und Lebensbedingungen für die Bergarbeiter bleiben bis 1917 noch schlechter als die der Fabrikarbeiter. So reagieren die häufig jungen Bergarbeiter auf ökonomische und politische Veränderungen schneller und oft radikaler.
Politische Umbrüche
Die politische Parteienlandschaft ist im linken Spektrum zerklüftet: Die Menschewiki sind teils stärker als die Bolschewiki. Die kommunistische Partei hat im Donbas Mitte 1919 nur knapp 3.200 Mitglieder. Das Führungspersonal stammt teils aus dem sowjetischen Machtzentrum, teils sind es Berufsrevolutionäre. Einer der wichtigsten Figuren, Fjodor Sergejew (Kampfname: Artjom), wurde beispielsweise im Gebiet Kursk geboren.
Der Erste Weltkrieg, die Februar– und dann die Oktoberrevolution 1917 verändern die politische Situation grundlegend: Die ukrainische Zentralrada in Kyjiw ruft im Januar 1918 die staatliche Unabhängigkeit aus. Der Norden des Donbas ist von Frühjahr 1918 bis November 1918 von deutschen Truppen, der Süden, einschließlich Jusiwka, von österreichischen Truppen besetzt.
Im Bürgerkrieg kämpfen mehrere politische Gruppen um die Vorherrschaft in diesem Gebiet:
- die „Weißen“, die von November 1918 bis Dezember 1919 Jusiwka besetzen,
- die „Roten“, die im April 1919 für drei Tage die Stadt erobern können und mit Budjonnijs Reiterarmee die Stadt schließlich am 31.12.1919 einnehmen,
- sowie die „Grünen“ unter dem Anarchisten Nestor Machno.
Auf die kurzlebige Sowjetrepublik Donezk–Krywy Rih von Februar-April 1918 folgt die ebenfalls kurzlebige Don-Republik (1918-1920), die unter Führung des Kosaken-Heerführer (Ataman) Pjotr Krasnow errichtet wird. Im Donbas wird bis Januar 1921 gekämpft, um Jusiwka endet im Herbst 1920 die letzte große Schlacht.
Marktplatz in Jusiwka (Donezk), 1900er Jahre / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Museum des metallurgischen Werks in Donezk / Wikimedia Zentralstraße in Jusiwka (Donezk), 1900er Jahre / Foto: Postkarte / gemeinfrei / Wikimedia Propagandaplakat aus der Zeit des Bürgerkrieges „Die Donezker Kohle muss uns gehören. Ohne Kohle stehen die Fabriken still, ohne Kohle bleiben die Züge stehen. Solange der Don nicht unser ist, werden wir hungern“ / Bild © gemeinfrei / Wikimedia
6. Was verändert die Machtübernahme durch die Bolschewiki im Donbas?
Unmittelbar nach dem Bürgerkrieg kommt die Region noch nicht zur Ruhe. Hunderte kommunistische Aktivisten, die Lebensmittel und Getreide für die Rote Armee und den sowjetischen Staat requirieren, werden hier getötet; hochrangige Bolschewiki fallen Attentaten zum Opfer. Die Erwartungen der Arbeiterschaft an eine Änderung der sozialen Ordnung nach der Revolution werden enttäuscht. Verzögerte Lohnauszahlungen führen zu einer Streikwelle der Bergarbeiter, die im Frühjahr und Sommer 1922 ihren Höhepunkt erreicht.
Mit der Gründung der Sowjetunion wird der Donbas Teil der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. 1924 wird der östliche Teil des Donezbeckens von der Ukrainischen SSR getrennt und an die Russische SFSR angegliedert. Die Idee stammt dabei nicht aus Moskau, sondern vom regionalen Parteisekretär Nikolaj Eismont. Als Argumente werden von dem Gosplan–Wirtschaftsexperten Wasilij Chronin die Russischsprachigkeit der hiesigen Großstädte und wirtschaftliche Vorteile, speziell auch für den Nordkaukasus-Kraj, angeführt. Damit setzen sie sich gegen den Protest der ukrainischen Kommunisten durch, die darauf bestanden, dass die Dörfer in der Region doch mehrheitlich ukrainisch besiedelt waren.
In den 1920er Jahren ist der Donbas viel stärker urbanisiert als andere ukrainische Regionen. Doch die Produktion erreicht erst 1927/28 wieder Vorkriegsniveau. Nachdem in den 1920er Jahren technische Verbesserungen die Zahl schwerer Arbeitsunfälle verringerten, steigen sie durch die Ausbreitung der Stachanow-Bewegung ab Mitte der 1930er Jahre, die ständig unrealistischen Leistungsrekorden nachjagte, wieder an.
Trotz der Verstädterung werden dörfliche Traditionen wie die Bebauung eines eigenen Stückchen Lands zur Selbstversorgung insbesondere von den Bergleuten bewahrt. Die Herausbildung einer urbanen Kultur wird zum einen durch die saisonale Mobilität der Arbeiter erschwert, zum anderen fehlen bis in die 1930er Jahre entsprechende Institutionen. Während britische Arbeiter ihre Freizeit auf Tennisplätzen und in tea rooms verbringen, spielen die einheimischen Bergarbeiter Karten, trinken und unterhalten sich u.a. mit Prügeleien.
Stalino (1924 umbenannt, vorher Jusiwka (rus.: Jusowka), ab 1961 Donezk) bleibt lange Zeit eine „Stadt im Dorf“. Innerhalb weniger Jahre entstehen hier auch Kultureinrichtungen: Ein festes Theaterensemble gibt es ab 1928, die Oper wird am 12. April 1941 eröffnet.
Technische Bildung für Bergarbeiter
Im Sommer 1917 gehen nur 56 Prozent der Kinder aus Jusiwka in die Schule. Im Zuge der sowjetischen Bildungskampagne in den 1920er Jahren werden allgemeine, kostenlose Bildungseinrichtungen eingerichtet. Die allgemeine Schulpflicht folgt erst 1930.
Die sowjetische Ausbildung ist technisch orientiert und soll Führungskräfte für die Schwerindustrie hervorbringen. Bildungszentrum ist Jusiwka, wo 1921 ein Bergbau-Institut eröffnet wird. Im Jahre 1934 sind hier in Stalino bereits 1.500 Studenten eingeschrieben.
Die Arbeiter werden an sogenannten rabfaky (Arbeiterfakultäten) auf das Studium vorbereitet. Zu ihnen gehört auch Nikita Chruschtschow, der an der Arbeiterfakultät in Jusiwka studierte und im Bergbau arbeitete.
Stadtverkehr für die Industrie
Die Infrastruktur wird nur langsam ausgebaut: Zwar gab es schon frühzeitig einen Bahnhof und Anbindung an das expandierende Schienennetz des damaligen Russischen Reichs. In der Stadt bleibt die Fortbewegung aber beschwerlich. Die erste Straßenbahnlinie wird 1928 eröffnet und verbindet das Stadtzentrum mit dem Bahnhof. Der öffentliche Nahverkehr nimmt erst ein Jahrzehnt später eine rasante Entwicklung: 1941 gibt es dann schon 12 Tramlinien. Trolleybusse verkehren ab dem Jahreswechsel 1939/1940. Doch die städtische Infrastruktur orientiert sich weiter vorrangig an den Bedürfnissen der Industrie.
Förderanlage eines Bergwerks in Bachmut mit dem Roten Stern / Szene aus dem Film „Enthusiasmus – Donbas Sinfonie“ von Dsiga Wertow (1931) © gemeinfrei / Wikimedia Propagandaplakat „Donezker Bergleute! Früher habt ihr Russland mit Kohle versorgt. Rechtfertigt im Jahr 1921 die Hoffnungen der Arbeiter und Bauern!!“, 1921 / Bild © gemeinfrei / The New York Public Library Digital Collections
7. Welche Rolle spielen kommunistische Ideologie und Stalinsche Repressionen im Donbas vor dem Zweiten Weltkrieg?
Die Ukrainisierungspolitik in den 1920er Jahren betrifft auch den Donbas. Dafür werden ukrainischsprachige Lehrer für Schulen aus anderen Regionen geworben. Im Schuljahr 1929/30 besuchen in Stalino von 2.340 ukrainischen Kindern jedoch nur 193 eine ukrainischsprachige Schule.
Schauprozesse gegen Bergleute
1928 findet in Moskau der erste öffentliche Schauprozess, der sogenannte Schachty-Prozess, statt. Er behandelt vermeintliche Verbrechen in den Industriebetrieben im Donbas: Den Angeklagten wird Sabotage und Spionage vorgeworfen, Zeugen berichten von Misshandlungen. In Folge dieses Verfahrens wird in den darauffolgenden drei Jahren die Hälfte der im Donbas eingesetzten Ingenieure und technischen Kader verhaftet. Diese Anti-Spezialisten-Kampagne trifft insbesondere das mittlere und untere Bergbaumanagement. In den Jahren des Großen Terrors 1936-38 dann auch die Spitze des Kohlebergbaus, die komplett ausgetauscht wird. Durch den Produktivitätsdruck der Fünfjahrespläne leidet die Arbeitssicherheit. Für die sich häufenden Arbeitsunfälle werden vermeintlich Schuldige teils direkt vor Ort bestraft.
Die technische Intelligenz versucht daraufhin, die Arbeitsstelle zu wechseln. Den Bergbau-Fakultäten fehlen zunehmend Bewerber. Und Arbeiter, die bereits im Bergbau tätig sind, wollen sich nicht weiterqualifizieren oder gar Leitungspositionen übernehmen. Techniker und Ingenieure, die bleiben, sind nun teilweise so risikoavers, dass sie gefährliche Gerätschaften abmontieren – was zu Lasten der Produktivität geht.
Verfolgung von Religionsgemeinschaften
Die Repressionen treffen auch religiöse Gemeinden: Als Angehörige der deutschen Minderheit 1929 einen letzten massenhaften Ausreiseversuch starten, sind auch Mennoniten aus Memrik, einer kleinen Kolonie 35 Kilometer nordwestlich von Stalino, dabei.
Während der Entkulakisierung und Zwangskollektivierung Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre fliehen viele repressierte und vulnerable Gruppen in den Donbas in der Hoffnung auf Arbeit, Unterkunft und Versorgung. Der Donbas ist weniger stark von der Hungersnot 1932–33, dem Holodomor, betroffen als anderen ukrainische Regionen. War die Region 1921/22 (mit Ausnahme von Jusiwka) noch stark von Missernten betroffen, profitiert sie nun von der staatlichen Versorgungshierarchie. Seit 1930/31 besitzt der Donbas einen Sonderstatus – ebenso wie die „Hauptstädte“ Moskau und Leningrad bzw. andere wichtige Rüstungsindustrie- und Rohstoffzentren wie Baku. Das bedeutet, dass die Versorgung der Region vollständig aus zentralen Lebensmittelbeständen gedeckt wird. Zusätzlich wird der Donbas durch Agrarprodukte aus dem Nordkaukasus unterstützt.
Dennoch verhungern auch im Donbas, konkret den Oblasten Donezk und Luhansk, mindestens 40–50.000 Menschen. Manche Schätzungen gehen gar von bis zu viermal höheren Opferzahlen aus. Die Landbevölkerung im Donbas hat jedoch höhere Überlebenschancen als in der restlichen Sowjetukraine, denn das Stadt-Land-Gefälle ist geringer.
Zunehmende Staatskontrolle
Der sowjetische Staat versucht, durch die Einführung eines (Inlands-) Passsystems im Dezember 1932 die Kontrolle auszuweiten. Diese Pässe dokumentieren das Aufenthaltsrecht in den Städten, Bauern erhalten keine Pässe. In Stalino erhalten über 10.000 Antragsteller keinen Pass. Auch die regionale Kommunistische Partei wird in Folge gesäubert, wodurch sich ihre Mitgliederzahl in der ersten Hälfte der 1930er Jahre (zwischen 1933 und 1936) halbiert.
Die Anwesenheit von Ausländern in der Region, von denen etwa die Hälfte aus Deutschland stammte, führte zu einer Berichterstattung über die Hungersnot in den ausländischen Medien. Doch das erweist sich als nachteilig für die lokale Bevölkerung: Bereits im Februar 1937 meldet das NKWD die vermeintliche Enttarnung eines konterrevolutionären Untergrunds im Donbas, der mehrheitlich aus Reichsdeutschen bestehen soll.
Mehr Repressionen als anderswo in der Sowjetukraine
Der Donbas ist von den stalinistischen Repressionen der Jahre 1937-38 stärker betroffen als andere Regionen der Sowjetukraine. Mindestens 37.146 Personen werden im Donbas verhaftet. Der Große Terror fordert schätzungsweise allein in der Oblast Donezk 20.000 Menschenleben, für knapp die Hälfte liegen Todesurteile vor. Für den gesamten ukrainischen Donbas gehen Schätzungen von 50.000 Todesurteilen aus.
Die Repressionen treffen besonders stark die deutsche und nochmals härter die polnische Minderheit im Donbas, wo sie im Vergleich zu anderen Regionen in kleinerer Zahl leben und arbeiten. Auch die kommunistische Parteiführung fällt mehrheitlich dem Terror zum Opfer.
Zu den verantwortlichen Tätern gehört auch der spätere sowjetische Generalstaatsanwalt und Ankläger in Nürnberg, Roman Rudenko. Er ist ab August 1937 Staatsanwalt der Oblast Stalino. Die Opfer werden in Stalino wie vielerorts im NKWD-Gebäude erschossen und ihre Leichen u.a. auf dem Rutschenkowe-Feld verscharrt.
Der Abriss der Kirchenkuppel in Bachmut / Szene aus dem Film „Enthusiasmus – Donbas Sinfonie“ von Dsiga Wertow (1931) © gemeinfrei / Wikimedia Der Schachty-Prozess – OGPU-Mitarbeiter führen die Angeklagten ab, 1928 / Foto: unbekannter Fotograf © aus dem Archiv der Zeitschrift „Ogonjok“, gemeinfrei / Wikimedia Der Schachty-Prozess, 1928 / Foto: unbekannter Fotograf © auf dem Archiv der Novaya Gazeta / Wikimedia Eine enteignete „Kulaken“-Familie vor ihrem Haus im Dorf Udatschne, Oblast Stalino (Donezk), 1930er Jahre / Foto © unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia NS-Propagandafoto: Einmarsch der deutschen Truppen in Stalino (Donezk), 6. November 1941 / Foto: Arndt / dekoder.org
Zum Weiterlesen:
- Marta Studenna-Skrukwa, Ukraiński Donbas. Oblicza tożsamości regionalnej, Poznań 2014.
- Tanja Penter, Kohle für Stalin und Hitler. Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953, Essen 2010.
- Hiroaki Kuromiya, Freedom and terror in the Donbas: a Ukrainian-Russian borderland, 1870s–1990s, Cambridge, New York 1998.
- Theodore H. Friedgut, Iuzovka and Revolution, Princeton 1989–1994 (2 Bde.).
Text: Dr. Jasmin Söhner
Redaktion: Dmitry Kartsev und Peggy Lohse
Bildredaktion: Arthur Bondar
Veröffentlicht am 23. Februar 2026
War Massenhunger in den besetzten Gebieten der Sowjetunion von der NS-Führung geplant? Wie setzten die Nationalsozialisten die Hungerpolitik in Donbas um? Wie viele Menschen sind vor Hunger gestorben und wer hat davon profitiert?
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