Deutsche Hungerpolitik im Donbas
- War Massenhunger in den besetzten Gebieten von der NS-Führung geplant?
- Wie wurde die deutsche Hungerpolitik in der Ukraine umgesetzt?
- Wie viele Menschen sind unter deutscher Besatzung verhungert?
- Wie sah die Lebensmittelsituation auf dem Land aus?
- Wer profitierte vom Hunger im besetzten Donbas?
- Wie erklärte die NS-Propaganda die Ursachen des Hungers im besetzten Donbas?
In Stalino (Donezk) sowie anderen Großstädten und Industriezentren der besetzten Sowjetunion setzten die deutschen Besatzer zunächst auf eine gezielte Hungerpolitik gegenüber der sowjetischen Bevölkerung. So wollte man einerseits die Versorgung der eigenen Truppen vor Ort in dem besetzten Land sichern, andererseits möglichst viele Lebensmittel ins Deutsche Reich abtransportieren. Dahinter stand eine klare politische Absicht: Die deutsche Bevölkerung sollte auch im Krieg keine Entbehrungen spüren.
War Massenhunger in den besetzten Gebieten von der NS-Führung geplant?
Der Hunger in den besetzten Teilen der Sowjetunion war keine Folge von Missernten oder Versorgungsproblemen, sondern das Ergebnis einer bewussten, unmenschlichen Politik. Diese Tatsache wurde von der Forschung eindeutig belegt. Diese Politik zielte darauf ab, jene Menschen zu vernichten, die als „nutzlose Esser“ oder als Bedrohung galten. Hermann Göring brachte es in zynischer Offenheit auf den Punkt: „Wenn gehungert wird, dann hungert nicht der Deutsche, sondern andere.“*
Mit Zustimmung Hitlers, Görings, Rosenbergs und der Wehrmachtsführung wurde der sogenannte Hungerplan zur Leitlinie der deutschen Wirtschaftspolitik in der Sowjetunion. Während die NS-Führung die Mehrheit der Deutschen mit reichlichen Rationen, Steuererleichterungen und sozialpolitischen Zugeständnissen bei Laune hielt, finanzierte sie den Krieg zu einem großen Teil aus den Kontributionen der besetzten Länder und dem geraubten Besitz der europäischen Jüdinnen und Juden. Die Menschen in den besetzten Gebieten sollten weitgehend sich selbst überlassen bleiben – ihr Hungertod war politisches Kalkül.
In der Sowjetunion wurde die deutsche Hungerpolitik mit außergewöhnlicher Brutalität gegenüber der lokalen Bevölkerung durchgesetzt – in einem Ausmaß, das in keinem anderen besetzten Land Anwendung fand. Infolge dieser Politik starben in manchen sowjetischen Städten mehr Menschen an Hunger und Unterversorgung als durch Bombardierungen oder Artilleriebeschuss.*
Die ernährungspolitischen Erwägungen der Besatzungsorgane für den Donbas fanden einen erschreckenden Ausdruck im Vorschlag eines Verbindungsoffiziers des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) beim Armeeoberkommando (AOK) 17 vom November 1941. Zur Lösung des Ernährungsproblems der geballten Bevölkerungsmassen in den Städten des Donbas gab gab es seiner Ansicht nach drei Möglichkeiten:
„I. Evakuierung der Massen auf das flache Land;
II. Hermetische Absperrung der dicht besiedelten Industriezentren, so dass eine Abwanderung auf das Land unmöglich wird;
III. Evakuierung der Industriebevölkerung aus gewissen Einzelzentren und Stadtteilen, die für Unterkunft von Truppen geeignet und für wichtige Industrien bedeutungsvoll sind, unter Berücksichtigung zu verbleibender Arbeitskräfte mit deren Familien und Einrichtung strengstens abgesperrter Stadtteile für die nicht ansatzfähige Bevölkerung in Anlehnung an den Gedanken von Konzentrationslagern im größten Stil. […] Es wird hierbei an die Großghettos in Warschau und anderen Städten gedacht.“*
Der Autor hielt die dritte Variante für die erfolgversprechendste, da im ersten Fall „der Mob der Industriestädte […] sich unkontrollierbar über die weiten Landflächen ergießen und sich über die […] Lebensmittel und Viehvorräte hermachen“ und im zweiten Fall auch „der wichtigste Teil der Bevölkerung“ – die Arbeitskräfte – „zu Grunde gehen“ würde. Abschließend regte der Autor an, nach Beendigung der Kampfhandlungen darüber nachzudenken, „die nicht benötigten Bevölkerungsmassen in das sogenannte Niemandsland abzuschieben“.*
Doch schon bald zeigte sich, dass der Hungerplan nicht umsetzbar war. Ganze Städte und Regionen ließen sich nicht einfach aushungern, und Millionen Menschen dem Tod zu überlassen, erwies sich auch für die Besatzungsorgane als praktisch unmöglich. Immer häufiger kamen aus den besetzten Gebieten Berichte, die eine Kursänderung empfahlen – jedoch weniger aus humanitären, viel mehr aus rein pragmatischen Gründen. So meldeten einige Sicherungsdivisionen im Herbst 1941 an den Befehlshaber des Heeresgebiets Süd, eine minimale Versorgung der Zivilbevölkerung sei notwendig, da sonst bei schweren Hungerunruhen mehr Sicherungskräfte gebunden würden als verfügbar waren.*
Eine entscheidende Rolle spielte zudem der wachsende Bedarf an Arbeitskräften. Als die Blitzkriegspläne gescheitert waren, brauchte die Besatzungsmacht Arbeiter·innen – sowohl vor Ort als auch für den Einsatz als Zwangsarbeiter·innen im Deutschen Reich. Damit wandelte sich die ursprüngliche Politik des allgemeinen Aushungerns zu einer gezielten „selektiven Hungerpolitik“, die sich nun vor allem gegen jene richtete, die nicht arbeiteten und als unproduktiv galten.
Zwei Soldaten der Waffen-SS vor brennendem Haus in der Nähe von Charkiw, Februar 1943 / Foto © Bundesarchiv, Bild 101III-Zschaeckel-186-36 / Zschäckel, Friedrich / CC-BY-SA 3.0 Deutsche Soldaten und ein älterer Mann mit einem Pferdebein, in der russischen Stadt Cholm (Oblast Nowgorod), Januar 1942 / Bundesarchiv, Bild 101I-004-3648-16 / Muck, Richard / CC-BY-SA 3.0 Ausgabe von Brot an gefangene Rotarmisten im Lager in Winnyzja, Juli 1941 / Foto © Bundesarchiv, Bild 146-1979-113-04 / Hübner / CC-BY-SA 3.0
Wie wurde die deutsche Hungerpolitik in der Ukraine umgesetzt?
Die deutsche Besatzungspolitik in der Ukraine war von Beginn an auf maximale Ausbeutung ausgerichtet. Dem Land wurde die Rolle einer Kolonie zugedacht, dessen Ressourcen den deutschen Kriegszielen dienen sollten. Im Mittelpunkt stand die vollständige Erfassung und Nutzung kriegswichtiger Rohstoffe und Erzeugnisse – insbesondere landwirtschaftlicher Produkte, Kohle und Erdöl. Auch die Versorgung der Wehrmacht sollte weitgehend aus den lokalen Ressourcen sichergestellt werden. Zugleich nahm die Besatzungsmacht zahlreiche Betriebe wieder in Betrieb, um den unmittelbaren Bedarf der Wehrmacht und der deutschen Rüstungsindustrie zu decken.
Der Donbas war aufgrund seiner starken Industrialisierung schon in den Vorkriegsjahren ein landwirtschaftliches Zuschussgebiet gewesen. Während des monatelangen Stellungskrieges ab Herbst/Winter 1941 hatten die deutschen Truppen die Region zudem buchstäblich „kahlgefressen“, wie es in den Lageberichten der Besatzungsbehörden hieß. Die massiven Zerstörungen der Industrieanlagen, die durch die zurückziehenden sowjetischen Behörden erfolgten, führten dazu, dass ein Großteil der Arbeiter·innen nicht nur ihre Arbeitsplätze, sondern auch die wirtschaftliche Existenzgrundlage verlor. Bei täglichen Lebensmittelzuteilungen von lediglich 325 Gramm Brot pro Kopf der arbeitenden Bevölkerung versuchten viele Zivilist·innen, aufs Land zu fliehen oder durch Tauschgeschäfte mit der Landbevölkerung an Nahrung zu gelangen.
Die gezahlten Löhne, die sich an den sowjetischen Vorkriegstarifen orientierten, standen in keinem Verhältnis zu den explodierenden Preisen auf den entstehenden Schwarzmärkten. Ende März 1942 hieß es in den Ereignismeldungen UdSSR der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD: „Das Ernährungsproblem. Aus Stalino wird berichtet, dass dieses Problem für die Bevölkerung so drückend ist, dass dadurch eine allgemeine Depression entsteht und sich hartnäckig hält. Man sieht hier mit großer Sorge in die Zukunft, umso mehr, als bis zur nächsten Ernte noch fünf Monate zu überwinden sind.“*
Im April meldete die Wirtschaftsinspektion Süd zur Lage der etwa 24.000 im Donbas beschäftigten Bergleute: „Der Ernährungszustand der Leute ist zum Teil derartig schlecht, dass sie vor Entkräftung kaum arbeiten und vielfach nur durch Zwang zum Erscheinen zur Arbeit veranlasst werden können.“* Ein kleiner Vorteil blieb den Bergarbeitern aber: Sie erhielten monatlich eine Kohlezuteilung von einer halben Tonne – ein knappes, aber überlebenswichtiges Privileg in einem ansonsten von Mangel geprägten Alltag.
Die handgezeichnete Kartenskizze illustriert großdeutsche Fantasien vom „Neuen Europa“: Der „Osten“ versorgt das Deutsche Reich mit Produkten aus Industrie und Landwirtschaft, April 1943 / Bild © Deutsches Historisches Museum, Berlin / Inv.-Nr.: Do 61/144 Das ausgebrannte Zentralkaufhaus in Stalino, Herbst 1941 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org Straßenmarkt in der durch Bombenangriffe zerstörten Stadt Smolensk, Russland, 1941 / Foto: unbekannter Fotograf © Privatsammlung von Arthur Bondar Bewohner·innen von Stalino, Sommer 1942 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org Ältere Frauen verkaufen Obst und Gemüse am Rand einer Straße in Stalino, Sommer 1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
Wie viele Menschen sind unter deutscher Besatzung verhungert?
Das lässt sich bisher aufgrund fehlender Quellen und statistischer Erhebungen sowie der Schwierigkeit, Todesursachen eindeutig auf Hunger zurückführen zu können, nur grob schätzen. Allzu oft verschwimmen die Grenzen zwischen Tod durch Hunger, Krankheit oder Erschöpfung. Die Schätzungen für alle besetzten Gebiete der Sowjetunion reichen von Hunderttausenden bis zu mehreren Millionen Opfern – je nachdem, ob man auch jene mitzählt, die den Folgen von Hunger und Entbehrung nur mittelbar erlagen.*
Die Zahlen der Hungertoten sind bisher nur punktuell überliefert: In Charkiw forderte der „Hungerwinter“ 1941/42 mindestens 12.000 Opfer. Das war aber nur die registrierte Mindestzahl, während die Dunkelziffer vermutlich weit höher lag. Charkiw wurde von der deutschen Militärverwaltung systematisch abgeriegelt und gleichsam in ein Hungerghetto verwandelt.* Ein Bewohner von Charkiw schrieb in seinem Tagebuch Ende November 1941: „Ich bin so abgemagert, dass es gruselig ist, meinen Körper anzusehen: Das gesamte Unterhautfett und alle Muskeln sind weggeschmolzen. Ich bin plötzlich gealtert. Meine Frau hat sich auch sehr verändert. Die Kinder sind blass geworden, aber sie sehen immer noch besser aus als wir.“ Einige Monate später schreibt er dazu auch: „Die Deutschen machten uns zu Kolonialsklaven und verursachten eine künstliche Hungersnot. … Ich bin bereit, meine Seele dem Teufel zu verkaufen. Aber wo findet man ihn? … Oft bin ich so verzweifelt, dass ich über Selbstmord (…) nachdenke.“*
Auch für Kyjiw geht die Forschung von einer beträchtlichen Zahl Hungertoter aus. Weiterte Hunderttausende von Hungertoten unter der Besatzung sind aber auch für Minsk, Sumy, Poltawa, Nordwestrussland und die Krim überliefert.* Über eine Million Menschen verloren unter der fast 900-tägigen Belagerung Leningrads ihr Leben. Die Deutschen hatten die Stadt eingeschlossen und gezielt von der Versorgung abgeriegelt, mit dem Ziel, große Teile der unliebsamen Bevölkerung durch Hunger zu vernichten.*
Aus einzelnen Bergbausiedlungen im Donbas berichteten Standortkommandanturen im März 1942 ebenfalls von „deutlichen Anzeichen des langsamen Verhungerns“.* Insgesamt wies der Donbas aber eine deutlich geringere Zahl an Hungertoten auf, was vor allem darauf zurückzuführen war, dass die „Hamsterfahrten“ der Stadtbevölkerung hier, anders als in Charkiw und Kyjiw, von den Besatzungsbehörden nicht unterbunden, sondern zunächst mehr oder weniger geduldet wurden.*
Die deutsche Hungerpolitik traf vor allem die großen Städte mit voller Wucht. In den ersten Monaten der Besatzung leerten sich ihre Straßen in erschreckendem Tempo. In Kyjiw und Charkiw sank die Einwohnerzahl im ersten Jahr der Besatzung um rund sechzig Prozent, in Dnipropetrowsk (heute – Dnipro) um mehr als die Hälfte. In Stalino lebte am Ende der Besatzungszeit nur noch etwa ein Drittel der früheren Bevölkerung.
Diese dramatischen Zahlen spiegeln allerdings nicht allein die Folgen der deutschen Besatzungspolitik wider. Schon zuvor hatten Mobilmachung, Evakuierungen* und Fluchtbewegungen ganze Familien auseinandergerissen. Doch der Hunger, die Kälte und das Ausbleiben jeder Versorgung gaben dem Sterben eine neue, unbarmherzige Dimension – und verwandelten die einst pulsierenden Städte in weitgehend entvölkerte, trostlose Orte.
Zwei Menschen ziehen einen Schlitten mit einer Leiche über den Newski Prospekt im belagerten Leningrad, April 1942 / Foto © RIA Novosti archive, image #324 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0 Sensibler Inhalt
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Drei Männer bringen Tote zum Friedhof im belagerten Leningrad, Oktober 1942 / Foto © RIA Novosti archive, image #216 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0 Fleischausgabe der Wehrmacht im besetzten Stalino, 1941-1942 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org Zivilist·innen im Donbas mit beladenen Schlitten, Winter 1942 in der Nähe von Stalino / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
Wie sah die Lebensmittelsituation auf dem Land aus?
Auf dem Land ließ sich unter deutscher Herrschaft deutlich besser überleben als in den Städten. Die Menschen hatten leichteren Zugang zu Nahrung, vor allem dank größerer privater Gärten und eigenen Viehs, die schon zu Sowjetzeiten für viele Bauern die Lebensgrundlage bildeten. Hinzu kam, dass die Besatzungsbehörden auf dem Land kaum durchgreifen konnten: Das weitmaschige Netz deutscher Landwirtschaftsführer reichte nicht aus, um die riesigen Gebiete zu kontrollieren, und viele Straßen waren im Herbst und Winter für Fahrzeuge unpassierbar. So fanden viele Bauern Wege, sich den offiziellen Ablieferpflichten zu entziehen.
Das Regime bevorzugte bewusst die Landbevölkerung gegenüber den Städten beim Zugang zu Nahrungsmitteln und kehrte damit die sowjetische Versorgungspolitik der dreißiger Jahre gewissermaßen um. Die zentralen Planer wussten: Der Erfolg der Landwirtschaft hing vor allem vom Willen der Menschen ab. „Man kann nicht hinter jedem Pflug einen Polizisten laufen lassen“*, lautete die nüchterne Einsicht, die diese Strategie bestimmte. Im Sommer 1942 arbeiteten Millionen Einheimische in den besetzten Ostgebieten in zehntausenden landwirtschaftlicher Betriebe, die nur von einer vergleichsweise kleinen Zahl deutscher Landwirtschaftsführer überwacht wurden.
Zudem profitierte die Landbevölkerung vom Tauschhandel mit der Stadtbevölkerung. Die landwirtschaftlichen Produkte konnten zu ungewöhnlich hohen Preisen oder im Tausch gegen Gebrauchsgüter unter der Hand an die hungernden Stadtbewohner·innen verkauft werden. Aber auch Dienststellen der Wehrmacht oder der deutschen Zivilverwaltung kauften, unter Umgehung der zuständigen Ernährungsabteilungen, Lebensmittel zu vergleichsweise hohen Preisen direkt bei der Landbevölkerung ein. Diese zusätzlichen Einnahmen und die Aussicht auf die mögliche Abschaffung der Kollektivwirtschaft sowie die Rückkehr zum Privatbesitz stärkten die Zuversicht und steigerten die Arbeitsmotivation auf dem Land merklich.*
Aussagen von Zeitzeugen bestätigen dies, wie die folgende von Fjodor Grigorjewitsch (geb. 1925) aus dem Dorf Nowobachmutiwka im Gebiet Donezk: „Nein, im Dorf litt niemand unter Hunger. In der Stadt wurde gehungert. Aber das Dorf hat die Stadt miternährt, obwohl es die Stadtbewohner dafür entblößte und ihnen die letzten Stiefel wegnahm. Im Dorf hatte man sein Auskommen mit Hühnern, Getreide, Kartoffeln, Roter Beete.“*
Historiker beschreiben, dass die meisten ukrainischen Bauern während der deutschen Besatzung im Durchschnitt – trotz regionaler Unterschiede – über mehr Lebensmittel als vor dem Krieg verfügten.* Doch dies verdeutlicht weniger eine Verbesserung ihrer Lage als vielmehr die bittere Armut, die sie unter der Sowjetherrschaft vor dem Krieg erlitten hatten. Auch die Erinnerung an die große Hungersnot von 1932/33, bekannt als Holodomor, war tief im kollektiven Gedächtnis verwurzelt.
Viele Stadtbewohner·innen flohen aufs Land, um zu überleben. Die Landflucht folgte dabei alten Mustern: Wer Kontakte aufs Land hatte, fand dort einen sicheren Unterschlupf. Die Entvölkerung der Städte drehte praktisch die rasante sowjetische Urbanisierung der 1930er Jahre zurück – so wie die anfängliche Deindustrialisierung unter deutscher Besatzung die forcierte sowjetische Industrialisierung umkehrte.
Die Stadtbevölkerung versuchte unter der deutschen Herrschaft ihr Überleben durch den Tauschhandel mit der Landbevölkerung zu sichern. Ein beachtlicher Teil der Städter·innen wurde durch diese „Hamsterfahrten“ in Bewegung gehalten. Viele fuhren dafür aufs Land, oft über große Entfernungen, um Lebensmittel gegen Kleidung oder Gebrauchsgegenstände zu tauschen. Tag für Tag zogen sie durch die Dörfer, deren Bewohner·innen der ständigen Bittsteller bald überdrüssig wurden. Besonders Frauen mit Kindern wagten selbst im Winter den beschwerlichen Weg; manche kehrten nicht zurück, erfroren oder starben vor Erschöpfung. Wer es in die Stadt zurück schaffte, war dennoch nicht sicher: Häufig nahmen ihnen Wehrmachtsangehörige oder einheimische Polizisten die erhandelten Vorräte wieder weg.
Zwei Mädchen mit Radieschen in der Nähe von Stalino, Sommer 1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org Zivilist·innen bei der Ernte in der Nähe von Stalino, Sommer 1942 / Foto: © unbekannter Fotograf, Archivio Centrale dello Stato / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025 Zivilist·innen bei der Ernte in der Nähe von Stalino, Sommer 1942 / Foto: © unbekannter Fotograf, Archivio Centrale dello Stato / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025 „Jedem werktätigen Bauern sein eigenes Land. Neue Bodenordnung – ein Geschenk an die Bauernschaft“. Eine Seite der NS-Propagandazeitung „Donezki Westnik“ vom 12. März 1942 / Bild: gemeinfrei
Wer profitierte vom Hunger im besetzten Donbas?
In den von der Wehrmacht besetzten Städten entwickelten sich florierende Schwarzmärkte, die sowohl für einheimische Händler als auch für deutsche Besatzer lukrative Gewinne boten. Trotz des offiziell verhängten Preis- und Lohnstopps auf Vorkriegsniveau entstanden rasch drei Preisebenen: erstens die sehr niedrigen Preise für die (Zwangs-)Lieferungen an die Wehrmacht und ins Reich, zweitens die amtlichen Festpreise, zu denen die Zivilbevölkerung aber nur in sehr begrenztem Ausmaß Lebensmittel beziehen konnte, und drittens die Schwarzmarktpreise. So kostete ein Kilogramm Weizenmehl offiziell rund zwei Rubel, während es auf dem Schwarzmarkt bis zu 90 Rubel erzielte.
Der Handel mit solchen Waren versprach enorme Gewinne und wurde zu einem wichtigen Element der Besatzungswirtschaft. Die horrenden Schwarzmarktpreise lagen meist zehn- bis dreißigmal höher als die amtlichen und standen in keinem Verhältnis zu den geringen Löhnen, wie ein Beispiel verdeutlicht: 1943 verdiente ein Bergmann im Donbas im Schnitt 347 Rubel im Monat, doch schon ein Kilo Brot kostete 75 Rubel, ein Liter Milch 35, zehn Eier 120 und ein Kilo Butter 500 Rubel.
Die Oberfeldkommandatur Donez wunderte sich im Lagebericht vom 20. November 1942, dass die Menschen in dieser Situation überleben:
„Wie die Menschen überhaupt dahinvegetieren und es verhältnismäßig wenig Sterbefälle gibt, ist schleierhaft; das Volk ist außergewöhnlich zäh, stellt ganz minimale Lebensansprüche und ist kaum mit den Völkern Westeuropas zu vergleichen. Die von uns gezahlten Löhne bzw. Gehälter sind derart niedrig, dass die Menschen sich dafür so gut wie nichts auf dem Markt anschaffen können.“*
Für viele Sowjetbürger gehörte der Schwarzmarkt bereits vor der Besatzung zum Alltag, doch unter deutscher Herrschaft verschärften sich die Bedingungen erheblich. Die deutschen Behörden duldeten den Schwarzhandel weitgehend – einerseits aus pragmatischen Gründen, da eine wirksame Kontrolle kaum möglich war, andererseits, weil auch sie selbst davon profitierten. Angehörige der Wehrmacht und der Zivilverwaltung beteiligten sich in großem Umfang an Warengeschäften, die von privaten Lebensmitteleinkäufen der Wehrmachtssoldaten und dem Verschicken von Nahrungsmittelpaketen an die Angehörigen im Reich bis hin zum Verschieben ganzer Eisenbahnwaggonladungen reichten. Einige der Deutschen betrachteten die Ukraine als ein wahres „Schieberparadies“, in dem sich mit wenig Aufwand rasch ein Vermögen machen ließ.
Wie erklärte die NS-Propaganda die Ursachen des Hungers im besetzten Donbas?
Zwar konnte der Hunger unter deutscher Herrschaft – im Unterschied zur sowjetischen Praxis der 1930er Jahre unter Stalin – in der Besatzungspresse zu einem gewissen Grad thematisiert werden, die Verantwortung wurde aber allein der Sowjetführung zugeschrieben, die beim Rückzug der Roten Armee den Abtransport oder die Vernichtung von Nahrungsmitteln angeordnet hätte. Moskau, so wurde unterstellt, habe 1941 wie schon 1932 geplant, Hunger als Waffe gegen die ukrainische Bevölkerung einzusetzen. Die wahren Ursachen des Hungers, die vor allem in der gezielten Hungerpolitik der Deutschen lagen, wurden verschleiert.
Erwartungsgemäß wurden zudem die gängigen antisemitischen Stereotype der Nationalsozialisten auf die Hungersnot projiziert, indem die Verantwortung den Jüdinnen und Juden zuschrieb, die mit den Bolschewiki gleichgesetzt wurden. Jüdische Hungeropfer verschwieg man hingegen. Im Vordergrund stand vielmehr die systematische Hetzkampagne gegen die jüdische Bevölkerung im Zeichen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.
Die deutsche Propaganda in der Ukraine instrumentalisierte den Holodomor gezielt, um die wahren Ursachen des grassierenden Hungers zu verschleiern. Mehrere Zeitzeugen berichteten davon, dass man unter den Bedingungen der deutschen Besatzungsherrschaft erstmals über die Opfer der Hungersnot sprechen konnte. Das war kein Zufall, denn die Besatzungsmacht sah im öffentlichen Gedenken an die Hungeropfer von 1932/33 ein Instrument, um die Abneigung gegen Moskau zu vertiefen und die „neue Ordnung in Europa“ zu unterstützen.* Während die Deutschen mit ihrer brutalen Vernichtungspolitik massenhaft neue Opfer produzierten, die verschwiegen wurden und für die in der Öffentlichkeit kein Platz war, förderten sie zugleich das öffentliche Erinnern an die Opfer des Stalinismus – ein Aspekt, der zu den Widersprüchen der deutschen Besatzungsherrschaft zählt.
Propaganda Zeitung „Donezki Westnik“ vom 13. November 1941: „Bolschewiken und Juden haben, als sie die Stadt in Todesangst verließen, die Industrie- und Nahrungsmittelbetriebe zerstört. Der rachsüchtige Mohr hat sein Werk getan und ist gegangen“ / Bild: gemeinfrei Frauen sitzen am Eingang einer Kirche, Kislowodsk–Pjatigorsk, Westkaukasus, UdSSR (Russland). Sommer 1942 / Foto: Eberhardt © Privatsammlung von Arthur Bondar Sowjetische Kriegsgefangene heben vom Boden auf und legen in ihre Mützen Zwiebackstücke, die ihnen von den Deutschen auf die Erde geworfen wurden, Oblast Smolensk, UdSSR (Russland), 1941–1942 / Foto: unbekannter Fotograf © Privatsammlung von Arthur Bondar Eine Frau sitzt vor dem Haus, Rostow am Don, Sowjetunion, Juli 1943 / Foto: Eberhardt © Privatsammlung von Arthur Bondar
Text: Prof. Dr. Tanja Penter
Redaktion: Dmitry Kartsev, Peggy Lohse und Leonid Klimov
Bildredaktion: Arthur Bondar
Veröffentlicht am 12. März 2026
Literaturhinweis:
Penter, Tanja (2010): Kohle für Stalin und Hitler. Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953, Essen
Was ist der Donbas überhaupt? Wie hat sich die Region historisch entwickelt? Wer lebte im Donbas vor dem Zweiten Weltkrieg und was haben die deutschen Besatzer vorgefunden?
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