Die Gunst der Stunde

Podcast: Episode 2

Die Gunst der Stunde

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Transkript

Andrej Ejchman: Stalino, 20. April 1946

Ich, Hauptmann Danilow, Leiter der Sonderabteilung der Verwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit der Region Stalino, habe folgenden Angeklagten verhört:

Ejchmann, Andrej Andrejewitsch, geboren 1904 in der Ortschaft Waldorf […], Region Saporischschja, deutscher Kolonist, Bürger der UdSSR, zugehörig zur Arbeiterklasse, seit 1929 Mitglied der Kommunistischen Partei, Parteiausweis 1941 verbrannt, nach eigenen Angaben nicht vorbestraft, Elementarschulbildung vorhanden, Beruf Lokführer, verheiratet, hat nicht in der Roten Armee gedient.

Beginn der Vernehmung: 15:20 Uhr.

[ Гор. Сталино, 20-го апреля 1946 года

Я, Начальник Отделения Спецотдела УМГБ Сталинской области, капитан Данилов, допросил обвиняемого:

Эйхмана Андрея Андреевича, 1904 года рождения, уроженца с. Вальдорф Запорожской области, немец-колонист, гражданин СССР, из рабочих, бывший член ВКП(б) с 1929 года, партийный билет сжег в 1941 году, со слов не судим, с низшим образованием, по специальности машинист паровоза, женат, в Красной армии не служил…. […]

Допрос начат в 15 ч. 20 м.]

Jasmin Lörchner: 1946, der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Aber seine Nachwirkungen sind überall zu spüren. Bestimmt kennt ihr die Nürnberger Prozesse als Strafverfahren, in denen NS-Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen werden sollten. Aber auch in der Sowjetunion finden Prozesse statt. Und in einen dieser Prozesse vertiefen wir uns heute, um mehr über die deutsche Besatzung im Donbas im Zweiten Weltkrieg herauszufinden. Ihr hört…

STALINO – Geschichten einer besetzten Stadt

Ein Podcast von dekoder in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg

FOLGE 2: Die Gunst der Stunde

Jasmin Lörchner: Ich bin Jasmin Lörchner – Geschichtsjournalistin, Podcasterin und Autorin.

In der ersten Folge unseres Podcasts habt ihr mit Wladimir einen neunjährigen Jungen getroffen, der die deutsche Besatzung der Stadt Stalino erlebte. Die Stadt kennt ihr heute als Donezk. Sie liegt im Donbas. In Folge 1 erzählen wir euch auch ein bisschen mehr über diese Stadt, die vor allem von Industrie und Bergbau geprägt war. Wenn ihr die Folge noch nicht gehört habt, fangt am besten dort an.

In dieser, der zweiten, Folge, treffen wir dagegen einen ganz anderen Menschen. Einen Erwachsenen, der nicht eher zufällig Entdeckungen über die Besatzung macht. Er ist Teil des Systems Besatzung – Andrej Ejchman.

Der ist übrigens nicht zu verwechseln mit Adolf Eichmann, der in seinem Referat im Reichssicherheitshauptamt den Holocaust organisierte. Die beiden sind nicht verwandt.

Trotzdem werden wir auch in dieser Folge über Gewalt reden, die ein fester Teil des Terrorregimes der Deutschen war. Bitte schaut in die Shownotes, wenn ihr solche Passagen lieber überspringen wollt.

Ganz am Anfang habt ihr Auszüge aus einem Verhörprotokoll gehört, als Andrej Ejchman nach dem Krieg von einem sowjetischen Beamten befragt wurde. Wie ihr gehört habt, ist Ejchman 1904 in der deutschen Kolonie Waldorf in der Ukraine geboren. Er gehörte zur deutschen Minderheit in der Ukraine. 1941, als die Deutschen Stalino besetzten, war Ejchman 37 Jahre alt. Das Meiste, was wir in der Folge heute über ihn erfahren, stammt aus seiner Prozessakte. Vor allem die Zitate.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 stößt die Wehrmacht anfangs sehr schnell und sehr tief in das Territorium der UdSSR vor. Ejchman lebt zwar weit entfernt von der Grenze, aber die Frontlinie rückt immer näher. Wie viele steht Ejchman vor einer Entscheidung: Fliehen oder nicht? Aus den Akten wird nicht ganz klar, wie er sich entscheidet. Aber Fakt ist: Die Front holt ihn ein.

Andrej Ejchman: …noch bevor ich Stalino erreichte, wurde ich von einem Gendarmen festgenommen, der mich zur deutschen Kommandantur brachte. Die befand sich in der Zweiten Linie, die Hausnummer kenne ich nicht.

Bei der Kommandantur war auch die Feldgendarmerie, wo mein Pass und mein Wehrpass von einem Gendarmen und einer Übersetzerin (den Namen weiß ich nicht) überprüft wurden. Als Deutschen ließen sie mich sofort frei und stellten mir einen Passierschein aus, für den Transport meiner Familie von Jassinowataja nach Stalino.

Als ich den Passierschein ausgestellt bekam, sagte der deutsche Kommandant Major Zimmer, ich solle am 26. Oktober 1941 zu ihm kommen, sobald ich meine Familie in die Stadt gebracht habe.

[не доходя до гор. Сталино я был задержан жандармом, который доставил меня в полевую немецкую комендатуру, которая размещалась на 2-й линии, номер (дома) не знаю.

При комендатуре находилась фельджандармерия, где у меня проверили паспорт и военный билет жандарм и переводчица (фамилию не знаю), которые меня, как немца по национальности сразу отпустили и дали пропуск на право перевозки семьи из Ясиноватой в Сталино.

Тогда же при получении пропуска немецкий коммендант майор Циммер сказал, чтобы я к нему явился 26 октября 1941 года, после того, как перевезу семью.]

Jasmin Lörchner: So wie Ejchman es hier schildert, will er eigentlich zu seiner Familie und wird von der deutschen Front überholt. Dann will er sich in der Zweiten Linie – einer Straße im Zentrum Stalinos – eine Genehmigung organisieren, um mit der Familie ins deutsch besetzte Stalino zu ziehen. Aber dann öffnen ihm seine Deutschkenntnisse unerwartet eine Tür. Denn zu diesem Zeitpunkt leben nur noch wenige Ukrainedeutsche in der Region – viele waren vom sowjetischen Regime deportiert worden. Die Deutschen brauchen jetzt aber dringend Übersetzer:innen.

In einem späteren Verhörprotokoll beschreibt Ejchman die Situation noch genauer. Der deutsche Kommandant Zimmer bemerkt, dass Ejchman Deutsch kann und macht ihn sofort zum Übersetzer. Als Zimmer fragt, wer denn Bürgermeister der Stadt werden könne, melden sich gleich mehrere Männer. Und am Ende entscheidet sich Zimmer für einen Mann namens Petuschkow und gibt den Anwesenden fünf Tage Zeit, um sich auszudenken, wer noch leitende Funktionen der Stadtverwaltung übernehmen solle – das Ganze wirkt absurd, irgendwie willkürlich. Wir steigen in Ejchmans Aussage ein wenig später ein. Nämlich nach Ablauf dieser fünf Tage:

Andrej Ejchman: Bis zum 26. Oktober 1941 waren wir damit beschäftigt, Abteilungsleiter für die Stadtverwaltung auszuwählen, und ich war drei Tage lang als Übersetzer tätig.

Danach erschienen alle, die beim ersten Mal beim Kommandanten im Zimmer gewesen waren, sehr elegant gekleidet wieder bei ihm. Auch ich.

Bei der Besprechung teilte Petuschkow mit, man habe für die Stadtverwaltung das ehemalige Gebäude des Pionierpalasts ausgesucht und Abteilungsleiter ernannt, die ihre Arbeit bereits aufgenommen hätten. Diesmal wurden Zimmer, Petuschkow und die anderen Anwesenden auf mich aufmerksam, da ich fein gekleidet und ein deutscher Kolonist war. Zimmer wollte einen Deutschen, der die deutsche Sprache beherrschte, zum stellvertretenden Bürgermeister ernennen.

Sogleich schlug Petuschkow mich als seinen Stellvertreter vor. Zimmer erkundigte sich nach meiner Ausbildung, und ich erklärte, dass ich Lokführer sei. Daraufhin ernannte er mich zum stellvertretenden Bürgermeister.

[До 26 октября 1941 года мы занимались подбором на должности начальников отделов Горуправы и до этого я оставался 3 дня переводчиком.

После этого все те же лица, что были в первый раз у Циммера, одевшись очень нарядно, в том числе и я это сделал, мы явились к коменданту Циммеру.

На этом совещании у Циммера сделал информацию Петушков, что подобрано помещение Горуправы в бывшем здании Дворца пионеров, назначены начальники отделов, которые приступили к исполнению своих обязанностей. В этот раз и на меня обратили внимание Цимер, Петушков и другие присутствующие, поскольку я прилично оделся и немец-колонист, поэтому Циммер предложил заместителем бургомистра назначить немца, владевшего немецким языком.

Тут же Петушков предложил Цимеру, чтобы меня Эйхмана назначили его заместителем. Цимер поинтересовался моим образованием, которому я объяснил, что машинист транспорта, после чего он назначил меня Зам. Бургомистра.]

Jasmin Lörchner: Es sind also ganz besonders Ejchmans Deutschkenntnisse, die ihn für sein Amt qualifizieren.

Frau Söhner, Sie sind bei der „Forschungsstelle Deutsche in Russland“ in Heidelberg tätig. Um zu verstehen, wie da ein Mensch mit so guten Deutschkenntnissen mehr zufällig und eben nicht als Teil der deutschen Truppen nach Stalino kommt, muss man ja erstmal wissen, dass es schon eine deutsche Minderheit vor Ort gab. Also, bevor die deutschen Besatzer kamen. Können Sie uns einmal in einem Kurzabriss die Geschichte dieser deutschen Minderheit in der Region erzählen?

Jasmin Söhner: Ich werde es versuchen. Also ganz klassisch beginnt man immer mit dem Anwerbemanifest Katharinas der Großen, 1763, durch das deutsche Kolonisten ins russische Zarenreich eingeladen werden. Die Besiedlung beginnt dann eigentlich zuerst in der Wolga-Region. Hier leben am Ende 40 Prozent der Angehörigen der deutschen Minderheit in der Sowjetunion. Der Donbas ist eigentlich eine Region, die erst spät von Deutschen besiedelt wird. 1910 gibt es etwa ein Dutzend kleinerer Dörfer dort und die Anzahl der Angehörigen der deutschen Minderheit steigt dann erst dadurch, dass diese Kolonien wachsen, aber auch, dass der Donbas insgesamt, also auch für alle Sowjetbürger, ab Ende der 1920er Jahre Zufluchtsort ist, also von Personen, die entkulakisiert wurden oder die sich der Kollektivierung entziehen wollen, oder auch als Ort, dem man sich zuwenden kann, um sich zu verstecken, oder an den man kommen kann, nachdem man eine Verurteilung hinter sich hat.

Jasmin Lörchner: In Folge eins haben wir ja schon gehört, dass Stalino, also die Stadt, in der wir uns bewegen, geprägt ist von Industrie und Bergbau. Und sie ist auch ein Fluchtpunkt, ein Sammelbecken für Menschen.

Das ist für die deutsche Minderheit zentral. Denn in den Jahren des großen Terrors, also insbesondere 1937 und 1938 unter dem sowjetischen Diktator Josef Stalin, gerieten Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe besonders stark unter Druck. Sie wurden verurteilt und zwangsdeportiert.  Ejchman allerdings nicht. Ganz im Gegenteil sogar: Ejchman machte Karriere zum Leiter eines sowjetischen Landwirtschaftsbetriebs und wurde Kolchosvorsitzender. Er war auch Parteimitglied. Ihm und seiner Familie ging es gut unter der sowjetischen Herrschaft.

Ist er also vielleicht nur reingeschliddert in seine Rolle unter der deutschen Besatzung?

Danilow: Schildern Sie der Reihe nach, was Sie dazu bewogen hat, diesen Weg einzuschlagen.

Ejchman: Zum Vaterlandsverrat habe ich mich aufgrund meiner bereits vorher bestehenden antisowjetischen, defätistischen Ansichten entschlossen.

Ich war überzeugt, dass die deutsche Armee unbesiegbar ist, und blieb im feindlich besetzten Gebiet, weil ich glaubte, dass man mir als Deutschem eine Möglichkeit geben würde, an der Errichtung der faschistischen „neuen Ordnung” mitzuwirken.

Infolge meiner Entscheidung vernichtete ich meinen Parteiausweis und erschien am 23. Oktober 1941 bei Major Zimmer, dem deutschen Kommandanten der Stadt Stalino, dem ich mich als Deutscher mit feindlicher Haltung gegenüber der Sowjetmacht vorstellte. Ich legte meine Dokumente vor, die meine deutsche Abstammung bestätigten, und erklärte, dass ich absichtlich im besetzten Gebiet geblieben bin, um der deutschen Macht im Kampf gegen die Sowjets zu helfen.

[В: Изложите следствию последовательно, что побудило вас стать на этот путь?

О: На путь измены Родине я пошел в силу сложившихся у меня ранее антисоветских пораженческих взглядов.

Я был убежден, что немецкая армия является непобедимой, в связи с этим остался на оккупированной врагом территории и считал, что мне как немцу будет предоставлена возможность участвовать в установлении фашистского «нового порядка».

В результате принятого мною решения, я уничтожил свой партийный билет и 23-го октября 1941 года явился к немецкому коменданту города Сталино, майору Циммеру, которому представился как немец, враждебно настроенный против Советской власти, предъявил ему свои документы, подтверждающие немецкую национальность, заявив, что преднамеренно остался на оккупированной территории, чтобы оказать помощь немецким властям в борьбе с Советской властью.]

Jasmin Lörchner: Erinnert ihr euch noch, wie Ejchman das ursprünglich geschildert hat? Da wollte er sich von den Deutschen nur eine Genehmigung holen. Jetzt klingt das plötzlich ganz anders, plötzlich ist sein Zusammentreffen mit den Deutschen Teil eines festen Plans.

Ihr müsst euch das so vorstellen: Es ist 1946. Ejchman sitzt einem Beamten der regionalen sowjetischen Staatssicherheitsbehörde UMGB gegenüber, einem Hauptmann Danilow. Danilows Aufgabe ist es, Ejchmans Schuld nachzuweisen, also dass er als sowjetischer Bürger Verrat am Vaterland begangen hat. Und dafür sind alle Mittel erlaubt. Danilow sorgt dafür, dass Ejchman nachts verhört wird und kaum schlafen kann. Vielleicht foltert er ihn. Und er sorgt dafür, dass die Protokolle im sowjetischen Propagandasprech mitgeschrieben werden. Solche Verhöre bedeuten für ihn Prestige. Eine mögliche Karrierechance.

Zwischen Ejchmans erstem Zitat, in dem er eher zufällig zum Übersetzer der Deutschen und dann zum stellvertretenden Bürgermeister von Stalino wurde, und dem zweiten, in dem er bewusst nach der Macht greift, liegt mehr als eine Woche in Gefangenschaft. Acht Nächte Schlafentzug. Unter widrigen Haftbedingungen. Wahrscheinlich hat er Schmerzen. Und er weiß mittlerweile, was Danilow hören will.

Damit ihr euch ein besseres Bild von der Gerichtsakte und dem Prozess machen könnt, hören wir jetzt die Historikerin Tanja Penter, die intensiv mit dieser Quelle gearbeitet hat:

Tanja Penter: Man muss sehen, dass die Rechtsprechung unter Stalin von Gewalt und Repression auch geprägt waren, dass die Züge auch einer politischen Justiz hatte. Dabei waren Folter oder auch die erzwungene Leistung von Geständnissen, die gehörten zum festen Repertoire der Ermittlungsbehörden. Es gab also keine unabhängige Justiz im stalinistischen Staat. Wenn wir uns die Akten anschauen, dann sehen wir, dass wir da auch unterschiedliche Dokumente haben. Hilfreich ist, dass sich in Einzelfällen  manchmal auch noch deutsche Dokumentein den Akten befinden. So ist es im Fall von Ejchman. Also Dokumente aus der deutschen Besatzungszeit, zum Beispiel von der Stadtverwaltung, die letztlich quasi zufällig in der Akte gelandet sind und von den zuständigen Staatsanwälten und Juristen dann für die Anklage genutzt wurden. Daneben gibt es, ich sag mal, offiziellere Dokumente, die dann auch in abgetippter, maschinenschriftlicher Form vorliegen, wie die Anklageschrift oder das Urteil. Das sind oft Texte, die auch sprachlich stark bearbeitet wurden, die offiziellen staatlichen Narrative widerspiegeln, die offizielle sowjetische Geschichtspolitik. Besonders aufschlussreich sind dagegen handschriftliche Aussagen von Zeuginnen und Zeugen oder auch von den Angeklagten, die diesen Akten dann eben oftmals als eher unbearbeitetes Rohmaterial beiliegen. In ihnen werden die Verbrechenskontexte dann oftmals sehr dicht und detailreich beschrieben. Sie erfordern aber viel Sitzfleisch, weil man dann massenhaft Material, das in unterschiedlichen, oft schwer leserlichen Handschriften vorliegt, erstmal entziffern muss. 

Man muss sicherlich auch beachten, dass nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Zeuginnen und Zeugen unter einem gewissen Druck standen, wenn sie in diesen Prozessen aussagten, und dass sie auch bestimmte Strategien verfolgten. Die Angeklagten versuchten, das eigene Strafmaß zu mildern. Die Zeugen, die hatten vielleicht auch Angst, selber angeklagt zu werden. Und manchmal sieht man auch, dass Zeuginnen und Zeugen hier auch versuchen, persönliche Rachegelüste über die Justizbehörden auszutragen.

Jasmin Lörchner: Zwischen „zufällige Umstände“ und „überzeugter Nazi-Kollaborateur“ liegt hier ganz schön viel Ungewissheit. Folter, der Wunsch nach milderer Bestrafung – und ein Protokoll, von dem wir nicht hundertprozentig wissen, wie genau und wortgetreu es ist. Wichtig ist aber, dass wir aus den Akten auf Handlungen schließen können und mehr darüber erfahren, was in Stalino während der Besatzungszeit los war. Wir haben uns dafür entschieden, dass wir mit Zitaten arbeiten, die uns durch Abgleich mit anderen Informationen plausibel erscheinen. Und vielleicht haben wir für uns ja am Ende ein klares Bild – war Ejchman ein Kollaborateur oder ein Mitläufer?

Fakt ist jedenfalls: Direkt in den Anfangstagen der deutschen Besatzung wird Ejchmann zum stellvertretenden Bürgermeister von Stalino, das jetzt dauerhaft unter Militärverwaltung der Deutschen bleibt. Er beschreibt seine Arbeit im Verhör so:

Andrej Ejchman: Als stellvertretender Bürgermeister und später als Bürgermeister war ich mit meinen Abteilungen für den Wiederaufbau der Infrastruktur in Stalino zuständig – … Straßenbahn, Wasser- und Stromversorgung, Brotfabriken – sowie für die Bereitstellung von Wohnraum für die deutsche Armee und von Möbeln, die bei der Bevölkerung beschlagnahmt wurden. Des Weiteren mobilisierten wir die Bevölkerung für die Säuberung und Instandsetzung von Straßen für die deutschen Militäreinheiten.

[Будучи зам. Бургомистра, а затем бургомистром я занимался со своими отделами восстановлением хозяйства города Сталино – … трамваем, водоснабжением, электроэнергией, злебозаводами, а также представлением квартир войскам немецкой армии, представление им мебели, которая изымалась у населения, мобилизовывал население на отчистку и ремонт дорог для немецких военных частей.]

Jasmin Lörchner: Stalino ist zu Beginn der Besatzung in einer schwierigen Lage: Die sowjetischen Machteliten haben eine stark zerstörte Stadt zurückgelassen. Vor allem die Industrieanlagen sind entweder mitgenommen oder gesprengt worden, damit sie den Deutschen nicht in die Hände fallen. Ein NS-Beauftragter für Bergbau beschreibt das in einem Bericht am 13. November 1941 so:

„Es gibt keinen Betrieb, in dem nicht umfangreiche Sprengungen an allen Teilen durchgeführt oder wenigstens angelegt worden sind. Die Schachtgerüste, Hängebänke, Wagenumläufe und Verladungen, die Fördermaschinen, Schaltanlagen, Kesselhäuser, Turbinen, der größte Teil der Ventilatoren usw. sind durch Sprengungen der Maschinen oder Gebäude auf jeder einzelnen Schachtanlage zum allergrößten Teil unbrauchbar gemacht. Ein Teil der Tagesgebäude ist durch Brand zerstört.

Die Werkstätten auf den Zechen sind vernichtet. Elektrischer Strom und Wasser sind nicht vorhanden. Die Schienenstränge sind auf weiten Strecken abgebaut oder die Köpfe und Mittelstücke der Schienen gesprengt. […] Es gibt somit keine einzige Zeche, die unmittelbar – selbst bei Vorhandensein von Energie – betriebsfähig wäre.“

Jasmin Lörchner: Viele Menschen sind geflohen oder evakuiert worden, hinzu kommen natürlich die Kampfhandlungen selbst und die Plünderungen durch die Bevölkerung vor Ort in der kurzen Zeit zwischen dem Abzug der Sowjetischen Truppen und dem Einmarsch der Deutschen. Zur Erinnerung: Vor der Besatzung durch die Deutschen lebten in Stalino 500.000 Menschen. Im Oktober 1941, also kurz nach Beginn der Besatzung, sind es nur noch 290.000.

Da ist klar: Für eine Stadtverwaltung, die die Aufgabe hat, die Ordnung wieder herzustellen, gibt es mehr als genug zu tun. Trotzdem klingt bei Ejchmans Zusammenfassung seiner Aufgaben schon etwas Zynisches an: Denn bei der mobilisierten Bevölkerung geht es nicht um Freiwilligkeiten. Und bei den beschlagnahmten Möbeln handelt es sich um jüdisches Eigentum. Da verschwinden also Verbrechen hinter einer bürokratischen Sprache.

Wir haben Tanja Penter mal gefragt, welche Rollen solche lokalen Verwaltungen wie die in Stalino für das deutsche Besatzungsregime spielten:

Tanja Penter: Vor allen Dingen zur Sicherung der Ordnung, auch zur Umsetzung ihrer Anordnungen etablierten die Besatzungsbehörden in Städten und Rayons zügig einheimische Verwaltungsorgane. In den Dörfern waren es oftmals sogenannte Dorfälteste, die diese Funktion übernahmen. Die bestehenden sowjetischen Verwaltungsgrenzen, die wurden dabei übrigens weitgehend beibehalten von den Deutschen. Sämtliche lokalen Verwaltungsinstanzen auf Stadt, Rayon und Dorfebene waren unmittelbar dem jeweiligen deutschen Kommando unterstellt. Und im Fall der Stadt Stalino war dies die Standortkommandatur Stalino, die dem Oberbefehl der Heeresgruppe Süd unterstand. Beim Aufbau ihrer neuen Ordnung knüpften die Deutschen nicht nur pragmatisch an bestehende sowjetische Verwaltungsstrukturen an, sondern nutzten vielfach auch das angestammte Personal. Die neuen Selbstverwaltungen setzten sich überwiegend aus früheren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der sowjetischen Stadt und Rayon-Sowjets zusammen, die per Befehl zur Rückkehr an ihre Arbeitsplätze aufgefordert wurden. Das war also durchaus ein ganz beachtlicher Apparat, der hier aufgebaut wurde.

Jasmin Lörchner: Das lässt sich auch beziffern: Aus den Statistiken können wir sehen, dass allein im Juni 1943 in der Stadtverwaltung 6300 Menschen gearbeitet haben – Polizei, Feuerwehr und solche Dinge sind da noch gar nicht eingerechnet. Die Deutschen greifen also auf die schon vorhandenen Verwaltungsstrukturen zurück. Und Ideologie scheint da keine große Rolle zu spielen. Jedenfalls werden manchmal auch frühere Mitglieder der kommunistischen Partei übernommen. Hauptsache, die Deutschen können ihre Besatzung stabilisieren. Gerade für Führungspositionen sind Menschen wie Ejchman dann aber wichtig für die Deutschen. Erstens können sie ihn ohne Dolmetscherin verstehen. Und zweitens glauben sie, dass er wegen seiner Herkunft loyal zu ihnen ist.

Und die Menschen vor Ort? Die für die Besatzung arbeiten? Ihr habt von Frau Penter gehört, dass sie per Befehl an ihre Arbeitsplätze zurückgerufen werden. Arbeit für die Deutschen war attraktiv, weil hier die Essensrationen höher waren. Das kennt ihr ja schon aus Folge 1. Es gab also ganz unterschiedliche Gründe, für die Deutschen zu arbeiten: Ablehnung der bisherigen sowjetischen Ordnung, Angst vor Repressionen durch die Deutschen oder eben ganz einfach der Wunsch zu überleben und Essen für die Familie verdienen zu können.

Die Arbeit für die Deutschen konnte auch ein Schutz vor Verfolgung sein. Denn nicht nur die Arbeitskräfte werden per Befehl zurückgerufen:

In Stalino fordert die Stadtverwaltung direkt nach der Machtübernahme alle Parteimitglieder der Kommunistischen Partei unter Strafandrohung auf, sich registrieren zu lassen – viele folgen dem Aufruf und müssen sich ab da täglich bei der Polizei melden. Aus dieser Liste wirbt der sogenannte SD, also der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, dann Spitzel an. Die sollen dann weitere Parteimitglieder verraten. 

Ab Februar 1942, also vier Monate nach Beginn der Besatzung, kommt es zu Massenverhaftungen von denjenigen, die sich noch nicht hatten registrieren lassen. Einige von ihnen werden auch getötet. Die Verfolgung von tatsächlichen oder vermeintlichen Oppositionellen geht kontinuierlich weiter. – Ejchman berichtet zum Beispiel von einer Aktion, die im Februar 1943 stattgefunden hat, als die Deutschen schon ahnten, dass sie bald abziehen werden.

Danilow: Wie haben Sie die von den deutschen Besatzern festgelegte Politik und das Regime umgesetzt?

Ejchman: Im Februar 1943 führten die deutschen Besatzer Massenverhaftungen anhand der von uns übermittelten Listen mit identifizierten Kommunisten durch und sperrten sie in das Konzentrationslager in Petrowka.

Auf meine persönliche Anweisung hin wurden etwa 300 sowjetische Bürger wegen Verstößen gegen die Ordnung und das Regime verhaftet und in das Konzentrationslager auf der Donskaja-Seite von Stalino gebracht. Einzelne Personen wurden mit Geldstrafen von bis zu 5000 Rubel belegt.

Die Polizei meldete täglich alle erfolgten Maßnahmen an uns in die Stadtverwaltung, einschließlich der Zahl der identifizierten und verhafteten Personen, und ich wiederum berichtete zusammen mit Petuschkow der deutschen Kommandantur – Major Naruschat und dem Leiter der Abteilung des Sicherheitsdienstes im Generalbezirk Donbas, Jakow Graf.

[В: как вы осуществляли политику и режим установленный немецкими захватчиками?

О: В феврале 1943 года немецкие карательные органы по переданным нами спискам выявленных коммунистов произвели массовые аресты и заключения их в концентрационный лагерь на Петровку.

По моему личному указанию за нарушение порядка и режима было арестовано около 300 чел. советских граждан, которых направил в концентрационный лагерь на Донской стороне гор. Сталино. Отдельные лица подвергались штрафу до 5 тыс. рублей.

О всех проводимых мероприятиях полиция ежедневно доносила нам в Горуправу о количестве выявленных и арестованных, а я в свою очередь с Петушковым докладывал немецкой комендатуре – майору Нарушату и начальнику отдела ВД на Генеральный округ Донбасса Графу Яков Ивановичу.]

Jasmin Lörchner: Es bleibt also widersprüchlich: Kommunistinnen und Kommunisten dürfen zwar weiter in der Stadtverwaltung arbeiten. Gleichzeitig werden sie verfolgt – und Menschen wie Ejchman helfen aktiv dabei.

Für die Menschen vor Ort bedeutet das jede Menge Ungewissheit: Hat jemand noch persönliche Rechnungen offen? Könnte man denunziert werden? Alle sind angreifbar, müssen auf jede ihrer Handlungen achten, um nicht doch noch festgenommen zu werden. Auch Ejchman lebt unter diesem Druck.

Tanja Penter: Das muss man sich klarmachen, dass im Prinzip alle Sowjetbürger unter einer ständigen Todesbedrohung lebten. Also seine Gunst bei den Deutschen, die konnte am nächsten Tag auch sofort wieder vorbei sein. Es gibt andere Beispiele, wo Bürgermeister auch versucht haben, auch aus dem Donbass Jüdinnen und Juden zu retten, indem sie sie taufen ließen. Dieser Bürgermeister ist dann auch von den Deutschen dafür ermordet worden. Wenn man Kriegsgefangene versteckt hat, sowjetische Kriegsgefangene versteckt hat, dann konnte man dafür ermordet werden von den Deutschen und das hat eben auch zahlreich stattgefunden. Also diese, das muss man glaube ich immer sehen, dass die Handlungsspiele immer gering waren. So ein Abenteurer wie Ejchman versucht, sich da irgendwie durchzuwursteln und es scheint ihm bis zum Ende des Krieges auch zu… gut zu gelingen, aber sein Glück hätte sich auch jederzeit wenden können.

Jasmin Lörchner: Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es diese Geschichten auch gibt, die Frau Penter da gerade beschrieben hat. Menschen, die Handlungsspielräume nutzen, um ihre Mitmenschen vor Repression, Verfolgung und Ermordung durch die Deutschen zu schützen. Und Mitglieder der deutschen Minderheit in der Ukraine sind natürlich nicht automatisch Kollaborateure. Ein gutes Beispiel ist Abram Jakowlewitsch Wiebe. Seine zwei Brüder und sein Vater waren in den 1930er Jahren im Großen Terror erschossen worden. Er hätte also allen Grund gehabt, das sowjetische Regime abzulehnen. Stattdessen bleibt er aber als sowjetischer Spion in Stalino zurück und arbeitete unter anderem als Sekretär in der Stadtverwaltung.

Aber Ejchman ist von einem anderen Schlag. Ejchman arbeitet zu. Er ist nicht nur an der Registrierung der Parteimitglieder beteiligt, sondern auch in die Unterbringung der Kriegsgefangenen involviert. Die Stadtverwaltung kümmert sich zum Beispiel um die Ausstattung der Lager mit Dingen wie Geschirr. Einer der schrecklichsten Orte war das Kriegsgefangenenlager im ehemaligen Arbeiterclub namens Lenin, kurz: der Lenin-Club. Wenn ihr euch das alles ein bisschen genauer anschauen wollt: Auf stalino.dekoder.org findet ihr eine Karte und weitere Infos.

Da seht ihr auch, wie präsent die Kriegsgefangenen im Alltag der Stadt sind. Hier erzählt uns jetzt Wladimir davon. Das ist der neunjährige Junge, den wir schon aus Folge 1 kennen. Er wohnt relativ in der Nähe des Lagers und seine Erinnerung spielt bei einem seiner Streifzüge durch die Stadt, als er auf der Suche nach Essen ist. Er sieht einen Zug von Kriegsgefangenen, genauer gesagt: Matrosen. Sie werden ins Lager geführt.

Wladimir: Wir sind einfach mitgegangen. Sie mussten […] bergauf, immer aufwärts, hoch, hoch. Dann bogen sie ab, und da war ein Holztor, der Haupteingang zu diesem Konzentrationslager. […]

Das Tor war aus Holz, zwar nicht massiv, man konnte durchsehen. Auf beiden Seiten standen Wachbuden. Das Tor ging auf – wir standen direkt davor. Kaum waren sie drin, drehten sie sich mit dem Gesicht zu uns. Und dann kam das Maschinengewehr. Keiner schickte uns weg.

Dmytro Tytarenko: Das heißt, Sie haben gesehen, wie sie erschossen wurden?

Wladimir: Mit eigenen Augen. Ja, genau so – bis auf den Letzten. Sie wurden dort verscharrt. Da, wo man sich heute vergnügt, dort ist alles voller Leichen. Ich habe mit einem Kollegen gesprochen. Er ist von dort geflohen. 

Sie bekamen nichts zu essen dort. In den Kellern saßen Offiziere, die fast schon zu Kannibalen wurden, Menschenfressern. Und wenn einer umfiel, schaufelten sie ein Loch und verscharrten ihn an Ort und Stelle. Das war ein echtes Konzentrationslager. Der Keller brechend voll mit Offizieren, mit sowjetischen. Das haben alles die Deutschen getan.

[И мы их сопровождали. Значит, наверх они вот так поднимаются, наверх. Потом, значит, поворачивают – и тут был центральный вход, деревянные ворота, в концлагерь этот. 

Ворота деревянные.. Они прозрачные, не сплошные. Стояли 2 будки по обе стороны, так? Открывают ворота – мы их довели до самых ворот. Их только ввели туда, они стали сюда лицом. И тут пулемет, они нас не прогоняли немцы.

Дмитро: То есть вы видели, как их расстреляли?
Ефремов: Собственными глазами. Да, вот так вот всех, до единого. А там же их и закопали. Там вот это, где они сейчас развлекаются – это все в в трупах. Я разговаривал с одним товарищем – работали мы с ним. Он бежал оттуда. А же не кормили их ничем. Там в подвалах  сидели  офицеры, они чуть ли не людоедством занимались. Каннибальством этим. И значит, там упал, сейчас тот выкопал ямку, тут  же его и закопали.Но это все был концлагерь. И подвал был забит офицерами. То есть нашими. Вот это то же, что немцы.]

Jasmin Lörchner: Wladimirs Erinnerung klingt krass und bedrückend.

Die Deutschen ahnden die Unterstützung von Gefangenen streng. Manchmal werden Menschen, die ihnen Brot oder anderes Essen geben wollen, weggestoßen und geschlagen. Ejchman selbst ordnet an, dass einige junge Frauen genau deswegen sogar erschossen werden.

Die Gewalt gegen Kriegsgefangene ist immer wieder ein Thema in den Erinnerungen von Überlebenden. Wie erlebte die lokale Bevölkerung das, Frau Söhner?

Jasmin Söhner: Also dadurch, dass die Mehrzahl der lokalen Bevölkerung selbst Verwandte oder nahe Angehörige, Freunde hatte, die in der Roten Armee gedient haben, ist davon auszugehen, dass sie ein sehr positives Bild der sowjetischen Kriegsgefangenen hatte und sich auch stark mit den sowjetischen Kriegsgefangenen solidarisiert hat. Denn man wusste gut, der eigene Sohn, der eigene Bruder, der eigene Mann, der Nachbar kämpft selbst auch in der Roten Armee und es ist ganz häufig in den Quellen auch dann anzutreffen, dass darüber gesprochen wird, dass man versucht, den sowjetischen Kriegsgefangenen Nahrungsmittel zukommen zu lassen. Dabei steckt natürlich auch der Gedanke dahinter, dass man hofft, dass, falls der eigene Sohn, der eigene Verwandte in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten würde, dass auch andere Sowjetbürger sich ebenso verhalten würden.

Jasmin Lörchner: Tatsächlich ist in Stalino der Umgang mit den Kriegsgefangenen für viele Menschen in der Bevölkerung ein Zeichen der Brutalität der Deutschen.


Tanja Penter: In dem Kriegsgefangenenlager auf dem Gelände des Lenin-Clubs, in dem zeitweilig bis zu 20.000 Gefangene interniert waren, herrschten extreme Lebensbedingungen. Die Unterkünfte waren baufällig, unbeheizt, überfüllt. Es fehlten Waschmöglichkeiten. Krankheiten und Parasiten breiteten sich massenhaft aus. Im Sommer litten die Gefangenen tagelang unter Wassermangel, im Winter kam es zu massiven Erfrierungen. Die Ernährung war unzureichend und minderwertig. Misshandlungen durch das Wachpersonal waren alltäglich. Die Bedingungen führten zu schwerer Unterernährung und massenhaftem Sterben der Gefangenen. Bis zu 200 Menschen täglich, wie wir aus Zeitzeugenberichten wissen. Die Gefangenen verhungerten, lagen ungeschützt unter freiem Himmel wurden teils noch lebend auf Schubkarren zu Massengräbern transportiert und hineingeworfen. Für die sowjetischen Augenzeugen war dies ein Schlüsselmoment, der die extreme Brutalität der Deutschen und die Missachtung menschlichen Lebens offenlegte. Die Erfahrung prägte das Bild der Besatzer nachhaltig und verstärkte die Ablehnung in der lokalen Bevölkerung.

Jasmin Lörchner: Wir wissen heute, dass die Kriegsgefangenen im Donbas die größte Opfergruppe waren – allein in der Region Stalino starben 150.000 Gefangene. Manche Kriegsgefangene mussten zeitweilig auch im Bergbau arbeiten. Da wurden sie zwar zumindest etwas besser versorgt, aber trotzdem starben viele unter der starken Belastung.

Der Umgang mit den Kriegsgefangenen zeigt auch das rassistische Weltbild der Nazis, denn sie unterschieden klar zwischen den westlichen und den sowjetischen Kriegsgefangenen. Von ungefähr 5,7 Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, sterben 3,3 Millionen. Das sind 57 Prozent der Gefangenen. Dagegen wird mit den französischen, englischen oder amerikanischen Kriegsgefangenen ganz anders umgegangen. Von ihnen sterben anderthalb bis zweieinhalb Prozent.

Während Wladimir das Leiden beobachtet, ist Ejchman ganz unmittelbar Teil des Systems, Teil der deutschen Verbrechensmaschinerie. Und das erste Ziel wie allerorts auch in Stalino: Jüdinnen und Juden.

Andrej Ejchman: Laut Befehl des stellvertretenden SD-Chefs Graf musste ich Namenslisten mit allen Juden erstellen, die in meinem Polizeibezirk lebten. Die anderen Polizeibezirke erhielten den gleichen Befehl. Zwei Tage später kam Graf zu mir, um die Liste abzuholen. Er nahm eine Kopie davon mit und ließ die anderen beiden bei mir. Er befahl, noch am selben Tag nach der Ausgangssperre alle Juden aus ihren Wohnungen abzuholen, unter dem Vorwand, sie würden wegen der herannahenden Front in die Region Saporischschja evakuiert.

Jasmin Lörchner: Ejchman und seine Kollegen führen die Befehle eins zu eins aus. Sie unterstützen aktiv bei der Verfolgung von Jüdinnen und Juden. Denn gerade die bürokratische Erfassung ist ja überhaupt die Grundlage für die Durchführung des Genozids. Nur wenn die Deutschen wissen, wer jüdisch ist, können sie diese Menschen auch verfolgen.

Natürlich sind diese Befehle der Deutschen erst der Anfang. Erste Jüdinnen und Juden werden schon vor einer systematischen Verfolgung von den Deutschen erschossen. Nur wenig später bekommen der Bürgermeister und sein Stellvertreter Ejchman dann den Auftrag, ein jüdisches Ghetto zu errichten. Es wird ein Bezirk am Stadtrand ausgewählt, um das Geschehen von der übrigen Bevölkerung fernzuhalten. Der Plan wird dann auch schnell in die Tat umgesetzt. Schon wenige Tage nach dem Befehl sind die Jüdinnen und Juden der Stadt aus ihren Wohnungen vertrieben und ins Ghetto zwangsumgesiedelt.

Andrej Ejchman: Wir hatten den Leitern der Polizeibezirke und den Bezirksbürgermeistern die Anweisung erteilt, die gesamte jüdische Bevölkerung ins Ghetto zu überführen, wobei jede Familie ihre Wertsachen, die beste Kleidung sowie Verpflegung für fünf bis sechs Tage einpacken sollte. Die Wohnungsschlüssel sollten sie den Polizisten übergeben, die die Umsiedlung durchführten. Im Zuge dieser Maßnahmen wurden die jüdischen Familien aus allen Bezirken der Stadt hier zusammengetrieben.

Die Schwachen wurden gestützt, die Kinder getragen, die Polizisten trieben sie mit Peitschen und Gewehrkolben an, man hörte Stöhnen, Schreie und das Weinen von Kindern. Angesichts der begrenzten Zahl von Behausungen blieb ein Teil der Leute unter freiem Himmel. Alle Wertsachen und Besitztümer wurden eingesammelt dem SD übergeben, dann wurde die gesamte jüdische Bevölkerung — über 3000 Menschen – erschossen oder in speziellen Gaswagen abtransportiert. Ihre Leichen  wurden in den Förderschacht bei Kaliniwka geworfen.

Jasmin Lörchner: Vom Schacht 4/4-bis habt ihr auch schon Folge 1 gehört. Es ist der Ort, der in Stalino eine zentrale Rolle in den NS-Verbrechen spielt. Dmytro Tytarenko von der Universität Heidelberg hat sich unter anderem auf die Geschichte Stalinos im Zweiten Weltkrieg spezialisiert. Können Sie uns einmal erzählen, warum die Prozessakte von Andrej Ejchman dabei für Sie so wichtig war, Herr Tytarenko?

Dmytro Tytarenko: Naja, sagen wir mal so: Lange Zeit kursierten Gerüchte, dass es in Stalino ein Ghetto gegeben habe, aber es gab keine Beweise. Erst im Jahr 2000 … Es war für mich das erste Mal, dass ich in den Archiven der Ukrainischen Geheimdienste in Donezk mit Materialien des ehemaligen KGB arbeiten konnte. Mithilfe des Leiters der Archivabteilung fand ich dieses Dokument in der Akte Ejchmann, und wir konnten es in Umlauf bringen. Damit konnten wir die Existenz eines Ghettos in Stalino dokumentarisch belegen. Wir sorgten auch dafür, dass die Zeugenberichte der Menschen öffentlich wurden, die dort ihre Angehörigen verloren hatten oder denen es durch ein Wunder gelungen war, in der Nacht zum 1. Mai 1942 dem Tod zu entkommen, als die letzten Bewohner des Ghettos unter dem Vorwand der Umsiedlung in Gaswagen gesteckt und ermordet wurden. So wurde praktisch die sogenannte „Judenfrage” in der Stadt gelöst, obwohl natürlich weiterhin Juden aufgespürt und ermordet wurden.

[Ну вот, скажем так, долгое время о существовании гетто в городе, ну так, сходили слухи, но в общем-то никак доказать это не удалось. Ну и вот только в 2000 году – тогда, ну это скажем так, это было для меня было первое, первый опыт работы с материалами спецслужбы бывшего КГБ в архивы СБУ в Донецке. При помощи начальника архивного подразделения мне удалось найти этот документ в деле Эйхмана, ну и нам удалось вести его в оборот. 

И благодаря этому факт существования гетто на территории Сталино был документально подтвержден, ну и были введены в оборот свидетельства людей, которые потеряли своих родственников там или которым удалось чудом избежать казни в ночь на 1 мая 1942 года, когда последние обитатели гетто были под поводом переселения в другое место были вывезены в душегубках и уничтожены. Вот так был решен, условно говоря, еврейский вопрос на территории города, хотя, конечно же, случаи выявлений евреев и их казни убийства продолжались и дальше.]

Jasmin Lörchner: Ejchman und die Stadtverwaltung arbeiten also auch hier den Deutschen zu. Durch die verwaltungstechnische Erfassung der Jüdinnen und Juden und durch die Bereitstellung von Infrastruktur erleichtern sie den deutschen Besatzern das Morden. Außerdem rauben sie selbst jüdisches Eigentum und bereichern sich auf diese Weise.

Ejchmann greift aber nicht nur nach jüdischem Eigentum.

Tanja Penter: Regelmäßig ließ die Stadtverwaltung unter Ejchmans Befehl in Stalino Wohnungsdurchsuchungen durchführen, bei denen Möbel, Haushaltsgegenstände, Lebensmittel, Wertsachen beschlagnahmt wurden. Und nur ein Teil des geraubten Eigentums ging an die deutsche Militärverwaltung. Der Rest wurde dann eben … daran bereicherte sich Ejchman selbst und er wurde unter den Mitarbeitern der Stadtverwaltung und der Polizei verteilt. Ejchman bereicherte sich also persönlich sowohl an konfisziertem Eigentum der Zivilbevölkerung als auch am Besitz der ermordeten Jüdinnen und Juden. Er war auch bekannt dafür, dass er oft opulente Feiern ausrichtete für die deutschen Besatzer. Er machte sich dadurch bei ihnen beliebt.

Jasmin Lörchner: Irgendwann werden die Plünderungen durch Polizei und Stadtverwaltung so schlimm, dass sogar die deutschen Besatzer es übertrieben finden. Sie ermahnen Ejchman, zurückhaltender zu sein.

Tanja Penter: Wie sehr die Stadtverwaltung Stalino unter Ejchman auch auf die Kritik der Zivilbevölkerung stieß, das sehen wir auch an der Überlieferung der Beschwerdeabteilung. Also eine solche gab es da eben auch. Es gab elf Abteilungen in der Stadtverwaltung. Und diese Beschwerdeabteilung, die befasste sich – der sowjetischen Praxis folgend übrigens – mit Beschwerden aus der Bevölkerung. Da sehen wir, dass dort 147 Beschwerdebriefe eingegangen waren, die eben zum größten Teil die Konfiskationen von Eigentum oder auch von Vieh bei der Zivilbevölkerung beklagten.

Jasmin Lörchner: Diese Beschwerden sind kleine Akte des Aufbegehrens. Sie zeigen, dass die Menschen in Stalino versuchen, Handlungsoptionen für sich auszuschöpfen, sich ein bisschen zu widersetzen. Die Kritik der Zivilbevölkerung ist aus Sicht der Deutschen ganz sicher problematisch – denn die deutsche Besatzungsmacht ist ja davon abhängig, dass die Stimmung in der Bevölkerung nicht kippt.

Tanja Penter: Interessanterweise wurde die persönliche Bereicherung von Ejchman und weiteren Mitarbeitern der Stadtverwaltung durch die eigene Revisionsabteilung aufgedeckt. Die Revisionsabteilung stellte auch fest, dass die Mitarbeiter der Polizei in großem Umfang Lebensmittel erhalten hatten, darüber gar keine Buchführung geführt hatten. Und dass sie auch über die eingegangenen Strafgelder, die erhoben wurden, oder über das bei der Bevölkerung konfiszierte Eigentum gar keine Buchführung führten. So dass das also ein sehr kritischer Bericht auch über die Arbeit des Bürgermeisters Ejchmans durch die eigene Revisionsabteilung war, die der Leiter der Revisionsabteilung dann auch ins Deutsche übersetzen ließ und an die deutschen Militärverwaltungsstellen weiterleitete, um hier auch einen Personalwechsel in den Leitungsfunktionen vorzuschlagen. Da ist interessant, dass sich das deutsche Kommando aber hinter Ejchman und seine Mitarbeiter, auch in der Polizei, stellte und stattdessen für die Entlassung des Leiters der Revisionsabteilung sorgte.

Andrej Ejchman: Vom 7. Mai 1942 bis zu meiner Flucht mit den deutschen Besatzern im September 1943 aus Stalino ins deutsche Hinterland war ich Bürgermeister der Stadt.

Zum Bürgermeister der Stadt ernannte mich der Militärberater des Kommandanten Oberst Peters – ein Deutscher, Major Franz Naruschat.

[С 7-го мая 1942 года я был бургомистром города до моего бегства с немецкими захватчиками в сентябре 1943 года из гор. Сталино в немецкий тыл.

Назначил меня бургомистром города военный советник при комендатуре коменданта полковника Петерс – немец, майор Нарушат Франц.]

Jasmin Lörchner: So erzählt Ejchman es selbst in einem seiner Verhöre durch Hauptmann Danilow. Er verschweigt dabei, dass die Revisionsabteilung ihn anschwärzt. Das wissen wir aber aus anderen Quellen. Auch über die Beschwerden aus der Bevölkerung sagt er nichts. Beide können Ejchman auch nichts anhaben: Seine Beziehung zur deutschen Besatzungsmacht bleibt stabil. Ejchman wird im Mai 1942 sogar zum ersten Bürgermeister der Stadt. Als sein Vorgänger, Petuschkow, verschwindet. Und er bekommt die sogenannte „Ostmedaille“ als Auszeichnung für seine Leistungen.

Wir können nur spekulieren, woran das liegt. Vielleicht ist er einfach besonders gut darin, seine Beute an die Deutschen weiter zu verteilen und so Loyalitäten zu schaffen. Vielleicht ist es auch gerade die Errichtung des Ghettos, mit der Ejchman das deutsche Kommando von sich überzeugt. Er leistet zuverlässige Zuarbeit und trägt so dazu bei, dass Stalino schon im Dezember 1942 als Zitat „judenfrei“ erklärt werden kann. Oder ist es vielleicht die fließende deutsche Sprache? Die Deutschen sind sonst immer auf einen Dolmetscher oder in der Regel eine Dolmetscherin angewiesen. Aber mit ihm ist das Gespräch direkt und ohne Umwege möglich.

Fakt ist jedenfalls: Egal, wohin wir schauen, welches Verbrechen der Deutschen in Stalino wir auch betrachten: Es gibt Berührungspunkte mit Ejchman.

Tanja Penter: Im Sommer 1942 richtete die Verwaltung im Auftrag der Deutschen sogar eine Gesundheitspolizei ein, die sowjetische Bürger mit ansteckenden Krankheiten aufspüren sollte. Über 400 Betroffene wurden in ein Lager gebracht. Viele von ihnen wurden von den Deutschen ermordet. Bereits im November 1941 waren psychisch kranke Patientinnen und Patienten eines Krankenhauses in Stalino unter Mitwirkung der Stadtverwaltung getötet und ihres Besitzes beraubt worden. Also ein anderes sehr dunkles Kapitel der deutschen Besatzungsgeschichte, die Ermordung von kranken und behinderten Menschen.

Jasmin Lörchner: Gleichzeitig ist an dieser Stelle auch noch einmal wichtig zu sagen, dass Menschen wie Ejchman nicht die Haupttäter waren. Wenn wir beispielsweise über den Holocaust in Stalino reden, dann ist der Hauptverantwortliche ein Mann namens Robert Mohr. Er tritt 1933 der NSDAP bei und wird Mitglied der allgemeinen SS. Ab 1939 arbeitet er im Reichssicherheitshauptamt. Und ab November 1941 bis September 1942 leitet er das Einsatzkommando sechs in Stalino. Damit ist er derjenige, der die Kommandos zur Tötung der Jüdinnen und Juden in der Region gibt.

Aber zurück zu Ejchmann: Was uns die bisherigen Zitate aus den Verhören ziemlich deutlich machen: Ejchman nutzt die Gunst der Stunde. Ihm bietet sich die Möglichkeit, seine eigene Position zu verbessern. Und diese Möglichkeit nutzt er voll aus. Er steigt gewissermaßen mit den Deutschen auf. Und als das Ende der deutschen Besatzung kommt, steigt er auch mit ihnen ab.

Tanja Penter: Also er konnte sich schon berechtigte Sorgen machen, dass er nach der Rückkehr der Sowjetmacht Repression erleiden würde nach der Art und Weise seiner Zusammenarbeit mit den Deutschen. Also von daher liegt es auf der Hand, dass er erstmal versuchte, sich den Deutschen anzuschließen, ins deutsche Hinterland zu gelangen. Er erlebte dann, soweit wir wissen, das Kriegsende in der Tschechoslowakei. Also war er mit den Deutschen irgendwie bis dorthin gelangt. Von dort wurde er dann nach 1945 als Displaced Person in die Sowjetunion repatriiert. Und zwar diesmal nach Russland. Wie er das geschafft hat, wissen wir nicht, aber er gelangte in die Region Kostroma. Also er hat das vermutlich gemacht, weil er irgendwo hinwollte, wo ihn niemand kannte, weil er eben mit Repressionen rechnen musste. Er hat dann versucht, seine wahre Identität geheim zu halten, verborgen zu halten. Er arbeitete dort in Kostroma in Russland als Schlosser in einem Forstbetrieb, wurde aber dann vom sowjetischen Geheimdienst doch ausfindig gemacht und im April 1946 dort festgenommen und nach Stalino gebracht, wo er dann eben in diesem großen Prozess vor Gericht gestellt wurde.

Jasmin Lörchner: Ejchman versucht also, in der Sowjetunion unterzutauchen, wird aber ausfindig gemacht und zurück nach Stalino gebracht – und jetzt sind wir wieder am Anfang unserer Folge.

Bevor ihm der Prozess gemacht wird, wird Ejchmann verhört, ihm wird der Schlaf entzogen, womöglich werden auch andere Foltermethoden angewandt. Frau Söhner, Sie haben viel zu Gerichtsprozessen gegen Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs geforscht. Was können Sie uns über den Prozess gegen Ejchman sagen?

Jasmin Söhner: Der Prozess gegen Andrej Eichmann ist ein geschlossener Prozess. Das heißt hier wird höchstwahrscheinlich der didaktische Zweck eine geringere Rolle gespielt haben. Eigentlich lange Zeit geht es dabei darum, dass man sozial gefährliche Personen ausschaltet. Und das heißt, dass dieser Faktor der Rehabilitierung eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. Und es geht tatsächlich ganz häufig auch darum, Vergeltung zu üben, wenn es sich um öffentliche Bestrafungen handelt, auch Personen davon abzuhalten, weiterhin mit den Deutschen zu kollaborieren. Das heißt, man geht davon aus, dass es eine abschreckende Wirkung hat. Und zum anderen aber natürlich auch, dass man zeigen kann, dass man zurückkehrt und dass man auch wieder eine Ordnung schaffen kann. Es ist also überhaupt eine Präsenz des Staates.

Jasmin Lörchner: Ejchman wurde vom 16. bis 24. September 1946 in Stalino der Prozess gemacht. Sein Fall ist dabei einer von vielen.

Tanja Penter: Wenn wir nur auf die Ukraine schauen, dann sehen wir, dass allein in der Sowjetukraine zwischen 1943 und 1953 fast 100.000 Menschen als Vaterlandsverräter verhaftet wurden. Das waren beinahe ebenso viele wie in ganz Europa Deutsche und Österreicher wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurden. Die Gesamtzahl von Sowjetbürgern, die wir bisher kennen, die als vermeintliche Vaterlandsverräter bis 1953 festgenommen wurden, betrug über 320.000. Die Strafverfolgung war dabei oft auch politisch gesteuert.

Jasmin Lörchner: Dass viele Menschen nach dem Krieg in der Sowjetunion unter den Verdacht des Vaterlandsverrats gerieten und teilweise hart bestraft wurden, kennt ihr ja schon aus Folge 1. Nur zum Vergleich: Erinnert ihr euch noch an Ejchmans Aussage, dass er den Befehl erhalten hat, alle Jüdinnen und Juden zu registrieren? Dieser Befehl kam von Matthias Graf. Der war stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes. Graf wurde später in Nürnberg wegen Mangel an Beweisen für Verbrechen in der UdSSR freigesprochen und lediglich für die Mitgliedschaft im Sicherheitsdienst bestraft. Bei einem späteren Entnazifizierungsverfahren in Augsburg wurde er sogar lediglich als Mitläufer eingestuft und konnte so ganz normal sein Leben fortsetzen. Dabei war er schon 1933 der NSDAP beigetreten. Graf starb 1994 in Kempten. Und das zeigt, wie unterschiedlich die Justiz in der BRD und der Sowjetunion mit den verübten Verbrechen umging.

Ejchmans Fall wurde 1992 noch einmal vom obersten Gerichtshof der Ukraine geprüft, der das Urteil aber nicht aufhob. Bei diesem zweiten Prozess zu seiner Person ging es darum, dass die Ukraine selbst, als eigenständiger Staat, den Zweiten Weltkrieg aufarbeitet. Erste solche Rehabilitierungsprozesse hatten sogar schon in der Sowjetunion stattgefunden. In der unabhängigen Ukraine konnten dank einer neuen Gesetzeslage Familien Anträge auf die Rehabilitierung ihrer Angehörigen stellen. Ejchman ist in diesem Prozess 1992 aber nicht rehabilitiert worden.

So ist Ejchman also gewissermaßen noch ein zweites Mal Teil einer erinnerungskulturellen beziehungsweise gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden. Im ersten Prozess wurde er bestraft, einerseits wegen seiner Taten selbst. Aber der Prozess und das Urteil gegen ihn dienten der Sowjetunion 1947 auch dazu, die sowjetische Ordnung wiederherzustellen. Man wollte nach der Besatzung der Deutschen wieder Macht demonstrieren.

Die Bedeutung von Erinnerungskultur ist für das Selbstverständnis von Gesellschaften auch nicht zu unterschätzen. Sowohl in der Ukraine als auch in Russland spielt der Zweite Weltkrieg, oder der „Große Vaterländische Krieg“, wie er in Russland genannt wird, eine wirklich große Rolle. Ich habe meine Journalistinnen-Kollegin Luzia Tschirky dazu befragt. Luzia, kannst du uns eine kurze Einführung darüber geben, welche Rolle der Zweite Weltkrieg in der Region Donbas, beziehungsweise in Donezk, gerade spielt?

Luzia Tschirky: Aufgrund der Tatsache, dass die Stadt Donezk seit 2014 de facto unter Kontrolle der russischen Armee ist, ist natürlich auch das Narrativ und die Feierlichkeiten rund um den Zweiten Weltkrieg oder wie er jetzt im russischen Kontext auch der „Große Vaterländische Krieg“ genannt wird, natürlich sehr stark entsprechend der russischen Propaganda. Das heißt, dass der russische Staat wie auch das offiziell als russisch anerkannte Staatsgebiet die ganze Geschichtserinnerung für sich gekapert hat. So ist es auch der Fall für die Gebiete der Ukraine, die von Russland besetzt werden, wie eben beispielsweise Donezk. Es geschieht natürlich jetzt im aktuellen Kontext 2025 auch unter dem Blickwinkel, dass man in der russischen Propaganda davon spricht, dass man eigentlich heute wieder gegen den Faschismus kämpfen würde. Wie eben damals, während dem Zweiten Weltkrieg, würde man heute wieder gegen den Faschismus kämpfen. Und beispielsweise wird dann eben auch dem ukrainischen Präsidenten unterstellt, er sei ein Faschist, was ganz grundsätzlich, also absolut an den Haaren herbeigezogen ist, ja, aber auch in Donezk, wie auch in den anderen Gebieten der Ukraine, die von Russland besetzt werden, wird das natürlich staatlich, für staatliche Propagandazwecke instrumentalisiert, und es werden dann eben auch gerade jetzt im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg Bezüge hergestellt zum Krieg heute, also zum Russischen Angriffskrieg von heute.

Jasmin Lörchner: Geschichte spielt also eine Rolle, um die Gegenwart zu beeinflussen. Das gilt übrigens auch für den Diskurs in der Ukraine. Wenn euch das näher interessiert: Ihr findet dazu Hinweise in den Shownotes.

Wir kommen jetzt aber zum Anfang unseres Podcasts zurück. Habt ihr euch ein Bild machen können? War Ejchman Mitläufer oder Kollaborateur?

Ich nehme Ejchman als eine Person wahr, die sehr auf den eigenen Vorteil bedacht war. Wie sehen Sie das denn, Frau Penter?

Tanja Penter: Mir stellt sich ein ähnliches Bild dar, dass er also in erster Linie opportunistisch seine eigenen Interessen verfolgte. Also er war niemand, der versuchte, seine Position dafür zu nutzen, der Bevölkerung in Stalino zu helfen, das deutsche Besatzungsregime zu erleichtern. Möglichkeiten dafür hätte es vielleicht trotz aller Beschränktheit der Handlungsspielräume der lokalen Verwaltung durchaus gegeben. Nein, im Gegenteil, trägt er dazu bei, dass sich die Situation der Zivilbevölkerung verschlechtert. Er macht sich zum Handlanger der deutschen Verbrechen, setzt sie um. In seinem Prozess befragt, in seinen Aussagen betont er immer wieder, dass er nie unmittelbar selbst an Gewalttaten teilgenommen habe. Aber er ist dann derjenige, der nach der Ermordung der Jüdinnen und Juden in die Wohnungen fährt und das Eigentum abtransportiert oder das Eigentum der ermordeten Psychiatriepatientinnen holt und quasi darauf achtet, dass er selber eben auch immer einen nicht geringen Anteil davon bekommt. Also ein Opportunist, der mit geringem Bildungsgrad es aber trotzdem schafft – quasi so als eine Art Hochstapler vielleicht – sich den verschiedenen Regimen jeweils anzudienen. Denn er hat es ja auch geschafft in der Sowjetunion unter Stalin in den 30er Jahren eben zum Direktor einer Kolchose aufzusteigen, was eben auch nicht selbstverständlich war für einen Angehörigen aus der deutschen Minderheit. Also er schafft es, sich den wechselnden diktatorischen Regimen jeweils so anzudienen, dass er selbst an erster Stelle davon profitiert.

Jasmin Lörchner: Aber nach der deutschen Besatzung gelingt ihm das nicht noch einmal, das haben wir ja schon gehört. Der Prozess gegen ihn endet 1947 mit einem Schuldspruch und einem Todesurteil. Ejchman wird wegen Vaterlandsverrats am 4. Januar 1947 erschossen.

Wenn ihr euch weitere Hintergründe rund um die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg in Donezk, beziehungsweise Stalino, anschauen wollt, dann geht auf die Seite stalino.dekoder.org. Dort findet ihr Bildmaterial und spannende Textfeatures rund um das Thema. In einer interaktiven Karte könnt ihr beispielsweise sehen, wo sich der Schacht 4/4-bis befand.

Dieser Schacht ist einer der zentralen Punkte des Holocaust in Stalino – aber in der nächsten Folge treffen wir ein jüdisches Mädchen, das ihm entgeht, das gerettet wird. In Folge 3 erzählt euch Margarita ihre Geschichte.

Wenn euch das Projekt gefällt, empfehlt uns gerne weiter!

Ich bin Jasmin Lörchner und das war Stalino – Geschichten einer besetzten Stadt – ein dekoder-Podcast in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg.

Das Projekt wird realisiert im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht.

Contributors

  • Moderation: Jasmin Lörchner
  • Sprecher: Prof. Dr. Dmytro Tytarenko – Mirko Drotschmann; Wladimir – Ilyass Alaoui; in weiteren Rollen: Dr. Matthias von Hellfeld
  • Wissenschaftliche Redaktion: Prof. Dr. Tanja Penter, Prof. Dr. Dmytro Tytarenko, Dr. Jasmin Söhner
  • Projektleitung dekoder: Leonid A. Klimov
  • Skript: Dr. Saskia Geisler
  • Audioproduktion, Sound Design und Mischung: Bony Stoev
  • Redaktionelle Mitarbeit und Produktion: Josephine Schneider
  • Producerin Berlin Producers: Jessica Krauß
  • Audioaufnahmen: Cornelius Rapp
  • Artwork / Cover: Village One
  • Übersetzerinnen: Jennie Seitz und Ruth Altenhofer
  • Produziert von Berlin Producers Media

„Der Krieg und seine Opfer“ und „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“ sind Projekte von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg.

Ein Projekt in Kooperation mit der Universität Heidelberg

Universität Heidelberg

Ein Projekt der Bildungsagenda NS-Unrecht

Gefördert durch

auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages