Der Krieg beginnt im Radio
Die Menschen sehen besorgt aus. Als ein Mädchen hört, dass der Krieg gekommen sei, fragt sie: „Wieso kommt er denn nicht herein, wenn er doch schon da sei?“ Ihre weinende Mutter antwortet nicht, schickt die Tochter stattdessen zum Wasserholen. Die Kleine fragt weiter: „Wird der Krieg dann da sein, wenn ich zurückkomme?“
Die Kinder von Stalino begreifen nicht, was vor sich geht, was die Erwachsenen so sehr bedrückt – auch Wowa nicht. Wowa ist neun Jahre alt und wundert sich: Mit seinen Jungs spielt er doch schon immer Krieg, zusammen rennen sie mit selbstgebastelten Waffen durch die Gegend – so schlimm kann das doch wohl in echt nicht werden.
Wowas Familie hat weder Telefon noch Radio. Wenn sie etwas erfahren, dann haben es andere erzählt – oder sie hören Radio beim Nachbarn. Dieser gewisse Herr Kolessnikow hat, soweit Wowa weiß, einen wichtigen Posten beim Metallwerk in der Stadt und kann sich das leisten. Der Radioapparat ist groß, schwarz und hängt an der Wand. Das Radio lobt die Deutschen und Hitler und erzählt von einer tiefen Freundschaft beider Staaten. Diese deutsch-sowjetische Freundschaft war zwei Jahre zuvor per Vertrag besiegelt worden und führte dazu, dass – aber darüber spricht das Radio nicht – beide Mächte mit Gewalt mehrere mittelosteuropäische Länder unter sich aufgeteilt hatten.
An jenem heißen Sonntag, dem 22. Juni 1941, stehen alle Fenster offen, auch bei den Kolessnikows. Wie gewohnt, läuft das Radio und die langsame Senderkennung dringt aus dem Lautsprecher, dann das auf einem Vibraphon gespielte Lied „Weit ist mein Heimatland“. Um 12 Uhr kündigt der Slogan „Goworit Moskwa! Goworit Moskwa!“ („Hier spricht Moskau! Hier spricht Moskau!“) eine Mitteilung aus dem Kreml an. Überall in der Sowjetunion versammeln sich die Menschen vor den Radios – in Häusern und Wohnungen, auf Straßen oder eben vor offenen Fensters wie bei Wowas Nachbarn.
Dann ertönt die blecherne Stimme des Radiosprechers: „Deutsche Truppen haben unser Land überfallen, unsere Grenzen attackiert und (…) Städte bombardiert.“
Das Leben all der Menschen, die hier stehen und lauschen, wird sich radikal ändern, viele werden fliehen, Hunger leiden. Viele werden sterben. Gerade noch scheint der Krieg weit weg. Fortan gibt es nur noch Davor und Danach. Der Junge Wowa wird den Krieg mit viel Glück überleben. Jahrzehnte später kann er als Erwachsener seine Geschichte erzählen: die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung der Stadt Stalino, die wir heute als Donezk im Donbas kennen. Seine Erinnerungen an den Einmarsch der Deutschen in seine Heimatstadt hat er in langen Gesprächen geteilt. Und seine Erzählung beginnt wie die vieler anderer Zeitzeug:innen aus diesen Jahren mit jener offiziellen Radiomeldung.
Damals trug die Stadt den Namen des sowjetischen Diktators Josef Stalin. Erst später bekam sie ihren heutigen Namen – Donezk
Aus der„wilden Steppe“
Wowa ist damals noch keine zehn Jahre alt. Sein Vater arbeitet als „Walzbieger“ im Metallwerk. Er ist ein einfacher Arbeiter, der eine Walzmaschine bedient. Sergej Dementjew, wie sein Vater hieß, kam gebürtig nicht aus Stalino, sondern aus Kursk.
Die meisten Städte im Donbas bestehen aus „Neuankömmlingen“ wie Sergej Dementjew. Bereits Ende der 1920er Jahre war es nur noch ein Anteil von 16 Prozent der Stadtbevölkerung, der selbst im Donbas geboren worden war. Wowas Vater gehörte zu den Menschen, die 1921 dem sowjetischen Aufruf zum Wiederaufbau des Metallwerks gefolgt waren – des industriellen Herzens von Donezk, das im Zuge des russischen Bürgerkrieges zerstört worden war. Wowas Familie, Vater Sergej, seine Mutter sowie die großen Geschwister Kolja und Sweta wohnten nur ein paar Hundert Meter davon entfernt. Ihre Wohnung lag an der südlichen Stadtgrenze, in der kleinen Siedlung Maslowka, die seinerzeit längst eingemeindet worden war.
Der gesamte Donbas entwickelt sich damals rasant. Doch Stalino spielt selbst in dieser Region eine außergewöhnliche Rolle: Innerhalb von weniger als 80 Jahren ist die Stadt zum Industriezentrum eines riesigen Imperiums aufgestiegen.
Zu Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges lebt hier rund eine halbe Million Menschen. Was ist aber der Donbas überhaupt? Und wo liegt er?
Wowa, 1930er Jahre
Heute hören und lesen wir ständig über den Donbas in Medien. Darunter verstehen wir administrativ Oblast Donezk und Luhansk, beide im Osten der Ukraine und beide heute fast vollständig von Russland besetzt.
Die Bezeichnung Donbas ist aber eine Abkürzung von Donez-Becken – also nach dem Fluss genannt, das über die Region hin zum Fluss Don strömt.
Wo heute wie auch bereits 1941 eine gewaltige Industriestadt steht, gab es noch vor 150 Jahren praktisch nichts.
Der Donbas war zwar nie menschenleer, stellte jedoch noch Mitte des 19. Jahrhunderts eine weitgehend dünn besiedelte Steppenlandschaft dar, in der nur kleine Dörfer verstreut lagen. Diese Dörfer bewohnten hauptsächlich ukrainische Bauern. Die Region, dem Donbas angehört, bezeichnete man lange Zeit als „dikoje polje” – „die wilde Steppe”.
Der Donbas birgt aber etwas, was mit dem Industriezeitalter bedeutsam werden sollte: Eisen, Arsen, Quecksilber, Salz, Graphit, Dolomit, Gips, Kaplin, etwas Erdgas und Erdöl und vor allem Steinkohle. Und zwar in großen Mengen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blüht der Donbas auf. Begünstigt durch die Eisenbahnanbindung an die Eisenerzförderung in Krywyj Rih findet seit den 1870er Jahren der erste Industrialisierungsschub statt: Allerorts entstehen Bergwerke, die Kohle fördern. 1913 zählt man etwa 1200 Minen in der Region.
Das Volumen der Kohleförderung steigt kontinuierlich an: Während 1880 im Donbas knapp 100.000 Tonnen Kohle pro Jahr gefördert wurden, erreicht diese Zahl vor dem Ersten Weltkrieg über 25 Millionen Tonnen. Der Donbas wird sehr schnell zum größten Montanindustriestandort im Russischen Reich.
Die Industrialisierung wird anfangs stark von Ausländern vorangetrieben. Der bekannteste ist der Brite John Hughes. 1870 gründete er im Donezk-Becken die „Neurussische Gesellschaft für Kohle-, Eisen- und Eisenbahnausrüstung“ sowie eine Siedlung, die auch nach ihm benannt wird – Jusiwka (russ: Jusowka).
Anfangs eine kleine „Arbeitersiedlung“ mit knapp 200 Bewohner:innen, entwickelt sich rund um Jusiowka sehr schnell ein Steinkohlebergwerk sowie ein Hochofen- und Eisenverarbeitungswerk.
Beim ersten (und letzten) Zensus des Zarenreichs 1897 zählt Jusiwka bereits 28.067 Einwohner. 20 Jahre später, im Revolutionsjahr 1917, ist die Stadt bereits doppelt so groß. In weiteren 20 Jahren steigt die Einwohnerzahl weiter. Der letzte Zensus vor dem Zweiten Weltkrieg 1939 kommt auf eine Zahl von 462.000 Menschen. Viele der Stadtbewohner:innen arbeiten in den Bergwerken. Der Donbas hat eine starke Anziehungskraft entwickelt: Die Grubenarbeiter, die Kohle abbauen, werden von der sowjetischen Propaganda als Helden inszeniert.
Stalino, mit dem Metallwerk und dem Stadtzentrum „verschlingt“ langsam all die nahe gelegene Siedlungen, die in der Gegend rund um Betriebe, Fabriken und Bergwerke entstanden sind – Kalinowka, Putilowka, Rutschenkowo, Budjonowka und andere.
Die Stadt mit fast einer halben Million Einwohner:innen sieht damals ungewöhnlich aus: Die gewaltigen und modernen Industriebetriebe stehen Bezirken mit flachen, einstöckigen Häusern gegenüber. Mitunter sind das nur Erdhütten, in denen einfache Arbeiter:innen leben – in engen und dunklen Räumen und ohne Kanalisation.
Einer dieser Stadtteile heißt Masliwka – dort wohnt Wowa mit seiner Familie. Vorm Fenster des Nachbarn Kolessnikow erreicht ihn die Nachricht vom Ausbruch des Krieges.
Die verschwindenden Jungen
Am stärksten ist der Krieg zunächst dadurch zu spüren, dass immer mehr junge Männer die Stadt verlassen – als Soldaten. In Stalino beginnt wie allerorts in der Sowjetunion die Mobilmachung gegen die Deutschen. Das entgeht auch Wowas Kinderaugen nicht.
In den Ferien und nach der Schule streift Wowa mit seinen Freunden durch die Stadt. Auf einem Fußballplatz am Militäramt ganz in der Nähe von Wowas Wohnung beobachten sie, wie mehrere Lkw auf reihenweise Rotarmisten warten. Die tragen zwar Uniform, aber meist keine Schuhe. Stattdessen Stoffwickel um die Füße. Die Jungs sehen, wie die Soldaten auf die Ladeflächen steigen und weggefahren werden.
Auf einem Fußballplatz am Militäramt warten mehrere Lkw auf reihenweise Rotarmisten. Die tragen zwar Uniform, aber meist keine Schuhe
Einer dieser Einberufenen ist auch Wowas älterer Bruder Kolja. Er gehörte gerade zum jüngsten Jahrgang, der einberufen wurde: geboren 1918. Kolja war 23 Jahre alt.
Wowa und seine Jungs laufen dem Lkw nach, auf dem sein Bruder sitzt. Er ahnt nicht, dass er Kolja nie wieder sehen würde.
Überall in und um die Stadt werden Verteidigungsanlagen errichtet. Da viele Männer mobilisiert wurden oder weiterhin in verteidigungsrelevanten Betrieben arbeiten, sind daran vor allem viele Frauen beteiligt. Mehr als 400.000 Menschen werden im Donbas zu diesen Arbeiten entsandt, insbesondere um Panzergräben auszuheben.
In und um die Stadt werden Verteidigungsanlagen errichtet. Mehr als 400.000 Menschen werden im Donbas zu diesen Arbeiten entsandt
Auch in Wowas Schule ist der Krieg präsent. Dorthin braucht er etwa 15 Minuten zu Fuß, immer am Metallwerk entlang – dann kommt schon das dreistöckige Gebäude. Nebenan steht nun eine Flugabwehrkanone. Hin und wieder fliegen deutsche Flugzeuge über die Stadt. Im Schulhof ist ein Graben ausgehoben. Dort sollen sich Wowa und seine Mitschüler:innen bei Luftangriffen einhocken, hat man ihnen gesagt. Diese Gräben sind mit Holzbrettern abgedeckt und können wenigstens vor Splittern oder kleinen umherfliegenden Trümmerteilen schützen; einem direkten Bombentreffer blieben die Kinder ausgeliefert.
Die Einberufungen gehen weiter und immer weiter. Allein in Oblast Stalino werden in den ersten Monaten mehr als 200.000 Menschen mobilisiert. Darunter viele Arbeiter und Ingenieure. Genaue Zahlen der Rotarmist:innen aus Stalino, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, gibt es nicht. Die Opferzahlen sind hoch. Viele fallen direkt im Krieg, andere geraten in Kriegsgefangenschaft oder gelten als verschollen, weil sich ihre Spuren im Krieg komplett verlieren.
Aus Wowas Verwandtenkreis werden insgesamt sieben Männer einberufen. Zurück kam nur einer – schwer verwundet und mit nur noch einem Bein.
Aus Wowas Verwandtenkreis werden sieben Männer einberufen. Zurück kam nur einer – schwer verwundet und mit nur noch einem Bein
Flucht für Auserwählte
Die Menschen in Stalino konnten sich anfangs kaum vorstellen, dass die Deutschen tief ins Territorium der Sowjetunion eindringen würden. Laut sowjetischer Propaganda galt die Rote Armee als unbesiegbar. Doch je weiter sich die Front nähert, desto mehr Panik verbreitet sich in der Stadt.
Wowa spürt das in der eigenen Familie. Sein Bruder Kolja ist längst an der Front. Und nun geraten auch seine Eltern und er selbst in Gefahr. Er mag noch zu klein sein, um Angst vor etwas zu haben, was er sich nicht vorstellen kann. An Angst kann er sich jedenfalls später nicht erinnern. Aber er beobachtet viel, zum Beispiel wie die Stadt evakuiert wird
Wowa stromert mit seinen Jungs am Bahnhof herum, wo immer neue Waggons einrollen. Die Kinder sehen, wie sich immer neue Waggons mit Menschen füllen. Einer nach dem anderen fahren die Züge ab. Die Waggonreihen ziehen an den Jungs vorüber. Insgesamt werden allein aus Stalino tausende Waggons mit Maschinen und Menschen hinausgebracht.
Priorität genießt dabei alles und jeder, der als „verteidigungsrelevant“ gilt, allen voran Ausrüstung und Personal der Industrieunternehmen, welche mittlerweile fast ausschließlich für die Armee gearbeitet haben. Außerdem Maschinen, Brennstoffe, Metall-, aber auch Getreidevorräte. Unter den Einwohnern werden qualifizierte Arbeitskräfte, Angestellte und Beamte für die Evakuierungslisten ausgewählt, die in das sowjetische Hinterland gebracht werden wollen.
Hunderttausende Menschen bleiben in Stalino zurück. Manche aus Angst, weil man sich erzählt, die Züge würden oft von Deutschen aus der Luft angegriffen. Manche haben kranke, alte oder schlicht für eine Flucht zu schwache Verwandte. Viele wissen nicht, wo sie hinfahren sollten und fürchten, dass im Hinterland Hunger herrsche.
Viel zu wenige Menschen können sich in Sicherheit bringen. In der gesamten Ukraine werden es rund drei Millionen sein, die vor den Deutschen fliehen können. Das ist nur jeder Zehnte.
Viel zu wenige Menschen können sich in Sicherheit bringen. Einer von zehn.
Wowas Familie gehört zu denen, die bleiben, ebenso sein Onkel Wanja mit seiner Frau. Er erinnert sich nur an einen, ferneren Verwandten, der im Archiv des Metallwerks gearbeitet hat und mit dem Archiv ins Hinterland gebracht wurde. Das war’s.
Die sowjetischen Behörden gehen zu diesem Zeitpunkt, Anfang Oktober 1941, schon davon aus, dass der Einmarsch der Deutschen nicht mehr aufzuhalten ist.
Und sie treffen eine für die verbliebene Bevölkerung folgenschwere Entscheidung.
Die Selbstzerstörung
Onkel Wanja wohnt im Stadtzentrum, auf der anderen Seite des Metallwerks, das in Stalino zwei Stadtteile voneinander trennt. Wowa kennt den Blick auf das Werk sehr gut. Mit seinem Onkel geht er oft über die Fußgängerbrücke, die direkt über das Werk führt. Tagsüber wähnen sie sich dort in Sicherheit. Es gab zwar schon mehrere Bombardierungen der Stadt, insbesondere rund um Industrieobjekte wie das Metallwerk. Doch das passiert in der Regel nachts: Dann erhellen Suchscheinwerfer den Himmel, die Flugabwehrgeschütze donnern, Jagdflugzeuge versuchen, die Bomber abzufangen oder zu verjagen.
Eines Tages im Oktober entdecken Wowa und Onkel Wanja auf eben jener Brücke einen schönen Ledersessel, wie neu und unbeschädigt steht er da. Sie nehmen ihn mit, wuchten ihn zusammen hoch, laufen von der Brücke Richtung Zentrum. Da lässt eine Explosion auf dem Fabrikgelände am helllichten Tage die Erde beben. Panik erfasst die beiden Möbelsammler. Das Bild vom schicken Sessel kurz vor dem Knall brennt sich in Wowas Gedächtnis ein.
Was die beiden erleben, ist nämlich kein Angriff der Deutschen: Vielmehr sind die sowjetischen Behörden zu der Einschätzung gelangt, dass sie Stalino gegen die Wehrmacht nicht halten können. Dass sie es nicht einmal schaffen würden, alles Wertvolle und Kriegsrelevante aus der Stadt zu retten. Was nicht evakuiert werden kann, sollte daher von nun an zerstört werden: ein Betrieb nach dem anderen, Stück für Stück. Es galt die Devise: Dem Feind nur noch verbrannte Erde hinterlassen. Ebenso den Menschen, die bleiben, weil sie keine andere Wahl. Wer es bis jetzt nicht geschafft hat zu fliehen, hat kaum noch eine Chance.
Was nicht evakuiert werden kann, sollte zerstört werden: ein Betrieb nach dem anderen, Stück für Stück
Im Oktober 1941 – kurz zuvor hatten Hitlers Truppen die ukrainischen Industriestädte Saporishshja und Dnipropetrowsk (heute – Dnipro) eingenommen – beginnen die Sowjets, westlich von Stalino die ersten Bergwerke des Donbas zu sprengen. Auch die Verkehrsinfrastruktur sollte den Deutschen nicht in die Hände fallen, also werden Bahngleise und Brücken zerstört. Währenddessen müssen noch Industrieanlagen abgebaut und weggeschafft werden. Ohne die Schiene wird bald alles zum Transportmittel, was noch vier Räder hat.
Stalino und der Donbas versinken im Chaos.
Aufzeichnungen zum Vorgehen der Sowjets in diesen entscheidenden Tagen und Wochen sind durch einen Mann überliefert: Kondrat Potschenkow – ein Mitarbeiter des Volkskommissariats der Kohleindustrie, der seit dem 8. Oktober 1941 akribisch Tagebuch geführt hat.
Die Entscheidung zur Evakuierung der Bergwerke wird am 8. Oktober getroffen. Potschenkow bleiben 24 Stunden zur Vorbereitung. Gleichzeitig sollen die Schächte und Großmaschinen gesprengt werden, die nicht abtransportiert werden können.
Die Evakuierung erweist sich als schwierig. Bewegbare Geräte werden demontiert und verpackt, doch es mangelt an Transportmitteln.
Zeitgleich beginnen die Sprengungen. Laut Potschenkows Tagebuch werden die ersten Bergwerke westlich von Stalino am 9. Oktober zerstört.
Die Zerstörung der Bergwerke in den Folgetagen auch in Stalino selbst wird von Protesten der Bergleute begleitet. Am 10. Oktober notiert Potschenkow, dass eine Gruppe von etwa 20 Menschen die Fenster eines Verwaltungsgebäudes zerschlägt und einige Menschen verletzt. Die Protestierenden skandieren: „Wir lassen die Schächte nicht sprengen.“
An manchen dieser Proteste nehmen mehrere Hunderte Arbeiter:innen teil. In der Stadt Dserschinsk (heute – Torezk) versammeln sich 1500 Menschen. Sie versuchen die Sprengung zu verhindern und setzen den Direktor des Schachtes fest. Manche Proteste werden auch von Plünderungen begleitet.
Am 18. Oktober 1941 flieht Potschenkow mit seinen Mitarbeitenden aus Stalino vor der näherrückenden Front.
Sein Weg erweist sich jedoch als problematisch. In seinem Tagebuch notiert er:
„Die ganze Straße ist ein einziges Moor. Auf dem gesamten Weg bewegt sich ein ununterbrochener Strom von Lastwagen, Fuhrwerken und Fußgängern. … Die zurückweichenden Militärkolonnen bewegen sich in Unordnung, es kommt häufig zu Rowdytum: Fahrzeuge werden weggenommen, zurückgelassen oder umgestürzt, wodurch Staus entstehen”.
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Nach einigen Zwischenstationen erreichen sie in der Nacht auf den 26. Oktober endlich Woroschilowgrad (heute – Luhansk). An dem Tag notiert Potschenkow:
„Wir sitzen und warten auf Anweisungen zum weiteren Vorgehen. Alle Schächte sind für die Sprengung vorbereitet.“
Der Sprengbefehl kommt aus Moskau zwei Tage später, am 28. Oktober. Damit werden nahezu alle Schächte der Oblast Woroschilowgrad (heute – Luhansk) systematisch gesprengt.
Ende November kommt die Front vorerst zwischen Stalino und Woroschilowgrad zum Stillstand.
Doch die Kohleindustrie des Donbas existiert da schon praktisch nicht mehr.
In Stalino werden nicht nur Schächte, sondern auch Wasserwerke und Umspannstationen gesprengt. Den verbliebenen Menschen bleibt weder Strom noch Gas, Heizung oder Wasser – nichts. Und nur wenige Lebensmittel, denn viele Vorräte verbrennen durch die Sprengungen oder Bombardierungen.
Eine Welle von Plünderungen überrollt die Stadt. Kinder wie Wowa können das schwer erfassen. Sie machen einfach, was alle machen: Sie klauen und schleppen weg, so viel sie tragen können. Die Menschen räumen sämtliche Geschäfte leer, klauen in Brotfabriken, Konditoreien, Fleischereien, selbst das blanke Korn aus den Mühlen. Sie plündern alles – Obst und Gemüse, Zwieback und säckeweise Mehl, Zuckersirup in Fässern, auch wertvolle Fotoapparate, Farben und Pinsel, Bonbons, Medikamente, Tabak und Spirituosen. Teppiche aus den Treppenhäusern. Perücken und Requisiten aus dem Theater – Schwerter und Speere aus Pappmaché, aber auch Musikinstrumente und Samt von Theatersesseln. Alles von überall.
Eines Abends findet Wowa mit anderen Jungs Gasmasken, Bajonette und Gewehre im verlassenen Bezirkskommissariat der Kommunistischen Partei. Sie greifen sich so viel sie können und laufen damit nach Hause. Dann will er noch einmal zurück – Patronen holen. Doch als er wieder zu Hause ist, ist das Gewehr weg – die Großmutter wollte keine Waffe im Haus haben und hat es, kaum hatte sie es entdeckt, direkt weggeworfen – in den Fluss. Sie fürchtet, eine Waffe im Haus könnte gefährlich sein, wenn die Deutschen kommen.
Gerüchteweise sind sie schon fast da.
Das Metallwerk ist mittlerweile eines der letzten Industrieobjekte in Stalino. Während Wowa und Onkel Wanja dort den schönen Ledersessel auf dem Rücken von der Fußgängerbrücke wegtragen, ist Potschenkow wie die meisten anderen sowjetischen Beamten nicht mehr in der Stadt. Nur die Sprengtruppen der Roten Armee sind noch da und überwachen die geplanten Zerstörungen.
Durch die Explosion im Metallwerk fliegt ein Stück Gusseisen direkt auf Onkel Wanja, durchschlägt den Boden des Sessels, bleibt aber im Polster stecken. Der Ledersessel wird ein Lebensretter. Onkel Wanja und Wowa fliehen unverletzt so schnell sie können, während weite Teile der Fabrik hinter ihnen in Trümmer zerfallen. Der Sessel war nicht mehr wichtig.
Es ist der 20. Oktober 1941. An diesem Tag wird Stalino vom 39. Gebirgskorps der Wehrmacht eingenommen. Praktisch ohne Widerstand, denn von der Roten Armee war ja kaum noch wer vor Ort.
Die Deutschen führen sofort ihre „neue Ordnung“ ein. Für Wowa und die anderen Stadtbewohner:innen beginnt die Besatzungszeit.
Die sowjetischen Medien werden darüber aber erst in sechs Tagen berichten.
„Nach mehrtägigen Kämpfen, in deren Verlauf die deutsch-faschistischen Truppen bis zu 50.000 Tote und Verwundete, über 250 Panzer, mehr als 170 Geschütze sowie etwa 1.200 Lastwagen mit Militärgütern verloren, räumten unsere Einheiten die Stadt Stalino“.


Station 02: Hotel Donbas
Die „Neue Ordnung”
In Wowas Familie gab es weder Telefon noch Radio. In Wowas Familie gab es weder Telefon noch Radio.
To the episode













Der Junge, der überlebte
Wie der Donbas als wichtigster Industriestandort der Ukraine 1941 von den Deutschen besetzt wurde

Ankunft
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Streifzüge durch eine besetzte Stadt
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Streifzüge durch eine besetzte Stadt
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Zwangsarbeit
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Holocaust
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Contributors
- Drehbuch und Text: Leonid A. Klimov
- Wissenschaftliche Redaktion: Dr. Jasmin Söhner und Prof. Dr. Dmytro Tytarenko
- Redaktion: Mandy Ganske-Zapf und Peggy Lohse
- Illustrationen: Anna Che
- Animationen: Victoria Spiryagina
- Karten und Datenvisualisierung: Artyom Schtschennikow
- Design: village one
- Veröffentlicht: 23. Februar 2026
- Photo of Vann R. Newkirk II: Emily Jan
- Part 2: Chris Graythen, Getty
- Part 3: Sorapong Chaipanya, EyeEm; James Nielsen, AFP, Getty
- Part 5: Robert Sullivan, AFP; David Howells, Corbis, Getty
- Part 7: Bettmann, Getty
