STALINO
01

Die Hände

Der Treffpunkt ist der Markt. Die Jungen der Stadt treiben sich fast ständig dort herum. Der Markt liegt im Zentrum und ist in den Monaten der Besatzung zum Herzen der Stadt geworden. Denn alles kreist nun um das, was man hier bekommen kann: Lebensmittel.

Lebensmittel können in diesen Zeiten alles Mögliche sein: Nicht nur die dargebotenen Waren an den Verkaufsständen, meist sind sie eh unerreichbar, sondern auch Reste und Abfälle. Die Jungen entwickeln ihre eigenen Strategien, um an Essen zu kommen. Manchmal suchen sie sich einen deutschen Soldaten aus, der gerade raucht. Sie bleiben in seiner Nähe und warten, bis er seine Kippe wegwirft, nur um sie schnell aufzuheben. Sie „beschatten“ einen rauchenden Soldaten nach dem anderen, denn die Besatzer patrouillieren dort regelmäßig. Wenn die Jungen genug Kippen gesammelt haben, können sie Tabakreste gegen Brot eintauschen.

TRIGGERWARNUNG: In dieser Scroll-Doku geht es um den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Nationalsozialisten in der Sowjetunion. In der vorliegenden und den anderen Folgen gibt es Beschreibungen zum Teil drastischer Gewalttaten.

Und sie haben noch viele andere Ideen: Sie fertigen selbst Seile an, die sich ebenfalls gegen Lebensmittel tauschen lassen. Oder sie verkaufen Dinge aus dem Haushalt der Eltern. Die Kinder haben nämlich ständig Hunger.

Dass die Menschen in Stalino und anderswo in den besetzten Gebieten hungern, ist nicht einfach die Folge äußerer Umstände wie Ernteausfällen oder Transportproblemen. Beides gibt es in dieser Zeit. Doch was sie wirklich in diese Lage bringt, ist die bewusste Hungerpolitik der Nationalsozialisten. Die Lebensmittel, die in den besetzten Gebieten der Sowjetunion produziert werden, dienen zwei Zwecken: Sie sollen die Wehrmacht ernähren und die deutsche Bevölkerung im Reich. Für die Menschen im Donbas bleibt nicht viel. Zur Grundlage der deutschen Wirtschaftspolitik in der Sowjetunion wird der Hungerplan. 

Für den Donbas und besonders für Industriestädte wie Stalino ist das verheerend. Schon vor dem Krieg war Stalino auf Lebensmittellieferungen angewiesen, um die Bevölkerung zu versorgen. Unter der Besatzung entwickelt sich daraus eine Hungerkatastrophe.

Wowa und die anderen Jungs lernen das schnell. Und sie wissen: Auf dem Markt lässt sich fast alles eintauschen: Obst und Gemüse, Hausrat, Kleidung… Ihre wichtigste Währung aber sind Brot und Mehl. Wobei „Mehl“ nicht unbedingt das meint, was wir uns heute darunter vorstellen. Gemeint sind vielmehr Getreidereste, die nach dem Mahlen vom Boden zusammengefegt werden. Das ist nicht viel mehr als ein staubiges Gemisch aus Getreide, Sand und Mäusekot. Man muss es unbedingt sieben. Aber selbst dann taugt es kaum zum Backen, denn das daraus hergestellte Brot ist kaum zu kauen – zu viel Sand steckt noch darin.

Darum kochen die Menschen lieber eine Art Mehlsuppe daraus. Dafür wird das „Mehl“ mit Wasser übergossen; es bilden sich kleine Klümpchen, die man zerreiben und aufkochen muss. Daher kommt wohl auch der Name „Satirka“: von „satirat“, also „reiben“. Die Suppe wird getrunken. Diese Art der Zubereitung übertüncht die Verunreinigungen.

Auf dem Markt kann man manches sogar gegen fertige Speisen tauschen: Zu haben sind dann Brühe, Suppen und Gebäck… Glück hat, wer etwas zum Tauschen oder Verkaufen heranschleppen kann. Wer aber nichts zum Tauschen hat, dem bleibt nichts anderes übrig als zu stehlen. Auch dafür ist der Markt mit all den vielen Menschen der ideale Ort. 

Doch ein Dieb zahlt einen hohen Preis, wenn er erwischt wird. Das hat Wowa gesehen, als Jurka geschnappt wurde, einer der anderen Jungen. Jurka ist kleiner als Wowa, auch jünger – etwa sechs Jahre alt. Eines Tages stibitzt er ein Stück Gebäck von einem Verkaufsstand. Doch er ist nicht flink genug. Als die Verkäuferin ihn bemerkt, schreit sie: „Oi, oi, ein Dieb!“

Jurka versucht wegzulaufen, doch jemand hält ihn fest. Und dann taucht einer der deutschen Soldaten auf und zieht seinen Dolch heraus

Jurka versucht wegzulaufen, doch hält ihn gleich jemand fest. Sogleich taucht ein patrouillierender deutscher Soldat auf, packt den Jungen und führt ihn zur Verkäuferin: „Ist das der Dieb?“

Sie sagt ja. Da drängt der Deutsche die Umstehenden zur Seite, zieht seinen Dolch heraus, legt die Arme des Jungen auf die Bretter des Verkaufsstandes und hackt ihm vor aller Augen erst die eine, dann die andere Hand ab. Jurka bleiben nur noch Stümpfe. Der Soldat bindet sie mit Stoff ab – und jagt ihn fort. Dieses Bild sollte sich Wowa Zeit seines Lebens einprägen.

Er kann später nicht mehr sagen, wie laut Jurka geschrien hat, ob er überhaupt geschrien hat oder wie der Junge nach Hause kam. Er sieht nur dieses Bild vor sich: die abgehackten Hände, die auf den Brettern liegen bleiben. 

Die Botschaft ist einfach und eindeutig. Wowa vergisst sie nie, eingeschrieben mit Jurkas Blut: Stehlen darf man nicht. Wer essen will, muss fragen. Wer fragt, bekommt vielleicht etwas. Wer stiehlt, wird hart bestraft. Es sind diese erbarmungslosen Regeln der neuen Ordnung unter den Deutschen, die alle Bewohner·innen von Stalino unter der Besatzung verinnerlichen müssen.

Eine Frau aus dem besetzten Stalino wird sich später erinnern: Die Deutschen stahlen nicht. Etwas heimlich wegzunehmen – das sei bei ihnen nicht üblich gewesen. Nein, sie nahmen sich ganz offen, was und wie es ihnen gefiel. Stets in dem Glauben, dass es ihnen zustehe und so in Ordnung sei.

Die deutsche Besatzungspolitik in der Ukraine zielte von Anfang an auf maximale Ausbeutung. Das Land war als Kolonie gedacht: Die Ressourcen sollten den deutschen Krieg tragen. Es ging um Rohstoffe, vor allem um Kohle und Erdöl. Aber auch darum, die Wehrmacht aus dem besetzten Land heraus zu versorgen.

Sieben Wochen vor Kriegsbeginn wurde dies in einer Besprechung der Staatssekretäre und Generale deutlich so formuliert: „Der Krieg ist nur weiterzuführen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird.“ Gemeint ist die Sowjetunion und getroffen hat es hauptsächlich die Ukraine.

Die handgezeichnete Kartenskizze illustriert großdeutsche Fantasien vom „Neuen Europa“: Der „Osten“ versorgt das Deutsche Reich mit Produkten aus Industrie und Landwirtschaft, 1943 / Bild © Deutsches Historisches Museum, Berlin / Inv.-Nr.: Do 61/144

02

Der Hungerplan

„Wenn gehungert wird – in Deutschland auf keinen Fall“ – das Zitat von Reichsmarschall Hermann Göring vom Oktober 1942 vermittelt das klare politische Ziel der NS-Besatzer: Die deutsche Bevölkerung soll auch im Krieg möglichst wenige Einschränkungen spüren. Dafür entwirft die Reichsführung einen Hungerplan für die besetzten Gebiete im Osten.

Göring stimmt dem Plan zu, ebenso Hitler und Alfred Rosenberg, der Reichsminister für diese besetzten Gebiete. Der Plan sieht vor, die Menschen in den besetzten Gebieten weitgehend sich selbst zu überlassen. Dass dabei Millionen dem Hungertod ausgeliefert werden, nimmt die NS-Führung bewusst in Kauf.

Dass darunter die ohnehin schlechter versorgten Industriezentren wie Stalino und andere Städte leiden, wird unter den Besatzern zwar diskutiert. Die „Lösungen“, die ein Verbindungsoffizier des Oberkommandos der Wehrmacht in einem Bericht vom November 1941 als Optionen vorschlägt, sind allerdings drastisch. Sie zeigen, wie sehr die Menschen in den Augen der Besatzer reine Zahlen und nicht mehr als Arbeitsmaterial waren:

1. Die Stadtbevölkerung wird aufs Land evakuiert.
Diese Lösung erscheint dem Offizier jedoch nachteilig. Denn dann würde sich, wie er schreibt, „der Mob der Industriestädte“ unkontrolliert „über das Land verteilen und sich über Lebensmittel- und Viehvorräte hermachen”.

2. Dicht besiedelte Industriezentren hermetisch abriegeln, damit niemand abwandern kann.
Das bedeutet faktisch, die Bevölkerung auszuhungern. Der Offizier sieht in dieser Strategie jedoch  Nachteile für die Bedarfe der Besatzer – nämlich, dass dabei „der wichtigste Teil der Bevölkerung“, also die Arbeitskräfte, „zugrunde gehen“ würde.

3. Die Bevölkerung wird aus bestimmten Industriezentren und Stadtteilen  in andere, abgeriegelte Viertel umgesiedelt, „in Anlehnung an den Gedanken von Konzentrationslagern im größten Stil“.
Das betrifft vor allem die Stadtteile, wo Truppen untergebracht werden können oder wichtige Betriebe liegen. Bleiben sollen nur die Arbeitskräfte, die gebraucht werden.

Gerade die dritte Variante hält er für erfolgversprechend. Doch letztlich lässt sich für diese Gebiete keine der Varianten des Hungerplans in ihrer ursprünglichen Form umsetzen. Die Wehrmacht fürchtet „Hungerrevolten“. Praktisch würde das bedeuten: Um die Nachschubwege zu sichern, bräuchte man deutlich mehr Sicherungskräfte. Und die fehlen.

Der Hungerplan wird also in der Praxis zu einer selektiven Hungerpolitik – vor allem gegen die nicht arbeitende Bevölkerung. Alle, die nicht arbeiten oder nicht arbeiten können, müssen sehen, wie sie sich irgendwie selbst ernähren.

Für alle anderen gilt eine streng rationierte Verteilung der Lebensmittel. Ein Teil der Lebensmittel wird von der Stadtverwaltung verteilt, allerdings nach den Vorgaben der deutschen Stadtkommandantur. Die Logik ist dabei stets: Zuerst werden die Wehrmacht und deutsche Sicherheitsorgane versorgt, dann die Mitarbeiter·innen der Stadtverwaltung und die einheimische Polizei. Danach die Facharbeiter·innen. Und erst dann die übrige Zivilbevölkerung.

Der Hungerplan wird in der Praxis zu einer selektiven Hungerpolitik – vor allem gegen die nicht arbeitende Bevölkerung

Auch beim Brot entscheidet die verrichtete Arbeit über die zugeteilte Menge. Schon ab November 1941 gibt es Brot nur noch auf Brotkarten. Ausgegeben werden sie von der Lebensmittelabteilung der Stadtverwaltung, nach Listen der Beschäftigten und ihrer arbeitsunfähigen Angehörigen, also Kinder und Eltern. Arbeiter·innen bekommen 325 Gramm Brot. Kinder weniger.

Deshalb dreht sich in Stalino alles ums Essen. Für Wowa, die anderen Jungs, mit denen er umherzieht, ihre Familien und Nachbarn, wird die Suche nach Lebensmitteln und die Zubereitung dessen, was man irgendwie finden kann, zum Mittelpunkt des Alltags. Fast alles andere tritt dahinter zurück.

03

Die ständige Suche nach Essen

Wowas Vater bekommt nichts. Er ist 51 Jahre alt, krank und nicht mehr arbeitsfähig. Viel Zeit verbringt er im Bett. Damit die Familie überhaupt an ein paar Brotkarten kommt, geht Wowas Mutter arbeiten – für die Deutschen. Ihr gelingt es nämlich, eine Stelle als Sanitäterin in einem deutschen Soldatenheim zu bekommen. Diese Stelle sichert den Zugang zu einigen Brotkarten und bringt der Familie weitere Vorteile.

Im Lazarett liegen verwundete Soldaten, auch solche, die nur schwer kauen können. Aus dem Brot, das ihnen zugeteilt wird, schneidet Wowas Mutter das weiche Innere heraus; übrig bleiben die Rinden, die die Soldaten nicht essen können. Vor Feierabend werden dann alle Mitarbeiter·innen zusammengerufen, und die kleinen Haufen aus Brotrinde werden verteilt. Wer wieviel nehmen darf, ist genau festgelegt.

Wowa weiß genau, wo welche Einheiten der Truppen einquartiert sind, wo die Kriegslazarette liegen und wann es Mittagessen gibt

Auch für die Jungs werden die Standorte der Wehrmacht zur wichtigsten Quelle für den Bezug von Lebensmitteln. Wowa weiß genau, wo welche Einheiten der Truppen einquartiert sind, wo die Kriegslazarette liegen und wann es Mittagessen gibt. Die Jungs putzen Stiefel, waschen Autos oder betteln an den Lazaretten um Essen.

Sie sind ständig unterwegs und die Geografie ihrer Streifzüge durch die Stadt ist beachtlich. Fast alle Wege führen am Ende zu Essensquellen.

Wowa lebt in der kleinen Siedlung  Maslowka,  am südlichen Rand des einstigen Metallwerks von Stalino. Wowa ist keine zehn Jahre alt, deswegen führen die meisten seiner Streifzüge rund um diese Siedlung und die verschiedenen Anlaufpunkte.

Seine wichtigsten Anlaufstellen sind die Wasserstelle in ihrer Nähe, denn im Haus selbst gibt es keinen Wasseranschluss, außerdem der Laden, in dem man die Brotkarten einlösen kann, und die Schule. Dort geht er nur unregelmäßig hin, eigentlich nur dann, wenn er weiß, dass er dort auch etwas zum Essen bekommt. Hin und wieder wird dort welches verteilt.

Die erste Adresse ist das ehemalige Haus der Technik. Dort sind Piloten der Luftwaffe einquartiert. Wowa ist mit einem kleinen Kessel unterwegs. Manchmal gibt ihm der Koch eine Kelle Erbsensuppe. Dann rennt er mit dem gefüllten Kesselchen schnell nach Hause, um die Suppe abzuliefern – und versucht sein Glück gleich noch einmal. Aber das klappt nur selten.

Neben dem Haus der Technik liegt ein Lazarett, und etwas weiter, hinter der Schule, ist eine andere Wehrmachtseinheit untergebracht. Auch dorthin geht er manchmal, um Essen zu erbetteln.

Auf seinen Streifzügen läuft Wowa aber immer wieder auch über die Fußgängerbrücke, die über das gesprengte Metallwerk hinweg führt, manchmal auch direkt durch das Gelände bis ins Stadtzentrum. Dort gibt es weitere Lazarette und weitere Wehrmachtseinheiten. Und dort wohnt sein Onkel Wanja. Es gibt sogar ein Kino, das auch Einheimische besuchen dürfen. Ebenfalls in dieser Gegend arbeitet seine Mutter in dem Soldatenheim.

Und dort ist der Markt, gleich hinter dem zerstörten Zentralen Kaufhaus. Der Markt, auf dem Jurka wegen ein bisschen Gebäck von einem Deutschen die Hände abgehackt wurden.

Am weitesten entfernt liegt das Lazarett, in dem ein merkwürdig fröhlicher Deutscher arbeitet: rothaarig, mit großer Nase, leicht gebeugt, und immer singt er. Er ist Koch und lässt sich gern helfen – beim Kartoffelschälen, beim Kistenschleppen. Wowa weiß darum und läuft mit den anderen Jungs oft quer durch die halbe Stadt und kommt am Ende glücklich nach Hause: mit einer Portion zu essen oder wenigstens mit dem, was übrig geblieben ist. Und wenn es nur Kartoffelschalen sind. Einmal auch eimerweise verdorbene Aprikosen.

Im Sommer 1942 verlässt Wowas Familie auf der Suche nach Lebensmitteln für längere Zeit die Stadt und geht aufs Land – mehr als 100 Kilometer zu Fuß  ins Dorf Rosiwka. Dort tauschen sie ihren Besitz gegen Lebensmittel und kehren damit nach Stalino zurück.

Ein weiteres Mal gehen sie im Winter 1942/43 aufs Land: alle zusammen und diesmal mit dem Schlitten vierzig Kilometer weit ins Dorf Starobeschewe.

Die Deutschen dulden diese Fahrten, bezeichnen sie abfällig  als „Hamsterfahrten“. Vielen Stadtbewohner·innen retten sie das Leben. Doch die Wege sind lang und beschwerlich.

Bewohner·innen des besetzten Stalino bei der Reparatur einer geladenen Handkarre Foto: unbekannter Fotograf © Archivio Centrale dello Stato, Italien / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025
04

Die „Hamsterfahrten“

Das Überleben für die Menschen auf dem Land ist deutlich einfacher als in den Städten. Die Besatzer geben selbst zu, dass „man nicht hinter jedem Pflug einen Polizisten laufen lassen kann“. Zudem sind sie auf eine erfolgreiche landwirtschaftliche Produktion für ihre eigene Versorgung angewiesen. 

Das heißt: Der Zugang zu Nahrungsmitteln ist dort generell besser und die Besatzer haben in der weitläufigen Fläche weniger Kontrolle. 

Viele Stadtbewohner·innen versuchen daher, während der Besatzungszeit aufs Land zu ziehen. Die Stadt schrumpft in dieser Zeit immer mehr zusammen, wobei bereits die Fluchtbewegungen kurz vor dem Einmarsch der Deutschen für einen Bevölkerungsrückgang gesorgt hatten. Von über 450.000 im Jahr 1939 sank die Einwohnerzahl auf knapp 150.000 1943. Diejenigen, die gebliebenen sind, halten sich mit die Fahrten aufs Land über Wasser. Dafür tauschen sie oft ihr letztes Hab und Gut ein.

Die Landstraßen rund um Stalino sehen manchmal so aus, als würden sich Demonstrationszüge dort entlangziehen – einer hinter dem anderen zieht sein Wägelchen die lange Hauptstraße entlang. Anwohner·innen haben die Nase voll von diesen Armeen der Städter, die nach Brot und Getreide fragen. Deswegen müssen viele bis weit hinter die Stadtgrenze, manchmal mehr als 100 Kilometer zurücklegen, um eine Tauschmöglichkeit zu finden.

Für ihre „Hamsterfahrt“ zimmert Wowas Onkel Wanja im Sommer 1942 einen schlichten Karren mit zwei Rädern. Sie laden ihre Sachen drauf – Kleidung, Kindersachen, ein Akkordeon –, vernageln Fenster und Türen der Wohnung und machen sich auf den Weg. Sie legen zu Fuß 120 Kilometer zurück und kommen im Dorf Rosiwka an, in der Oblast Saporischschja. Die ganze Reise nimmt einige Wochen in Anspruch, unterwegs schlafen sie unter freiem Himmel. Sie tauschen alles ein, gegen eimerweise Maiskörner, Weizen und andere Lebensmittel, die sie später im Winter brauchen werden.

Der Weg ist nicht nur lang, sondern auch gefährlich. Einmal gehen Wowa und seine Familie auf dem Rückweg durch die ukrainische Steppe – alles wirkt friedlich. Die Sonne geht langsam unter, es ist warm und schön. Plötzlich fällt Onkel Wanja auf, dass an einem Waldstreifen mehrere Bäume frisch gefällt worden sind. Aufgehäufte Äste und Baumstämme liegen dort, als ob jemand etwas verstecken wollte. Sie schicken Wowa vor, um zu schauen, was hinter den Ästen verborgen ist. Wowa schleicht sich an, schiebt die Äste vorsichtig zur Seite und sieht die Toten: viele erschossene Menschen – Männer, Frauen, Kinder, sie tragen farbenfrohe Kleider. Es ist ein ganzer Track von Roma, der ermordet worden war. Wowa rennt erschrocken zurück und alle eilen in Richtung Stalino weiter, bloß weg. 

Am gefährlichsten ist es allerdings an den Zufahrtswegen zur Stadt. Wer es geschafft hat, auf dem Land Lebensmittel einzutauschen, kann sie hier an Wehrmachtssoldaten oder Polizisten verlieren. Sie knöpfen vielen die Nahrungsmittel ab. Noch gefährlicher ist es im Winter, wenn man den ganzen Weg durch die Steppe in der Kälte gehen muss. Viele erfrieren auf dem Weg.

Nach der ersten Fahrt macht sich Wowas Vater nochmal auf den Weg, noch vor der Winterfahrt 1942/1943. Er wollte in das gleiche Dorf, diesmal per Anhalter. Es wirkt absurd, aber ausgerechnet deutsche Soldaten nehmen manchmal Einheimische auf ihren Lkw mit.

Der Vater sammelt ein paar Sachen zusammen und fährt los – er will nur einige Tage unterwegs sein. Doch ein Wagen der Wehrmacht bringt ihn noch am selben Tag wieder zurück: auf einer Trage mit einem offenen Beinbruch. Es hieß, er sei von einem Laster angefahren worden und irgendwie hätten sie ihm Erste Hilfe geleistet, das Bein ruhig gestellt und verbunden. Doch das war’s. Zuhause ist er sich selbst überlassen. Ohne Medikamente, die auch sonst nirgendwo zu bekommen sind. Bald stirbt er an Wundbrand.

04

Auf Messers Schneide

Wowa sieht vieles von dem, was in der Stadt geschieht – vielleicht sogar mehr als manche Erwachsene. 

Zum einen ist er, wie viele Kinder, neugierig und will dort sein, wo etwas passiert. Jahrzehnte später wird er sagen: „Wo wir nicht waren, war nichts los. Und wir waren überall. Wir Jungs waren in alle Löcher gekrochen.“ 

Zum anderen können die Jungen sich die eigentlichen Gefahren und möglichen Folgen ihres Tuns nur vage vorstellen – selbst dann, wenn es um Leben und Tod geht. Einmal nehmen die Jungs einen metallischen Gegenstand auseinander. Als dieser explodiert, kommt einer der Jungen ums Leben. Ein anderes Mal laufen sie an einem kleinen Soldatenfriedhof vorbei – ein kleines Stück Feld mit Birkenstöckern, Namensschildern und auf den Stöckern draufgelegten Helmen. Schlägt man mit einem Stock gegen die Helme, gibt es einen lauten Klang. Das finden sie natürlich lustig, es sind Kinder. Sie rennen also vorbei und schlagen auf die Helme ein, bis ein Soldat das mitbekommt und anfängt, mit seinem Maschinengewehr auf sie zu schießen. Sie rennen weg. Diesmal bleiben alle am Leben.

„Wo wir nicht waren, war nichts los. Und wir waren überall. Wir Jungs waren in alle Löcher gekrochen.“

Wieder ein anderes Mal finden sie ein Hitler-Porträt, stellen es im Gebüsch auf und denken nicht an Konsequenzen, als sie anfangen, mit Steinschleudern darauf zu schießen. Plötzlich taucht ein besoffener deutscher Offizier auf. Erholt seine Pistole raus und schießt drauf los, bis er alle Kugeln verbraucht hat. Er schießt jedoch nicht auf die Kinder, sondern ebenfalls auf das Porträt. Dann sagt er: „So, jetzt ist es gut“ und verschwindet wieder. Die Jungs bleiben im Fliederdickicht und mit nassen Hosen zurück.

Es gibt viele Situationen wie diese, in denen Wowa nur der Zufall rettet. Der Zufall will es auch, dass er nicht dabei ist, als die älteren Jungs aus der Mühlenstraße gemeinsam auf einen Streifzug gehen. Wowa konnte an dem Tag nicht. Die Kinder wollen diesmal die Heimat-Pakete für die Wehrmachtssoldaten klauen. Zwar scheinen die Jungs zunächst Glück zu haben, sie werden nicht auf der Stelle ertappt. Doch später werden sie verraten. 

Als Wowa an einem der darauffolgenden Tage über den Markt läuft, sieht er einen deutschen Laster heranfahren. Direkt auf dem Platz sind Masten und dazwischen ist ein langes Rohr befestigt, an dem Schlingen aufgehängt sind. Aus dem Laster  werden die Jungen von der Mühlenstraße herausgeholt und gezwungen, auf die Ladefläche zu steigen. Sie ist unter dem Rohr platziert. Dann werden ihnen die Schlingen um den Hals gelegt, der Fahrer des Wagen gibt Gas und fährt langsam los. 

Die Jungs waren zwischen 15 und 17 Jahre alt. Und die Exekution war kein Einzelfall, sondern Teil der repressiven Politik der deutschen Besatzer.

Contributors

  • Drehbuch und Text: Leonid A. Klimov
  • Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Tanja Penter
  • Redaktion: Mandy Ganske-Zapf und Peggy Lohse
  • Illustrationen: Anna Che
  • Animationen: Victoria Spiryagina
  • Karten und Datenvisualisierung: Artyom Schtschennikow
  • Design: village one
  • Veröffentlicht: 01. Juni 2026
Fotos
  • Ein Markt im besetzten Stalino, 1942–1943 / Foto: unbekannter Fotograf / dekoder.org
  • Wehrmachtsangehörige beim Verladen von Fleisch vor der Fleischausgabe im besetzten Stalino 1941-1943 / Foto: unbekannter Fotograf / dekoder.org
  • Wehrmachtssoldaten vor Stalino, 1941-1943 / Foto: unbekannter Fotograf / dekoder.org
  • Ausgebranntes Zentralkaufhaus im besetzten Stalino, 1941-1943 / Foto: unbekannter Fotograf / dekoder.org
  • Soldaten der Wehrmacht gehen durch ein Feld bei Stalino, Sommer 1943 / Foto: unbekannter Fotograf / dekoder.org
  • Bewohner·innen aus dem Donbas ziehen einen Karren einer Straße entlang / Foto: unbekannter Fotograf © Archivio Centrale dello Stato / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025
  • Zivilist·innen mit Schlitten gehen bei Stalino eine Landstraße entlang, 1941–1943 / Foto © Unbekannter Fotograf / dekoder.org
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