Das einzig Richtige

Podcast: Episode 4

Das einzig Richtige

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Transkript

Soja: Mich beeindruckte, was er beim Schlafengehen machte. Drüben auf dem Sofa liegt er, und hier sind unsere zwei Betten – ich, meine Mutter und Alla – wir haben zu dritt da geschlafen. Er geht also ins Bett – und legt zwei Granaten und eine Pistole unter sein Kopfkissen. Alla und ich verstanden nicht, was uns erwartet. Wir nicht, aber meine Mutter verstand alles.

[На меня ….впечатление производило, когда он ложился спать. Вот он здесь на диване, а у нас  там 2 кровати – я с мамой и Алла – втроем мы там спали. И вот он ложится спать – он под подушку кладет 2 гранаты и пистолет. Ну мы с Аллой не понимали, что нас ждет. Ну мы не понимали, а мама ж все понимала.]

Jasmin Lörchner: Stell dir vor, du bist Teenager. Du bist allein mit deiner Mutter und deiner Schwester aufgewachsen – es war immer knapp, aber ihr seid klargekommen. Und dann kommt der Krieg. In eurem Haus gehen Geflüchtete ein und aus, das ganze Leben steht Kopf. Jederzeit kann alles Mögliche passieren. Jeder falsche Schritt kann für euch den Tod bedeuten. Und dann klopft es – und da steht ein Mensch, von dem du weißt, dass er euch den Tod bringen kann. Weil er im Widerstand arbeitet. 

Lässt du ihn rein?

Ich bin Jasmin Lörchner und das ist Folge vier unseres Podcasts über die deutsche Besatzung der Stadt Donezk, die damals Stalino hieß. Eine Stadt, in der Menschen sich verstecken mussten, in der diejenigen Karriere machten, die den Deutschen zuarbeiteten – und in der es auch Menschen gab, die Widerstand leisteten. Ihr hört…

STALINO – Geschichten einer besetzten Stadt

Ein Podcast von dekoder in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg

Folge 4: Das einzig Richtige

Jasmin Lörchner: Sojas Mutter ist alleinerziehend. Sie hat zwei Kinder zu versorgen und arbeitet als Ärztin. Bevor die Deutschen kommen, bietet ein Bekannter ihr an, zu fliehen. Aber sie entscheidet sich dagegen.

Soja: Meine Mutter sagte: „Wo soll ich denn hin? Ohne Geld, mit zwei Kindern. Uns braucht doch keiner. Wohin sollte ich? Lass nur. Es kommt, wie es kommt.“ Sie sagte: „Ich kann nirgendwo hin. Ich kann nicht.“

[А мама говорит: «А куда я поеду». Без копейки денег, с 2 детьми. Кто меня где ждет? Куда я могу поехать. Пусть будет уже. Пусть будет как будет. Я, – говорит,  могу никуда ехать  Я не могу ехать.]

Dmytro Tytarenko: Ja, die Deutschen waren im Anmarsch, aber schau mal …  Sie stammt aus einer Bauernfamilie bei Cherson und ist Ärztin geworden, hat in Charkiw Medizin studiert und schon als Ärztin gearbeitet, ja. Obwohl die Familie, ihre Brüder und Schwestern entkulakisiert wurden, arbeitete sie weiter als Ärztin. Sie bekam diese Wohnung – wie Tschepik sagte, war es der einzige Genossenschaftsbau in der Stadt, vielleicht auch ein Haus für Ärzte, vielleicht hat sie sogar etwas bezahlt. Die Sowjetmacht hat ihr sozusagen die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs gegeben. Sie war eine von denen, für die die Revolution ein sozialer Fahrstuhl war. Ich kann also nicht sagen, dass sie … Das ist etwas ambivalent. Einerseits war da sicher Groll wegen des Schicksals ihrer Familie. Andererseits konnte sie sich als Ärztin verwirklichen. Die Sowjetmacht hat ihr diese Möglichkeit gegeben. Sie war eine angesehene Person in der Stadt.

[Да, да, ждали немцев, но смотри. Она успела получить… она из крестьянской семьи, Херсонской области, она успела получить профессию врача в Харьковском мединституте, да. Рна уже работала врачом, да. Несмотря на то, что семью, там братьев, сестер

раскулачили, она продолжала работать врачом. Она получила или вот эту квартиру, как говорила Чепик, это единственный был в городе кооперативный или как дом медиков, то есть, возможно даже, что она что-то заплатила. То есть, для нее советская власть как бы дала тоже возможность социального роста. Для нее тоже революция – это время социального лифта была. То есть я не могу сказать, что она… то тут двойственность. С одной стороны, обида, я думаю, она однозначно присутствовала за судьбу родных. С другой стороны, она реализовалась как врач. Власть предоставила ей эту возможность. Она уважаемый человек в городе.]

Jasmin Lörchner: Tschepik ist übrigens Sojas Familienname. Und dass die Familie entkulakisiert wurde, damit sind Repressionsmaßnahmen gemeint – die reichten von der Enteignung über die Deportation bis hin zur Exekution. 

Der Mann, der uns gerade ein bisschen mehr über die Familie Tschepik erzählt hat, ist Dmytro Tytarenko. Ihr kennt ihn schon aus den früheren Folgen. Er ist einer von drei Historiker:innen der Universität Heidelberg, die diesen Podcast begleiten.

Er hat auch das Interview mit Soja geführt. Herr Tytarenko – können Sie uns ein wenig über die Hintergründe erzählen? Wie sind Sie auf Soja als Zeugin aufmerksam geworden?

Dmytro Tytarenko: Diese Frau hat mich tief beeindruckt … Klar, wir müssen uns emotional distanzieren, ja, aber sie hat bei mir den allerbesten Eindruck hinterlassen. Also, zuerst hat mich ihre Freundin kontaktiert. Sie hat Tschepik vorgeschlagen, sich mit mir zu treffen, sie hat gesagt, erzähl, du hast doch so viel zu erzählen. Vor mir hatte Tschepik keinen Kontakt zu Journalisten. Aber gleich das erste Treffen mit ihr – das war wahrscheinlich mein längstes Interview, ich habe fast sechs Stunden mit ihr gesprochen, das Transkript war über 50 Seiten lang. 

[на меня этот человек произвел впечатление… Ну понятно, что эмоционально мы должны быть максимально абстрагированы, да, но вот на меня этот человек произвел самое лучшее впечатление. Опять же, со мной в первую очередь познакомилась, вышла на нее ее подруга. Она сама редложила Чепик встретиться со мной, говорит, да расскажи, расскажи, тебе же есть что рассказать. Вот до меня Чепик не общалась с журналистами, да. Но вот первая встреча с ней была, это было, наверное, самое длинное интервью моё, наверное, часов 6 я с ней, больше 50 страниц текста транскрипт был.]

Jasmin Lörchner: Dass Soja bis dahin noch nie öffentlich über ihre Geschichte gesprochen hatte, ist ganz erstaunlich – denn für ihre Erzählung hätte es sicher auch in der Sowjetunion offene Ohren gegeben. Sojas Mutter macht Karriere in der Sowjetunion – und bleibt dem sowjetischen Staat gegenüber loyal, als die Deutschen kommen. Ob sie direkt aktiv in den Widerstand geht, ist schwer zu sagen. Aber 1943, im Frühjahr, wird die Familie der Unterschlupf für den Anführer einer großen Widerstandsgruppe.

Ähnlich wie bei Margarita in unserer dritten Podcastfolge ist Sojas Mutter der Fixstern für ihre beiden Kinder. Die Mutter trifft die Entscheidungen und ist der verlässliche Kompass, der Soja durch eine extrem verunsichernde Zeit führt.

Über Bekannte wird der Mutter ein gewisser Donskoi vorgestellt – ein Mann, der steckbrieflich von den Deutschen gesucht wird, weil er das Partisan:innennetzwerk in der Region leitet. Sojas Familie wird wie eine Tarnknappe für Donskoi – insbesondere die Mädchen.

Soja: Er brauchte einen Unterschlupf. Wir wohnten zu dritt – wir beiden Schwestern und unsere Mutter. Nun, er sah nicht verdächtig aus, verstehen Sie. Und so kam er immer zu uns, wenn er es brauchte. Das war sein Versteck. Er brachte Flugblätter mit. Wenn er irgendwo hin musste, raus musste, sagte er: „Soja, komm her, guck mal.“ Ich hab mir alles angeschaut und ihn nach draußen begleitet. Wir gehen so dahin, unterhalten uns ein bisschen – na ja, als wär ich seine Tochter.

[и ему надо было где-то перебыть. И жили мы – 2 девчонки и мама. Ну на него подозрение не падало, понимаете. И вот он у нас – когда ему нужно было. Это была его конспиративная квартира. Ну какие-то листовки он приносил. Когда ему надо было куда-то идти или ему нужно было выйти, так: «Женя, пойди посмотри». Я ж пойду, все посмотрю, а потом я его выводила. Вот мы с ним идем, разговариваем – ну дочка, дочка.]

Jasmin Lörchner: Sojas Mutter weiß dabei offensichtlich ganz genau, worauf sie sich einlässt.

Soja: Mama hat uns eingeschärft, nur ja niemandem davon zu erzählen. Wir waren ja in alles eingeweiht. Oft mussten wir etwas bringen oder holen. „Da nimm, Soja, los!“ […] Was das war? Irgendein Papier, wohl für Flugblätter. Man hat uns nicht erklärt, was genau … Flugblätter – kann sein, aber nachgesehen haben wir nicht. Weiß nicht. Aber Flugblätter hatten wir auch zu Hause. Und wissen Sie was, ich war sogar mit Freundinnen unterwegs, um sie heimlich irgendwo hinzukleben und zu lesen. 

[Нас мама посвятила и посвятила, что никому нельзя об это говорить. Ну как – мы в курсе всех дел были. Если нужно было тем же Харичковым что-то отнести , от Харичковых что-то. «Зоя вот, давай»…. Что мы носили? Какую-то бумагу, по-видимому для листовок. Нам же не объясняли, что…. Листовки – может быть, но мы их не открывали. Не знаю. Но листовки у нас и в доме были. И я вам скажу, что мы даже с девчонками ходили их где-то приклеивали потихонечку и читали эти листовочки.]

Jasmin Lörchner: Papier ist ein kostbares Gut. Selbst die örtliche Stadtverwaltung muss oft statt weißem Papier zerschnittene Hausaufgabenhefte aus der Vorkriegszeit nutzen, um Bescheinigungen oder Nachweise auszustellen. Genau deswegen ist der Besitz von viel Papier aber auch verdächtig. – Wenn Soja erwischt werden würde, wäre schnell klar, wofür das Papier benötigt wird.

Ganz offensichtlich versuchen die Erwachsenen, die Kinder umso mehr zu schützen. Sie erzählen ihnen nicht alles, sie halten Informationen zurück. Aber Soja ist kein kleines Kind mehr, also anders als Wladimir in Folge 1 oder Margarita aus Folge 3. Sie ist eine Teenagerin. Und sie hatte schon über ein Jahr Zeit, die deutsche Besatzung kennenzulernen.

Damit ihr besser verstehen könnt, wie Soja die Deutschen erlebt hat, bis sie Mitglied des Widerstandsnetzwerkes wurde, springen wir jetzt nochmal zurück zum Beginn der Besatzung. Zum 20. Oktober 1941.

Soja: Plötzlich klopft jemand mit dem Gewehrkolben an die Tür. Wir machen auf – da drängen Deutsche mit Helmen und Gewehren im Anschlag ins Haus. Wir drücken uns natürlich alle an die Wand. 

„Sind hier Soldaten? Männer im Haus?“ – „Nein, niemand.“ 

Sie gingen durch die Wohnung, suchten überall. Öffneten das Buffet – das weiß ich noch gut. Es war wahrscheinlich tagsüber, und abends quartierten sie sich ein, in die leerstehenden Wohnungen. Es war der 20. Oktober, und es gab keine Heizung. Kein Strom, kein Gas, keinen Ofen. Und sie richteten sich Betten her. Klar – die Wohnungen waren alle leer. Die haben alle Türen eingetreten. Von allen Wohnungen, wirklich allen. Haben alles aufgerissen – mussten ja irgendwo schlafen. Dann haben sie von überallher die Sofakissen zu uns geschleppt, in unsere Wohnung. Da war es nämlich etwas wärmer. Weil wir ja da gewohnt haben. Sie haben alles auf dem Boden ausgebreitet. Und wir sitzen in der Küche. 

Da sagt Mama: „Wisst ihr was – lasst uns in die Nachbarwohnung gehen. Lasst uns drüben übernachten.“  

Morgens stehen wir auf. Unser Schachspiel ist weg, diverse andere Dinge sind weg. Die haben sich genommen, was sie wollten, und sind weiterkämpfen gegangen.

[Вдруг стук прикладом в дверь. Мы открываем дверь – заходят в касках немцы с винтовками наперевес в дом. Мы все к стенкам, конечно, прижались. «Солдаты есть? Мужчины в доме есть?» – «Никого нет». 

Ну они прошли по квартире, проверили  все это. Открыли буфет – так у меня осталось. Вот, впечатления детские. Впечатления, конечно, были ужасные. Это было наверное в дневное время, а вечером они начали расквартировываться. Пустые же квартиры. 20 октября, отопления ж  нет. Света нет, газа нет, тепла нет. И они начали расквартировываться. Ну чего им – квартиры же все пустые. Они все  двери выбили. Во всех квартирах.  Во всех квартирах абсолютно. Все открыли – спать им надо. Они во всех квартирах сняли верхушки диванов, принесли к нам. В нашу квартиру. Ну теплее же немножко. Жилое помещение. Расстелили же все это на полу. А мы сидим же в кухне. Мама говорит: «Знаете что – давайте пойдем в соседнюю квартиру.» «Давайте пойдем туда, там переночуем ночь». Утром встали. Шахмат наших нет, еще чего-то нет, еще чего-то нет. Ну то, что им нравилось, они забрали и ушли дальше воевать.]

Jasmin Lörchner: Für die Dreizehnjährige muss es erschütternd gewesen sein, dass Menschen einfach so durch ihr Haus stürmen, Türen auftreten und wie selbstverständlich Räume für sich beanspruchen. Aber die Mutter behält einen kühlen Kopf, geht dem Konflikt aus dem Weg und schützt ihre Familie, indem sie die Kinder in eine andere, leere Wohnung führt. 

Damit wir den Hintergrund dieser Familie besser verstehen, wenn wir gleich mehr über ihre Geschichte während der Besatzungszeit hören, habe ich Tanja Penter gefragt, welche Handlungsmöglichkeiten Frauen zu dieser Zeit hatten:

Tanja Penter: Frauen konnten ihre Handlungsspielräume unter deutscher Besatzung vor allem dadurch erweitern, dass sie eine zunehmend zentrale Rolle in der Arbeitswelt übernahmen, da ja männliche Arbeitskräfte eben oft fehlten, weil sie für das Militär eingezogen worden waren, weil sie in der Roten Armee waren. In den unter deutscher Militärverwaltung stehenden Gebieten waren im Sommer 1943 bereits 60 Prozent der etwa 6,4 Millionen Beschäftigten Frauen. Und auf dem Land bildeten sie von Beginn an die Mehrheit der Arbeitskräfte. Auch in den lokalen Verwaltungen waren sie stark vertreten, wenngleich meistens ohne Zugang zu Leitungsfunktionen. Frauen drangen nun auch in Arbeitsfeldern vor, die zuvor fast ausschließlich Männern vorbehalten gewesen waren. Im Steinkohlenbergbau arbeiteten sie nicht nur an der Oberfläche, sondern auch unter Tage. Das war ja ein Bereich, der im Deutschen Reich rein männlich dominiert war. 

Frauen waren aber natürlich unter der Besatzung auch zugleich oft besonders vulnerabel. Für alleinstehende Mütter mit kleinen Kindern war die Versorgung besonders prekär. Manche wurden in die Prostitution gedrängt. Teils war das eine heimliche Prostitution. Teils arbeiteten sie aber auch in den von den Deutschen, von der deutschen Wehrmacht betriebenen Bordellen, in denen sie dann vielfach oft einen deutlich höheren Verdienst hatten und deutlich mehr verdienen konnten als andere Arbeitskräfte. Zudem erhielten sie dort die gleiche Verpflegung wie die deutschen Soldaten. Trotz gesellschaftlicher Ächtung und persönlicher Gefahren war das für einige eine bewusste Strategie, Kinder zu ernähren und selbst zu überleben.

Jasmin Lörchner: Angesichts dieser angespannten Versorgungslage ist es nicht verwunderlich, dass auch Stehlen zur Möglichkeit wurde, um das eigene Überleben zu sichern. 

Aber entdeckter Diebstahl wird streng geahndet. Und so geht es Soja so wie Wladimir und Margarita: Trotz ihres jungen Alters begreift sie sehr schnell, dass Stehlen unter dem deutschen Besatzungsregime ein lebensgefährliches Risiko ist.

Soja: Die Besatzung war durch und durch furchtbar. Wir hatten absolut keine Rechte. Gar keine. Keine Rechte, keine Gesetze. Die Deutschen waren die Alleinherrscher. Und wir waren Sklaven – richtige Sklaven, verstehen Sie? Ich sehe noch ganz deutlich den Galgen vor mir, an dem zwischen dem Kino und dem Kaufhaus drei Männer hingen. Natürlich rannten alle los, um sich das anzusehen, für uns war ja alles wild und ungewöhnlich. Wir wollten immer alles sehen. Wir durften das zwar nicht, aber wir liefen trotzdem hin. Als sie gehängt wurden, wohnten wir noch in der 1. Linie. Und die, die gehängt wurden, hatten Zettel mit „Partisan“ oder „Dieb” [um den Hals].

[Ну все было ужасно в оккупации. Мы были совершенно бесправные. Абсолютно бесправные. У нас не было ни прав, никаких законов. Немцы был хозяева и властники. А мы были рабы – рабы, самые настоящие, понимаете. Ну у меня очень хорошо в голове это осталось эта виселица, на которой висели трое мужчин  между «Комсомолец» и универмагом. Ну естественно все бегали смотреть, нам же все было дико и необычно. Мы ж бегали смотреть все. Хоть нам и не разрешали, но мы все равно ходили. Мы еще жили на Первой линии, когда это повешение было. Значит те, которые висели, те, что были повешены, висели эти бумажки : «Партизан…» и украл что-то.]

Jasmin Lörchner: „Partisan“ also – ein Bild, das sich in Sojas Erinnerungen einbrennt. Die „Erste Linie“, von der Soja hier spricht, ist übrigens die Hauptstraße der Stadt. Die Szene zeigt, wie gnadenlos die Deutschen mit Widerstandskämpfer:innen umgehen. Die Partisaninnen und Partisanen wenden gegen die Besatzer eine Art Guerillatechnik an. Und die Deutschen schlagen öffentlichkeitswirksam zurück und benutzen die Bevölkerung als Geisel. Es gibt richtige Aufrechnungsmuster dafür. Töten die Partisan:innen einen Soldaten, bringen die Nazis dafür bis zu 100 Zivilist:innen um. 

Aber es ist nicht nur die Gewalt, die die Besatzungszeit für Soja prägt.

Soja: Der erste Winter war schrecklich. Eiseskälte. Kein Strom, kein Wasser, keine Heizung. Nichts. Wir mussten Wasser holen, liefen mit Kanistern zur Quelle. Hier zwischen dem Ersten und Zweiten Hauptquartier [der Deutschen] gibt es eine Quelle, wissen Sie, unten im Park. Dort holten wir Wasser. Wir brachten einen Kanister mit – zum Trinken und Kochen. Ansonsten schmolzen wir Schnee. Weil es nichts anderes gab.

Der Leiter der Apotheke half uns zu überleben – er brachte uns Hämatogen, damit buken wir Krapfen und aßen sie. Wir hungerten – im wahrsten Sinne des Wortes.

[Первая зима была ужасная. Морозы жуткие. Света нет, воды нет, отопления нет. Ничего. За водой мы ходили, ездили с бидончиками в криничку. Вот здесь между Первым и Вторым ставком есть криничка, знаете, там внизу в парк. 

Вот туда мы ходили за водой. Приносили этот бидончик – ну пили, для еды. А все остальное – топили снег. Потому что ничего не было.

он помогал нам выжить – приносил нам с аптеки гематоген, на котором мы пекли пышки и ели. Мы ж голодали – в полном смысле этого слова.]

Jasmin Lörchner: Hämatogen kannte ich vorher auch noch nicht. Aber ich habe herausgefunden, dass es das heute auch noch in postsowjetischen Ländern in Apotheken zu kaufen gibt: Kleine schokoladeähnliche Riegel, die aus Rinderblut produziert und Kindern wie eine Süßigkeit gegeben werden. Sie sollen den Eisengehalt im Blut erhöhen. Ein Nahrungsergänzungsmittel, das die Familie hier zur Nährstoffversorgung nutzt. Sojas Mutter bietet also nicht nur Hilfe für andere – sie kann über ihr Netzwerk auch Hilfe für sich und ihre Kinder organisieren.

Trotzdem hungern Soja und ihre Familie – wie die allermeisten in Stalino in diesem ersten Hungerwinter der Besatzung. Um Soja herum häuft sich das Elend, die Ungerechtigkeiten. Sie sieht zum Beispiel die Kriegsgefangenen.

Soja: Diese Gefangenen – eine Kolonne von Erschöpften, Verwundeten, wurden barfuß durch die Stadt geführt, in Eiseskälte. Das ist unbeschreiblich, und noch unbeschreiblicher ist es aus kindlicher Perspektive. Verstehen Sie. Es war der reinste Horror.

[Эти пленные – по городу вели колонну изможденных, раненых, босых, в мороз. Это передать невозможно, а детскими глазами это вообще передать невозможно. Вы понимаете. Это был ужас.]

Jasmin Lörchner: Solchen Horror erlebt Soja nicht nur aus der Ferne. Da ist ihre beste Freundin, die ermordet wird.

Soja: Und diese Sweta, Alla und ich – wir drei Kinder waren noch in unserem Haus. Wir waren Freundinnen. Eine Deutsche, eine Jüdin und eine Russin. Wir trafen uns jeden Tag, gingen zusammen raus und alles. Nun, einmal wollten wir rausgehen, wie jeden Tag. Sweta war schon draußen, ich kam auch raus, aber Alla ließ auf sich warten. Wir gingen nachsehen, Alla holen. Bei ihr zu Hause trafen wir ihren Großvater an. Er sagte: „Unsere Alla – die gibt’s nicht mehr.“ 

Natürlich waren wir traurig, standen da und weinten. Wir verstanden das alles ja, wir sahen das ja tagtäglich. Wir bekamen – nun, das ganze Leben machte uns nur mehr Angst.

[И вот эта Света, Алла и я – это трое детей, котрые остались в нашем доме, мы дружили в то время. Немка, еврейка и русская. Каждый же день встречались, и выходили, и все.

Ну вот в один из дней – мы ж каждый день выходим. Вышла Светка, вышла я, а Алки нет. Идем посмотреть, позвать Алку. Приходим – дед дома. И говорит: «А Алочки уже нет».

Мы конечно погоревали, постояли, поплакали. Мы ж понимали, что это такое, мы же это все видели, понимаете. Нам стало – ну вообще жить стало страшно, страшно.]

Jasmin Lörchner: Sojas Freundin Alla ist Teil der jüdischen Gemeinde in Stalino und wird von den Deutschen getötet. 

Diese Gleichzeitigkeit von schrecklichen Ereignissen und Alltag – das ist für Menschen wie mich, die nie im Krieg gelebt haben, unvorstellbar. Aber trotz dieses Ausnahmezustands der Besatzung und der alltäglichen Gefahr geht für Soja das Leben weiter. Als Tochter einer Ärztin spielt für sie Bildung eine große Rolle.

Soja: Also, im September 1942 wurde die Schule wieder in Betrieb genommen. Die einzige in der Stadt – Schule Nr. 18. Während der Besatzung ging ich in die fünfte Klasse. Die Lehrer waren Sowjetbürger. In der Schule war alles ganz normal. Nur, dass es keine Geschichtsstunden gab – das wurde nicht unterrichtet, auch Geographie nicht. Wir hatten Mathematik, Russisch, Ukrainisch, Deutsch und Biologie.

[Значит, в 42 году с сентября начала работать школа. Одна единственная в городе – школа № 18. И в пятый класс я пошла в период оккупации. Учителя были ж наши, советские. Все обычно было в школе. Но не преподавали нам историю – не читалась, и география не читалась. Было только 7 классов. Математика, русский, украинский, немецкий, биология была.]

Jasmin Lörchner: Wir haben ja schon gehört, dass Dmytro Tytarenko Soja und ihre Familie eigentlich als sehr gebildet beschreibt. Die Beschränkung der Ausbildung durch die Deutschen muss für sie ein harscher Einschnitt gewesen sein. 

Herr Tytarenko, kann man Sojas Erfahrungen denn verallgemeinern? Wie sah die Schulbildung in Stalino damals aus?

Dmytro Tytarenko: Die Schulen waren geöffnet, der Schulbetrieb war jedoch ganz anders. Die Unterrichtszeiten, das Personal und die Lehrpläne waren ganz anders als früher. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass Bildung für die lokale Bevölkerung natürlich nicht zu den Prioritäten der deutschen Besatzer gehörte. 

Die Lehrpläne wurden erheblich geändert, der Schulbesuch war äußerst unregelmäßig, weil die Schulen nicht beheizt waren. Für viele Kinder war der einzige Anreiz, zur Schule zu gehen, ein Stück Brot, das sie dort bekamen.

Die Verwendung sowjetischer Literatur als Lehrmittel war natürlich verboten. Mathematikbücher durften zwar verwendet werden, wurden aber zensiert, das heißt, wenn in einer Aufgabe Zahlen vorkamen, die die Produktion eines kollektiven Landwirtschaftsbetriebs beschrieben, wurden diese Seiten herausgerissen oder unleserlich gemacht, damit die Bevölkerung und die Schüler sie nicht lesen konnten.

[Да, школы работали. Режим работы у учебных заведений кардинальным образом отличался. И режим работы, и номинклатура этих учебных заведений и школьной программы кардинальным образом отличались. Ну почему? Понтяно, что образование местного населения не относилось к числу приоритетов немецких оккупационных властей. 

Программы были существенно изменены, режим посещения школ носил крайне нерегулярный характер, потому что школы не отапливались. Единственным стимулом для многих детей ходить в школу было то, что там давался хотя бы кусочек хлеба. 

Если говорить о школьных программах в этих начальных школах, четырех-летках, то они состояли из элементарного набора, то есть это арифметика, это немецкий язык, это украинский либо русский язык, это пение, да, занятия спортом. Но если говорить об учебно-методическом обеспечении – конечно же, использование советской литературы было запрещено. Возможно было использование учебников по математике, но, опять же, они подвергались препарированию. То есть допустим задачи, где там фигурировали какие-то количественные параметры, характеризующие деятельность колхозов, – эти листы вырывались, либо зарисовывались. Таким образом, что население… что школьник не мог прочитать.]

Jasmin Lörchner: Das heißt also, dass sowjetische Propaganda oder eben sowjetische Inhalte möglichst zensiert werden – gibt es denn umgekehrt deutsche Propaganda in den Schulen? Oder wird die ganz woanders platziert?

Dmytro Tytarenko: Natürlich wurde die Schule als Einrichtung zur Umsetzung der deutschen Propaganda angesehen, schon allein insofern, als die Anzahl der Deutschstunden erhöht wurde. In den Klassen hingen Porträts von Hitler, aber diese Porträts waren in einigen Fällen Vandalismus ausgesetzt. Das heißt, die Kinder warfen Schneebälle darauf, schossen mit Steinschleudern, was die Lehrer natürlich eine Menge Ärger und Nerven kostete, weil sie wussten, dass sie dafür verfolgt werden konnten. Was das deutsche Propagandasystem betrifft, so war am weitesten verbreitet zweifellos das Kino, in dem deutsche Filme gezeigt wurden. Es gab auch Ausstellungen, die die Vorzüge des Lebens in Deutschland priesen und so die Bevölkerung dazu bewegen sollten, zur Arbeit nach Deutschland zu gehen.

[безусловно, безусловно школа рассматривалась как институт реализации немецкой пропаганды. Хотя бы за счет того, что было увеличено количество часов на преподавание немецкого языка. В школьных помещениях висели портреты Гитлера, но скажу так, в некоторых случаях эти портреты подвергались вандализации, то есть дети кидали туда снежки, стреляли из рогаток, что в общем-то доставляло массу хлопот и нервных переживаний учителям, потому что они понимали, что за это они могут быть подвергнуты преследованию. 

Если говорить о системе немецкой пропаганды, то, безусловно, наиболее распространёнными её механизмами было кино, кино-кинематограф, в котором демонстрировались немецкие фильмы. Были выставки, ставящие своей целью демонстрацию преимуществ жизни в Германии и таким образом стимулирующие население к выезду в Германию на работы.]

Jasmin Lörchner: Die Deutschen nutzen also verschiedene Wege, um ihre Botschaften an die Bevölkerung vor Ort zu bringen. Auch Zeitungen sind dabei ein wichtiges Mittel. In Sojas Alltag spielt aber das Kino die größte Rolle. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für eine Jugendliche reizvoll ist – so im Dunkeln sitzen und einfach mal das ganze Elend drum herum vergessen dürfen. Sich einsaugen lassen in eine andere Welt…

Soja: Also gingen wir ins Kino. Tagsüber natürlich. Wenn wir ins Kino gingen, dann nur tagsüber. Erstens hätten sie uns das sowieso nicht erlaubt, und zweitens gab es eine bestimmte Uhrzeit zu Einbruch der Dunkelheit, ab der eine Ausgangssperre galt, da durfte überhaupt keiner raus. Vor den Filmen kamen immer diese Propaganda-Wochenschauen. Wie sie an der Front kämpfen, wie sie siegen, wie sie alle vernichten. Wie schlau und stark die Deutschen sind. Sonst nichts. Die Russen sind nichts.

[Ну и пошли в кино. Ну мы ж днем ходили. Мы ж если бывали в кино, то мы бывали только днем. Во-первых, вечером вообще ж не разрешали выходить. У них же был определенный час , когда в темное время комендантский час, что выходить нельзя было.

А до вильмов конечно же все эти пропагандистские киножурналы. Как они на фронте, как они победу одерживают, как они всех уничтожают. Каие они все умные и сильные немцы. И все. А русские ничто.]

Jasmin Lörchner: Soja ist also alt genug und vor allem kritisch genug, um genau zu merken, was die Deutschen ihr da vorsetzen. Aber die Filme ziehen sie trotzdem in ihren Bann. Sie erinnert sich, einen Film über Tschaikowsky gesehen zu haben, den sie sehr gut fand – Hauptdarstellerin war die deutsch-österreichische Schauspielerin Marika Rökk. Rökk wurde 1934 von der Ufa unter Vertrag genommen und ist einer der größten deutschsprachigen Filmstars der Zeit. Der Film, von dem Soja erzählt, heißt „Es war eine rauschende Ballnacht“ und erscheint schon 1939. Es mutet ironisch an, dass die Deutschen diesen Film wenige Jahre später auf Tournee in die besetzten Gebiete schicken. Ein Film, der sich lose an die Biografie Tschaikowskys anlehnt und im Russland des 19. Jahrhunderts spielt. Vielleicht kennen einige von euch ja den Schlager „Nur nicht aus Liebe weinen“? – Die schwedische Sängerin und Schauspielerin Zarah Leander singt ihn in diesem Film.

Musik: „Nur nicht aus Liebe weinen“

Jasmin Lörchner: Spielfilme sind also ein subtiler Weg, Jugendliche wie Soja ins Kino zu locken – um sie dann mit den Wochenschauen ideologisch zu beeinflussen.

Soja bekommt aber nicht nur im Kino Einblick in die deutsche Art zu denken. Denn ein Offizier, in Sojas Erinnerung ein SS-Mann, wird bei ihrer Familie einquartiert.

Soja: In einem unserer Zimmer wohnte ein Faschist – ein richtiger Faschist. Ein SS-Mann. Nun, er ließ uns in Ruhe, und wir ließen ihn in Ruhe. 

[А у нас одну комнату занимал фашист – самый настоящий фашист. Эсесовец жил. Ну он нас не трогал, мы его не трогали.]

Jasmin Lörchner: Die Mutter managt auch hier wieder die Situation und zieht Grenzen. Vor allem aber weiß sie die Lage für sich zu nutzen. Denn dieser Offizier hat ein Radio. Wenn er die Wohnung verlässt, schleicht die Mutter durch eine mit Kleiderschränken verborgene Tür in sein Zimmer und hört dort Radio – so erhält sie Informationen, die über die Propaganda der Wochenschauen und der Besatzungszeitung hinaus gehen. Damit geht sie natürlich ein großes Risiko ein und wir können zum ersten Mal ahnen, was gleich noch wichtig für uns wird: Sojas Mutter ist bereit, eben genau solche Risiken einzugehen.

Frau Penter, wie üblich waren denn solche Einquartierungen wie die des Nazis in Sojas Wohnung?

Tanja Penter: Es gehörte zur Praxis, dass Soldaten und Offiziere eben häufig auch bei lokalen Anwohnerinnen untergebracht, einquartiert wurden. Und dass auch Wohnungen frei gemacht werden mussten, um Wohnraum für Wehrmachtsangehörige zu schaffen. Interessant ist hier vielleicht auch, dass das Oberkommando der Wehrmacht diese zahlreichen Einquartierungen von Soldaten bei der Zivilbevölkerung durchaus kritisch sah oder misstrauisch sah, weil sie befürchteten, dass das zu einer, zu engeren Kontakte, manchmal auch zu Beziehungen, zu sexuellen Beziehungen, zwischen deutschen Soldaten und einheimischen Frauen führen konnte und dass das ein besonderes militärisches Risiko aus der Sicht der Wehrmachtsführung darstellte. Deshalb finden sich in der Aktenüberlieferung der Wehrmacht, auch zahlreiche wiederkehrende Ermahnungen und Verbote in Bezug auf Kontakte mit einheimischen Frauen, was auch darauf hindeutet, dass das eben ein verbreitetes Phänomen darstellte und dass die Wehrmachtsangehörigen in dieser Frage durchaus sehr uneinsichtig waren.

Jasmin Lörchner: Soja lernt durch diesen direkten Kontakt, dass deutsche Soldaten nicht gleich deutsche Soldaten sind. Denn da gibt es auch noch Fritz. Er ist ein sogenannter Ordonnanzoffizier für den einquartieren SS-Mann, also ein Gehilfe. Aber die beiden sind sehr unterschiedlich. Den Kontrast zwischen den beiden Männern macht Soja auch an der sozialen Herkunft fest:

Soja: Er hatte einen Offiziersdiener namens Fritz. Ein riesiger Mann und absolut kein Krieger. Absolut keine Kämpfernatur. Er war Fabrikant, besaß in Deutschland eine Möbelproduktion. Er war zur Armee eingezogen worden und war nun eben sein Gehilfe. Er kam gut mit uns Kindern aus und brachte uns Süßigkeiten. Wenn er ihm Essen brachte, zweigte Fritz eine Portion für uns aus dem Topf ab und füllte einfach Wasser nach. Der Offizier stammte aus der Unterschicht. Und dieser hier war aus der Oberschicht.

Fritz wohnte nicht bei ihm, sondern im Nachbarhaus. Zu Weihnachten 1941 bekam er so kleine Tannenbäumchen geschickt. Kennen Sie diese deutschen? So was hatten wir noch nie gesehen. Mit so hübschen Bonbons, in Papier eingewickelt. Geschmeckt haben sie uns nicht, aber schön waren sie. Wir mopsten uns von allem etwas. Da kam er rein und hat geschimpft. Er schimpfte auf Deutsch und auf Russisch, ein Wort so, ein Wort so. Wir mussten lachen, und damit war’s erledigt … 

Ein normaler Mensch eben. Wir haben ja nicht gestohlen, wir haben ja nur genommen. Wir haben uns bedient. Er wusste ja, dass wir uns was nehmen. Es war zu erwarten gewesen. Aber was hätte er uns Kindern dafür antun wollen? Gar nichts.

[У него был денщик – Фриц. Громадный мужчина такой, причем абсолютно не военный. Вот по натуре своей абсолютно не военный. Он фабрикант, имел фабрику мебели. В  Германии. Ну и был призван в армию и был у него денщиком. С нами детворой ладил, конфеты нам носил. Придет с котеночком  – еды ему принесет. Ну а офицер был из низших слоев из более. А этот из богатых. Фриц жил в соседнем подъезде. Он только обслуживал его. И бывало мы с этой Светкой Цушко  – он жил с ними на одной площадке – пойдем к тем людям, где его комната. А ему присылали к Новому Году – это ж новый год 42 – такие елочки. Знает немецкие? Мы ж этого не видели. Конфеты очень красивые, в оберточках. Там конфеты такие, но красивые. А мы пойдем, у него наберем  всего. А он придет – ругается. Ругает, и по-немецки, и по-русски. Слово по-немецки, слово по-русски. А мы смеемся и все.

Ну нормальный человек. Ну мы не крали, мы брали. Мы  брали. Так он знал, что мы брали. Он ждал. Вот все то придет,  ругается, ругается . А что он детям сделает? Ничего.]

Jasmin Lörchner: Der Kontrast zwischen Fritz und seinem Offizier könnte nicht größer sein. Während der eine sogar mit den Kindern zu spielen scheint, spürt Soja die Feindseligkeit des anderen. Er bleibt eine dauerhafte Bedrohung. Ob er wirklich bei der SS ist, ist übrigens nicht ganz klar. Eigentlich wohnen SS-Leute im Donbas-Hotel, wo auch die Dienststelle der Sicherheitspolizei stationiert ist.

Soja: Im Wehrkommando gab es eine Küche. Da bekamen sie ihr Essen. Der Winter war sehr kalt und schneereich. Wir nahmen also den Schlitten – am Hinweg ging es bergauf, am Rückweg bergab. Wir setzten uns auf den Schlitten, er soll uns hinziehen, wir ziehen ihn dafür zurück (lacht). 

Nun ja, so war das mit dem – der war sehr in Ordnung, dieser Deutsche, verstehen Sie? Aber dieser Offizier – der war ein glühender Faschist. Ich sage Ihnen, wenn einer von uns etwas gesagt hätte, der hätte uns ohne zu zögern erschossen. Er hat nicht mit uns kommuniziert. Überhaupt nicht. Er ging in sein Zimmer, Fritz brachte ihm Essen, Fritz räumte das Geschirr ab. Fritz wusch, Fritz bügelte seine Jacke, nähte die Krägen fest, und so weiter. 

[И в здании облвоенкомата у них кухня была. Где они питание брали. А зима ж была морозная, снежная очень. И мы на санках туда под городку – в гору ж там ехать, а обратно с горы. Так мы на санках садились, чтобы он вез нас туда, а мы его обратно (смеется). Ну вот такое – ну просо видно нормальный немецкий человек. Понимаете. Ну а этот его офицер – это ярый, ярый фашист. Я вам скажу, что если бы кто-то из нас что-то сказал, он бы не задумываясь застрелил. Он бы не задумываясь застрелил.

Он с нами не общался. Совершенно. Он к себе зайдет в свою комнату, Фриц ему есть отнесет, Фриц от него посуду вынесет. Фриц помоет, Фриц погладит китель его, там воротнички пришьет и все. А с нами – он с нами не общался и мы с ним не общались.]

Jasmin Lörchner: Es ist gewissermaßen Glück, wer da jeweils in der Wohnung einquartiert wird. Mitspracherecht haben die ursprünglichen Bewohner:innen nicht. Ganz sicher ist es eine der krassesten Ebenen, auf denen die Deutschen in den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner Stalinos eindringen. Mehr Besatzung als in der eigenen Wohnung geht nicht.

Aber selbst der Nazi in der eigenen Wohnung konnte gelegentlich ein Vorteil sein. Die Besetzten sind den Soldaten ausgeliefert. Aber die Hierarchie dieser Männer untereinander führt zu bizarren Situationen.

Soja: Bei uns zu Hause gab es so einen Fall. Es wohnte ja dieser Faschist bei uns, und er hat nie erlaubt, die Tür abzuschließen. Meine Mutter sagte zu ihm: „Wie können Sie uns verbieten, die Tür abzuschließen? Meine Tochter ist allein, sie ist zwölf. Es ist ja keiner zu Hause. Was ist, wenn jemand reinkommt?“ „Ich bin zu Hause.“ Er ließ es nicht zu, die Türen mussten offen bleiben. Und dann kommt eines Tages ein italienischer Offizier herein. Der wusste nicht, dass dieser Faschist hier war. Er geht direkt in die Wohnung – sieht sich um, murmelt etwas auf Italienisch. Er kommt ins Zimmer und öffnet den Kleiderschrank. Und ich mach mich ganz klein. Wir hatten zwei Kamelhaardecken, die wir versteckten, damit sie uns keiner wegnimmt. Nun, wir haben heute nicht viel, und damals erst recht nicht. So war es bei uns immer. Er macht also den Schrank auf und murmelt. Da hat der Faschist anscheinend Italienisch gehört. Zwischen den Zimmern war eine Tür. Er kommt herein – und sieht diesen italienischen Offizier. Er nimmt seinen Gürtel ab, und dann schlägt er ihn so heftig – mit der Schnalle! Wissen Sie, ich hatte solche Angst, ich habe am ganzen Leib gezittert. Und der Italiener ist so – rückwärts hinausgegangen. So endete der Besuch. Ohne ein Wort zu sagen. Ich war wie Luft für ihn. Aber diesen Offizier, den hat er verprügelt, im wahrsten Sinn des Wortes. Mit der Schnalle, so, ganz fest … Ich glaube nicht, dass der Faschist mich beschützen wollte. Wahrscheinlich eher – warum dringt da jemand ohne sein Wissen, ohne seine Erlaubnis ins Haus ein. 

[Вот у нас такой случай был в доме. Вот этот же фашист жил, жил этот фашист, а мама ж ему и говорит- он не разрешал закрывать дверь. А мама и говорит: «Ну как вы не разрешаете закрывать дверь? Дома остается девочка одна. 12 лет. Дома ж никого нет. А если кто-то зайдет?» – «Я дома». Он не разрешал, не закрывали дверь. И вот в какой-то раз заходит итальянский офицер в квартиру. Но он же не знал, что здесь этот фашист. Идет прямым сообщение – что-то видит,  лопочет там себе по-своему. Заходит, открывает шифоньер в комнате. А я ж-то дите.  А у нас что, было 2 верблюжьих одеяла, которые мы прятали, чтобы их не забрали. Ну у нас особенно – у нас сейчас особенного ничего нет, и тогда ничего не было. И он открывает шифоньер и что-то там лопочет. А тот видно услышал итальянскую речь. Там же дверь между комнатами была. Он заходит – и увидел этого итальянского офицера. Он снимает ремень с себя и пряжкой – он его так бил! Вы знаете, я настолько испугалась, дрожала вся. И тот – вот так вот (сгорбившись – Д.Т.) задом вышел. Вот так закончилось это посещение. Ни слова не говоря. Со мной – я не существую. А этого офицера он избил в полном смысле слова. Пряжкой вот так, вот так, вот так. Я не думаю, что защитить. Это просто наверное  – почему без его ведома, без его разрешения кто-то вошел в дом? Я вот так думаю.]

Jasmin Lörchner: Die Szene zeigt wirklich sehr eindrücklich, wie kurz die Zündschnur des einquartierten Deutschen ist – und warum jeder Konflikt vielleicht sogar tödlich enden könnte. 

In dieser ersten Phase der Besatzung lebt Soja direkt im Stadtzentrum, auf der sogenannten Ersten Linie. Das ist die Hauptstraße in Stalino. Das ist sie auch heute noch in Donezk, aber auch die Straße hat ihren Namen geändert und heißt jetzt Artjoma-Straße. 

Das ist eine gute Adresse, an der Sojas Familie da lebt. Das Theater, ein Kino, die Stadtverwaltung – alle sind hier untergebracht. Die Nazis nutzen die Infrastruktur für sich und bringen auch die Feldkommandantur und die Gestapo hier unter. Für Soja und ihre Familie fehlt mit der Zeit der Platz.

Soja: Im Spätherbst 1942 mussten wir von der Ersten Linie wegziehen. Weil die Einheimischen nicht mehr im Zentrum leben durften. Nach und nach wurden alle umgesiedelt, die einen hierhin, die anderen dahin.

[Поздней осенью 42 года нас с Певрой линии выселили. Потому что всем русским не нужно было жить в центре. И нас начали  выселять оттуда. Кого куда.]

Jasmin Lörchner: Wir haben ja schon in unserer zweiten Folge, zum Bürgermeister Stalinos unter deutscher Besatzung, davon gehört, wie willkürlich mit Wohnungen und Wohneigentum umgegangen wird – wenn die Deutschen Wohnraum brauchen, werden die ursprünglichen Bewohner:innen eben umgesiedelt. So geht es auch Soja und ihre Mutter und Schwester. 

Auch in der zweiten Wohnung weiter entfernt vom Zentrum muss die Familie einen deutschen Soldaten aufnehmen. Hier scheint das Leben so vertraut zu werden, dass Sojas ältere Schwester ihn einmal ärgert und mit Tee übergießt. Der Soldat unternimmt zunächst nichts, spielt aber Tage später einen Streich zurück, indem er die große Schwester nachts im Schlaf mit Wasser überschüttet. Das klingt erstmal nach Spaß und einem guten gemeinsamen Verhältnis. Aber die Stimmung hätte jederzeit kippen können. Letztlich waren die Frauen dem Soldaten ausgeliefert.

Dmytro Tytarenko: Er hätte sie verprügeln können.

Soja: Na ja, alles hätte passieren können. Natürlich durfte man das nicht, das durfte man nicht tun.

[В: Мог бы и избить.

О: Ну все могло быть. Конечно, этого делать нельзя  было, нельзя было.]

Jasmin Lörchner: Ganz ähnlich wie bei Wladimir in unserer ersten Folge findet bei Soja ein Lernprozess zum Leben unter Besatzung statt. Oder, wie sie es formuliert:

Soja: Nun, 1943 war schon einfacher für uns. Erstens wussten wir, dass unsere Truppen sich bereits näherten. Zweitens hatten wir uns an die Deutschen gewöhnt, hatten uns angepasst. Wir kannten uns aus, wie wir uns wo zu verhalten hatten, was erlaubt war und was nicht, wir gingen zur Schule … Wir wussten, wer wer war.

[Ну, 43 год для нас уже был легче. Во-первых, мы знали уже, что войска наши сюда уже движутся. Во-вторых, мы уже адаптировались по отношению к немцам, мы уже адаптировались как себя где надо вести, что можно и что нельзя, уже ж в школу мы ходили. Это ж понимаете, мы знали, кто есть кто.]

Jasmin Lörchner: Diese Anpassungsleistung scheint von außen betrachtet eigentlich fast unvorstellbar. Und dennoch ist es etwas, was auch in der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine heute häufig eine Rolle spielt. Darum habe ich auch die Journalistin Luzia Tschirky danach gefragt. Für ihren Podcast Yak Ty ist sie regelmäßig mit Menschen in der Ukraine in Kontakt, die ihr von ihrem Alltag erzählen.

Und was wir in den Quellen sehen bei unseren Protagonist:innen im Podcast ist, dass es so eine Art Anpassung an den Krieg gibt, also eine neue Normalität, man so will. Dieses Nebeneinander von Brutalität und Horror und banalem Alltag. Würdest du sagen, dass das heute auch so ist?

Luzia Tschirky: Ich würde ganz grundsätzlich sagen, dass das Leben immer weitergeht. Und dass das Leben immer weitergeht, zumindest für die, die einen Krieg überleben. Dass das ja grundsätzlich etwas Positives ist. Und ich würde auch sagen, dass ich darin auch ein Lebenswille und ein Überlebenswille von Menschen erkennen kann. Und ja, das ist bestimmt etwas, was ich persönlich auch erlebt habe. Also ich kann mich beispielsweise erinnern, als wir am 24. Februar bei Beginn des russischen Angriffskrieges aus Kyjiw gefahren sind über eine Straße, die man eigentlich nicht hätte nehmen sollen, weil die Straße viel gefährlicher war, als mir eigentlich bewusst war. Wir sind über eine Straße gefahren aus Kyjiw, über die man dann durch Hostomel fährt. Hostomel wurde in den allerersten Stunden des russischen Angriffskrieges schwer beschossen. Das war mir bekannt, mir war aber nicht bekannt, dass dort bereits russische Spezialeinheiten gelandet sind am 24. Februar. War mir nicht bewusst, dass russische Soldaten in solcher Nähe zu mir sind. Nach Hostomel kommt dann Irpin, Butscha. Und kurz nach Butscha haben wir an der Straße angehalten. Mein Kameramann, der damals mit mir der Ukraine zusammengearbeitet hat, der wollte sich evakuieren aus der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw und hat auch seinen Hund mitgenommen. Und wir mussten anhalten, damit der Hund Gassi gehen kann. Und das ist so eine absurde Situation in dem Moment. Also man sieht in der Ferne Rauchsäulen aufsteigen und man hört auch dumpfe Geräusche von Detonationen. Und gleichzeitig ja der Hund muss Gassi gehen. Das ist ein Bedürfnis, das dieser Hund hat, ob jetzt die russische Armee gerade den Flughafen Hostomel beschießt oder nicht, der Hund muss Gassi gehen. Und ich denke, diese Parallelität des Alltags zur Kriegssituation, die gibt es jeden Tag und ja, ist… Mir hat eine Ukrainerin kürzlich davon erzählt, sie hätten keine Work-Life-Balance mehr in der Ukraine, sie hätten eine War-Life-Balance. Also sie hätten nicht eine Lebens-Arbeitszeit-Gleichgewicht, sondern sie hätten einen Krieg-Alltag-Gleichgewicht.

Jasmin Lörchner: Uns ist natürlich klar, dass der Krieg damals und der Krieg heute nicht gleichzusetzen sind. Aber aus unserer Sicht wäre es merkwürdig, über den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine und insbesondere im Donbas zu sprechen, ohne auch an den heutigen Krieg in der Ukraine erinnern. Luzia erzählt ja hier von einer persönlichen Erfahrung in Kyjiw. Wir haben zum Alltag im Russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in den Shownotes auch ein paar weiterführende Links für euch zusammengestellt.

Wir kehren jetzt wieder zurück zu Soja. Zu ihrem Kriegsalltag kommt eine Ebene hinzu, die wir in unseren bisherigen Folgen noch nicht kennengelernt haben: Ihre Mutter wird Teil eines Widerstandsnetzwerkes. Und Soja und die Schwester werden aktiv in Aktionen einbezogen. 

Herr Tytarenko, damit wir uns die Bedeutung besser klar machen können: Welches Risiko ging Sojas Familie damit ein?

Dmytro Tytarenko: Partisanen zu helfen war natürlich auch extrem gefährlich, weil die Grenze zwischen Leben und Tod unter der Besatzung extrem verschwommen war. Und natürlich wäre es falsch anzunehmen, dass die gesamte Bevölkerung Schulter an Schulter bereit war, sich am Kampf gegen den Nationalsozialismus, gegen die Besatzer zu beteiligen. Natürlich nicht. 
Und eine Meinung, die häufig anzutreffen ist … Na ja, nicht häufig, aber sie kommt in den Narrativen vor: „Am meisten hatten wir Angst, dass in unserer Straße ein Deutscher getötet würde.“ Warum? Weil das bedeutet hätte, dass die ganze Straße erschossen worden wäre, mir nichts, dir nichts erschossen, ja. Also, das hat seinen Grund. Das ist so ein Repressionsmechanismus, der in den besetzten Gebieten eingesetzt wurde, dass für jeden getöteten deutschen Soldaten hundert Zivilisten erschossen wurden … 

[Помогать партизанам. Безусловно, это тоже было крайне-крайне опасным, потому что, опять же, я говорю: эта грань жизни и смерти в условиях оккупации, она была крайне размытой. И вот, конечно, было бы ошибочным предполагать и думать, что всё население как один готово было принять участие в борьбе против нацизма, против оккупанта. Конечно, нет.

И вот это мнение, которое часто встречается…ну, не часто, но во всяком случае встречается в нарративах: мы боялись больше всего, чтобы на нашей улице не убили немца. Почему? Потому что это означает, что всю улицу бы расстреляли, взяли бы и расстреляли, да. То есть это не случайно. Вот это репрессивный механизм, созданный на оккупированной территории, когда за убитого немецкого военнослужащего расстреливали 100 местных жителей – это в общем-то, что практика западных обществ, оккупированных обществ почти не знала.]

Jasmin Lörchner: Erinnert ihr euch noch an Sojas Erzählung von den gehängten Partisanen? Sie weiß genau, was ihr Mithelfen bedeutet. Wie hoch das Risiko ist, dass ihre Mutter und sie eingehen.

Soja: Und ich muss sagen, was mich erstaunt – jetzt natürlich, damals nicht, da hab ich das noch nicht begriffen: Meine Mutter stammte aus einer Familie, die entkulakisiert wurde, ihre ganze Familie war praktisch vernichtet worden. Aber sie blieb Patriotin, verstehen Sie. Sie hatte ihr Vaterland, ihre Loyalität zum Vaterland, sie wusste, was sie beitragen konnte. Sie riskierte ihr Leben und das ihrer beiden Kinder.

[Причем я говорю, что меня поражает, сейчас конечно, не тогда, тогда я этого не понимала и до меня это не доходило.  Человек из раскулаченной семьи, считайте семью в общем-то уничтожили. Но человек был патриот, понимаете. Была Родина, было чувство преданности Родине, понимала, что чем могла помочь. Она рисковала жизнью своей и двоих детей.]

Jasmin Lörchner: Soja spricht viel über ihre Mutter, aber von ihrer eigenen Motivation erzählt sie wenig. Vielleicht wollte sie etwas gegen die Ungerechtigkeiten tun, die sie um sich herum beobachtet hatte. Vielleicht war es aber einfach die Autorität der Mutter, immer das Richtige zu tun.

Die Familie versteckt nun also den Partisanen Donskoi. 

Und der Mann, für den Soja da die händchenhaltende Tochter spielt, hat zu diesem Zeitpunkt schon ein bewegtes Leben hinter sich.

Als Kind einer Eisenbahnerfamilie besuchte er eine technische Schule, wurde aber 1916 als Achtzehnjähriger in die Armee einberufen. Nach der Revolution kämpfte er im russischen Bürgerkrieg auf Seiten der Bolschewiki und trat anschließend in den Kriminaldienst ein. Aber Donskoi wurde, wie so viele andere, Opfer des stalinistischen Terrors. 1939 wurde er festgenommen und gefoltert. Er wird erst zum Tode verurteilt, dann wird das Urteil in Haft umgewandelt. 

Am Ende kann er seinem Urteil entkommen, indem er sich freiwillig für die Front meldet. Donskoi gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft. Im Lager gründet er eine Partisanengruppe und zu neunt gelingt den Männern dann die Flucht. Ab dem Frühjahr 1943 ist Donskoi der Chef einer Widerstandsgruppe in Stalino. Sein Ziel: Ein Netzwerk von Menschen aufbauen, die mit ihm im Untergrund gegen die Nazis kämpfen.

Die Mutter nimmt Donskoi auf, weil sie es für das Richtige hält – aber nicht nur das, sie bezieht ihre Kinder aktiv in die Widerstandsarbeit ein. Soja läuft händchenhaltend mit dem angeblichen „Vater“ durch die Stadt, um ihm Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Die Wohnung wird zum Umschlagplatz für Flugblätter. Auch das Papier dafür transportiert Soja, das habt ihr ja zu Beginn der Folge schon gehört.

Kinder und Frauen für diese Art des Widerstands einzusetzen, kommt überall in den besetzten Gebieten vor, also auch in Westeuropa. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Besatzer ein patriarchales Weltbild haben. Frauen sind also sanft und häuslich – dass sie bewaffnet sind und politisch interessiert, das ist hier nicht vorgesehen. Vielleicht wird ihnen auch nicht zugetraut, dass sie bereit sind, ihr eigenes Leben oder das Leben anderer zu riskieren, um ihre Werte zu verteidigen. Denn genau das tun die Partisan:innen. Sie nehmen den Tod von Zivilist:innen in Kauf – und ihren eigenen, wenn sie entdeckt werden.

Herr Tytarenko, können Sie uns die Tätigkeit von Frauen in den Widerstandsgruppen einmal beschreiben?

Dmytro Tytarenko: Sie unterhielten Verstecke und traten als Verbindungsleute auf.  Ja, so was kam vor. Das waren natürlich keine Einzelfälle. Allein, wenn Sie sich die Listen der Opfer aus Untergrundorganisationen ansehen, die in Stalino aufgedeckt wurden: Es gibt diese deutschen Listen, da sind 30 bis 40 Prozent Frauen, ja, erschossen von den Deutschen, das heißt, das waren wirklich überzeugte, patriotisch gesinnte Menschen.

[содержали явочные квартиры, выступали в качестве связных. Да, да. Такое было. Такие случаи были. Такие случаи были, и они были не единичными, конечно. Вот эти подпольные организации, даже посмотреть списки жертв подпольных организаций, раскрытых в Сталино,

Они есть, вот эти немецкие списки, там 30-40 % женщин, да. Расстрелянных немцами, то есть это действительно убежденные, убежденные патриотично настроенные люди.]

Jasmin Lörchner: Sojas Mutter nimmt keine direkt kämpfende Rolle ein. Aber ihre Arbeit ist zentral, um das Widerstandsnetzwerk aufrecht zu erhalten. 

Wie greifbar das Risiko für Soja und die ganze Familie war, zeigt diese Erinnerung:

Soja: Mich beeindruckte, was er beim Schlafengehen machte. Drüben auf dem Sofa liegt er, und hier sind unsere zwei Betten – ich, meine Mutter und Alla – wir haben zu dritt da geschlafen. Er geht also ins Bett – und legt zwei Granaten und eine Pistole unter sein Kopfkissen. Alla und ich verstanden nicht, was uns erwartet. Wir nicht, aber meine Mutter verstand alles.

[На меня ….впечатление производило, когда он ложился спать. Вот так стоял диван. Вот он здесь на диване, а у нас  там 2 кровати – я с мамой и Алла – втроем мы там спали. И вот он ложится спать – он под подушку кладет 2 гранаты и пистолет. Ну мы с Аллой не понимали, что нас ждет. Ну мы не понимали, а мама ж все понимала.]

Jasmin Lörchner: Die Waffen zeigen eindrücklich, wie akut die Gefahr für die Frauen ist. Sie lassen Donskoi bei sich übernachten – und riskieren damit ihr Leben.

Die Waffen zeigen aber auch: Der Widerstand beschränkt sich nicht nur auf Flugblätter.

Donskoi baut nach eigenen Angaben zwischen dem 1. Juni und dem 7. September 1943 eine Gruppe von ungefähr 170 Menschen auf, die Eisenbahnunfälle verursacht, Panzer und LKWs sprengt, ein Lager für Munition und Treibstoff auf dem Flugplatz zerstört, Einstürze in Bergwerken organisiert, immer wieder die Telefonleitungen lahmlegt, Waffen, Patronen und Geld von den Deutschen erbeutet. 

In Donskois Aufzählungen tauchen Menschen nicht auf. Wir müssen sicherlich davon ausgehen, dass bei den Aktionen auch Zivilistinnen und Zivilisten sterben. Konkret benannt wird aber nur die Tötung von 100 Soldaten und Offizieren der Besatzungsmächte und die Verhaftung von einheimischen Dorfvorstehern und Polizisten. Die Verhafteten wurden nach der Befreiung Stalinos an den sowjetischen Geheimdienst übergeben.

An dieser langen Liste von Sabotageakten und Angriffen merkt ihr schon: Die Gruppe ist offenbar extrem gut organisiert und verzweigt.

Soja: Die Partisaneneinheit war groß. Aber man kannte … Wir kannten ihn, und noch eine Verbindungsperson. Mehr nicht. Wir kannten sonst keinen, verstehen Sie? So war das – drei, vier Leute. Ja, damit im Ernstfall keiner irgendwen kennt. Ihn kannten nur sehr wenige, ihn persönlich. Wir kannten ihn nur als Donskoi. Heute wissen wir, dass er Awdejew hieß. Aber damals sagten wir nur Donskoi zu ihm, sonst nichts.

[Отряд же был большой. А знали люди – вот мы знали его. Все. Мы больше никого не знали, понимаете? У них так – по 3, по 4 человека. Да, на случай провала чтобы никто никого не знал. Его знало очень мало людей. Его лично знало очень мало людей. Мы его знали только как Донской. Это мы уже теперь знаем, что он Авдеев. А так мы его  знали как Донской. Донской  и  все.]

Jasmin Lörchner: Donskoi, der Name, den wir hier nutzen, ist also eigentlich nur ein Tarnname. Und aus der Erinnerung klingt ein bisschen der Stolz heraus, dass Soja ihn persönlich gekannt und getroffen hat. 

Die Geheimhaltung der Namen und der anderen Gruppenmitglieder dient dem gegenseitigen Schutz. Wenn Widerstandskämpfer:innen festgenommen werden, foltern die Deutschen sie. Sie sollen ihr Netzwerk preisgeben. Je weniger Namen die Menschen dann kennen, desto sicherer ist die Gruppe. Denn Gnade ist von den Deutschen nicht zu erwarten. 

Im Gegenteil: Das Finden von Widerstandsnetzwerken ist eine ihrer obersten Prioritäten. Und sie gehen mit äußerster Härte gegen sie vor. Soja erinnert sich, wie ein Paar aus der Widerstandsgruppe verhaftet wurde – und wie die Gruppe auch für solche Fälle Verabredungen getroffen hatte.

Soja: Sie wurden an dem Tag verhaftet. Ich weiß nicht, was da war, wieso sie überhaupt zu Hause waren. Aber die anderen wurden gewarnt. Sie hatten so einen Blumentopf am Fenster. Wenn der am Fenster stand, bedeutete das, Donskoi kann reinkommen. Wenn nicht, musste er draußen bleiben. Es waren ja überall Deutsche. Und als sie festgenommen wurden, hatten sie den Blumentopf weggestellt. Haben rechtzeitig dran gedacht. Wobei ich nicht weiß, was da genau lief, jedenfalls stand er dann nicht mehr am Fenster. Und als Donskoi kam, sah er: kein Blumentopf, und lief weiter. 

[А их в этот день и арестовали. Я не знаю, что это, как это произошло, что они не ушли. Но они были предупреждены. У них на окне цветок какой-то стоял. И если он стоял – значит Донской может заходить. А если нет – он не мог заходить.  А везде ж немцы были. И вот когда их забирали они этот цветок с окна убрали. Ну я не знаю как там, или успели. Но убрали во всяком случае. И он прошелся, увидел цветка нет, он в дом не зашел.]

Jasmin Lörchner: Die Kinder nehmen das Risiko ganz akut wahr. Aber sie rebellieren nicht dagegen, dass die Mutter die Familie in den Widerstand zieht. Sie verraten Donskoi nicht – sicherlich auch, weil Soja selbst die Ungerechtigkeit um sich herum deutlich sieht. 

Aus den Schilderungen von Soja wird deutlich, wie wichtig ihre Mutter für sie ist. Als sie im Interview nach dem Hunger unter der Besatzung gefragt wird, spricht Soja nicht darüber, wie viel Gewicht sie selbst verliert. Stattdessen beschreibt sie, dass ihre Mutter in der Zeit der Besatzung von 80 auf 39 Kilogramm abgemagert sei. Die Entscheidung ihrer Mutter, Widerstand zu leisten, stellt sie nicht in Frage. Angst um ihre Mutter hat sie trotzdem.

Soja: Nachts ein Klopfen mit einem Gewehrkolben [an unserer Tür]. Mama! Wir dachten natürlich, sie kommen unsere Mutter holen. 

Aber dann war es eine Einheit auf dem Rückzug, die bei uns übernachten wollte. Deutsche. Als wir am Morgen aufstanden, war Mama ergraut. Sie war mit schwarzen Haaren ins Bett gegangen und mit weißen aufgewacht. Innerhalb einer Nacht. Wir haben alle gedacht, sie würden sie holen. Nach alldem. Aber es ist gut ausgegangen.

[И ночью к нам прикладом стук. Мама конечно. Мы решили, что это за мамой пришли. А оказывается это отступающая часть ночью расквартировывалась. Немцы. И мы встали утром – мама была седая. Вот ложилась черной, а встала седой . За одну ночь. Мы так и думали, что это пришли за мамой. После всего этого. Но обошлось.]

Jasmin Lörchner: Es ist gut ausgegangen – denn jetzt geht es Schlag auf Schlag. Eigentlich ist das Eintreffen Donskois in Stalino schon ein Vorbote der Kriegswendung. Er kommt im Frühjahr 1943 an und schon am 8. September ist Stalino befreit.

Befreit, aber gebeutelt. –  Die Deutschen überziehen die Stadt bei ihrem Abzug mit einer Welle der Zerstörung. Die „Politik der verbrannten Erde“ soll nur Unbrauchbares zurücklassen. Die Deutschen brennen wichtige Häuser im Stadtzentrum ab. Dabei kommen auch Menschen, die in den Häusern eingeschlossen sind, ums Leben. Die Wehrmacht will die gesamte soziale und kulturelle Infrastruktur und Kommunikationswege zerstören. Sie verschleppt auch Zivilist:innen ins Hinterland.

Die Ankunft der sowjetischen Truppen wird von einer Mehrheit der verbliebenen Bevölkerung deshalb als Befreiung wahrgenommen. Aber es gibt neue Schwierigkeiten. Denn die Menschen, die unter Besatzung gelebt haben, stehen für das sowjetische Regime jetzt unter Verdacht.

Soja: Wir haben uns nicht als Partisanen betrachtet. Wir taten, was wir für unsere Pflicht hielten, unsere Pflicht gegenüber dem Vaterland … Es mag heute so aussehen, als wäre Heimat nichts als schöne Worte. Damals war das anders. Ganz anders. Es war in uns, es war tief verwurzelt. Er brachte ihr trotzdem dieses Dokument, das sie ihr Leben lang nie jemandem gezeigt hat. Sie hat es auch nie gegen einen Partisanenausweis eingetauscht, obwohl sie das hätte tun können. Das hier brachte Donskoi persönlich und sagte: „Man weiß nie, was noch kommen mag, was das Leben noch bringt, vielleicht können Sie es noch brauchen.” Ich hüte dieses Zeugnis wie keine Ahnung was. Meine Mutter hat es keinem je gezeigt, und ich auch nicht. 

[И не считали мы себя партизанами. Мы делали то, что читали свои долгом. Мы считали своей обязанностью перед Родиной, перед… Это сейчас кажется, что Родина это красивые слова. Тогда это не было так. Тогда это не  было так. Оно было внутри. Нас, оно было заложено. И он все-таки принес ей документ. Который она никогда в жизни при жизни никому не показала. Она не поменяла его на партизанский билет, не поменяла.  Это то, что Донской принес собственноручно и говорит: «не знаю, как сложатся обстоятельства, как сложится жизнь, пусть будет.» […] Я ее уже берегу, как не знаю что. Мама ее никому не показала, и я ее никому не показываю.]

Jasmin Lörchner: Sojas Mutter ist nie direkt angeklagt worden. Im Falle des Falles hätte sie aber ein Schreiben von Donskoi gehabt, um ihre Arbeit für den Widerstand zu belegen. Sie selbst hat sich aber nie darum gekümmert, dass ihre Arbeit als Partisanin bekannt wird.

Soja: Eigentlich wurden sie erst 1967 anerkannt und bekamen eine Auszeichnung. Die erste Ehrung von Untergrundkämpfern fand in Donezk 1967 statt. Meine Mutter erhielt die Medaille „Für militärische Verdienste“. Aber das einzige Mal, dass sich die Leute an „unsere Katja, die Partisanin“ erinnerten, war bei ihrer Verabschiedung in den Ruhestand.


[Их, собственно говоря, признали в 67 году. И наградили. Вот первое награждение подпольщиков в Донецке было в 67 году. Моя мама получила медаль «За боевые заслуги». Я говорю, что вот это один единственный раз, когда ее провожали, так вспомнили, что она «Наша Катя – партизанка.
»]

Jasmin Lörchner: 1967 – so lange dauert es also, bis die Arbeit von Sojas Mutter öffentlich anerkannt wird. Das liegt auch daran, dass die Widerstandsgruppe die Arbeit als Selbstverständlichkeit betrachtete – erst ein lokaler Schriftsteller namens Viktor Shutov machte ihr Wirken bekannter. 

Für Soja bleibt die Mutter unabhängig von der Anerkennung von außen, was sie für Soja durchgängig war: Der moralische Kompass. Sojas Trauer um ihre Mutter ist im Interview spürbar. Eine Frau, die das in ihren Augen Richtige tat: Ihr Leben und das ihrer Töchter zu riskieren, um Widerstand zu leisten – Katja, die Partisanin.

Soja hat in dieser Folge viel von einzelnen Stadtteilen und Gebäuden erzählt – wenn ihr weitere Hintergrundinformationen zu Stalino haben möchtet, schaut auch gerne auf die dekoder-Scrolldokumentation auf stalino.dekoder.org. Wir packen euch den Link auch in die Shownotes.

Wir hören uns wieder in der nächsten und letzten Folge dieses Podcasts, in der wir eine Frau kennenlernen, die die Bühne liebt – und für die Deutschen tanzt. 

Wenn euch der Podcast bis hierhin gefallen hat, empfehlt ihn gerne weiter.

Ich bin Jasmin Lörchner und das war „Stalino. Geschichten einer besetzten Stadt“  – ein dekoder-Podcast in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg.

Das Projekt wird realisiert im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht.

Contributors

  • Moderation: Jasmin Lörchner
  • Sprecher: Prof. Dr. Dmytro Tytarenko – Mirko Drotschmann; Wladimir – Ilyass Alaoui; in weiteren Rollen: Dr. Matthias von Hellfeld
  • Wissenschaftliche Redaktion: Prof. Dr. Tanja Penter, Prof. Dr. Dmytro Tytarenko, Dr. Jasmin Söhner
  • Projektleitung dekoder: Leonid A. Klimov
  • Skript: Dr. Saskia Geisler
  • Audioproduktion, Sound Design und Mischung: Bony Stoev
  • Redaktionelle Mitarbeit und Produktion: Josephine Schneider
  • Producerin Berlin Producers: Jessica Krauß
  • Audioaufnahmen: Cornelius Rapp
  • Artwork / Cover: Village One
  • Übersetzerinnen: Jennie Seitz und Ruth Altenhofer
  • Produziert von Berlin Producers Media

„Der Krieg und seine Opfer“ und „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“ sind Projekte von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg.

Ein Projekt in Kooperation mit der Universität Heidelberg

Universität Heidelberg

Ein Projekt der Bildungsagenda NS-Unrecht

Gefördert durch

auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages