STALINO
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NS-Massenverbrechen an nichtjüdischer Bevölkerung im Donbas 

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Am 30. März 1941 erklärte Adolf Hitler bei einer Versammlung mit seinen Generälen, man stehe nun kurz vor dem Zusammenprall zweier Ideologien – vor einem gnadenlosen Krieg zur Vernichtung des Bolschewismus, in dem jede Brutalität zukünftigen Segen bringe. Dazu müssten alle „bolschewistischen Kommissare“ und die gesamte kommunistische Intelligenzija ohne jede Rücksicht ausgelöscht werden.  

Der Leitgedanke der Nationalsozialisten laut Hitler: Die einzige Existenzberechtigung der Völker in der Sowjetunion bestehe darin, dem deutschen Volk wirtschaftlichen Nutzen zu bringen. Dies bildete die ideologische Grundlage für den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, den NS-Deutschland knapp drei Monate später entfesselte.  

Konkret im Donbas gingen die Nationalsozialisten in vielerlei Hinsicht ähnlich vor wie in anderen besetzten Gebieten, doch es gab auch – teils fürchterliche – Besonderheiten.

Wurden alle „bolschewistischen Kommissare“ im Donbas getötet, wie Hitler es befohlen hatte? 

In den ersten Monaten der Besatzung brachten die Nazis zahlreiche kommunistische Partei- und Sowjetfunktionäre um. Weitere Parteimitglieder und rangniedrigere Mitarbeitende wurden registriert und unter polizeiliche Beobachtung gestellt. Wenn es zu antideutschen Aktionen kam, wurden solche Personen als Geiseln genommen.  

Doch eine beachtliche Zahl von Parteimitgliedern überlebte dennoch die deutsche Besatzung in den Oblasten Woroschilowgrad (heute Luhansk) und Stalino (heute Donezk). Nachdem die Rote Armee die deutschen Besatzer 1943 wieder aus dem Donbas vertrieben hatte, wurden deren Personalakten von speziellen sowjetischen Kommissionen begutachtet: Wenn eine Person keinen Parteiausweis mehr hatte und keinerlei antifaschistische Tätigkeit in den besetzten Gebieten nachweisen konnte, wurde sie oft aus der Partei ausgeschlossen. Das wirkte wie ein Stigma: Berufliche Perspektiven sanken auf ein Minimum, ebenso das Sozialleben, und der Verdacht auf „Vaterlandsverrat“ blieb viele Jahre haften.

Wie viele Menschen fielen der deutschen Besatzung im Donbas insgesamt zum Opfer?

Die nationalsozialistische Besatzung forderte im Donbas hunderttausende Opfer. Eine genauere Bestimmung der Zahlen ist aus vielerlei Gründen schwierig:  

  • Die demografischen Daten aus der Vorkriegszeit sind lückenhaft. 
  • Die Bevölkerung wurde innerhalb der Region aktiv umgesiedelt. 
  • In den ersten Kriegsmonaten flohen viele Menschen aus der Westukraine in den Donbas. 
  • Daten aus der Besatzungszeit, etwa wie viele Bewohner·innen der Region zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden, wo sie harte Arbeit, Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und Bombenangriffe oft nicht überlebten, lassen nur ungefähre Schätzungen zu. Sicher ist nur, dass es um viele Tausende betraf.

Als die deutsche Wehrmacht im September 1943 den Rückzug antrat, wurden weiterhin Einheimische erschossen, die sich dem verweigerten. Am 7. September 1943, einen Tag vor der Befreiung, wurden in Stalino mehr als 40 Bewohner des „Professorenhauses“ verbrannt. Weitere unzählige Opfer forderten Luftangriffe und Artilleriebeschuss, die die Besatzer auch nach ihrem Abzug fortsetzten. 

Auch die Besonderheiten der Massenerschießungsorte im Donbas erschweren die Erhebung der Opferzahlen im Donbas: Die Leichen der Ermordeten wurden nur teilweise wie anderswo in Massengräbern verscharrt, manchmal auch in Panzerabwehrgräben. Speziell im Donbas aber nutzten die Deutschen oft die Förderschächte der Bergwerke für Exekutionen oder die „Entsorgung“ der Getöteten. Manchmal warfen sie gar noch lebende Menschen einfach in Schächte. Abgesehen von der Brutalität dieses Vorgehens war dadurch jede Exhumierung äußerst schwierig bis unmöglich.  

Als Tatort für besonders viele Massenhinrichtungen im Donbas diente der Schacht 4/4-BIS in Kalyniwka (rus. Kalinowka) an der östlichen Grenze von Stalino, der bereits während des Bürgerkriegs stillgelegt worden war. Hier wurden Menschen direkt über dem 350 Meter tiefen Schacht erschossen, und Ermordete aus Gaswagen wurden hineingeworfen. Neben Jüdinnen und Juden landeten dort tausende Kriegsgefangene und Zivilist·innen aus Stalino sowie den umliegenden Ortschaften.     

Die Exhumierung und Identifizierung dieser Leichen und somit auch die Bestimmung ihrer genauen Zahl erwies sich als extrem schwierig. Geborgen werden konnten nicht einmal 150, von denen nur wenige über Verwandte identifiziert werden konnten. Also musste man auf Berechnungen durch Näherungswerte zurückgreifen: Das Volumen des Schacht-Hohlraums, geteilt durch das durchschnittliche Volumen einer menschlichen Leiche. So kam die sowjetische Außerordentliche staatliche Kommission, die sich mit NS-Kriegsverbrechen in der Sowjetunion befasste, auf ungefähr 75.000 Tote – allein für diesen einen Schacht 4/4-bis. Diese Zahl ist seitdem Bestandteil der sowjetischen und internationalen Geschichtsschreibung. 

Deutsche Quellen machen indes keine generalisierenden Angaben zu Opferzahlen in der Zivilbevölkerung: Karl Burckhardt, Kommandeur des rückwärtigen Armeegebiets der 6. Armee, begründete dies in seinem Gerichtsprozess 1946 in Kyjiw damit, dass die Massenmorde von verschiedenen Besatzungsstrukturen begangen worden seien, die diese Informationen weder ausgetauscht noch zentral gesammelt hätten.

Welche sozialen Gruppen verfolgten die deutschen Besatzer im Donbas?

Neben Jüd·innen und Kommunist·innen versuchten die NS-Besatzer eine weitere Gruppe in den besetzten sowjetischen Gebieten aufgrund ihrer Nationalität zu vernichten: Roma und Romnja. Über ihr Schicksal wissen wir deutlich weniger, denn lange Zeit standen sie kaum im Interesse der Forschung, und die eher verschlossenen Roma-Communities lieferten nur selten Informationen.  

Dokumentiert sind Massenmorde an Roma in Artemiwsk (heute Bachmut), doch verschiedene Quellen nennen unterschiedliche Zahlen – von „mehreren Dutzend Personen“ über „200 Familien“ bis zu „900 Menschen“. Mindestens 40 Roma wurden in Mariupol erschossen. Aller Wahrscheinlichkeit gab es in weiteren Orten des besetzten Donbas Morde an Roma und Romnja, aber dieses Kapitel erfordert noch heute weitere Forschung unter Berücksichtigung neuer Quellen.

Wie fand die Besatzungsmacht ihre Opfer?

In der Regel führten die neuen Machthaber gleich in den ersten Wochen nach der Besetzung neuer Gebiete eine Volkszählung durch. Bestimmte Bevölkerungskategorien wurden dann in ein Register aufgenommen – insbesondere Kommunist·innen und Jüdinnen und Juden. Kommunist·innen, die als ungefährlich eingeschätzt wurden, ließ man nach der Registrierung meist zunächst wieder laufen. 

Bei der Suche nach künftigen Opfern wurden die Besatzer eifrig unterstützt von lokalen Mitarbeitern der Hilfspolizei, die die örtlichen Gegebenheiten gut kannten. Sie lieferten Informationen zu den Aufenthaltsorten von Menschen aus bestimmten „illoyalen“ Bevölkerungsgruppen, halfen bei Festnahmen und der Eskortierung zu Internierungsorten und wirkten manchmal bei den Hinrichtungen mit.   

Die genaue Feststellung der ethnischen Zugehörigkeit der Donbas-Bevölkerung war eine spezielle Aufgabe: Konkrete Angaben gab es nicht in den Melderegistern. Selbst wenn die Passämter sie mal hatten, wurden sie oft vor der Besatzung verbrannt oder weggeschafft. Die Jüdinnen und Juden herauszufiltern und festzunehmen wäre daher ohne die aktive Hilfe einheimischer Kollaborateure nicht möglich gewesen.

Folgten die Besatzer-Repressionen ausschließlich ethnisch-ideologischen Zielen?

Nein, es gerieten immer mal wieder neue Bevölkerungsgruppen ins Visier der NS-Besatzer – je nachdem, vor welchen Problemen die Besatzer gerade standen. Mitte 1942 begannen beispielsweise Repressionen gegen jene, die sich gegen die Verschleppung zur Zwangsarbeit nach Deutschland wehrten. Bis dahin hatte es keine Notwendigkeit zu einer breiten Gewaltanwendung gegeben, weil sich viele Menschen aus dem Donbas freiwillig dazu meldeten, um dem Hunger zu entfliehen oder weil sie der aktiven deutschen Propaganda glaubten.

Ebenfalls 1942 wurden Patient·innen des Psychiatrischen Krankenhauses in Stalino getötet, weil man sie als „nutzlose Esser“ und eine Belastung ansah. Von diesem Argument ließen sich die Deutschen bei der Euthanasie in Deutschland genauso leiten wie in den besetzten Gebieten der UdSSR.

Ein ernstes Problem waren Infektionskrankheiten: Durch die Zerstörung des medizinischen Versorgungssystems, den ständigen Mangel an Verpflegung, Medikamenten und qualifiziertem Personal sowie die katastrophalen hygienischen Bedingungen verbreiteten sie sich schnell, besonders akut griffen Bauchtyphus und Rückfallfieber um sich. Im Januar 1943 wurden in Stalino mindestens zehn Kranke erschossen, und das war kein Einzelfall.        

Im Frühling 1943 wurde in Stalino eine spezielle Gesundheitspolizei eingesetzt, die offiziell einer „effektiven und raschen Bekämpfung von Geschlechts- und anderen Infektionskrankheiten“ dienen sollte. Ihre Aufgabe war es, Infektionsquellen ausfindig zu machen, Personen mit sexuell übertragbaren Infektionen vor Ort aufzuspüren und einer Zwangsbehandlung zuzuführen. Allerdings erwartete diese Patient·innen bisweilen ein schreckliches Los: So wurden laut dem Mariupoler Krankenhaus-Chefarzt Jefim Mikwitsch zum Beispiel im Juni 1942 zehn bis zwölf Erkrankte von seiner Sadowskaja-Klinik abgeholt und erschossen. Für Stalino zeigen andere Dokumente, dass Personen mit Geschlechtskrankheiten in polizeilich überwachten Räumen isoliert wurden. Manche von ihnen wurden erschossen.  

Auch „nicht deutsche Personen“, die deutsche Soldaten oder Beamte mit Krankheiten ansteckten, wurden mit dem Tod bestraft. Denn das galt als „Wehrkraftzersetzung“. Im Juni 1943 wurden auf Befehl von Oberst Lenz, dem Garnisonskommandanten von Stalino, zwei Mädchen erschossen, die aus dem Krankenhaus geflüchtet waren: Sie sollen trotz Verbot „weiterhin Unzucht getrieben“ und Militärangehörige angesteckt haben und eine besondere Gefahr für die Gesellschaft dargestellt haben.  

Und mindestens einen Fall von einem Massenmord an Frauen mit Geschlechtskrankheiten gab es im Donbas: Im Frühjahr 1943 tötete der Sicherheitsdienst in Mariupol rund 50 Frauen, die als Prostituierte in einem Wehrmacht-Bordell arbeiten mussten und dabei sexuell übertragbare Krankheiten verbreiteten.

Wie öffentlich verübten die Besatzer ihre Verbrechen? 

Die Besatzungsbehörden achteten darauf, ihre genozidalen Praktiken vor der örtlichen Bevölkerung möglichst zu verbergen. Nikolaj Antonzew, Redakteur der Zeitung Donezki westnik, der nach der Befreiung des Donbas wegen Verdachts auf Zusammenarbeit mit den NS-Besatzern vor Gericht stand, sagte in einem Verhör aus, dass ihn Anfang 1942 ein Brief erreicht habe, wonach „die Bevölkerung von Mariupol dank der Aussonderung (der physischen Vernichtung) von Juden und Zigeunern nun gesünder“ sei. Er habe diese Meldung aber nicht in seine Zeitung aufgenommen: „In der Oberfeldkommandantur sagte Pressechef Dr. Mathis zu meinem Bericht nur kurz: ‚Diese Meldung soll nicht gedruckt werden‘, woran ich mich auch in meiner weiteren Tätigkeit orientierte. Deutsche Kriegsverbrechen in Artemiwsk, bei denen mehr als zehntausend Juden und Zigeuner vernichtet wurden, sowie ähnliche Fakten in anderen Städten des besetzten Donbas wurden in meiner Zeitung nicht abgebildet.“ Die Zahl von mehr als zehntausend Jüd·innen sowie Romn·ja ist in dieser Aussage höchstwahrscheinlich übertrieben. 

Welche Bedingungen bestimmten die Kriegsgefangenschaft für Rotarmisten?

Sowjetischen Quellen zufolge kamen in der Besatzungszeit allein in der Oblast Stalino rund 150.000 Rotarmisten in Kriegsgefangenschaft ums Leben. 

Ein Teil der Soldaten, die in den ersten, für die Rote Armee verlustreichen Monaten 1941 gefangengenommen wurden, wurde an Ort und Stelle getötet. Das betraf in der Regel politisch Aktive, Juden, Roma und oft auch das Führungspersonal. Alle anderen wurden in Lager gebracht.  

Im Donbas wurde eine Reihe von Durchgangslagern (Dulag) eingerichtet, wo sie mit keinerlei völkerrechtlichem Schutz rechnen konnten. Die Unterbringung der Kriegsgefangenen erfolgte in eilig umfunktionierten Räumen (oft Klubs oder Schulen) oder auf ein paar Hektar nackter Erde, mit Stacheldraht umzäunt und einem Wachturm an jeder Ecke. Ohne medizinische Versorgung und auch nur annähernd ausreichender Ernährung (sehr oft gab es in den ersten Tagen nach der Ankunft gar nichts zu essen), ohne Winterkleidung, Schuhe, Wäsche mussten die Gefangenen oft unter freiem Himmel auf dem Boden schlafen und starben häufig innerhalb kürzester Zeit. 

„Was ich da gesehen habe, ist schwer zu beschreiben“, sagt Chefarzt Mitrofan Perepetschajenko aus Horliwka über seine Beobachtungen im Winter 1941/42 im Dulag Nr. 180, das sich in einer Wohnanlage neben der Maschinenfabrik befand: „Das waren Leichen, die sich noch bewegten. Pro Zimmer saßen 30 bis 35 Personen auf dem bloßen Boden, in Lumpen, barfuß, in Fetzen gehüllt und halbnackt. Als sie begriffen, dass ich ein russischer Arzt bin, baten sie mich mit Grabesstimme, ich solle dafür sorgen, dass jeder ein Stück Brot bekomme, einfach nur Brot. Während der Untersuchungen sind drei vor meinen Augen gestorben …“ Hin und wieder kam es zu Kannibalismus, die „Täter“ wurden sofort erschossen.  

Die Lager wurden sowohl von Deutschen als auch von freiwilligen einheimischen Polizisten bewacht. Manchmal auch durch ehemalige Kriegsgefangene, die in der Hoffnung auf Überleben mit den Besatzern kooperierten. Der Anteil dieser Freiwilligen konnte beachtlich sein: So waren im Dulag 152, von dem sich der größte Teil in Mariupol befand, neben 120 Deutschen bis zu 200 sogenannte Hilfswillige (Hiwi) beschäftigt.         

Als die Deutschen die Bergwerke des Donbas wieder in Betrieb nahmen und ab Sommer 1942 auch Kriegsgefangene dort zur Zwangsarbeit einsetzten, stieg deren Sterblichkeit laut der Oberfeldkommandantur „Donez“ auf über zwölf Prozent pro Monat. Abgesehen von Auszehrung wegen Hunger, schwerer Arbeit und Misshandlungen durch die Aufseher gehörten Krankheiten wie Tuberkulose, Fleck- und Bauchtyphus, Erkältungen und Ruhr zu den häufigsten Todesursachen.  

In beiden Wintern, in denen der Donbas unter Besatzung stand, stieg die Sterblichkeit der Kriegsgefangenen wegen Unterkühlung und Erfrieren rapide an. Rund 1500 kranke und verletzte Häftlinge wurden im Februar 1942 aus Mariupol hinausgeschafft und im Dorf Starokrymske in vernagelten Waggons dem Tod überlassen. In Stalino wurden nahe der Fabrik Nr. 144 rund tausend erfrorene Kriegsgefangene beerdigt, die im Winter 1943 von Kämpfen am südrussischen Don hierhergebracht wurden.  

In den Lagerlazaretten standen trotz der Bemühungen von Medizinern aus den Reihen der Gefangenen die Chancen auf Heilung schlecht: Es gab keine Medikamente, keine medizinischen Instrumente, nicht einmal Lebensmittel. Etwas höhere Überlebenschancen hatten verletzte Kriegsgefangene in Krankenhäusern für Zivilist·innen oder in speziellen Lazaretten für Kriegsgefangene, wie es sie in Stalino, Kramatorsk und Slawjansk gab. Auch dort fehlte es am Notwendigsten wie Bettzeug oder Geschirr. Doch das zivile medizinische Personal dort hatte etwas mehr Möglichkeiten, die Patienten irgendwie mit Medikamenten und Nahrung zu versorgen, die von der Bevölkerung beigesteuert wurden. Die Besatzer gestatteten sogar die Veröffentlichung von entsprechenden Spendenaufrufen. Weil die Bewachung dieser Einrichtungen liberaler war, gelangen dort auch öfter mal Fluchtversuche.

Konnten Einheimische den Kriegsgefangenen helfen?

Einheimische waren häufig Zeug·innen der grausamen Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener, manchmal auch von Tötungen durch Aufseher während der Eskortierung, bei der Arbeit oder in den Lagern. Manche dieser Lager befanden sich unmittelbar in der Stadt, wie beispielsweise auf dem Gelände des Lenin-Klubs in Stalino.  

Und obwohl der Handlungsspielraum extrem beschränkt war, sind Fälle bekannt, in denen Lageraufseher bestochen werden konnten, um Rotarmisten die Flucht zu ermöglichen. Oder der Lagerleitung wurden unter höchstem Risiko Falschinformationen unterbreitet, dass ein bestimmter Häftling vor Ort Verwandtschaft habe, mit der Hoffnung auf eine Freilassung.

Aber nicht nur die äußerst unmenschlichen Haftbedingungen der Kriegsgefangenen zeugen von den genozidalen Absichten der Besatzungsmacht und des Wehrmachtskommandos, sondern auch die Tatsache, dass jegliche Versuche von Seiten der örtlichen Bevölkerung, die Lage der Häftlinge auch nur irgendwie zu verbessern, abgeblockt wurden. Hilfe zu leisten, bedeutete oft, das eigene Leben zu riskieren.

Welche Strafen drohten Einheimischen, wenn sie verfolgten Menschen halfen?

Die Besatzungsbehörden wollten unter Androhung der Todesstrafe praktisch jede Form von Solidarität mit den Opfern und sämtliche Hilfsversuche unterbinden. So wurde zum Beispiel in Artemiwsk (heute Bachmut) die Familie Smirenko-Mudrenski erschossen, weil ein jüdisches Mädchen namens Panotschka Olkus bei sich versteckt hatte. Am 3. Februar 1942 töteten Deutsche, die aus Stalino in das Dorf Krasnohoriwka kamen, mit Unterstützung von Hilfspolizisten und dem Dorfvorsteher einen Juden namens Tamarkin und drei andere Dorfbewohner, weil diese „Mitleid mit Juden“ gehabt haben sollen.      

Dasselbe Schicksal traf Menschen, die Kriegsgefangene versteckten: Im Januar 1942 wurden in Stalino fünf junge Frauen hingerichtet, die einer Untergrundorganisation angehört haben sollen und in kurzer Zeit rund 240 sowjetischen Kriegsgefangenen zur Flucht aus dem Lazarett in der Zentralklinik von Stalino verholfen hatten. Im Juni 1943 wurden laut Bericht der Geheimen Feldpolizei Gruppe 625 in einem Dorf nahe Kramatorsk zwei Lehrerinnen, eine Studentin und eine Kolchosbäuerin entlarvt, einen sowjetischen Piloten versteckt zu haben. Die Lehrerinnen und die Studentin, die in den Verhören ihre prosowjetischen, antifaschistischen Ansichten nicht verhehlten, wurden erschossen, die Kolchosbäuerin in ein Lager geschickt. 

Die Besatzer warnten die Bevölkerung öffentlich davor, dem sowjetischen Untergrund und den Partisanen zu helfen, und drohten mit der Todesstrafe:  

  • für Anschläge auf deutsche Militärbedienstete und Polizisten,  
  • für die Beschädigung von Kommunikationsmitteln,  
  • für Sabotageakte,  
  • für Verbreitung antideutscher Propaganda,  
  • für unerlaubten Waffenbesitz,  
  • für die Nichtbefolgung von Anweisungen der Besatzer,  
  • für das Hören sowjetischer Radiosendungen, etc.  

Wie eine Analyse aller offiziellen Anordnungen der Besatzungsbehörden und der Vollzugsberichte zeigt, kam es immer wieder zu entsprechenden Hinrichtungen. Doch die Strafen für Aktivitäten, die sich tatsächlich oder vermeintlich gegen die Besatzer richteten, konnten sehr unterschiedlich ausfallen: Prügel und Folter gegen Menschen, die der Illoyalität verdächtigt wurden, waren indes an der Tagesordnung.   

Der Großteil der regionalen Bevölkerung mied darum jedes Risiko, mit Widerstandsbewegungen in Verbindung gebracht zu werden. Wer einmal dessen bezichtigt wurde, wurde oft erschossen oder erhängt. Oder mit Lagerhaft bestraft – für Polithäftlinge gab es Lager in Makijiwka und Stalino, in Kostjantiniwka ein Arbeitslager. Oder zur Zwangsarbeit oder in Konzentrationslager im Deutschen Reich deportiert.  

Noch im Sommer 1943, kurz vor der Befreiung der Region, deportierten die Besatzer noch Dutzende Menschen aus dem Donbas ins Konzentrationslager Dachau. Insgesamt durchliefen Tausende allein aus dieser Region das deutsche KZ-System; viele von ihnen starben. 

Insgesamt legten die NS-Besatzer sämtliche, auch ordinäre Rechtsnormen breiter und strenger aus, sodass den Nazis hier auch Menschen zum Opfer fielen, die verhältnismäßig unbedeutende oder gar keine Rechtsverstöße begangen hatten. Harte Strafen bis hin zur Erschießung drohten schon, wenn jemand einen kleinen Diebstahl begangen, die Ausgangssperre nicht eingehalten oder Kriegsgefangenen ein Stück Brot durch den Drahtzaun geworfen hatte. 

Es gibt Augenzeugenberichte darüber, wie einem kleinen Jungen ein deutscher Soldat auf dem Markt die Hände abhackte, weil er ein Gebäck gestohlen hatte. Ein anderer wurde beinah erschossen, weil seine Katze einem Soldaten ein Stückchen Butter vom Teller stibitzt hatte.

Wie stark war im Donbas Antisemitismus verbreitet?

Überlebende der deutschen Besatzung im Donbas, darunter auch jüdische Menschen, berichten von einem weiten Spektrum an Haltungen gegenüber Juden – von Mitleid und Unterstützung bis hin zu Feindseligkeit und offenem Hass. In manchen Fällen wurden die nächsten Nachbarn, mit denen man viele Jahre lang Seite an Seite gewohnt hatte, zu Verrätern. Und ausgeliefert und bestraft wurden dann nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch jene, die sie deckten. Manche versuchten, die Situation unter Besatzung für sich zu nutzen und den neuen Machthabern, die nach den verlustreichen Niederlagen der Roten Armee 1941 ja endgültig erschienen, ihre Loyalität zu beweisen.  

Aber auch vor der NS-Besatzung gab es schon Antisemitismus im Donbas: In Jusiwka (später Stalino, dann Donezk) hatte es bereits vor der Revolution 1917 Pogrome gegeben, weitere im Donbas während des Bürgerkriegs. Diese Gewaltausschreitungen richteten sich vor allem gegen Kaufleute.

Ein Teil des Donbas hatte im Russischen Reich zur Oblast des Don-Heeres gehört, in der sich keine Juden ansiedeln durften. Als sich nach der Machtübernahme der Bolschewiken dort Juden niederließen, führte das zu einem Anstieg des Antisemitismus als eine Art von Fremdenfeindlichkeit. Über jenen Alltagsantisemitismus eines Teils der Bevölkerung legte die nationalsozialistische Propaganda dann ihre Narrative, wonach die sowjetische Führung Juden bevorzuge, in den Ämtern unverhältnismäßig viele Juden beschäftigt seien, dass die Juden schuld seien an Repressionen, Kollektivierung, der Hungersnot Holodomor 1932–33 und der Zerstörung der Infrastruktur beim Rückzug der sowjetischen Truppen im Herbst 1941.

Trotzdem sind im Donbas keine weiteren Pogrome dokumentiert, wie es sie nach Beginn der Besatzung in vielen Ortschaften der Westukraine gegeben hat.

Mit dem Holocaust im Donbas beschäftigen wir uns in einem der nächsten Kontext-Artikel. 

Text: Prof. Dr. Dmytro Tytarenko 
Übersetzung aus dem Russischen: Ruth Altenhofer 
Übersetzungsredaktion: Friederike Meltendorf 
Redaktion: Dmitry Kartsev und Peggy Lohse 
Veröffentlicht am 9. Juni 2026

„Der Krieg und seine Opfer“ und „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“ sind Projekte von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg.

Ein Projekt in Kooperation mit der Universität Heidelberg

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Ein Projekt der Bildungsagenda NS-Unrecht

Gefördert durch

auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages