STALINO
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(Zwangs-)Arbeit unter deutscher Herrschaft

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Zu den prägenden Erfahrungen vieler Menschen in der besetzten Sowjetunion wie auch in anderen von Deutschland kontrollierten Regionen Europas gehörte die (Zwangs-)Arbeit. Zwar konnten sich die konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen erheblich unterscheiden. Doch die nationalsozialistische Besatzungs- und Wirtschaftspolitik beruhte überall auf der konsequenten Ausbeutung der einheimischen Arbeitskräfte. Das galt auch für den Donbas.

Historikerin Tanja Penter mit den wichtigsten Fragen und Antworten.

Welche Ziele verfolgten die Besatzungsbehörden mit ihrer (Zwangs-)Arbeitspolitik?

Zu Beginn hatte der Arbeitseinsatz für die Besatzungsbehörden noch keine primär wirtschaftliche Funktion, sondern sollte vor allem die arbeitslose Stadtbevölkerung binden und ihre Abwanderung aufs Land verhindern: einerseits, um zu vermeiden, dass Zugezogene dem ländlichen Raum unkontrolliert Nahrungsmittel entzogen, denn diese waren knapp. Andererseits sollte dies die als politisch besonders anfällig geltende Stadtbevölkerung durch gezielte Beschäftigung von oppositionellem Verhalten abhalten.

Doch diese Ziele wandelten sich: Es gab bald die klaren Vorgaben, mit der Arbeit zum einen den lokalen Bedarf zu decken, zum anderen, die anstehende Arbeit im Reich selbst von diesen Menschen leisten zu lassen. Mit der Zeit wurde es die Hauptaufgabe der Arbeitsämter, dafür alle Arbeitskräfte restlos zu erfassen. Diese Entwicklung lässt sich an den erlassenen Verordnungen ablesen. Bereits im August 1941 hatte der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete eine allgemeine Arbeitspflicht für alle Einwohner·innen der besetzten Gebiete im Alter zwischen 18 und 45 Jahren sowie einen Arbeitszwang für Juden im Alter von 14 bis 60 Jahren unter Androhung massiver Strafen bei Nichteinhaltung eingeführt.

Im Februar 1943 wurde durch eine Verordnung des Oberkommando des Heeres (OKH) zudem eine allgemeine Arbeitspflicht für die gesamte Zivilbevölkerung im Alter von 14 bis 65 Jahren für das sogenannte Operationsgebiet eingeführt. Wer sich dem widersetzte, musste mit Geldstrafen, Arbeitslager oder Gefängnis rechnen. Zeitzeugenberichte aus dem Donbas geben Einblick, wie drastisch dies durchgesetzt wurde. So berichtete etwa ein Zeitzeuge, dass er als kleiner Junge miterlebt habe, wie sein Vater von den Deutschen zu Tode geprügelt wurde, weil dieser sich geweigert habe, auf seinem alten Arbeitsplatz als Gießer in der Metallfabrik zu arbeiten.

Wie viele Menschen waren von der Zwangsarbeit betroffen?

Während mindestens 22 Millionen Sowjetbürger·innen in den besetzten Ostgebieten für die deutsche Kriegswirtschaft arbeiteten, wurden drei Millionen Menschen ins Reich verschleppt. Diese Menschen, die nach Deutschland deportiert wurden, werden in der Forschung als „Ostarbeiter“ bezeichnet. Sie kamen von überall aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion, so auch aus dem Donbas.

Interessant wird es, wenn man die Zahlen ins Verhältnis setzt, weil sie zeigen, dass die Rekrutierungen, die für das Reich erfolgten, gegenüber dem lokalen Arbeitseinsatz in der Ukraine eine untergeordnete Rolle spielten. Tatsächlich konzentrierten sich die Arbeitsbehörden eigentlich auf die Sicherung des regionalen Arbeitskräftebedarfs. Dieser Bereich ist jedoch in der Forschung bisher unterrepräsentiert: Dort zeigt sich, dass Forschende den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte für die deutsche Kriegswirtschaft bisher nahezu ausschließlich aus der Perspektive des Reichseinsatzes betrachtet haben, also mit Blick auf die „Ostarbeiter“.

Was ist zur Rekrutierung der Zwangsarbeiter im Donbas bekannt? Wie lief das ab?

Die Arbeitsämter, die von den Wirtschaftskommandos in allen für Wirtschaft und Armee bedeutenden Orten errichtet wurden, gehörten zu den ersten Verwaltungseinrichtungen, die in den neu besetzten Gebieten ihre Tätigkeit aufnahmen. Das war auch im Donbas so. Diese Ämter waren in der Regel nur mit wenigen deutschen Beamten besetzt. Nicht selten waren diesen wenigen Deutschen dabei Hunderte von einheimischen Kräften unterstellt worden. Die Besatzungsbehörden setzten bei der Arbeitskräfterekrutierung im lokalen Raum von Beginn an Zwang ein, zunächst ökonomischen, später zunehmend physische Gewalt.

Zur restlosen Erfassung aller verfügbaren Arbeitskräfte wurde beispielsweise die Ausgabe von Lebensmitteln von der Meldung beim Arbeitsamt abhängig gemacht. Mehrere Arbeitsämter ließen im Donezbecken jedoch bald auch harte Zwangsmaßnahmen vornehmen: in Form von Razzien durch die einheimische Polizeikräfte, Passkontrollen, die Einführung der Prügelstrafe und die Verhängung von Haftstrafen bis zu 14 Tage. In der Stadt Krasnoarmiisk (Pokrowsk) wurde etwa ein Arbeits- und Erziehungslager für politische Häftlinge eingerichtet, insbesondere für Personen, die die Arbeit verweigerten und sich der „neuen Ordnung“ widersetzten.

Etwas anders war es bei der Anwerbung der „Ostarbeiter“ für den Arbeitseinsatz im Deutschen Reich. Für eine kurze Zeit wurde hier zunächst die Strategie verfolgt, Anreize zu setzen, um die Leute anzulocken – auch unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Im Donezbecken trafen die ersten Kommissionen zur Anwerbung von Arbeitskräften für das Reich im Januar 1942 ein.

Nur wenige Wochen später waren die ersten mehr als 1000 Facharbeiter aus Stalino Richtung Deutschland unterwegs. Schnell hatten sich mehr als 20.000 Menschen „freiwillig“ für den Einsatz im Reich gemeldet – dies vor allem wegen der äußerst schlechten Ernährungsbedingungen in Stalino und der Region selbst, aber auch wegen der falschen Versprechungen der Behörden. Die Strategie der Anreize änderte sich jedoch nach knapp drei Monaten. Dann trat auch hier Zwang in den Vordergrund, um genügend Arbeiter zu deportieren. Dafür wurde zunehmend die lokale Polizei eingesetzt.

Schon ab Sommer benötigten die Deutschen sowohl für das Reich als auch für die lokalen Arbeitsbereiche so viele Menschen, dass beide Bereiche nicht mehr ausreichend mit Zwangsarbeitern versorgt werden konnten. Sie traten in Konkurrenz zueinander. Benötigt wurden vor allem Fachkräfte. Während also die „Anwerbeerfolge“ für das Reich abnahmen, wuchsen die Belegschaften der kriegswichtigen Industrien vor Ort rasch an. So stieg allein im Steinkohlebergbau des Donezbeckens die Zahl der eingesetzten Arbeiter·innen zwischen Juni und Dezember 1942 von 20.000 auf fast 100.000. Dass die Arbeitskräfte hier verstärkt zum Einsatz kamen, hat auch mit politischem Druck aus dem Führerhauptquartier zu tun. Von dort kam am 1. Juli der Befehl, dem Wiederaufbau der Kohlenförderung höchste Priorität einzuräumen.

Um den Bedarf vor Ort und im Reich zu decken, wurden die Zwangsmaßnahmen immer drastischer. So griffen die Wirtschaftsbehörden unter anderem zu Geiselnahmen sowie Zwangsrekrutierung ganzer Dorfgemeinschaften. Um den Rekrutierungsdruck auf die lokalen Verwaltungen zu erhöhen, wurden Mindestquoten festgelegt. Auf Anordnung des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, wurden im April 1943 erstmals auch komplette Geburtsjahrgänge zwangsrekrutiert.

Doch es gab auch Gegenwehr: Viele versuchten, der Verschleppung durch Selbstverletzung, Vergiftung oder Flucht zu entgehen. Auch Propaganda und Zensur erzielten auf lange Sicht nicht die gewünschte Wirkung. Hinzu kam, dass der schlechte Gesundheitszustand der Gemusterten dazu führte, dass mancherorts nur ein kleiner Teil überhaupt einsatzfähig war.

Aus Sicht der Besatzungsbehörden verfehlten die Quoten bei den Zwangsarbeiter·innen die Erwartungen. Wirtschafsinspekteure der Behörden notierten insbesondere zu den schwerfälligen Erfolgen für die Reichsrekrutierung im Mai 1943:

„Die Bevölkerung nimmt allgemein eine ablehnende Haltung zum Reichseinsatz ein. Es ist ihr jedes Mittel recht, um sich der Arbeit im Reich zu entziehen. Die Androhung von Strafen, selbst der Todesstrafe, macht keinen merklichen Eindruck. Um sich der Musterung zu entziehen, verlassen die Dienstpflichtigen vielfach ihre bisherigen Arbeitsstätten und Wohnungen. Zuweilen verschwinden ganze Familien, um dem Rückgriff auf Angehörige zu entgehen.“

Wie wurden Zwangsarbeiter belogen, damit sie sich für den Dienst im Deutschen Reich „freiwillig“ melden?

Gleich in den ersten Wochen versprachen die Anwerbe-Kommissionen deutlich bessere Verpflegungssätze und auch die Versorgung zurückbleibender Angehöriger. Gerade Letzteres war für viele Menschen im Donbas ein wichtiger Anreiz. Zudem ließen sich manche der Angeworbenen von der Besatzungspresse täuschen, die ein völlig verzerrtes Bild der Arbeits- und Lebensverhältnisse der „Ostarbeiter·innen“ in Deutschland vermittelte. Versprochen wurden moderne Arbeitsplätze, gutes Essen, anständige Unterkünfte, kostenlose medizinische Versorgung und eben die besagte Unterstützung für die Familien zu Hause. Um diese Illusion zu verstärken, druckte die Besatzungspresse angebliche Briefe von „Ostarbeitern“ ab, die ihren Angehörigen von einem guten Leben im Reich berichteten. Beispielsweise schrieb darin angeblich eine junge Frau im März 1942 aus Dortmund:

„Ach Mama, was ist hier für eine Schönheit und Kultur im Hause und auf der Straße. Beim Aufräumen der Wohnung zum Beispiel und überhaupt bei jeder Arbeit bleibst Du immer ganz sauber, sogar die Hände macht man sich nicht dreckig, weil das schwerste die Maschinen machen. Die Teppiche werden mit dem Staubsauger gereinigt, Messer und Gabeln mit einer speziellen Maschine und sogar das Brot wird nicht mit der Hand sondern mit einer Maschine geschnitten. Mama, das ist so ein Vergnügen geschmückt mit einer weißen Schürze zu arbeiten und diese hervorragenden klugen Maschinen zu benutzen! In den Läden gibt es viel – Fleisch, Butter, Konfekt, Brot, Makkaroni, Nüsse, einfach alles. Und Schlangen gibt es hier gar nicht. Und wie lecker dies alles ist, könnt Ihr euch nicht vorstellen.“

Insgesamt wurden über die gesamte Besatzungszeit zwischen 1941 und 1943 aus dem Donezbecken nach sowjetischen Angaben über 335.000 Menschen als „Ostarbeiter·innen“ ins Reich verschleppt, davon 178.000 (53%) Frauen, 114.000 (34%) Männer und 44.000 (13%) Kinder unter 16 Jahren. Die Gesamtzahl der aus der Sowjetunion verschleppten zivilen Zwangsarbeiter·innen wird auf 2,9 bis 3,1 Millionen Menschen geschätzt. Der größte Teil von ihnen – über 2,1 Millionen – kam aus der Ukraine. Über die Hälfte der ins Reich verschleppten „Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion waren Frauen. Das ist eine Tatsache, die in der deutschen Erinnerungskultur an die NS-Zwangsarbeit bis heute viel zu wenig beachtet wird. Bereits der Historiker Ulrich Herbert konstatierte in seiner Pionierstudie, dass es sich bei einem durchschnittlichen Zwangsarbeiter fürs Reich um eine 18-jährige junge Frau aus der Ukraine gehandelt hat.

Vor diesem Hintergrund hat diese Anwerbe-Strategie nur wenige Monate funktioniert. Sobald sich herumgesprochen hatte, dass die gemachten Versprechen nicht den realen Bedingungen vor Ort entsprachen, ging die Zahl der „Freiwilligen“ für den Reichseinsatz schnell zurück. Auch Nachrichten über die katastrophalen Lebensbedingungen der „Ostarbeiter“ im Reich verbreiteten sich schnell unter der Bevölkerung im besetzten Gebiet.

Im Donbas spielte der Bergbau für die Zwangsarbeit eine gewichtige Rolle. Wie sahen die Bedingungen für die Menschen dort aus?

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleute im Donbas unterschieden sich kaum von denen ihrer Landsleute, die ins Reich verschleppt und dort im Bergbau eingesetzt wurden. In beiden Fällen waren die Arbeitskräfte wirtschaftlich ausgebeutet, weitgehend rechtlos, schlecht versorgt und ständiger Gewalt und Terror der Besatzer ausgesetzt.

Paradoxerweise gewann die Arbeit im heimischen Bergbau für einige trotzdem an Attraktivität, weil sie hofften, darüber einer Verschleppung ins Reich zu entgehen. So erinnerte sich die Zeitzeugin Olexandra Pronjakina, damals 15 Jahre alt:

„Wir haben beschlossen, dass ich auf die Zeche gehen soll, weil man von der Zeche wahrscheinlich nicht verschleppt würde. […] Man ist hauptsächlich deswegen gegangen, um nicht nach Deutschland abgeschoben zu werden.“

Doch auch wenn es vereinzelte freiwillige Meldungen gab, so wurde ein erheblicher Teil mit Zwang zur Arbeit getrieben. Sowohl für die Bergleute im Donbas als auch für ihre Landsleute im Reich galt dabei, dass die Arbeitsverhältnisse nicht ohne weiteres gelöst werden konnten. Zudem konnten die sowjetischen Arbeitskräfte im besetzten Gebiet ebenso wenig wie im Reich Einfluss auf ihre Arbeitsbedingungen nehmen und waren weitgehend rechtlos.

Ein entscheidender Unterschied war jedoch die Wohnsituation: Im Donbas lebten die Zivilarbeiter in ihren eigenen Wohnungen und Familienverbänden, während die „Ostarbeiter“ im Reich meist in Lagern untergebracht waren. Dies verschaffte den Bergleuten im Donbas mehr Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit, soziale Netzwerke zu erhalten. Gleichzeitig war diese Mobilität überlebenswichtig: Durch regelmäßige Hamsterfahrten aufs Land sicherten die Familien ihren Lebensunterhalt.

Mitten im Terror und der Hungerpolitik des Besatzungsregimes bot der Arbeitseinsatz den Bergleuten einen überraschenden Schutzraum: Die deutsche Kriegswirtschaft brauchte ihre Arbeitskraft, und genau dieses Interesse verbesserte ihre Lebensbedingungen und sicherte ihr Überleben. Wie sich Zeitzeug·innen später erinnerten, wurde die Arbeit inmitten der Gewalt unter dem Besatzungsregime zu einem Stück relativer Normalität – zu einem Ort, an dem die Menschen weniger von physischer Vernichtung bedroht waren und manchmal sogar die „Gemeinschaft und Solidarität des Kollektivs“ erleben konnten.

Wie wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen im Bergbau ausgebeutet?

Der Einsatz sowjetischer Kriegsgefangener in den Bergwerken gehörte zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Besatzung im Donbas. Ende September 1942 gab es in den Lagern der Region rund 39.000 Kriegsgefangene. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustands, unzureichender Kleidung und fehlender Wachmannschaften stuften die Behörden kaum mehr als die Hälfte als arbeitsfähig ein. Für Einsatz, Unterbringung, Bewachung und Versorgung war die Oberfeldkommandantur 397 (OFK Donez/OFK 397) verantwortlich, die seit November 1942 direkt dem Oberkommando des Heeres unterstand. Ein Führerbefehl hatte im Juli 1942 die Vorgabe von 60.000 Gefangenen gesetzt, die in den Bergbau geschickt werden sollten. Diese Zahl zu erreichen, war für die Kommandantur allerdings utopisch – schon wegen der extrem hohen Sterblichkeit: Nach Angaben der OFK Donez im November 1942 lag sie in den Bergbau-Stammlagern (Stalag) bei mehr als 12 Prozent monatlich. In vielen Lagern herrschten Fleckfieber und Typhus.

Eine dokumentierte Äußerung eines Mitarbeiters der Wirtschaftsinspektion zu dieser hohen Sterblichkeit der Kriegsgefangenen zeigte, wie nach den „Schuldigen“ in den eigenen Reihen gesucht wurde – denn die fehlenden Zwangsarbeiter waren für das NS-Besatzungsregime ein großes Problem. Der Mann trug seine Bedenken auf der Kommandeur-Haupttagung im November 1942 vor:

„Ich werde den Gedanken nicht los, als ob bei der Ernährung der Kriegsgefangenen die unbedingt nötige Rücksicht auf die Erhaltung ihrer Arbeitskraft vielfach vergessen worden ist. Manches wird hier schwer wieder gut zu machen sein. Es wird auch nicht immer an den Verpflegungsmengen liegen, die für die Kriegsgefangenen ausgeworfen sind, sondern oftmals mehr daran, ob die ihnen zustehenden Mengen auch wirklich ausgegeben und in nutzbarster Form zubereitet und verabfolgt sind. Die vielfachen Krankheitserscheinungen und die hohe Sterblichkeit in vielen Lagern lassen den Schluss zu, dass hier zu irgendwelchen Zeiten nicht die erforderlichen Maßnahmen getroffen sind.“

Nach sowjetischen Angaben kamen allein im Gebiet Stalino (Donezk) im Besatzungszeitraum bis zu 150.000 sowjetische Kriegsgefangene ums Leben. Sie stellten damit in der Region die größte Opfergruppe dar. Ihr Massensterben vollzog sich vor den Augen der lokalen Bevölkerung und war in den Erinnerungen von Zeitzeugen noch Jahrzehnte später sehr präsent.

Zeitzeugenberichte von Tätern und Opfern geben den Historikern heute Einblick, wie sehr die Kriegsgefangenen sowohl beim Einsatz in den Bergwerken als auch in den Lagern gelitten haben.

Bergassessor Wilhelm Berkenkamp, ein Deutscher, der von Juli 1942 bis September 1943 für die Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Ost (BHO) eine Bergbau-Direktion im Donezbecken geleitet hat, schrieb im November 1942 in einem Brief in die Heimat:

„Der Einsatz der Kriegsgefangenen ist ein Kapitel für sich. Die Leute sind halbverhungert und schleichen durch die Gegend. An den Arbeitsstellen liegen sie mehr, als dass sie stehen und arbeiten. Die Abgänge durch Krankheit, Tod und Fluchten sind groß.“

Von den unmenschlichen Zuständen, die in den Kriegsgefangenenlagern in Stalino herrschten, zeugen besonders eindrücklich die Erinnerungen der wenigen Überlebenden:

„Auf dem Gelände des Lenin-Clubs existierte ein Kriegsgefangenenlager mit Lazarett, das zeitweilig bis zu 20.000 Kriegsgefangene beherbergte. Die Gebäude, in denen die Kriegsgefangenen untergebracht waren, besaßen keine Glasscheiben. Zum Aufwärmen der Gebäude, in denen sich bis zu 1000 Menschen befanden, wurden am Tag fünf Kilogramm Kohle ausgegeben. Es kam zu Fällen massenweisen Erfrierens. Es gab keine Waschhäuser. Die Leute wuschen sich oft ein halbes Jahr nicht und litten an einer riesigen Zahl von Parasiten. In den heißen Sommermonaten erhielten die unter der Hitze leidenden Kriegsgefangenen oft drei bis fünf Tage kein Trinkwasser. Bei jedem kleinsten Anlaß wurden sie von den Deutschen mit Stöcken und Kolben verprügelt. […] Es gab am Tag 1.200g Brot für acht Personen. Das Brot wurde aus qualitativ schlechtem, verbrannten Mehl gemacht. Zudem gab es einmal täglich eine warme Suppe aus einer geringen Menge verbrannter Kleie, manchmal mit Zugabe von bis zu einem Liter Holz-Sägemehl. […] Als Resultat eines solchen Regimes war die Sterblichkeit im Lager sehr hoch, erreichte bis zu 200 Menschen täglich.“

Vor diesem Hintergrund erwiesen sich auch diejenigen, die trotz ihres schlechten körperlichen Zustandes in die Bergbaubetriebe getrieben wurden, für die Besatzungsbehörden im Vergleich zu den Zivilarbeitern als völlig unrentabel. Zwar kosteten sie auf dem Papier nur halb so viel. Doch blieb die Arbeitsleistung dieser ausgemergelten Menschen meist gering, weil sie viel zu ausgezehrt, noch dazu ungeschult und in ihrem Zustand kaum motiviert waren. Aus Sicherheitsgründen sollten sie zudem nachts nicht unter Tage eingesetzt werden – ein weiterer Hemmschuh für den Betrieb. Die Besatzer zogen bald ihre Lehren daraus: Bis März 1943 waren Kriegsgefangene wieder nahezu vollständig aus der Belegschaft des Steinkohlebergbaus verschwunden. Ihre Arbeitskraft war rücksichtslos ausgebeutet worden, ohne dem Bergbau nennenswerten Ertrag zu bringen.

Die Erforschung des Massensterbens und des Arbeitseinsatzes von sowjetischen Kriegsgefangenen im besetzten Gebiet ist bis heute eine Forschungslücke, umso mehr, wenn man bedenkt, dass allein in der Ukraine unter deutscher Besatzung insgesamt 242 Kriegsgefangenenlager eingerichtet worden waren. Diese Opfergruppe geriet erst seit den 1990er Jahren überhaupt stärker in den Fokus. Von den Entschädigungsprogrammen seitens Deutschlands für ehemalige Zwangsarbeiter·innen blieben die sowjetischen Kriegsgefangenen lange Zeit ausgeschlossen. Erst 2015, siebzig Jahre nach Kriegsende, beschloss der Deutsche Bundestag, den letzten Überlebenden dieser Gruppe eine zumindest symbolische Anerkennung ihres Leids zukommen zu lassen – eine Geste, die viele Betroffene nicht mehr erreichte und von den wenigen noch lebenden als längst überfällig empfunden wurde.

Auch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion fand ihr Schicksal durch Marginalisierung keinen Platz im dortigen historischen Gedächtnis und die betroffenen Menschen erfahren vielfach bis heute keine Rehabilitierung und Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus erfahren. Zumal sie in der Sowjetunion oft eine erneute Opfererfahrung machen mussten. Mindestens blieb ein lebenslanges Stigma („Vaterlandsverräter“) bestehen, angeblich mit den Deutschen zusammengearbeitet zu haben. Ähnlich erging es den zurückgekehrten „Ostarbeitern“, die in der Sowjetunion etwa erneut Zwangsarbeit zum Wiederaufbau leisten mussten. Auch diese Kapitel sind bisher nicht ausreichend aufgearbeitet.

Welche Rolle spielten die Deutschen in der Bergbauverwaltung?

Das deutsche Personal der Steinkohlebergbauverwaltung im Donbas zählte Ende 1942 1805 Beschäftigte (darunter Betriebsdirektoren, Steiger und Hauer). Außerdem arbeiteten in den Bergwerken und in der Verwaltung der Bergbaugruppen im Juli 1943 2165 sowjetische Bergbauingenieure und Techniker, die sich laut Quellen deutscher Besatzungsbehörden im Allgemeinen bereitwillig zur Verfügung gestellt hätten.

Die deutschen Kader waren zum größten Teil zwischen Juli und September 1942 in großen Anwerbeaktionen im Reich rekrutiert worden, größtenteils im Ruhrbergbau. Die Werber lockten sie mit attraktiven Lohnangeboten. Obwohl viele deutsche Bergleute durchaus Interesse an einem Einsatz im Osten hatten, wurden sie von ihren Heimatbetrieben häufig nicht freigegeben. Diese versuchten vielmehr, „unbequeme Leute“ loszuwerden. Entsprechend landeten häufig die wenig Kompetenten – spöttisch als „Ostnieten“ tituliert – als Spezialisten im Donbas. Die Besatzungsbehörden mussten schließlich selbst einräumen, dass ein beträchtlicher Teil dieser „Fachkräfte“ den Mindestanforderungen eines Arbeitspioniers nicht gerecht wurde.

Gleichwohl brachte die große Zahl deutscher Spezialisten es mit sich, dass die meisten einheimischen Bergleute in direkten Kontakt mit Deutschen kamen. Während sich einzelne Zeitzeugen später an Freundschaften und Solidarität mit deutschen Arbeitskräften erinnerten, überwog bei vielen die Erinnerung an Gewalt, Willkür und Demütigungen, die diese Begegnungen im Bergbau geprägt hatten. Hinzu kam die massive lohnrechtliche Benachteiligung: So erhielten die sowjetischen Bergleute oft weniger als ein Zehntel des Lohns ihrer deutschen Kollegen. Sie konnten das Arbeitsverhältnis auch nicht eigenständig beenden, sonst drohten Gefängnis oder Geldstrafen.

Welche Besonderheiten bestimmten die Lage der Frauen und Jugendlichen?

Frauen machten nicht nur über die Hälfte der deportierten „Ostarbeiter·innen“ im Reich aus, sondern sie wurden auch vor Ort zunehmend als Arbeitskräfte eingesetzt. Besonders auf dem Land stellten sie von Beginn an die Mehrheit der Arbeitskräfte. Auch in den einheimischen Verwaltungen waren Frauen stark vertreten, wenngleich die deutschen Besatzer sie in der Regel von Leitungsfunktionen ausschlossen. Im Steinkohlebergbau des Donbas stieg der Anteil weiblicher Arbeitskräfte während der Besatzungszeit kontinuierlich an und erreichte im Juli 1943 über 28 Prozent – damit lag er sogar leicht über dem Niveau der sowjetischen Vorkriegszeit. Dies verdeutlicht, dass Frauen eine zentrale Rolle in Wirtschaft und Verwaltung unter der Besatzung einnahmen. Im Bergbau des Donbas arbeiteten Frauen auch unter Tage, während dieser Arbeitsbereich im Reich eine „Männerdomäne“ blieb.

Der verstärkte Arbeitseinsatz von Frauen durch die deutschen Besatzungsbehörden spiegelte einerseits die kriegsbedingte Entwicklung wider: Im Sommer 1943 stellten Frauen auch im Reich rund ein Drittel der Beschäftigten in der Rüstungsindustrie. Andererseits orientierte er sich am sowjetischen Vorbild, wo seit der forcierten Industrialisierung der Frauenanteil in traditionell männlichen Berufsfeldern kontinuierlich gestiegen war.

Eine Propagandaabteilung der Wehrmacht in der Ukraine musste den zunehmenden Verlust der Männer und den Einsatz der Frauen bereits im Juli 1942 rhetorisch geschickt verkaufen – weil es für die Besatzer und die Arbeitslast, die vor Ort zu bewältigen war, ein Problem darstellte:

„Die Ukraine ist gegenwärtig ein Land fast ohne Männer. Die Mehrheit von ihnen wurde in die Rote Armee gepresst oder verschleppt, Hunderttausende arbeiten im deutschen Reich. So liegt die Hauptlast des Aufbauwerkes auf den Schultern der Frauen. Sie bestellen die Felder, sie stehen in den Betrieben, sie helfen im Handwerk und leisten bei schmaler Kost und tropischer Hitze auch die schwere Arbeit des Straßenbaus. Dabei ziehen sie ihre Kinder groß, sind gesund und kräftig, bescheiden und immer guter Laune.“

Die Frauen wurden mit jedem neuen Monat immer stärker in das Zwangsarbeitersystem einbezogen: Im April 1943 beschlossen die Behörden schließlich, alle Frauen der Jahrgänge 1924 und 1925 geschlossen ins Reich zu deportieren. Im August 1943 ordnete der Reichskommissar Ukraine den verstärkten Einsatz weiblicher Arbeitskräfte vor Ort an. Alle Frauen zwischen 16 und 55 Jahren, einschließlich Mütter kleiner Kinder, sollten nun erfasst werden.

Für alleinerziehende Frauen war das Überleben unter deutscher Besatzung besonders schwer; nicht wenige wurden auf der verzweifelten Suche nach Lebensmitteln in die Prostitution getrieben. Einige Frauen arbeiteten in Bordellen, die die deutschen Besatzer unterhielten. Selbst das hatten die Besatzer im Blick und verwalteten die Verzweifelten: In Stalino wurden sie direkt vom deutschen Leiter des Arbeitsamtes dorthin vermittelt.

Die Maschinerie der Zwangsarbeit machte auch vor jungen Menschen nicht Halt: Zunehmend wurden Jugendliche ab 14 Jahren als Arbeitskräfte herangezogen, auch für schwere körperliche Arbeit, etwa im Steinkohlebergbau unter Tage. Ziel war sowohl die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft als auch die vermeintliche Eindämmung von „Bandenbildung und sozialer Verwahrlosung“, wie es die Besatzer nannten. Dabei waren viele Jugendliche nach Krankheit, Tod oder Verschleppung ihrer Eltern schlicht auf sich allein gestellt und schlugen sich mit Gelegenheitsarbeit, Schwarzhandel, Diebstählen, heimlicher Prostitution oder anderen illegalen Tätigkeiten durch.  Die Behörden erfassten alle Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren und wiesen sie zwangsweise Ausbildungsplätzen in Betrieben zu – damit schlossen sie Lücken in den Betrieben und sorgten zugleich dafür, mögliche Unruhe unter den Jugendlichen zu unterbinden bzw. besser unter Kontrolle zu bringen.

Viele sowjetische Ingenieure haben in der Besatzungszeit mit den Deutschen zusammengearbeitet. Warum?

Es lässt sich nur vermuten. Ein großer Teil der Industriekader war im besetzten Gebiet zurückgeblieben und nicht evakuiert worden – auch wenn die Sowjethistoriographie etwas anderes vermitteln wollte. Die Beweggründe für die Zusammenarbeit mit den Besatzern reichten von dem Wunsch, die eigene Existenz zu sichern, über materielle Vorteile (die erheblich waren) bis hin zu politischen Überzeugungen oder einer generellen Ablehnung des sowjetischen Systems. Diese hing oft mit den Repressionen zusammen, denen ihre Berufsgruppe in den 1920er- und 1930er-Jahren unter der Herrschaft Stalins ausgesetzt gewesen war.

Die Kenntnisse der einheimischen Ingenieure und Markscheider von den Gegebenheiten unter Tage waren für die Deutschen besonders wichtig, da die Rote Armee beim Rückzug nahezu alle Grubenbilder und Pläne aus den Bergwerken mitgenommen hatte. Darüber hinaus halfen einige Ingenieure bei der Rekrutierung der einheimischen Arbeitskräfte. Sie übergaben der Polizei Listen mit der früheren Stammbelegschaft der einzelnen Gruben, die diese dann – wenn erforderlich mit Gewalt – zur Arbeit einzog. Aus mehreren Bergwerken ist überliefert, dass einheimische Ingenieure bei Arbeitsverweigerungen ein hartes Strafsystem mit Prügelstrafen und Lebensmittelentzug anwandten. In einigen Fällen erstellten die Ingenieure auch Listen von „schlechten Arbeitskräften“ oder von Arbeitslosen, die dann ins Reich verschleppt wurden, und beteiligten sich an der „Aussonderung von Juden und Kommunisten“. Manchmal wurden diese einheimischen Aufseher von den Arbeitern sogar mehr gefürchtet als die deutschen Steiger, und es kam vor, dass sich die Arbeiter beim deutschen Kommando über ihre einheimischen Aufseher beschwerten.


Text: Prof. Dr. Tanja Penter
Redaktion: Mandy Ganske-Zapf, Dmitry Kartsev und Peggy Lohse
Veröffentlicht am 23. Juni 2026

„Der Krieg und seine Opfer“ und „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“ sind Projekte von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg.

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