01

Sonka

Sie ist kleiner als die Jungen, mager, mit schwarzem, lockigem Haar. Wowa ist neun, sie vielleicht sieben, vielleicht etwas älter. Sie läuft mit, wenn die Kinder durch die Straßen und Höfe streifen, sie spielt mit dem riesigen Hofhund Matros (dt. Seemann) und isst mit, wenn Wowas Mutter etwas auf den Tisch stellt. Sie heißt Sonja. Oder Sofa. So genau weiß Wowa das später nicht mehr. Die Kinder rufen sie Sonka.

Wenn Sonka bei Wowa ist und er überraschend Besuch bekommt, versteckt sie sich unterm Bett. Denn Sonka ist Jüdin. „Hätte jemand erfahren, dass das Mädchen bei uns war – alle ringsum, zwei, drei Familien, keinen hätten sie am Leben gelassen“, wird Wladimir Jahrzehnte später erzählen. „Sie“, das sind die Deutschen. All die Kinder, Wowa, Sonka, die anderen, mit denen sie durch die Straßen ziehen, leben unter deutscher Besatzung in Stalino.

TRIGGERWARNUNG: In dieser Scroll-Doku geht es um den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Nationalsozialisten in der Sowjetunion. In diesem und anderen Texten gibt es Beschreibungen zum Teil drastischer Gewalttaten.

Alles, was wir über Sonka wissen, wissen wir von Wowa. Genauer gesagt von dem alten Mann Wladimir, der als Kind Wowa gerufen wurde und die deutsche Besatzung in Stalino überlebt hat, dem heutigen Donezk. Sonkas Nachnamen kennt er nicht, auch nicht, wo sie gewohnt hat oder wer ihre Eltern waren. Von Sonka selbst ist kein Wort überliefert. Ihre Geschichte lässt sich deshalb nur durch Wowas Augen und spätere Erinnerungen erzählen – und mit dem, was wir aus Akten, späteren Gerichtsprozessen und den Aussagen anderer Überlebender über das Schicksal der Jüdinnen und Juden im Donbas wissen.

02

Der Stern am Ärmel

Nach der Besetzung der Stadt lernen auch die Kinder schnell, wie man die Jüdinnen und Juden von anderen unterscheiden kann. Einmal kommt Wowa besorgt zu seiner Mutter und erzählt, er habe einen Nachbarn – Onkel Mischa – mit einer Armbinde gesehen. Solche Armbinden tragen sonst Polizisten. Was Wowa wissen will: Muss man ihn fürchten? Die Mutter erwidert, er sei kein Polizist, Wowa solle sich jedoch trotzdem fernhalten: Solche Armbinden – weiß, mit einem Stern darauf – müssen die Jüdinnen und Juden der Stadt fortan tragen.

Denn nach der Einnahme der Stadt fangen die Deutschen schnell damit an, die Jüdinnen und Juden in Stalino systematisch zu erfassen (das übernehmen die neue Stadtverwaltung und die Polizei), sie zu drangsalieren und: sie zu ermorden.

Solche Armbinden – weiß, mit einem Stern darauf – müssen die Jüdinnen und Juden der Stadt fortan tragen.

Die Menschen werden zunächst gezwungen, sich mit der vorgeschriebenen Armbinde zu kennzeichnen. Wer ohne auf die Straße geht, kann verhaftet und dem Sicherheitsdienst übergeben werden, der Mitte November 1941 in das Hotel „Donbass“ im Norden der Stadt einzieht. Viele lassen sich freiwillig registrieren, aus Angst. Danach werden viele Jüdinnen und Juden aus ihren Wohnungen getrieben. Es naht ein extrem kalter Winter: Bereits Ende November 1941 zeigt das Thermometer minus 15 Grad.

Am 11. Dezember 1941 veröffentlicht die örtliche Propagandazeitung „Donezki Westnik“ eine Verordnung des Feldkommandanten, die „die Juden“ für Sabotageakte und Plünderungen in der Stadt pauschal verantwortlich macht und dafür acht Millionen Rubel – 800.000 Reichsmark – Bußgeld von ihnen fordert.

Die Summe ist astronomisch hoch, und es wird begonnen, diese Summe unter allen Jüdinnen und Juden der Stadt einzutreiben. Dabei kommt nach allem, was man weiß, jedoch nur ein Bruchteil zusammen – 1,3 Millionen Rubel, nicht einmal ein Sechstel. Das eingetriebene Geld bringt Andrej Ejchman als stellvertretender Bürgermeister im Februar 1942 persönlich zum SD. Außerdem beschlagnahmen Polizisten bei den jüdischen Familien Möbel und Kleidung.

Es wird eine allgemeine Arbeitspflicht für alle Jüdinnen und Juden zwischen 14 und 60 Jahren erlassen. Sie müssen Schnee und Trümmer räumen und die Latrinen der Polizeireviere reinigen. Die arbeitsfähigen Männer werden aus ihren Familien gerissen und in engen Baracken eingepfercht, wo sie teils ohne Betten, auf dem Boden schlafen und mit wenig Essen auskommen müssen. Von dort werden sie in Kolonnen durch die Stadt zur Arbeit getrieben – etwa in die Wolodarski-Fabrik neben dem Gefängnis, wo sie Kleidung nähen sollen. Die Angehörigen warten täglich an der Straße, in der Hoffnung, sie wenigstens einmal am Tag kurz zu sehen.

Die Mörder kommen von außen. Für die Massenerschießungen sind die SS-Einsatzgruppen zuständig, die der Wehrmacht auf dem Fuß folgen.

Eines Morgens wacht Wowa auf und erfährt, dass seine Nachbarn verschwunden sind. Onkel Mischa – bei dem Wowa zum ersten Mal einen Davidstern gesehen hat – sei zum Brunnen gelaufen und habe seine Armbinde nicht angezogen. Jemand habe ihn denunziert, er wurde abgeholt – und bald danach mitten in der Nacht auch seine ganze Familie.

Die Mörder kommen von außen. Für die Massenerschießungen sind die SS-Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD zuständig, die der Wehrmacht auf dem Fuß folgen. Im Süden des Donbas ist vor allem das Sonderkommando 10a für das Morden vermeintlicher Aktivist·innen sowie Jüdinnen und Juden zuständig. Im Norden sind es das Sonderkommando 4b und das Einsatzkommando 6. Letzteres erreicht Stalino Mitte November 1941 und richtet sich im Hotel „Donbass“ ein. Seit Oktober 1941 führt Robert Mohr das Kommando, ein 31-jähriger Oberregierungsrat aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin.

Die Wehrmacht übernimmt den Donbas, darauf folgen blitzschnell die Einsatzgruppen und der SD: Der Holocaust beginnt.

Die ersten Morde gibt es im Süden: In Mariupol erschießt das Sonderkommando 10a im Oktober 1941 über 8.000 Jüdinnen und Juden an einem Panzergraben – nur zehn Tage nach der Besetzung.

In den Industriestädten lassen sich die Mörder mehr Zeit. In Stalino erschießt das Einsatzkommando 6 Ende November 1941 zunächst 226 Juden, vor allem Männer.

Im Dezember 1941 und Januar 1942 trifft es Slowjansk, Kostjantyniwka, Makijiwka, Kramatorsk, Pokrowsk und Bachmut.

Immer wieder werden Bergwerke zu Tatorten: Schächte bei Makijiwka, Horliwka und Selydowe, der Stollen eines Alabasterbergwerks in Bachmut.

Im Februar und März folgen die Dörfer: viele kleine Aktionen mit meist 30 bis 100 Opfern – etwa in Nowopetrykiwka, Marjinka oder Krasnohoriwka. Oft sind es Flüchtlinge aus der Westukraine, die hier niemand kennt. Manchmal schießt auch die einheimische Polizei.

Das Einsatzkommando 6 arbeitet sich dabei von Stalino aus ringförmig vor – zuerst die Gemeinden im Umland.

Nach der ersten Massenerschießung im November 1941 ermorden die Einsatzgruppen etwa einmal pro Woche 15 bis 40 Menschen – immer am selben Panzergraben.

Am 6. März 1942 meldet der SD nach Berlin, in Stalino seien bisher 369 Juden exekutiert worden. „Ein … verbliebener Rest wird umgesiedelt werden, sobald die Witterungsverhältnisse es erlauben.“ Die größte jüdische Gemeinde des Donbas ist zu diesem Zeitpunkt also noch nicht vollständig durch die Nazis ausgelöscht.

In dieser Zeit arbeiten die Deutschen gemeinsam mit der Stadtverwaltung an der Vorbereitung einer großangelegten Aktion.

03

Die Weiße Sandgrube

Mitte März 1942 veröffentlicht der „Donezki Westnik“ einen Artikel, der die Jüdinnen und Juden abermals nicht nur für den Krieg, sondern auch für das elende Dasein der Menschen im Donbas verantwortlich macht. Die Juden, die „vom Schweiß und Blut der Bewohner … unter den Bolschewiki in Wohlstand lebten“, sollen nun in eine „Sobatschjowka“ ziehen, eine Erdhüttensiedlung, wörtlich: in Hundehütten.

Besiegelt ist das bereits: Schon Ende Februar hat der SD die Stadtverwaltung beauftragt, einen geeigneten Ort für ein Ghetto zu finden. Bürgermeister Petuschkow und sein Stellvertreter Ejchman inspizieren die Arbeitersiedlungen persönlich und entscheiden sich für Belyj Karjer – die „Weiße Sandgrube“ am südwestlichen Rand der Stadt: Sie liegt abseits und „die Bevölkerung sieht es weniger“, wie Ejchman später im Verhör bei den sowjetischen Ermittlern aussagt.

Die Aktion wird sorgfältig vorbereitet. In jedem Polizeibezirk werden Listen der Jüdinnen und Juden in mehreren Kopien erstellt. Alle Familien müssen ihre Wertsachen, beste Kleidung und Lebensmittel für fünf bis sechs Tage mitnehmen, die Wohnungsschlüssel bei der Polizei abgeben. Es ist Ende Februar, Anfang März 1942, als die Polizisten erstmals nach der Sperrstunde durch ihre Bezirke streifen und alle Jüdinnen und Juden zur Weißen Sandgrube treiben. „Die Schwachen und Kinder wurden gestützt und auf den Armen getragen, die Polizisten trieben sie mit Peitschen und Kolben, man hörte Stöhnen, Schreie und Weinen von Kindern“, sagt Ejchman später aus.

Die Weiße Sandgrube ist tatsächlich eine „Sobatschjowka“, einer der ärmsten Stadtteile von Stalino, bebaut mit Erdhütten, oft ohne Fenster und Türen. Aber selbst in diesen Erdhütten gibt es zu wenig Platz – viele der zusammengetriebenen Menschen müssen daher im eisigen Winter unter freiem Himmel ausharren, dürfen das Gelände nicht verlassen. Die Sandgrube wird teils mit Stacheldraht umzäunt, rund um die Siedlung wachen Polizisten. Wie viele Menschen es dort schließlich waren, ist bis heute unklar: Ein Überlebender hat über 300 Familien gezählt, Ejchman spricht später in seiner Vernehmung von über 3.000 Jüdinnen und Juden, die aus dem Ghetto geholt und ermordet wurden.

04

Die jüdischen Kinder

Über das Leben in der Weißen Sandgrube ist bis heute sehr wenig bekannt. Die wenigen Jüdinnen und Juden, die später davon berichteten, waren zu der Zeit meist noch Kinder. Durch sie weiß man, dass das Essen sehr knapp ist: Pro Tag gibt es etwa 200 Gramm Brot, erinnert sich eine Überlebende. Jeden Morgen holen Polizisten die arbeitsfähigen Menschen zur Zwangsarbeit. Die Kinder und alten Menschen bleiben im Ghetto, ohne zu wissen, ob sie ihre Angehörigen abends wiedersehen werden. Denn abends kehren immer weniger Menschen zurück.

Im Ghetto wachen die Menschen auf und beten, dass sie diesen Tag überleben werden. Abends beten sie wieder und danken, dass es ihnen gelungen ist.

Die einzige Möglichkeit, das Ghetto zu überleben, ist zu fliehen. Manche Kinder schleichen sich aus dem Ghetto weg, doch meist erst dann, wenn alle ihre Angehörigen verschwunden sind. Die Kinder hoffen darauf, ihre Eltern anderswo wiederzufinden. Oder darauf, bei Verwandten oder Freunden der Familie unterzukommen. So beginnen für viele von ihnen Monate des Umherirrens in fremder Gegend. Und wenn sie irgendwo ankommen, werden sie meist wieder weggeschickt, denn Juden zu verstecken, ist lebensgefährlich.

Manche erinnern sich, wie ihre Eltern sie aus dem Ghetto gezielt wegschicken. Iliia Boldun zum Beispiel weiß das noch. Es fing damit an, dass ihre Mutter einmal von Polizisten festgenommen und gefoltert wurde – sie wollten ihr Gold abpressen. Als sie spätabends zurückkommt, wohl in dem Wissen, dass sie wieder abgeholt wird, schnappt sie sich ihre Kinder, bringt sie zum Rand des Ghettos und sagt ihnen, sie sollen gehen, egal wohin. Vielleicht überleben sie so zumindest, hofft sie. Die Kinder laufen los, schauen sich noch einmal um und sehen, wie die Mutter ihnen hinterher schaut. Ob sie sie beim Abschied geküsst hat, weiß Iliia Boldun nicht mehr. Aber eine Mutter hätte das wohl getan, oder?

„Ob sie sie beim Abschied geküsst hat? Eine Mutter hätte das wohl getan, oder?“

Inna Jakowlewa, die gemeinsam mit Mutter und Großmutter im Ghetto war, kann mit einer Freundin kurz vor dem 1. Mai fliehen. Nach wenigen Tagen des Umherirrens entscheiden sich die Mädchen jedoch, zum Ghetto zurückzukehren, finden aber niemanden mehr vor, keine Wachen, keine Polizisten. Und auch sonst keinen Menschen mehr. Nur verlassene Erdhütten.

In der Zwischenzeit war viel passiert: In der Nacht zum 1. Mai 1942, um zwei Uhr, waren Polizisten und Deutsche in die Weiße Sandgrube gekommen. Sie befahlen allen, sich schnell fertig zu machen, Brot für drei Tage mitzunehmen, ihre Wertsachen und gute Kleidung. Das tatsächliche Ziel ist jedoch nicht ein anderer Ort, wie die Besatzer behaupten, sondern der Schacht Nummer 4/4-bis, eine stillgelegte Kohleförderstätte am östlichen Rand von Stalino.

05

Der verfluchte Schacht

Der Schacht 4/4-bis liegt in der Siedlung Kalyniwka, im Osten der Stadt. Er ist im 19. Jahrhundert gebaut worden, seit den 1920er Jahren jedoch stillgelegt, industriell nicht mehr zu gebrauchen. Unter der Besatzung geben ihm die Deutschen eine neue Funktion – als Massengrab.

Was dort in jenen Wochen geschieht, wissen wir aus Aussagen der Täter und aus Protokollen der sowjetischen Untersuchungskommission: Gaswagen fahren vor, Menschen werden tot aus den Wagen gezogen; andere noch Lebende mit Lastwagen herangekarrt, an den Schachtrand geführt und erschossen. Diese Nacht Anfang Mai 1942 bleibt keine Ausnahme – der Schacht wird bis kurz vorm Abzug der Deutschen regelmäßig für den Massenmord benutzt.

Wowa ist in Stalino, als all das um ihn herum passiert. Was er noch weiß, sah er mit Kinderaugen. Ob Sonka auch im Ghetto gewesen ist, kann er nicht sagen. Wie sie in seine Siedlung Masliwka gekommen ist, in der er mit seinen Eltern lebte, erzählt Wowa mal so, mal so: Einmal bringt sie ein Onkel abends vorbei, ein anderes Mal die Nachbarin Tante Fanja. In beiden Versionen ist Sonkas Familie abgeholt worden, als sie selbst gerade nicht zu Hause war.

Seitdem wohnt Sonka in seiner Siedlung und spielt mit ihm und den anderen Kindern. Eines Tages hört Sonka von jemandem, dass am nächsten Tag alle Juden in den Schacht geworfen werden sollen. Sie will hingehen und schauen, ob ihre Eltern dort sind. Wowa und drei, vier andere Jungs entscheiden: Wenn, dann gehen alle zusammen.

Wann genau das war, weiß Wowa später nicht mehr: „Sagen wir 1942, aber Tatsache ist, ich habe es selbst gesehen.“ Es sei warm gewesen, aber nicht heiß, sie trugen Jäckchen. Vielleicht war es Frühling, vielleicht war es Mai.

„Sagen wir 1942, aber Tatsache ist, ich habe es selbst gesehen.“

Am nächsten Morgen, nach dem Ende der Sperrstunde, machen sie sich auf den Weg. Erst geht es über das Gelände des Metallwerks, dann noch drei, vier Kilometer zu Fuß, bis sie den Schacht erreichen.

Soweit Wowa noch weiß, müssen die Kinder bei ihrer Ankunft in den großen Hof des Bergwerks gelaufen sein. Wowa versucht, die Bilder aus seiner Erinnerung in Worte zu fassen:

„Als die Tür des Autos aufgeht, kommt von dort so ein kleines Rauchwölkchen. Wissen Sie, was ein Gaswagen ist?“

„Und dieses Mädchen war bei uns. So standen dort die Schuppen. Von hier war die Einfahrt. Hier stand das Fördergerüst, das, mit dem sie die Sachen hinabließen. Und so fuhr ihre Maschine rein, so drehte sie um, und hier, direkt vor dem Schacht, hielt er an. Wir stehen alle hier. Und dieses Mädchen steht bei uns. So nach dem Motto: Vielleicht erkennt sie jemanden, jemanden von ihren Eltern. Wie konnten wir nur auf die Idee kommen, sie mitzubringen? Dann führten sie die Menschen heraus – dieselben Männer, die später selbst erschossen oder lebendig in den Schacht geworfen wurden. Als die Tür des Autos aufgeht – immer, wenn sie die Tür aufmachen –, kommt von dort so ein kleines Rauchwölkchen. Wissen Sie, was ein Gaswagen ist?“

06

Der Gaswagen

Der Gaswagen ist ein grauer Kastenwagen. Im Innern ist er mit Blech ausgeschlagen, auf dem Boden liegt ein Holzrost, in der Rückwand befindet sich eine Tür mit einer Treppe. Etwa 60 Menschen müssen hineinsteigen, bevor die Tür hinten am Auto abgeriegelt wird. Sobald die Tür dicht gemacht wird, wird der Motor in Gang gesetzt und ein Rohr leitet die Abgase direkt in den Laderaum.

Der SD in Stalino verfügt über mindestens einen Gaswagen. Beim ersten Einsatz im Hof des Hotels „Donbass“ steht der Kommandoführer selbst daneben: Robert Mohr, der Chef des Einsatzkommandos 6. Nach dem Krieg behauptet er, er habe die Judenmorde in Stalino hinauszögern wollen. Als er in Berlin dagegen vorgesprochen habe, habe ihm Gestapo-Chef Heinrich Müller gesagt, er „müsse mehr Härte zeigen“.

Ein Mitglied des Einsatzkommandos sagt Jahrzehnte später aus, er sei am Ostermontag 1942 an einer Vergasung in Stalino beteiligt gewesen. An dem Tag werden einige hundert Menschen vergast: Männer, Frauen und Kinder. Die Jüdinnen und Juden müssen in den Wagen steigen. Der Gaswagen fährt zum Schacht 4/4-bis. Dort angekommen, werden die Auspuffgase in das Innere des Wagens geleitet. Nach dem Öffnen der Türen zieht eine Abgaswolke ab. Danach erst steigen die Männer hinein.

In der Regel sind die Menschen im Inneren des Wagens bereits tot. Man sieht, dass sie einen fürchterlichen Todeskampf hinter sich haben. Manche haben noch die Finger an ihren Nasen; sie hatten versucht, sie sich zuzuhalten. Die Leichen muss man auseinanderzerren und noch einige Meter tragen, bis sie im Schachtloch verschwinden: „Ich habe hierbei erstmals festgestellt, wie schwer ein Mensch sein kann“, sagt der SS-Mann. Dass es der Ostermontag war, weiß er noch zwanzig Jahre später genau: Als er in seine Unterkunft zurückkommt, findet er dort gefärbte Eier vor.

„Ich habe hierbei erstmals festgestellt, wie schwer ein Mensch sein kann.“

Ob sich am Schacht alles so abgespielt hat, wie Wowa sich erinnert, lässt sich nicht prüfen. Er beschreibt auch Lkw mit Lebenden, manche mit gefesselten Händen. Wer sich wehrt, wird sofort erschossen: „Abgeladen, Geschrei, Lärm, hineingestoßen – und das war’s. Und wir liefen da herum.“

Soweit sich Wowa erinnert, verbringen sie sogar den ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang auf dem Schachthof: drei, vier Jungs und ein jüdisches Mädchen mit der Hoffnung, ihre Eltern zu finden. Wowa erinnert sich, dass er sich aus Neugier auch dem Schacht genähert habe, um in das Loch zu schauen. Ein Deutscher mit Maschinenpistole und hochgekrempelten Ärmeln sieht ihn und will ihn mit dem Fuß treten, damit er auch hineinfällt, rutscht aber aus – und Wowa kommt davon. Dann jagt der Soldat die Kinder auf das Dach eines Schuppens. Von dort schauen sie weiter zu. „Na? – Nein.“ Sonkas Eltern sehen sie nicht. „Wir sahen es wie ein Spiel“, blickt Wowa zurück. Alle diese Kinder kommen damals wie durch ein Wunder davon. Aber der Schacht bleibt.

Die Deutschen wollen ihre Massenmorde am Schacht geheimhalten. Das Gelände ist abgeriegelt, und was am Schachtrand wirklich passiert, sehen nur ganz wenige. Heinrich Hartmann, Chef der Polizei in Stalino, fährt eines Morgens um sechs Uhr mit Bürgermeister Ejchman hinaus. „Wenn die Opfer an den Schachtrand kamen, wurde auf sie geschossen“, sagt er 1972 aus. Einige springen freiwillig hinein. Selbst Säuglinge sind unter den Toten. Verborgen bleibt der Ort trotzdem nicht: Die Anwohner·innen sehen die Kolonnen von vier, fünf Wagen, manchmal zehnmal am Tag. Und nach der Befreiung berichten zahlreiche Augenzeug·innen, was sie beobachtet haben.

In der Nacht zum 1. Mai 1942 wird ein großer Teil der Jüdinnen und Juden von Stalino ermordet. Im Sommer 1942 übernimmt Erich Körting, ein langjähriges Mitglied der SS, die Dienststelle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei. Unter ihm wird das Morden zur Verwaltung: Wer jetzt noch als Jude festgenommen wird – es sind die wenigen, die nach der Auflösung des Ghettos versteckt in der Stadt geblieben sind –, unterschreibt ein Protokoll mit einem einzigen Satz: „Ich bin Jude.“ Darüber schreibt Körting von Hand: „Ist der Sonderbehandlung zuzuführen“ – so erinnert sich ein Mitarbeiter einer Außenstelle. Körting selbst sagt 1975 aus, er habe den Schacht nur einmal gesehen, „durch Zufall“. Im November 1942 lässt er die jüdische Gemeinde von Luhansk erschießen, in einem Gebiet, das die Wehrmacht erst im Sommer besetzt hat.

Im Dezember 1942 meldet der SD Stalino als „judenfrei“.

07

Befreiung

Im Sommer 1943 rückt die Rote Armee näher. Nach dem Willen der deutschen Führung soll im Donbas nichts zurückbleiben, was dem Gegner nützen könnte. In wenigen Tagen sprengen die Deutschen Zechen, Werke und Brücken und treiben arbeitsfähige Menschen gen Westen. Am 7. September 1943, einen Tag vor ihrem Abzug, brennt die Stadt an vielen Orten. Die Deutschen verbrennen unter anderem die Bewohner·innen eines Hauses, in dem Dozenten des Industrie-Instituts mit ihren Familien leben.

Gleichzeitig versuchen sie, die Spuren ihrer Massenverbrechen zu beseitigen. Noch wenige Tage vorm Abzug finden im Schacht 4/4-bis Exekutionen statt: Jüdinnen und Juden, Kriegsgefangene, Kommunist·innen, Geiseln. Ein Anwohner sieht, wie die Deutschen schließlich nach einer der letzten Erschießungen einen Sack hinunterwerfen – angeblich ätzendes Soda. Am 1. September 1943 kommen sie mit Bohrmaschinen. Zwei Tage lang bohren sie Löcher, dann legen sie Sprengstoff hinein. Am 4. oder 5. September fliegt der Schacht in die Luft: „Den ganzen Tag über war es da in Kalinowka dunkel vor Staub“, erinnert sich ein Anwohner. Das Fördergerüst kippt über die Schachtmündung, der Schachthals ist auf mehrere Meter Tiefe zerstört.

„Den ganzen Tag über war es da in Kalinowka dunkel vor Staub.“

Die sowjetische Sonderkommission wird später über vier Monate lang 400 Kubikmeter Schutt abtragen, bis sie überhaupt an die Toten herankommt.

Am 8. September 1943 wird Stalino befreit. Bald darauf kommen die sowjetischen Ermittler. Sie finden Massengräber, die verbrannten Menschen aus dem Haus der Dozenten – und den Schacht. Im Januar 1944 beginnen sie, Leichen zu bergen und Zeug·innen zu befragen. In den Berichten heißen die Toten „friedliche Sowjetbürger“. Dass viele von ihnen Jüdinnen und Juden waren, steht dort nicht.

Das Schicksal der Menschen, die den Krieg überlebt haben, entwickelt sich sehr unterschiedlich. Sonka hat nach Wowas Erzählung überlebt – eine von wenigen Jüdinnen und Juden in Stalino. Nach der Befreiung der Stadt wird sie von jemandem abgeholt, „zu den Ihren, in die Stadt“, wie Wowa sich erinnert. Wowa sieht sie nie wieder. Jahrzehnte später versucht er, sie zu finden. „Nicht für eine Belohnung. Nur um zu sagen: Du lebst, du bist gesund. Dann lebe.“

Andrej Ejchman, der Bürgermeister aus der Besatzungszeit, und der damalige Polizeichef Babenko stehen im September 1946 in Stalino mit 16 weiteren Angeklagten vor einem Militärtribunal. Beide werden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Einer der 18 Angeklagten wird freigesprochen.

Die deutschen Täter dagegen kommen in den meisten Fällen davon: Der Chef des Einsatzkommandos 6, Robert Mohr, lebt nach dem Krieg unbehelligt in Westdeutschland, obwohl seit 1947 ein Haftbefehl gegen ihn besteht. Erst 1959 wird er festgenommen. Das Landgericht Wuppertal befindet ihn 1965 für schuldig: der Beteiligung an der Ermordung von mindestens 1.048 Jüdinnen und Juden in Stalino. Am Ende steht eine Strafe von acht Jahren Zuchthaus. Gegen Erich Körting, den früheren Kommandeur der Sicherheitspolizei, ermitteln die Staatsanwälte 15 Jahre lang. Im Juni 1976 setzt das Landgericht Bonn den 74-Jährigen außer Verfolgung: Er sei dauerhaft verhandlungsunfähig.

Die deutschen Täter kommen in den meisten Fällen davon.

Wowa bleibt nach dem Krieg in Stalino. Mit 13 muss er anfangen zu arbeiten, um in den schweren Nachkriegsjahren Geld für Brot zu verdienen. Er dient in der Armee, wird zum Mechaniker ausgebildet, heiratet eine Frau, die dieselbe Schule besucht hat, und bekommt zwei Kinder. Sein Lebenslauf liest sich danach wie ein sowjetisches Musterleben: Oktoberkind, Pionier, Komsomolze, 30 Jahre Parteimitglied.

Die Besatzungszeit bleibt jedoch ein Makel, über den er lange schweigt. 2011 liest er, inzwischen fast 80 Jahre alt, in der Donezker Stadtzeitung einen Beitrag über die ersten Tage der deutschen Besatzung, mit dem Hinweis darauf, dass Historiker·innen Zeitzeug·innen suchen, die über diese Zeit erzählen können. Er meldet sich. In mehreren Interviews erzählt er zum ersten Mal offen seine Geschichte: Wie die Bewohner·innen der Stadt dem Feind ausgeliefert waren, unter Hunger, Angst, Verrat – und er berichtet von seinem Glück, überlebt zu haben. Fast in jedem dieser Gespräche kommt er auf den Schacht zu sprechen und auf dessen „dunkle, dunkle“ Öffnung: „Dieser Schacht … der steht immer noch vor meinen Augen.“

Contributors

  • Drehbuch und Text: Leonid A. Klimov
  • Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Tanja Penter, Prof. Dr. Dmytro Tytarenko, Dr. Jasmin Söhner
  • Redaktion: Mandy Ganske-Zapf
  • Schlussredaktion: Peggy Lohse
  • Illustrationen: Anna Che
  • Animationen: Victoria Spiryagina
  • Karten und Datenvisualisierung: Artyom Schtschennikow
  • Design: village one
  • Veröffentlicht: 20. Oktober 2026
Fotos
  • Hauptsynagoge in Odesa vor 1906 / Foto © unbekannter Fotograf / Jüdische Enzyklopädie von Brockhaus und Efron / Wikimedia Commons
  • Bergarbeiter bei der Kohleförderung im Bergwerk N8 in der Siedlung Wetka nördlich von Jusiwka (Donezk), 1900er Jahre / Foto: unbekannter Fotograf / gemeinfrei / Wikimedia Commons
  • Synagoge und jüdische Schule in Jusiwka (später Stalino) um 1900 / Foto © unbekannter Fotograf / Privatsammlung / Wikimedia Commons
  • „Donezki Westnik“ vom 11.12.1941 und vom 15.3.1942
  • Eine Familie mit Kindern in einer Erdhüttensiedlung in Stalino, 1941–1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
  • Angehörige der Opfer warten vor dem Rykowski-Makarjewski-Bergwerk der Jekaterinowka-Bergbaugesellschaft – dem späteren Schacht 4/4-bis – auf die Bergung der Toten nach der Explosion, 1908 / Foto © Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF)
  • Brennendes Haus in Stalino, Spätsommer 1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
  • Denkmal an einem Massengrab für die Opfer der deutschen Besatzung in Stalino, 1944–1949 / Foto © I. Friedlyand / Fung Library, Harvard University
  • Von den Deutschen zerstörte Übertageanlage eines Bergwerks im Donbas, 1944–1949 / Foto © I. Friedlyand / Fung Library, Harvard University
  • Von den Deutschen gesprengte Übertageanlage eines Bergwerks im Donbas, 1944–1949 / Foto © I. Friedlyand / Fung Library, Harvard University
  • Der Schacht 4/4-bis in der Zeche Kalinowka bei Stalino nach der Befreiung, 1944–1949 / Foto © I. Friedlyand / Fung Library, Harvard University
Literatur
  • Penter, Tanja (2010): Kohle für Stalin und Hitler. Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953, Essen
  • Tytarenko, Dmytro (2005): Do pytannja pro genocyd jevrejskoho naselennja Juziwky (Stalino) pid tschas nazystskoji okupaziji, in: Wisnyk Tscherkaskoho uniwersytetu, Serija Istorytschni nauky, Nr. 77, S. 7–16
  • Kruglow, Alexander (1999): Istreblenie evrejskogo naselenija na levoberežnoj Ukraine 1941–1942, in: Jelisawetskyj, S. (Hg.): Katastrofa i opir ukrajinskoho jewrejstwa, Kyjiw, S. 172–201
  • Klee, Ernst/Dreßen, Willi/Rieß, Volker (Hg.) (1988): „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, Frankfurt am Main

Station 01: Metallwerk

Ausgeliefert

Wie ein Donezker Junge den deutschen Krieg heranrollen und die Sowjets den Donbas zerstören sieht

Zur Folge
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Markt
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Lenin-Klub
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Schacht 4/4-bis
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Station 01: Metallwerk

Ausgeliefert

Wie ein Donezker Junge den deutschen Krieg heranrollen und die Sowjets den Donbas zerstören sieht

Station 02: Hotel „Donbass“

Die neue Ordnung

Wie die Deutschen sich als Besatzungsmacht im Donbas etablieren – und wer ihnen dabei hilft

Station 03: Markt

Überleben im „Lebensraum“

Wie die Menschen im besetzten Donbas die NS-Hungerpolitik erleben

Station 04: Lenin-Klub

Vor den Augen der Stadt

Wie Stalino die Kriegsgefangenen sterben sieht und die eigenen Polizisten fürchten lernt.

Station 05: Schacht 4/4-bis

Todesförderung

Wie die Deutschen die jüdische Bevölkerung von Stalino ermorden

Station 02: Hotel Donbas

Die „Neue Ordnung”

In Wowas Familie gab es weder Telefon noch Radio. In Wowas Familie gab es weder Telefon noch Radio.

Zur Folge

„Der Krieg und seine Opfer“ und „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“ sind Projekte von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg.

Ein Projekt in Kooperation mit der Universität Heidelberg

Universität Heidelberg

Ein Projekt der Bildungsagenda NS-Unrecht

Gefördert durch

auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages