Schmerz und Scham
Wowa kennt den Lenin-Klub gut. Das große Gebäude mit seinen hohen Fenstern steht nicht weit von seinem Zuhause. Es wurde für die Arbeiter·innen des Metallwerks gebaut – auch Wowas Vater hat dort gearbeitet. Im Klub gibt es einen Saal mit 1.200 Plätzen, eine Bibliothek, einen Wintersaal für Tanzabende und Räume für Arbeitsgemeinschaften: von Blasmusik bis Ballett. Rund um das Gebäude ist noch vor dem Krieg ein großer Park angelegt worden, offen für alle.
TRIGGERWARNUNG: In dieser Scroll-Doku geht es um den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Nationalsozialisten in der Sowjetunion. In der vorliegenden und den anderen Folgen gibt es Beschreibungen zum Teil drastischer Gewalttaten.
Über das Werk bekommt Wowas Vater Einladungen zu Kinderfesten. Besonders wichtig ist Jolka kurz vor Neujahr – das „Tannenbaumfest“ ist eine Art sowjetisches Weihnachten ohne Kirche. Für Wowa und die anderen Kinder zählt dabei vor allem eines: Väterchen Frost kommt und verteilt Geschenke.
In den ersten Kriegstagen wird der Lenin-Klub zum ersten Mal umfunktioniert – zur Sammelstelle für Rotarmist·innen: Die Sowjetunion verkündet unmittelbar nach dem deutschen Überfall eine Mobilmachung und so ziehen auch aus dem Donbas unzählige Männer und Frauen an die Front. Auch Wowas Bruder Kolja wird eingezogen. Die Familie wird sehnsüchtig seine Rückkehr erwarten – so wie fast jede Familie in der Stadt und sowjetunionweit auf jemanden warten wird.
Lenin-Klub in Stalino, 1930er Jahre / Foto © unbekannter Fotograf / otkudarodom.ua
Hinter diesem „vermisst“ kann sich vieles verbergen: Manche sind doch gestorben, aber ihre Leichen werden nie gefunden oder identifiziert. Noch häufiger aber steht dahinter deutsche Kriegsgefangenschaft. Vor allem in den ersten Kriegsmonaten nimmt sie erschreckende Ausmaße an: Bis Ende 1941 geraten über drei Millionen Rotarmist·innen in deutsche Hand, bis Februar 1942 sind rund zwei Millionen von ihnen tot. Hinter der Front und bis ins Reich entstehen überall Kriegsgefangenenlager: Durchgangslager (Dulags), Stammlager (Stalags und Frontstalags) sowie eigene Lager für Offiziere (Oflags).
Nach der Einnahme von Stalino organisiert die Wehrmacht auch in und um die Stadt Lager. Das größte entsteht im Lenin-Klub. Bereits Ende Oktober 1941 werden Tausende Rotarmist·innen auf das Gelände getrieben. Diesmal als Gefangene.
Das Lenin-Klub-Lager befindet sich zwar nicht im Zentrum, aber doch mitten in der Stadt. Die Propaganda-Zeitung „Donezki Westnik“ berichtet mehrmals darüber. Im Juni 1942 besucht ein Reporter das Lager, das „in einem der schönsten Gebäude unserer Stadt“ untergebracht sei, und spaziert durch den „riesigen Garten“: „Der Duft der verblühenden Akazien, der ersten Rosen und Heckenrosen berauscht. Für einen Moment vergisst man, dass man in einem Kriegsgefangenenlager ist.“
Nach dem Mittagessen sollen die Gefangenen im Schatten der Bäume ruhen. Dreimal am Tag gebe es Essen, heißt es in dem Bericht: Nudelsuppe, Brei, danach Wurst oder Quark, „nicht selten sogar Marmelade“. Es gebe sogar einen Chor und Konzerte. Die „einzige Entbehrung“ ist laut dem Reporter: Man darf nicht in die Stadt.
Die Anwohner aber haben ein ganz anderes Bild vor Augen. Sie sehen, wie immer wieder Gefangene in Waggons am Bahnhof ankommen und in Kolonnen durch die Stadt getrieben werden. Die zehnjährige Tamara sieht, wie Verwundete, die nicht mehr weiter können, „direkt auf der Straße“ erschossen werden. Ein Lastwagen sammelt später ihre Leichen ein. Einem anderen Mädchen prägen sich die schmerzvollen und verschämten Blicke der Männer ein.
„An ihre Augen erinnere ich mich bis heute. In ihren Augen lagen Schmerz, Verzweiflung, Scham. Wir schauen hin, wollen helfen. Aber die Wachen schießen – knapp über unsere Köpfe.“
Der achtjährige Boris, der an einer dieser Straßen wohnt, geht sogar öfter zu den Kolonnen hin. Denn seine Großmutter hofft jedes Mal: Vielleicht ist unser Wolodja dabei – Boris’ Onkel, der kurz vor dem Krieg eingezogen wurde. Auch die Gefangenen selbst suchen in der Umgebung nach Vertrauten. „Jeder ruft, wenn sie getrieben werden: der eine aus Orjol, ein anderer aus Kursk, oder wer aus Smolensk“, erzählt Irina S. Vielleicht kennt ja jemand am Straßenrand die Familie. Oder kommt selbst aus der Gegend.
Einmal wirft Boris mit einem Freund Kartoffeln und Rote Bete in die Kolonne. Die Gefangenen stürzen sich darauf. Ein Wachmann aber nimmt sein Gewehr von der Schulter. Die Jungen können gerade noch in eine Toreinfahrt flüchten, als der Schuss fällt – und zum Glück verfehlt. Die Kugel schlägt ein Stück aus der Hausecke. Die Narbe im Stein wird für Jahrzehnte als Erinnerung bleiben.
Noch ein Junge sieht, wie ein Gefangener eine Frau um ihr verbranntes Brot bittet. Er tritt zwei Schritte aus der Reihe, nimmt ein Stückchen – ein Deutscher erschießt ihn. „Und die Gefangenen – keiner tat etwas, sie gingen weiter. Und er blieb liegen.“ Die Kolonne verschwindet hinter den Toren des Lenin-Klubs. Viele der Gefangenen verschwinden für immer.
Von außen sieht man im Lenin-Klub nicht viel: Das Gelände ist abgeriegelt. Zur Straße hin steht eine hohe Ziegelmauer, am Haupteingang ein Holztor mit zwei Wachhäuschen. Manche Nachbarn erinnern sich später auch an Türme von Maschinengewehren an den Ecken. Bewacht wird das Lager größtenteils von einheimischen Polizisten: Sie führen auch Gefangene zur Zwangsarbeit und haben die Anweisung, bei Fluchtversuchen zu schießen.
Was hinter der Mauer passiert, erfahren die Einheimischen nur von den wenigen Menschen, die im Lager gewesen sind und rauskommen konnten. Diese Wirklichkeit hinter der Mauer hat mit der Reportage des „Donezki Westnik“ wenig zu tun: Statt Nudelsuppe, Wurst und Marmelade gibt es am Tag 1.200 Gramm Brot aus verbranntem Mehl – für acht Personen, dazu einmal täglich eine Suppe aus verbrannter Kleie, „manchmal mit Zugabe von bis zu einem Liter Holz-Sägemehl“. Waschräume gibt es nicht, die Gefangenen waschen sich „oft ein halbes Jahr nicht“ und sind voller Ungeziefer. Im Sommer bekommen sie drei bis fünf Tage kein Trinkwasser. Im Winter erfrieren sie massenhaft: Die Gebäude haben keine Fensterscheiben, und für ein Haus mit bis zu 1.000 Menschen gibt es fünf Kilogramm Kohle am Tag – das sind fünf Gramm pro Kopf, so groß wie zwei Stück Würfelzucker. „Bei jedem kleinsten Anlass“ wird mit Stöcken und Kolben geprügelt. Viele hausen im Keller, andere unter freiem Himmel. An manchen Tagen sterben bis zu 200 Menschen. Die Einheimischen nennen den Ort ein Konzentrationslager.
Im Winter erfrieren sie massenhaft: Für ein Haus mit bis zu 1.000 Menschen gibt es fünf Kilogramm Kohle am Tag – das sind fünf Gramm pro Kopf, so groß wie zwei Stück Würfelzucker
Wie viele Menschen hier eingesperrt sind, schwankt. Überlebende sagen später aus, zeitweise seien es bis zu 20.000 gewesen. Und das Lager im Lenin-Klub ist kein Einzelfall: Gefangenenlager gibt es in Stalino auch noch im Hof des Industrie-Instituts, in einer Schule, neben dem Regionalkrankenhaus, in der Siedlung Putyliwka und an mehreren Schächten. Dazu kommen ein Lager für Kommunist·innen in der Siedlung Petriwka, wo zeitweise bis zu 1.700 Menschen inhaftiert werden, sowie Sammelstellen für die Verschleppung ins Reich. Nach sowjetischen Angaben kommen allein im Gebiet Stalino bis zu 150.000 Kriegsgefangene ums Leben. Sie sind die größte Opfergruppe der deutschen Besatzung in der Region. Und sie sterben direkt vor den Augen der Stadt.
Dabei ist Hinschauen ja das eine. Die bohrende Frage, vor der die Stadt jeden Tag steht, ist: Was tut man dann, wenn man es sieht?
Brot und Gold
Viele Anwohner·innen kommen häufig, wenn nicht gar täglich, am Lager vorbei. Fast jede Familie hat jemanden in der Roten Armee und nährt die Hoffnung, dass diese·r jemand noch lebt – und sei es hinter solch einer Lagermauer. Also werfen sie Essbares hinüber – in der Hoffnung, dass anderswo jemand dasselbe für die eigenen Angehörigen tut.
Wer an der Mauer stehen bleibt, kann manchmal erahnen was dahinter geschieht. Der junge Lew beobachtet einmal an einem anderen Gefangenenlager beim Mühlenkombinat, wie Frauen Kartoffeln über den dort niedrigen Zaun werfen. Die Gefangenen „stürzen sich darauf wie eine Tierherde“. Und dann tritt ein Mann in schneeweißer Pelzjacke und Offiziersgürtel dazwischen und prügelt auf sie ein. Gewalt ist im Lager allgegenwärtig.
Wer hilft, bringt sich selbst in Gefahr. Schon für ein zugeworfenes Stück Brot drohen harte Strafen bis hin zur Erschießung – ebenso, wenn man einem verlaufenen Rotarmisten ein Nachtquartier gibt. Rückkehrende Soldaten holen die einheimischen Polizisten dann nach Anzeigen, Denunziationen oder auf eigene Faust aus den Wohnungen und übergeben sie dem SD. Trotzdem helfen manche und verstecken Geflohene in Kellern. Die Leiterin eines Kinderheims zum Beispiel nimmt einen Rotarmisten bei sich auf. Und sogar unter Polizisten gibt es helfende Einzelfälle, die beispielsweise nicht weiter nach entwischten Gefangenen suchen.
Am weitesten geht wohl eine Pflegerin in einem Krankenhaus neben dem Lenin-Klub-Lager: Sie heißt Klawdija Barantschikowa, in ihrer Siedlung wird sie aber „Klawa, die Barmherzige“ genannt. Zusammen mit vier jungen Frauen sammelt sie in der Nachbarschaft Kleidung und Essen für Geflohene und mit ihrem Passierschein darf sie aufs Lagergelände. Sie nutzt diese Gelegenheiten und hilft mehr als 200 Gefangenen zu entkommen.
Doch bald fliegt die Gruppe auf. Am 18. Januar 1942 erfährt die ganze Stadt davon. Der „Donezki Westnik“ druckt eine Bekanntmachung des Feldkommandanten: Die fünf Frauen hätten „die Flucht von Kriegsgefangenen begünstigt und unterstützt“ und seien „daher am 15. Januar 1942 erschossen“ worden. „Die Bevölkerung wird hiermit ein letztes Mal […] gewarnt. Wer sich ähnlicher Handlungen schuldig macht, wird erschossen.“
„Die Bevölkerung wird hiermit ein letztes Mal gewarnt. Wer sich ähnlicher Handlungen schuldig macht, wird erschossen.“
Auf fremde Helfer zu zählen, ist riskant – für beide Seiten. Mehr Erfolgschancen hat Fluchthilfe durch die eigene Familie. Denn für Wachen und Mittelsleute ist das Lager auch eine Geldquelle: Wer zahlen kann, bekommt manchmal einen Gefangenen frei – für Gold oder einen Sack voller Sachen.
Im Nachbaraufgang von Wowas Haus wohnt auch Tante Njura mit Familie. Ihr Mann Jascha gilt als vermisst, doch dann erfährt sie, dass er lebt – als Gefangener im Lenin-Klub. Sie sucht nach Mittelsleuten, dann kommt ein Handel zustande: Gold gegen Jascha.
Als die Gefangenen eines Tages wieder zur Zwangsarbeit ins Metallwerk getrieben werden, bleibt Jascha nach der Schicht einfach in der Werkhalle zurück. Abgeschrieben wird er als „bei einem Fluchtversuch getötet“.
Und dann steht Onkel Jascha vor seinem eigenen Haus in Masliwka. Gemeldet hat ihn niemand. „Kriegsgefangene haben sie nicht freigelassen“, sagt Wowa später. „Aber dass man ihn freigekauft hat, das stimmt.“ Wenigstens einer kommt also zurück.
Arbeit und Zwang
Dass Kriegsgefangene wie Jascha zur Arbeit getrieben werden, hat System. Sie räumen Müll weg, schleppen Lasten, heben Erde für Wasserrohre aus, arbeiten beim Bahnbau, schaufeln Schnee auf dem Flugplatz. In die Kohlegruben schicken die Besatzer sie jedoch zunächst nicht: Im ersten Besatzungswinter lassen sie die Gefangenen lieber in den Lagern massenhaft hungern und erfrieren.
Dass Kriegsgefangene zur Arbeit getrieben werden, hat System
Erst im Sommer 1942 wird ihre Arbeitskraft für die Deutschen wirklich wichtig – auch im Kohleabbau. Per „Führerbefehl“ vom 1. Juli 1942 macht Hitler den Wiederaufbau der Gruben im Donbas zur Chefsache: Die Kohle soll den Krieg im Osten am Laufen halten. Doch es fehlen Bergleute – viele sind vor dem Hunger aufs Land gezogen. Die Lücke sollen nun 60.000 Kriegsgefangene füllen. Die Zahl wird zwar nie erreicht, aber bis September 1942 ist schon mindestens jeder dritte Bergmann ein Kriegsgefangener: 21.388 von knapp 59.000. Doch die meisten sind in einem erbärmlichen Zustand. Ein deutscher Bergbaudirektor schreibt im November 1942 an Verwandte im Reich: „Die Leute sind halbverhungert und schleichen durch die Gegend. An den Arbeitsstellen liegen sie mehr, als dass sie stehen und arbeiten.“
Schon Ende September 1942 kann von den knapp 40.000 Gefangenen in den Lagern nur gut die Hälfte überhaupt noch arbeiten. Im November sind von 46.000 über 10.000 krank, in den Bergbaulagern sterben über zwölf Prozent der Gefangenen – in einem einzigen Monat. Für die Betriebe rechnet sich der Einsatz nicht. Im Dezember arbeiten nur noch knapp über 8.000 Gefangene im Bergbau, bis März 1943 verschwinden sie fast vollständig aus den Schächten – im Juli 1943 werden noch 310 gezählt.
Die Arbeit in den Gruben leisten schon ab Dezember 1942 wieder fast nur Einheimische – aber gut bezahlte Bergleute sind sie nicht. Die Aufsicht haben Deutsche: 1.805 von ihnen arbeiten im Dezember 1942 im Donezbergbau, über 700 als Betriebsdirektoren und Steiger. Die Kohle hauen dann die Einheimischen. Weil den Besatzern die Arbeitskräfte fehlen, erhöhen sie im Sommer 1942 die nun täglichen Lebensmittel-Rationen – auch deshalb kehren viele frühere Bergmänner in die Schächte zurück. Doch unter Tage gibt es nur etwa 2.200 Kalorien am Tag, über Tage 1.500.
Freiwillig ist diese Arbeit auch nicht: Seit August 1941 gilt in den besetzten Gebieten eine Arbeitspflicht für alle zwischen 18 und 45 Jahren, ab Februar 1943 für alle von 14 bis 65. Lebensmittel bekommt nur, wer beim Arbeitsamt gemeldet ist. Wer sich entzieht, riskiert Geldstrafen, Arbeitslager oder Gefängnis. Im Frühjahr 1943 lassen sich Arbeitskräfte vor Ort fast nur noch mit Gewalt beschaffen: Die einheimische Polizei führt nächtliche Razzien in ganzen Wohnblöcken durch.
Dennoch geht die Rechnung für die Besatzer am Ende nicht auf: In knapp zwei Jahren Besatzung wird im Donezbecken nicht einmal ein Zwanzigstel dessen gefördert, was der Donbas noch 1940 in einem einzigen Jahr lieferte. Die Rote Armee hat viele Gruben beim Rückzug gesprengt, die Kraftwerke sind zerstört, es fehlen Strom, Transportmittel und Arbeitskräfte und die Besatzer schaffen den schnell nötigen Wiederaufbau nicht.
Gesichter und Gewehre
Wowa steht mit seinem Freund Witka Tschernitschkin an einem Zeitungskiosk, als sie Hundegebell hören – und Gesang. Die Straße herauf kommt eine Kolonne: Matrosen. Neben ihnen gehen Deutsche mit Hunden und Maschinenpistolen. Die Gefangenen sind barfuß, die gestreiften Hemden zerrissen, die Hände mit Stacheldraht gefesselt. Der Vorderste, ein kräftiger Mann, hat eine Platzwunde am Kopf. Sie singen ein Seemannslied: „Raskinulos more schiroko“ – „Weit dehnt sich das Meer“.
Die Jungen laufen nebenher, so nah es geht. „Weg da!“, ruft ein Deutscher. Ein Matrose lächelt ihnen zu, als wollte er sagen: „Haltet durch.“ Die Kolonne biegt zum Lenin-Klub ab, zu dem hölzernen Tor, hinter dem auch Onkel Jascha gefangen war. Das Tor steht offen. Die Matrosen müssen sich mit dem Gesicht zur Straße aufstellen. Und dann …
Diese Szene wird nun nicht von Wowa erzählt, sondern von dem älteren Mann Wladimir, der vor sieben Jahrzehnten noch Wowa war. In seiner Wohnung in Donezk, in der Stadt, die damals Stalino hieß:
„Kaum hatte man sie hineingeführt – da standen sie mit dem Gesicht hierher – und dann das Maschinengewehr.“
„Haben Sie das gehört?“
„Wozu hören. Wir standen doch hier am Tor, sie haben uns nicht weggejagt“.
„Das heißt, Sie haben es gesehen?“
„Mit eigenen Augen gesehen. So, alle, bis auf den letzten. Dort haben sie sie auch gleich verscharrt“.
„Wann war das?“
„Na, ich glaube, das war 43. Ich will nicht … Kann ich nicht sagen. Na, sagen wir 42, aber Tatsache ist, ich habe es selbst gesehen“.
„Na, ich glaube, das war 43. Ich will nicht … Kann ich nicht sagen. Na, sagen wir 42, aber Tatsache ist, ich habe es selbst gesehen“.
Wowa-Wladimir kann sich kaum mehr erinnern, wann es genau war. Auch nicht, wie viele es waren. Einmal sagt er „15, 17, 16, 12“, ein anderes Mal „10, 15, 20“. Andere Menschen aus Stalino erinnern sich auch an Matrosen, die kaum bekleidet durch die Stadt getrieben wurden: „Sie gingen stolz“, erinnert sich einer. Später hieß es, man habe sie alle im Lager erschossen.
Wer die Männer waren, ist nicht überliefert. Ob sich die Szene so abgespielt hat, wie Wowa sie Jahrzehnte später beschreibt, ist offen. Denn 1945 kommt in der Sowjetunion der Film „Das war im Donbas“ in die Kinos, in dem eine sehr ähnliche Szene vorkommt: Matrosen werden durch die durch die Straßen von Stalino getrieben und im Lager erschossen. Sie singen das gleiche Lied vom weiten Meer. Vielleicht hat sich auch diese Kino-Szene ins Gedächtnis vieler eingebrannt. Oder umgekehrt, die Filmszene wurde nach frischen Erinnerungen der Einheimischen gedreht.
In jedem Fall erinnern sich alle an das Leiden und Sterben der Kriegsgefangenen. Auch wieder besonders für den Zeitpunkt 1943, wenn die Rote Armee sich der Stadt nähert und die Rettung greifbar nah erscheint.
Wassili Romantschenko wohnt in der Siedlung am Schacht Gigant, am westlichen Stadtrand von Stalino. Eines Tages bringt der Nachbarshund Selmaka eine menschlichen Arm und ein Bein. Die Jungs gehen suchen und finden zwei offene Gruben mit den nackten Leichen der Rotarmisten aus dem Lager nebenan. Das ist im Februar 1943, als die Rote Armee den ersten Versuch einer Rückeroberung von Stalino unternimmt. Die Deutschen treiben die Gefangenen fort von der Frontlinie – nachts, schlecht gekleidet oder gar nackt. Die Kranken und Erschöpften werfen sie, manche noch lebend, in die Grube. Zeit zum Verscharren haben sie nicht, sie müssen sich beeilen.
„Die Hunde fingen schon an, sie auseinanderzuschleppen… Es war ja März, der Schnee war schon geschmolzen, aber noch nicht ganz, und sie liegen übereinander, nackt. Nur Haut und Knochen. Neben der Schule. Dann haben wir zugeschüttet, wir kamen zusammen und schütteten zu.”
Später, wenn Stalino von der Roten Armee endgültig zurückerobert wird, werden die Leichen zum Lenin-Klub umgebettet – dorthin, wo Wowa als Kind seine Jolka-Fest-Geschenke bekommen hat und wo sowjetische Ermittler dann Massengräber mit rund 25.000 Toten finden.
In der Hierarchie der Besatzer stehen die Kriegsgefangenen ganz unten.
Noch tiefer stehen nur noch die Jüdinnen und Juden.
Irgendwann läuft unter den Kindern in Masliwka ein kleines Mädchen mit. Schwarzes, lockiges Haar. Die Kinder wissen nicht, woher sie kommt. Und keiner verliert ein Wort darüber.
Contributors
- Drehbuch und Text: Leonid A. Klimov
- Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Tanja Penter, Prof. Dr. Dmytro Tytarenko, Dr. Jasmin Söhner
- Redaktion: Peggy Lohse
- Illustrationen: Anna Che
- Animationen: Victoria Spiryagina
- Karten und Datenvisualisierung: Artyom Schtschennikow
- Design: village one
- Veröffentlicht: 24. September 2026
- Kriegsgefangene Rotarmisten im Donbas, 1941–1943 / Foto © unbekannter Fotograf / Privatsammlung Arthur Bondar
- „Im Kriegsgefangenenlager“ – ein Artikel aus der russischsprachigen Propagandazeitung „Donezki Westnik“, Nr. 50, 21. Juni 1942, S. 3
- Eine Kolonne sowjetischer Kriegsgefangener zieht durch die Hauptstraße von Stalino, am Hotel „Donbass“ vorbei, 1942 oder 1943 / Foto © unbekannter Fotograf / kashkaha.livejournal.com
- Sowjetische Kriegsgefangene in Stalino, 1942–1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
- Sowjetische Kriegsgefangene in Stalino, Herbst 1941 / Foto © unbekannter Fotograf / Archivio Centrale dello Stato, Rom / With permission of Ministero della Cultura, protocol n. 3818/2025
- Kriegsgefangenenlager in Stalino, 1941–1943 / Foto © unbekannter Fotograf / dekoder.org
- Penter, Tanja (2010): Kohle für Stalin und Hitler. Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953, Essen.
- Penter, Tanja: Deutsche Hungerpolitik im Donbas, Kontext-Text im Projekt STALINO, dekoder.org.
- Penter, Tanja: (Zwangs-)Arbeit unter deutscher Herrschaft, Kontext-Text im Projekt STALINO, dekoder.org.
- Scriba, Arnulf: Kriegsgefangenschaft, in: LeMO – Lebendiges Museum Online, Deutsches Historisches Museum, Berlin.
- Streit, Christian (1997): Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1945, Bonn.
- Titarenko, Dmitrij N. / Penter, Tanja (Hg.) (2013): Opyt nacistskoj okkupacii v Donbasse: svidetel’stvujut očevidcy, Donezk.
- Tytarenko, Dmytro: NS-Massenverbrechen an nichtjüdischer Bevölkerung im Donbas, Kontext-Text im Projekt STALINO, dekoder.org.






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