DerKriegUndSeineOpfer

Erste Folge: Die falsche Welt

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Erste FolgeDie falsche Welt
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Coming SoonVierte FolgeOpfer des Hungers
Coming SoonFünfte FolgeVerfolgung von Romnja und Roma
Coming SoonSechste FolgeOrtschaften in Brand
Coming SoonSiebte FolgePatientenmorde
Coming SoonAchte FolgeZur Arbeit gezwungen
Coming SoonNeunte FolgeFrauen im Krieg
Coming SoonZehnte FolgeBabyn Jar
01

Das Leben, wie Gott es geboten hat

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Hoschtsch ein kleines Schtetl im Osten von Polen, direkt an der Grenze zur Sowjetunion. Was ist so ein Schtetl? So nannte man im östlichen Europa Ortschaften, in denen viele Jüdinnen und Juden wohnten. Als Städtlein oder jüdisches Örtchen könnte man das übersetzen. Obwohl nicht alle Schtetlech klein waren.

Hoschtsch aber war mit seinen rund 2000 Bewohnern wirklich ein Städtchen. Und fast die Hälfte der Bevölkerung dort war jüdisch. Darum gab es hier, wie in anderen Schtetlech, mehrere Synagogen und eine Tarbut-Schule. Dem Städtlein ging es gut. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem russischen Bürgerkrieg mit seinen antijüdischen Pogromen hatte sich in der Region wieder ein friedliches Leben eingestellt.

Das Herz des Schtetls Hoschtsch war der Marktplatz mit einem großen Gebäude, das man heute wohl als Einkaufszentrum bezeichnen würde. Die Einheimischen aus benachbarten Dörfern – vor allem ukrainische und polnische Bauern – kamen rund um das Jahr dorthin, um alles zu kaufen, was man so braucht. Oft auf Kredit, denn Geld hatten Bauern meist erst wieder im Herbst, wenn sie Getreide ernteten und verkauften. Im Städtchen besorgte man Lebensmittel, Schuhe und Medikamente aus der Apotheke. Und Sodawasser – denn in Hoschtsch gab es eine kleine Fabrik und einen Laden. Beide gehörten einem jüdischen Kaufmann – Perets Goldstejn.

Goldstejn war einer von fast tausend Juden und Jüdinnen in Hoschtsch. Mit seiner Familie hatte er sich ein bescheidenes, schönes Leben aufgebaut: Er arbeitete, feierte Feste, sparte Geld auf ausländischen Konten, las Zeitung und träumte von einer erfüllenden Zukunft in Jerusalem, wo seine Töchter an der Universität studieren sollten. Dieses Leben hätte er gern weitergeführt.

Doch dann brach wieder die große Weltgeschichte über das beschauliche Städtlein herein. Ein Grauen, dessen Hoschtscher Chronist Perets Goldstejn werden sollte.

Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg.

Deutsche Truppen überfallen Polen aus dem Norden, Süden und Westen.

Ein inszeniertes NS-Propagandafoto mit Angehörigen der Wehrmacht und Danziger Polizei beim Entfernen des Schlagbaums zur polnischen Grenze am 1. September 1939 / Foto © akg-images

Innerhalb von 18 Tagen wird der Widerstand der polnischen Armee zerschlagen, große Teile des Landes werden besetzt.

Am 17. September marschieren von Osten auch sowjetische Truppen in Polen ein. Berlin und Moskau hatten kurz zuvor einen Nichtangriffspakt geschlossen. In einem Zusatzprotokoll teilten sie darin Mittelosteuropa in Interessensphären auf.

Soldaten der Roten Armee auf Pferdefuhrwerken während des Vormarsches der Truppen im September 1939 / Foto © SVT/TT News Agency/akg-images

Wehrmacht und Rote Armee treffen sich nach nur vier Tagen in Brest-Litowsk …

… und halten am 22. September eine gemeinsame Siegesparade ab.

Siegesparade der Wehrmacht und der Roten Armee am 22. September 1939 in Brest-Litowsk / Foto © Bundesarchiv, Bild 101I-121-0011A-23, CC-BY-SA 3.0

Nach der Kapitulation der polnischen Armee unterzeichnen Sowjetunion und Deutsches Reich am 28. September einen Grenz- und Freundschaftsvertrag, der ebenfalls ein ergänzendes Geheimprotokoll enthält. Es teilt Polen zwischen den zwei totalitären Staaten auf.

Den Westteil besetzte das Dritte Reich.

Den Ostteil annektierte die Sowjetunion.

Unter sowjetische Besatzung gerieten viele einst polnische Städte wie Lwiw, Brest-Litowsk, Riwne

… und auch das Schtetl Hoschtsch.

02

Schwarze Rabenvögel

Mit der sowjetischen Besatzung verändert sich das Leben in Hoschtsch schnell. Gleich nach der Annexion lassen die Sowjets in den neuen Gebieten Wahlen stattfinden – gelenkt und gefälscht. Ukrainisch und Russisch werden als Sprachen des öffentlichen Lebens festgelegt, in Schulen wird Atheismus propagiert, die Gefängnisse füllen sich mit Priestern, polnischen Staatsbeamten, Schuldirektoren, Polizisten, Staatsanwälten und Richtern. Deren Familien müssen ihre Wohnungen verlassen, denn Wohnraum wird für die neu zugezogenen sowjetischen Repräsentanten gebraucht.

Auch in Hoschtsch werden Geschäfte und Gebäude nationalisiert. Perets Goldstejn muss unter der neuen Besatzungsmacht seinen Betrieb abgeben und bald nach einer neuen Arbeit suchen.

Doch all das waren nur kleine Vorboten einer viel größeren Katastrophe.

An jenem 22. Juni 1941 verkündet Stalins Stellvertreter Wjatscheslaw Molotow aus dem Radio-Lautsprecher: „Heute um vier Uhr morgens haben deutsche Truppen, ohne Vorwürfe und ohne Kriegserklärung an die Sowjetunion, an mehreren Stellen unser Land überfallen und unsere Städte von ihren Flugzeugen aus bombardiert.“

Hoschtsch liegt nicht weit von der neuen Grenze entfernt, schon nach wenigen Tagen hört man hier den Krieg – vor allem das Krachen der Bombeneinschläge.

Abends sieht man ihn auch: Der Himmel wird rot wie Feuer – von den Bränden, verursacht durch die Bomben. Überall herrschen Furcht, Angst und Panik. Der Krieg kommt näher.

Ein Feuermeer überflutet Hoschtsch.

Nach der ersten Bombardierung liegen überall in der Stadt zerfetzte Körper – ohne Köpfe, ohne Hände, ohne Beine. Auf einem Leichenhaufen sieht Perets eine Frau – mit verzerrtem Gesicht, gelb wie Wachs. Ihr Mund ist geschlossen, die Augen auch. Aber die Glieder bewegen sich, als ob sie sich aufrichten wollte.

Kohlendämpfe von verbrannten Häusern und ein beißender Geruch von den Toten auf den Straßen. Verkokeltes Menschenfleisch.

Perets Goldstejn flieht mit seiner Familie zunächst aufs Land – die Dörfer werden nicht bombardiert. Doch nach wenigen Tagen kehren sie zurück. Sie hoffen, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm sein könnte, wie es scheint. Doch was sie vorfinden, sind die Kohlendämpfe von verbrannten Häusern und ein beißender Geruch von den Toten auf den Straßen. Verkokeltes Menschenfleisch. Und da sind auch die deutschen Soldaten, denn die Stadt ist jetzt von Deutschen besetzt.

Zu Beginn der Invasion dringen die deutschen Truppen tief in das Territorium der Sowjetunion vor. In den ersten Wochen legen sie an manchen Frontabschnitten bis zu 30 Kilometer pro Tag zurück und besetzen eine Stadt nach der anderen.

Deutsche Panzer beim Vormarsch an die polnisch-sowjetische Grenze, Juni/Juli 1941 / Foto: Alois Beck © akg-images

Die Rote Armee erleidet schwere Verluste und muss sich schnell zurückziehen – sie ist zu dem Zeitpunkt nur bedingt einsatzfähig und die Verteidigungslinie ist nicht vollständig aufgestellt.

Die Soldaten einer Grenzgarnison der Roten Armee ergeben sich der Wehrmacht, Juni 1941 / Foto © akg-images

In wenigen Wochen besetzt NS-Deutschland ein riesiges Territorium – Lettland, Litauen und große Teile des heutigen Belarus, der Ukraine und Estland.

Das Schtetl Hoschtsch ist bereits am 4. Juli 1941 von einer Einheit der 6. Armee besetzt.

03

Ich schlage sie, weil sie Juden sind

Auch wenn die Zeit vor dem Krieg in der Erinnerung als Paradies erscheint, war sie doch alles andere als einfach. Perets Goldstejn wurde 1896 in einem anderen Schtetl namens Korez geboren. Seine Familie war arm und als sein Vater starb, musste er mit 13 Jahren arbeiten gehen, um die Familie zu ernähren. Dann kam der Erste Weltkrieg, dann der Bürgerkrieg, dann der Polnisch-Sowjetische Krieg… stets begleitet von antijüdischen Pogromen. Diese Erfahrung war bei vielen Jüdinnen und Juden sehr präsent.

Und nun, unter deutscher Besatzung, gibt es wieder nichts zu essen und auch keine Arbeit. Perets ist gezwungen, für das deutsche Militär zu arbeiten, um an Essen zu kommen. Auch viele andere tun das. Dort macht man alles: vom Kartoffelschälen bis zum Straßenfegen. Dafür bekommt man mal ein Brot, mal einen Löffel Suppe. Und immer wieder Schläge.

Bald folgen neue Verordnungen: Juden seien für den Krieg verantwortlich. In Hoschtsch müssen sie nun ein gelbes Armband tragen, später gelbe Kreise auf ihrer Kleidung – einen vorn auf der linken Brustseite und einen auf dem Rücken. Es beginnen flächendeckende Repressionen gegen alle jüdischen Menschen.

Hoschtsch ist nur kurz unter Militärverwaltung, dann ziehen die deutschen Truppen weiter – Richtung Kyjiw.

Schon ab Sommer 1941 führen die Deutschen in den Besatzungsgebieten Zivilverwaltungen ein.

Ostgalizien um Lwiw wird dem Generalgouvernement zugeschlagen.

Das übrige besetzte Territorium wird in zwei große Regionen eingeteilt.

Einerseits das Reichskommissariat Ostland, dem die Gebiete der baltischen Sowjetrepubliken und später auch Belarus zugeordnet werden.

Andererseits das Reichskommissariat Ukraine – hauptsächlich auf dem Gebiet der Ukrainischen Sowjetrepublik.

Das Besatzungsgebiet wurde fortlaufend vergrößert.

Vielerorts werden im Herbst 1941 Ghettos eingerichtet, also Orte zur Konzentration und Isolierung der jüdischen Bevölkerung.

Ghetto in Riga / Foto © Bundesarchiv, Bild 183-N1212-326, Otto Donath, CC-BY-SA 3.0

Manche sind sehr groß und eingezäunt, wie in Minsk, wo 60.000 Menschen eingesperrt leben mussten.

Gruppe jüdischer Frauen und Kinder auf dem Marsch auf einer Straße im Minsker Ghetto, 1941 / Foto © Bundesarchiv, N 1576 Bild-006 / Herrmann, Ernst / CC-BY-SA 3.0

Andere Ghettos dagegen sind klein und nicht mit Zaun oder Mauer umgeben − so auch jenes in Hoschtsch. Die Menschen müssen jedoch auch hier auf engstem Raum, in überbelegten Häusern leben.

Und sie sind zur Zwangsarbeit verpflichtet − alle im Alter zwischen 18 und 60 Jahren.

Es wird Herbst. Die Tage sind kurz und kalt, voller Regen und Schlamm. Hoschtsch liegt am Fluss Horyn, dessen Ufer früher zwei Brücken verbanden. Eine war aus Holz, die andere aus Eisen. Beide wurden in den ersten Wochen des Krieges beschädigt. Die Metallbrücke muss nun repariert, die Holzbrücke neu aufgebaut werden. Die Besatzer installieren einen Judenrat. Der soll das Verteilen der Arbeit regeln. Perets und 50 weitere Juden werden zum Neubau der Holzbrücke geschickt.

Als Erstes müssen Perets und die Anderen bekleidet im kalten Wasser nach versunkenen Holzstücken der alten Brücke tauchen. Dabei werden sie mit Stöcken geschlagen. Zum Glück können alle schwimmen, sonst würden sie ertrinken.

Dann müssen sie Steine schleppen, Holz verladen und andere Arbeiten erledigen. Zu essen bekommen sie verschimmeltes Brot, zum Schlafen werden sie in einen Stall gesperrt. Manchmal sollen sie singen. Wer nicht singt, wird geschlagen. Aber geschlagen wird man sowieso.

Ein Deutscher sagt: „Ich schlage sie nicht deswegen, weil sie nicht arbeiten, sondern weil sie Juden sind.”

Eines Tages kommen plötzlich fremde Männer zur Baustelle in Hoschtsch, gekleidet in „Rabenkleidung“ − mit schwarzen eisernen Helmen auf den Köpfen, mit Gewehren in den Händen und Granaten an den Gürteln. Brüllend treiben sie jüdische Männer zusammen. Zehn von ihnen wählen sie aus, setzen sie in ein Fahrzeug und bringen sie weg.

Was passiert mit ihnen? Die Arbeit an der Brücke ist schon die Hölle, schlimmer konnte es nicht werden. Oder? Am nächsten Tag erfährt Perets, dass alle zehn erschossen wurden: „Aus der Hölle hat man sie geholt und gleich in den Garten Eden geschickt.”

Die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung beginnt fast zeitgleich mit dem Beginn des Krieges.

Der Wehrmacht folgen vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei (SiPo) und des Sicherheitsdienstes der SS.

Diese Einsatzgruppen sind erst im Vorfeld des Überfalls auf die Sowjetunion aufgestellt worden. 

Ihre primäre Aufgabe besteht darin, weltanschauliche Gegner ausfindig zu machen, die den deutschen Besatzern gefährlich werden könnten, und diese zu töten. 

Im nördlichen Teil der Ukraine wurde die Einsatzgruppe C eingesetzt, insbesondere Einsatzkommando 5 und Sonderkommando 4a. Diese mobilen Tötungseinheiten fordern besonders viele Opfer. 

So wurden allein am 29. und 30. September 1941 von Sonderkommando 4a mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden in Babyn Jar in Kyjiw erschossen.

Massenerschießung in Babyn Jar in Kyjiw am 29. und 30. September 1941 / Foto © Johannes Hähle/Hamburger Institut für Sozialforschung

Auch in Wolhynien, wo sich Hoschtsch befindet, werden von ihnen in den ersten Wochen und Monaten der Besatzung vermeintliche und tatsächliche Partei- und Staatsfunktionäre sowie Partisanen ohne Gerichtsverfahren getötet. Dabei werden oft auch Dutzende bis tausende Jüdinnen und Juden ermordet, in einigen Fällen auch Roma und Menschen mit psychischen Krankheiten. 

Am 4. August findet ein großer Massaker in der Stadt Ostroh, 35 Kilometer südöstlich von Hoschtsch statt. An einem Tag tötet eine Einheit des 10. SS-Infanterie-Regiments nach verschiedenen Angaben zwischen 1000 und 3000 Juden. 

In Riwne tötet das Einsatzkommando 5 im November 1941 etwa 15.000 Juden in einem Wald nahe der Stadt. Bei der Erschießung ist auch die Ordnungspolizei (Polizeibataillon 320) beteiligt. 

Etwa 20 Prozent der wolhynischen Juden erleben den Jahreswechsel 1941/42 nicht. 

Die jüdische Gemeinde von Hoschtsch bleibt in den ersten Monaten der Besatzung vergleichsweise verschont. Dieser fragile Schwebezustand hält nur bis Frühling 1942.

4

Die Todesengel

Perets Goldstejn und seine Nächsten sind den ersten Mordaktionen der Besatzer entkommen.

Perets’  Familie war klein: Mit seiner jungen Frau hatte er zwei Töchter, Basje und Tscherne Goldstejn. Perets galt im Schtetl als guter, belesener Gesprächspartner, vor allem wenn es um Politik ging. Generell legte er großen Wert auf Bildung: Seine ältere Tochter Basje schickte er aufs Gymnasium nach Riwne, in die nächste Großstadt. Dort zählte sie zu den Besten ihres Jahrgangs. Außer Jiddisch, was sie in der Familie sprachen, beherrschte sie Englisch, Deutsch, Polnisch, Hebräisch, Russisch und Ukrainisch.

Perets selbst war ein überzeugter Zionist, sparte Geld, um einmal nach Israel auswandern zu können, wo Basje und Tscherne eine gute Ausbildung bekommen sollten.

Der Krieg macht all diese Pläne zunichte: Jüdische Kinder dürfen nun nicht mehr zur Schule gehen. Basje schuftet jetzt als Putzfrau beim Landwirtschaftskombinat des deutschen Militärs, die kleine Tscherne hilft ihrer Mutter im Haushalt. Vater Perets muss nach dem Brückenbau von einer Arbeitsstelle zur nächsten wechseln. Für die Bäckerei hackt er Holz, schleppt Wasser, putzt den Ofen. Für die Verpflegungsstelle des deutschen Militärs muss er wiederum Holz sägen und hacken, Fahrzeuge ein- und ausladen.

Indes erreichen Hoschtsch von allen Seiten Berichte über Gräueltaten der Deutschen. Geflüchtete aus anderen Städten erzählen von Folter und Massenerschießungen an Männern, Frauen, Kindern, Alten – an allen.

Die Zeit vergeht schnell. Schon ist Channuka vorbei, Pessach naht. An diesem Feiertag wird sogar der Ärmste zum König. Man isst, trinkt und feiert, doch es herrscht zu viel Angst, als dass man wirklich fröhlich sein könnte.

Im Frühjahr 1942 erfahren die Bewohner von Hoschtsch: Im Symoniwer Birkenhain, sechs Kilometer vom Schtetl entfernt, werden zwei große Gruben ausgehoben– 15 Meter breit, 50 Meter lang. Man grübelt über ihren möglichen Zweck. Es gehen verschiedene Gerüchte um. Aber letztlich ahnen doch alle: Diese Gruben sind für die Jüdinnen und Juden gegraben und haben keinen anderen Zweck.

Das Städtchen verfällt in Panik. Man legt sich sogar angezogen schlafen.

Die Schawuot-Feiertage fallen im Mai 1942 auf Freitag und Samstag. In der Nacht auf den folgenden Mittwoch um halb drei kommen viele fremde Autos nach Hoschtsch. Wachen, die die Juden selbst organisiert hatten, verbreiten sogleich in allen Häusern die Nachricht: Der Todesengel ist gekommen.

In Perets’ Haus sind in dieser Nacht 15 Menschen untergekommen. Als sie die Nachricht von der Ankunft der Deutschen erreicht, laufen alle hinaus. Perets zögert, versucht noch, seinen Mantel zu finden und die Tür abzuschließen. Als er aus dem Haus tritt, hat er seine Familie verloren: Überall laufen Menschen, aber niemand weiß, wohin. Sie versuchen leise zu sein, damit der Todesengel sie nicht bemerkt.

Perets geht aufs Geratewohl los, Richtung Feld, unweit der Stadt. Unterwegs trifft er den Juden Jitschok aus dem Schtetl. Sie setzen sich auf dem Feld vor einem Dunghaufen nieder. Perets dreht sich eine Zigarette. In der Ferne donnern Gewehrschüsse.

Nach einer Weile gehen sie zurück – Perets hofft, seine Frau und Töchter zu finden. Gegen sechs Uhr morgens stehen sie wieder vor dem Städtchen. Sie treffen auch den Chef der deutschen Verpflegungsstelle, in der Perets arbeitet. Sein Gesicht ist finster. Er sagt, sie müssten sich irgendwo verstecken.

Perets und Jitschok verstecken sich in einem Bombentrichter. Später kommt noch ein dritter Jude dazu – der junge Oscher Rabinowitsch. Er hatte ein bisschen trockenes Brot dabei, in einem Beutel zwischen Sand und Schlamm. Die Drei ahnen nur dunkel, was mit den Anderen im Schtetl gerade passiert.

Den ganzen Tag des Massenmordes liegen die drei Männer im Trichter. Als es dunkel wird, geht Perets zu einem bekannten Bauern. Der berichtet ihm:

Die Deutschen waren in die Stadt gekommen und haben die Juden gefangen – auf den Straßen, Feldern, auf den Wegen oder in den Häusern, von Dachböden geholt und aus Kellern gezerrt. Alle wurden zur ukrainischen Stadtverwaltung gebracht und durchsucht. Wertsachen und Dokumente wurden ihnen abgenommen. Sie mussten auf dem Marktplatz sitzen, bis ungefähr 100 Menschen gefangen genommen waren.

Dann stellten die Deutschen und Hilfspolizisten sie in einer Gruppe zusammen und befahlen den Abmarsch. Wer weinte, wurde mit dem Gewehrkolben geschlagen. Die Jüdinnen und Juden gingen die sechs Kilometer bis in den Symoniwer Birkenhain. Dort mussten sie sich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Jeweils zehn Menschen mussten sich in die Grube legen. Und sobald sie so dalagen, kamen die Mörder und erschossen jeden Einzelnen. Danach wieder zehn. Bis alle in der Grube getötet waren.

Dann kamen die nächsten Hundert. Allein an diesem Tag rund 400 Menschen, mit Frauen und Kindern.

Auch Perets’ Frau und seine Kinder sind unter den Ermordeten.

Die deutschen Einsatzgruppen für Wolhynien sind nun an einem Ort stationiert – in Riwne – und werden für „Einsätze“ losgeschickt. Die Erschießungen organisiert der Kommandeur der Sicherheitspolizei (Sipo), SS-Sturmbannführer Dr. Karl Pütz.

Im Frühjahr 1942 wurden die Orte für Massenerschießungen vermutlich noch willkürlich ausgewählt, hier erkennt man kein Muster.

Am 20. Mai 1942 wird eine Einheit der Sicherheitspolizei aus Riwne nach Hoschtsch geschickt. Dort kommen sie früh am Morgen an.

Die Ermordung läuft ab wie an den meisten Tatorten in den besetzten sowjetischen Gebieten.

Die Jüdinnen und Juden werden an einem Ort gesammelt, in Hoschtsch auf dem Marktplatz. Wer versucht zu fliehen, wird sofort erschossen.

Die Menschen werden zum Ort der Ermordung gedrängt. In der Regel nicht in der Stadt selbst, sondern außerhalb – in einem Wald oder an einem anderen versteckten Ort.

Wenn es schnell gehen soll, sind die Gruben bereits vorbereitet. Sonst müssen die Jüd·innen sie noch selbst ausheben.

Der Erschießungsort bei Hoschtsch ist ein Birkenhain in der Nähe des Dorfes Symoniw. Zum Graben der riesigen Gruben wurden im Vorfeld ukrainische Bauern gezwungen.

Hier werden am 20. Mai 1942 etwa 400 Jüdinnen und Juden erschossen.

Am 21. Mai folgt die Massenerschießung in Korez, westlich von Hoschtsch. Da werden mehr als 2.200 Menschen erschossen.

Wiederum am Folgetag werden in Meschyritsch etwa 1.600 Jüdinnen und Juden ermordet.

Es bleibt unklar, ob alle drei Erschießungen von derselben Sipo-Einheit durchgeführt wurden.

Belegt ist aber, dass in allen Fällen die ukrainische Hilfspolizei sowie die 1. Kompanie des Polizeibataillons 33 beteiligt waren.

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Die Toten auf Erde

Wer fliehen konnte, kehrt nach dem Massaker nach Hoschtsch zurück. Perets geht von Haus zu Haus. Überall liegen Menschen auf dem Boden und weinen. Männer versammeln sich zum Gebet und Segen.

In Trauer und Schockstarre vergehen Wochen. Viele Menschen kommen zu Perets, um mit ihm zu sprechen. Einer meint, in einem religiösen Buch die nahe Erlösung gefunden zu haben. Die Zeit der Peinigung vor der Ankunft des Messias sei besonders schwer auszuhalten. Aber kommt diese Erlösung überhaupt? Früher oder später wird man eh sterben müssen, so groß ist der Unterschied nicht zwischen den Lebenden und den Toten. Wir sind solche Tote, die auf der Erde weilen. Aber wir müssen die Erlösung erleben und Rache üben für das unschuldige, vergossene Blut. Wir müssen die Erlösung erleben, um den Ermordeten ein Denkmal aufzustellen.

Also bereiten sich die Jüdinnen und Juden in Hoschtsch vor. Man baut Verstecke – unter dem Fußboden, auf den Dachböden, in den Wänden. Man versteckt sein Hab und Gut in den Häusern, aber auch bei bekannten ukrainischen und polnischen Bauern. Man sucht nach Menschen, die bereit sind, sie aufzunehmen und zu verstecken.

Dann kommt Jom Kippur – der Versöhnungstag, der höchste jüdische Feiertag. Er fällt auf einen Montag. Am Mittwoch dann erfahren alle, dass im Schtetl Titschin, etwa 20 Kilometer von Hoschtsch entfernt, erneut eine Massenerschießung stattfindet. Die Mörder könnten also bald auch wieder nach Hoschtsch kommen. Die „Judenstraße“, auf die das Ghetto mittlerweile geschrumpft ist, gibt ein schreckliches Bild ab – alle laufen ziellos umher, weinen, schlagen aus Verzweiflung ihre Köpfe gegen die Wände.

Perets und zwei weitere Juden – Motl Masches und Berl Gotnik – kennen einen Ausweg. Schon nach dem ersten Massaker hatten sie mit einem polnischen Bauern, Herrn Kafar, Kontakt aufgenommen. Er ist bereit, sie zu verstecken. Sie machen sich auf den Weg in das Dorf Kurasz − über Getreidefelder, meiden Dörfer und Straßen. Am Mittwochabend erreichen sie Kafars Haus. 

Zwei Tage später, am 25. September, werden in Hoschtsch weitere 500 Jüdinnen und Juden erschossen. Das war die letzte Massenerschießung im Schtetl. Viel mehr Jüd·innen gab es hier nicht.

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Auf dem Dachboden

Kurasz war eine kleine polnische Siedlung, etwa 20 Kilometer südöstlich von Hoschtsch. Dort lebte Herr Kafar mit seiner Frau und Tochter in einem Haus, umgeben von Feldern.

Im Dorf angekommen, begeben sich die drei jüdischen Männer direkt in ihr Versteck auf dem Dachboden. Dort finden sie Balken unter dem Strohdach, bloße Bretter und ein paar alte, verrostete Drahtstücke vor – keine Stühle, kein Tisch, nichts. Es gibt wenig Platz: Stehen kann man nicht, nur liegen oder sitzen. Und es ist dunkel wie in einem Sack.

Auf diesem Dachboden, in diesem Loch, verbringen Perets, Motl und Berl sechs Monate, bis zum Mai 1943. Sie dürfen immer wieder ins Haus gehen oder auf den Hof, aber immer in der ständigen Angst, gesehen oder gehört zu werden – nur husten, wenn das Schwein grunzt, und nur die Nase putzen, wenn der Hahn kräht. Später kommt noch eine junge jüdische Frau hinzu, die wie Perets’ Tochter Basje heißt.

Auf dem Dachboden beginnt Perets seine Aufzeichnungen über das Leben und den Tod in Hoschtsch. Er schreibt auf Jiddisch, seiner Muttersprache, in einem Heft auf, was er erlebt hat. Er will die Ereignisse genau beschreiben und ein Dokument über die Gräueltaten der Deutschen hinterlassen: Denn wenn alle Juden ermordet werden, wer kann der Welt dann noch die Wahrheit erzählen?

Er will sich selbst und den Sinn seines Lebens verstehen, aber auch diese seltsame Sehnsucht nach dem Tod, die ihn manchmal heimsucht. Dann denkt er: Den Toten geht es schon besser als den noch Lebenden. Sie müssen nicht mehr leiden. Die Lebenden jedoch kämpfen trotzdem weiter gegen den Tod, sie entlaufen dem Todesengel, möchten leben – ein Lebensinstinkt.

Perets geht es um noch eine Sache: Er ist zwar kein nach streng religiösen Vorschriften lebender Jude, aber immer wieder wendet er sich an Gott und versucht, dessen Logik zu verstehen. Der Gott, der Meister der Welt, muss doch wissen, was hier auf der Erde passiert? Warum schaut er nicht auf sein Volk? Gott bestimmt ja alles, was auf der Welt passiert. Vielleicht sind sie dazu bestimmt, Märtyrer zu sein?

Perets beschreibt auch Träume, über die er sich immer morgens nach dem Aufwachen mit Motl, Berl und Basje austauscht. Er träumt von der Zeit nach dem Krieg, greift aber immer wieder ins Leere. Was wird passieren, wenn sie wieder frei sind? Kehrt er zurück nach Hoschtsch oder fährt er in eine andere Stadt oder wandert er allein herum? Wird er es schaffen, sich ein neues Leben aufzubauen?

Und dann ist da noch immer die Angst. Die Angst davor, gefunden zu werden. Die Angst, auf dem Dachboden verrückt zu werden. Die Zeit vergeht hier so langsam. Immer wieder kommen Perets Bilder von der Nacht der Massenerschießung in den Sinn, seine Frau und seine Kinder, die womöglich überlebt hätten, wenn sie damals mit ihm im Haus geblieben wären.

Perets erstellt Listen der ermordeten Jüdinnen und Juden aus Hoschtsch. Er schreibt Gedichte. Wenn er im Haus sein darf, dokumentiert er detailliert alles, was ihn umgibt: die Möbelstücke, die Ofenkacheln, die Bilder an den Wänden. Er fokussiert sich und versucht, nicht verrückt zu werden.

Das Manuskript bricht plötzlich ab. Was weiter geschah, verraten nur andere Quellen. 

Contributors

  • Drehbuch und Text: Leonid A. Klimov und Jasmin Söhner
  • Übersetzungen aus dem Jiddischen: Yelizaveta Landenberger
  • Illustrationen: Anna Che
  • Animationen: Philipp Yarin, Victoria Spiryagina
  • Redaktion: Peggy Lohse
  • Karten: Artyom Schtschennikow, Iaroslav Boretskii, Daniel Marcus, unter Beteiligung von Roman Beketow
  • Bildredaktion: Andy Haller und Max Sher
  • Design: village one
  • Veröffentlicht am 9. Februar 2024
Zweite Folge
Gefangen im Krieg
Coming Soon

„Der Krieg und seine Opfer“ ist ein Projekt von dekoder, in Kooperation mit der Universität Heidelberg. “The war and its victims” is a project by dekoder, in cooperation with the University of Heidelberg.

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